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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-07-16 · 29 (16.7.1897) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
29 (16.7.1897)
Date
1897-07-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 29 Vr. VLoch's VortzrnPtzrM Leite 593 treten jetzt an die entgegengesetzte Frage heran: Was bedeutet also Marx dem Judenthum? Der größte Held des modernen England, der tapfere Gordon, pflegte, wenn er sich über etwas klar werden oder eine Entscheidung treffen wollte, die Bibel aufzuschlagen. Was Marx bedeutet? In jener erschütternd herrlichen Erzählung, welche der poetische Genius eines Heine in unserem alten Schriftthum zu entdecken wußte, das heute jedem grünen Jungen aus dem Gymnasium „zu langweilig" ist und doch noch Meerestiefen und Alpenhöhen der Poesie in sich birgt, in jener grauenvoll schönen Erzählung von Belschatzar und seinen Knechten und seinen Buhlen und seinem Schwelgen und seinem Untergang; dort erscheinen bekanntlich, als die wüsten Schwelger die heiligen Gefäße des Herrn frevelnd entweihen, jene Flammenzeichen an der Wand, die kein Weiser und kein Magier versteht, keiner zu verstehen wagt: N6U6, Mene, Teke], Upliarsiii! Gezählt, gezählt, gewogen und zerrissen I Nur der Mann von Jnda's Prophetenblut versteht sie zu deuten. Er verkündet den Untergang der frevelnden Gesellschaft. Marx ist unserem Jahrhundert als der unerschrockene Deuter der Zeichen der Zeit. Ist sie denn nicht faul, ist sie denn nicht untergangsreif, diese Gesellschaft, in der Tausende von innerlich ungläubigen „Christen" den Glauben, ja Fanatismus heucheln, nur um dem armen jüdischen Hausirer das Leben verkümmern zu dürfen? Ist denn nicht der Antisemitismus das nackte Eingestündniß, daß die große Mehrzahl in der modernen Welt von einer schrankenlosen Ichsucht befallen, welcher alle sociale Humanität und Gerechtigkeit brutal geopfert wird? Jenes Eingestündniß aber und nichts Anderes, ist der Kern des Marxismus. Marx hat gezeigt, daß in der modernen Welt die Keime zu ihrer eigenen Explosion liegen. Er hat das „Aleno, Nene, Tekel, Upharsin“ der Wirtschaft gedeutet. Er hat der Welt gellend in die Ohren gerufen: Gezählt habt ihr jeden Kreuzer des Lohnes, daß der Arme ja nicht nlehr bekomme als er bekommen muß, gezählt aber nürd von ihm jede Stunde der Arbeit, die er mehr verrichten muß, als für seinen Unterhalt nöthig. Und wenn ihr so fort am Lohn drückt, um möglichst viel Mehrwerth herauszuschlagen, wenn ihr die Arbeitsstunden immer endloser verlängert, um möglichst viel Mehrarbeit zu erpressen, dann häuft sich in den Händen der Reichen der Reichthum und die Fabriken der Reichsten erschlagen die der minder Reichen durch Ueberproduction zu mörderisch billigen Preisen; in jeder solchen Krise werden ganze Arbeiterarmeen brotlos ohne ihre Schuld, und die Reichen werden immer reicher und mächtiger, die Armen immer gedrückter, immer zahlreicher, immer hoffnungsloser, und indessen arbeitet der Zeitgeist in den Köpfen der Proletarier. Gewogen wird das. was der Große leistet und das, was er dem Volke kostet an Arbeitspein, an Sorge und Schmach, an Weibern und Kindern. Und zerrissen wird endlich die goldene Kette des Capitals. Die Expropiateurs, die das ganze Volk expropriirt haben, werden expropriirt. Diese große Stunde aber soll alle Proletarier einig finden: Proletarier aller Länder vereinigt Euch! Das ist der Kern des Marxismus, und es ist ein großartiges Verdienst dieses „jüdischen Literaten", daß er gezeigt hat, wohin die moderne Entwicklung führen kann. Sein großer, sein verhängnißvoller Jrrthum war, zu glauben, daß sie dahin führen muß. Er war schon zu sehr entjudet, um im Geiste der Propheten zu sprechen. Lazarus in seinem herrlichen und dabei ^rzen, dennoch viel zu wenig gelesenen Essay über „Jeremias" findet das Unterscheidende der jüdischen Propheten gegenüber heidnischen Orakeln darin, daß jene die Zukunft nur bedingt verkündeten. „Wenn Du Dich nicht besserst, so mußt Du untergehen, aber der Herr zieht die Besserung dem Tode vor." Es ist das Verdienst Karl Marx', daß er rechtzeitig gezeigt hat, wohin unsere Volkswirthschaft, sich selbst überlassen, gerathen muß, es ist aber auch sein Verdienst, daß er aus Denen, die sonst unberechenbare, gewaltthatige Anarchisten geworden wären, jene Arbeiterbataillone geformt hat, die es in so bewunderungswürdiger Weise verstehen, sich zu keiner Gewaltthätigkeit Hinreißen zu lassen, weil sie im Vertrauen auf die Verheißungen des Marxismus ihre Zukunft abwarten. Und unsere Zukunft? Die Zukunft des Judenthums? Was hat ein Carl Marx mit diesem Judenthum der Zukunft zu schaffen? Sehr viel! Zunächst wirken seine Lehren mit, um uns das Ueberstehen einer harten Zeit zu ermöglichen. Ohne Marx wäre das 20. Jahrhundert vielleicht antisemitisch geworden. Er hat die Arbeüerschaft theilweise vor den Umgarnungen eines wohlorganisirten und mehr als je herrschsüchtigen Antisemitismus gerettet und in sie den Keim zur Vorurtheilslosigkeit, zur religiösen Weitherzigkeit und zur inneren Freiheit vom Pfaffenjoch gelegt. Gewiß wird sie nicht immer mit gleicher Sicherheit in seinen Spuren wandeln; es wird auch bei ihr antisemitische Verirrungen geben. Aber schon unser Daniel verkündet das tiefe Wort, das wie kein anderes die historische Wirkung der Socialdemokratie kennzeichnet: „Viele werden irren, doch mehren wird sich dabei die Erkenntniß." (Dan. 12, 4). Und wem könnte der Fortschritt der Erkenntniß willkommener sein als uns Juden? Liegt doch in ihm der einzige solide Schutz gegen das Wiederaufleben der „heiligen" Mordbrennerei. Hat Marx auf die Arbeiter einen geistbefreienden Einfluß ausgeübt, so wird er auf uns herzbefreiend wirken. Der geldgierigste herzloseste Erwerbsmensch, wie er sich auch unter Juden findet, wenn auch viel seltener als anderswo, fühlt eine gewisse Dankbarkeit und Hochachtung für die einzige Volksclasse, die seinen Kindern nicht die gleichen Menschenrechte abspricht, die einzige, die sich über die antisemitische Niedrigkeit unserer Zeit erhaben gezeigt hat. Aber ebensowenig kann der Jude sich auf proletarischen Fanatismus einlassen Dazu gibt es zu wenig jüdische Fabriksarbeiter. Marx hat nicht nur den Arbeiter gegen den Antisemitismus, sondern auch den Juden gegen den Classenhaß immun gemacht. Er hat dem Judenthum die größte Geistesfreiheit und Herzenswärme gegenüber der socialen Frage gegeben. Wir beschränken uns nicht auf den Ruf: „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch." Unser Ideal ist weitherziger