Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-07-16 · 29 (16.7.1897) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
29 (16.7.1897)
Date
1897-07-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021198--06932-3031236
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 596 Vr. VLoch's Wochrnzchrist. Nr. 29 christliche Volk vor dem Ruin durch die ungelernten Unternehmer zu retten, wurde bekanntlich der Befähigungsnachweis erfunden. Der Befähigungsnachweis — das ist der Grundsatz, daß nur Jener ein Gewerbe ausüben soll, der es erlernt und die Befähigung dafür nachgewiesen hat — ist das eigentliche Mittel, womit die Christlich-Socialen das Kleingewerbe vor den Fängen der Großindustrie retten wollen. Es scheint aber, daß die Antisemiten diese Begeisterung für den Befähigungsnachweis nur theoretisch betreiben, daß sie aber keine Scheu davor haben, sie preiszugeben, wenn ihnen dabei ein erklecklicher Profit winkt. Herr V e r g a n i, der in seinem Blatte die Heilslehren des Befähigungsnachweises anfs Heftigste vertritt, genirt sich zum Beispiel gar nicht, sich eine Concession alsBuchdrucker zu erschleichen. Wir finden in der „Oesterreichisch-ungarischen Buchdrucker-Zeitung" vom 8. Juli unter den amtlichen Nachrichten folgende interessante MittheiluNg: Das magistratische Bezirksamt für den I. und VM. Bezirk gibt mit Zuschrift vom 23. Juni 1897, Z. 12.102, bekannt, daß die k. k. niederösterreichische Statthalterei der offenen Handelsgesellschaft Ernst Berga ui & Comp, eine Concession zur Ausübung des Buchdruckergewerbes in unbeschränktem Umfange mit dem Standorte in Wien, VIII., Josefsgaffe Nr. 4/6, ertheilt hat. Um diese merkwürdige Concessionsectheilung zu verstehen, muß nnan wissen, daß Herr Bergani vor kurzer Zeit die Bewilligung zum Betrieb einer Buchdruckerei für seine Zeitung und der damit in Verbindung stehenden Utensilien erhalten hat. Darüber ist natürlich nichts zu sagen, dazu ist kein Befähigungsnachweis nothwendig. Aber der Appetit kommt mit dem Effen, und Herr Bergani will offenbar seinen Einfluß in der antisemitischen Partei benützen, um für sie auch Drucksorten zu liefern, wozu er aber eine Concession mit unbeschränktem Umfange braucht. Herr Bergani hat, wie man sieht, die Concession erlangt, obwohl jahraus, jahrein anerkannt tüchtige Gehilfen mit ihren Gesuchen wegen mangelnden Bedarfes an Druckereien zurückgewiesen werden. Allerdings besitzt Herr Bergani, der einflußreiche Herausgeber des „Deutschen Volksblatt", im Bezirksausschuß und im Gemeinderath wohlwollendere Gönner als sie einem simplen Gehilfen zur Seite stehen. Nur so ist es zu erklären, daß chm mit dieser Concession ein Geschenk gemacht wurde, dessen Werth jeder Buchdrucker berechnen kann. Nun entsteht aber die Frage: Wie hat die Firma Ernst Bergani & Comp., das ist er und seine Frau, den B efähigungsnachweis für dieAusübung des Buchdruckergewerbes erbracht? Konnte er seinem Gesuche die Zeugnisse über die zurückgelegte Lehrzeit, über seine Verwendung als Gehilfe, über die erfolgreiche Absolvirung der Fachschule beilegen? Wenn aber nicht, wie war's dann möglich, daß er trotzdem die Concession erhielt? Wie denken seine Gesinnungsgenossen über diese flagrante Verletzung des ersten christlich-socialen Programmpunktes, und was werden sie thun, um diese offenkundige, wie sie zu sagen pflegen, „echt jüdische" Umgehung des Befähigungsnachweises auszumerzen? Ein jüdischer Künstler. Ueber Marcus Antokolski bringt die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" nachstehende interessante Skizze: Rußlands im Auslande bekanntester und ohne Zweifel wohl auch genialster Bildhauer hat soeben in St. Petersburg sein 25jähriges Künstlerjubiläum gefeiert unter regster Betheiligung der Kunstkreise und des Publicums Daß zu diesen Kunstkreisen auch die kaiserliche Akademie der Künste gehört, versteht sich von selbst, auch abgeseben davon, daß Antokolski seit 17 Jahren die Profefforwürde bekleidet und Mitglied des „Akademischen Instituts" ist, das vor 3 Jahren in's Leben trat. Der Kaiser verlieh ihm aus Anlaß der Jubelfeier den Rang eines Wirklichen Staatsraths. Die Sympathie auch des großen russischen Publicums für Antokolski, obschon er ein Jude ist und obgleich er seit 1880 seinen ständigen Wohnsitz in Paris hat, beweist wohl am besten, daß ein großer Künstler noch immer sich allgemeine Anerkennung zu erzwingen weiß. Gebuhlt hat Antokolski um sie nie und am allerwenigsten in seinem Vaterlande, wo er nur selten Ausstellungen veranstaltet und sich an den Jahresausstellungen fast nie betheiligt hat. Die letzte Ausstellung seiner Werke fand vor vier Jahren in St. Petersburg statt und damals erst wieder nach dreizehn Jahren. Aber nicht leicht ward dem Künstler die Erzwingung dieser Anerkennung und auch heute selbst fehlt es nicht an heftiger Opposition, die sich aber im Grunde genommen wohl weniger gegen die eigenartige Kunstrichtung des Bildners wendet, als es noch immer mit der Herkunft des Wilua'schen jüdischen Holzschnitzers zu thun hat. Schwer und düster war die Jugend Antokolski's. Widerstand in der Familie galt es zu beseitigen, als er, nachdem er die Chederschule durchgemacht hatte, sich der „Kunst" widmen und nicht zum Gotte des Handels schwören wollte. Aber der alte Matthäus Antokolski überzeugte sich schließlich, daß man auch mit Holzschnitzen „Geld verdienen" könne, Und er ließ ihn gewähren und Marcus schnitzte darauf los: Kruzifixe, Heiligenstatuetten u. dergl. für die katholische Bevölkerung Wilnas und der Umgegend. Er wurde belobt und angespvrnt, galt aber doch nur für einen — talentvollen Handwerker. Aus den lähmenden Verhältnissen riß ihn ein günstiger Zufall erst 1862 heraus, als er schon zwanzig Jahre alt war. Ein glaubensverwandter, bedeutender Schriftsteller „entdeckte" ihn. Andere Glaubensgenossen versprachen, ihn in St. Petersburg zu nnterstützen. Generaladjutant W. Nachimow, der damalige Chef des Nordwestgebiets, ebnete ihm die Wege zur Akademie, und so konnte er sie denn endlich beziehen, um ein „wirklicher Künstler" zu werden. Professor Pimenau erkannte auch sofort das große Talent des jüdischen Jünglings. Es war noch größer, als er wähnte — denn er wollte seine eigenen Wege gehen, und das war in der Akademie nicht leicht. Wohl erhielt er die üblichen Prüfungsanerkennungen, die kleine und die große silberne Medaille; auch ein kleines Stipendium fiel ihm zu, aber — im Uebrigen kümmerte man sich herzlich wenig um ihn, oder schlug ihn allenfalls auf die Finger, daß er sich erdreist.ete, althergebrachter akademischer Classicitätsrontine sein Verstäudniß und seinen Respect zu versagen. Vor einigen Jahren hat er in der vornehmsten russischen Monatsschrift, dem »Westnik Jewropy« („Europäischer Bote"), in einer Selbstbiographie ausführlich von den vielen bitteren und den wenigen frohen Erfahrungen, den Kämpfen und Täuschungen während seiner langen Lehrzeit berichtet. Es litt ihn schließlich nicht mehr in der Akademie und es gelang ihm, nach Berlin zu gehen: hier — so meinte er — werde er das gelobte Land des Kunstschaffens finden. . . Aber auch hier Enttäuschungen, auch hier dieselbe Herrschaft unerbittlicher Tradition und unduldsamer Routine . . . Aber auch hier, freilich nach Jahren, dafür dieselbe rückhaltlose Anerkennung, wie sie der heutige russische Akademieprofessor, das Mitglied des Pariser „Institut", der Akademie zu Urbino u. s. w., der Officier des Ordens der Ehrenlegion und Inhaber vieler anderer künstlerischer und sonstiger Auszeichnungen mit der Zeit überall gefunden hat .... Er wandte also, Ende der Sechziger-Jahre war es, Berlin wieder den Rücken und kehrte nach St. Petersburg zurück. Und noch sollte es zwei, drei Jahre währen, bis ihm das Schicksal eine freundliche Miene zeigte. Er hatte eine große Idee gefaßt und führte .sie hoch oben im vierten Stocke des Akademiegebäudes, in einem jammervollen Kunstschüleratelier zaghaft und doch zielbewußt, oft hungernd und frierend aus, ohne daß Jemand der Arbeit Beachtung geschenkt hätte ... Da faßte er sich ein Herz und wandte sich direct an den damaligen Vicepräsidenten der Akademie, den Fürsten Gagarin. Der kam — sah und staunte, und kam nach einigen Tagen mit der Präsidentin, der Großfürstin Mar a Nikolajewna wieder. Und auch die hohe Frau sah und staunte, und das Märchen vom „armen häßlichen Entlein" war aus — als ein Schwan, der mächtig seine Schwingen regte, wurde plötzlich der Bildner des „Joann Grosny" („Iwan der Schreckliche") erkannt. Bald war sein Name in aller Leute Mund. Der Kaiser ließ nach dem Gypsmodell des Bildwerks einen Bronceguß für die Eremitage anfertigen, das Kensington- Museum in London kaufte für seine Galerie berühmter Erzeugnisse der Plastik einen Gypsabguß und 1872 konnte sich der 30jährige Künstler, siech wohl an Leib, aber mit hoffnunggeschwellter Brust nach dem Lande seiner Sehnsucht aufmachen, nach Italien, wn er denn auch die Gesundheit wiederfinden sollte .... Doch wir wollen hier nicht das Leben Antokolski's erzählen, noch auch einen Ueberblick über sein Wirken geben. Es genüge, wenn ich daran erinnere, daß er 1878 in Paris für „Christus vor Pilatus", „Tod des Sokrates" und eine Marmorbüste „Peter des Großen" die Ehrenmedaille und das Ritterkreuz der Ehrenlegion erhielt, und daß er seitdem sich stets auf der gleichen Schaffenshöhe gehalten hat. Wenn einen Augenblick bei der schweren ersten Hälfte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.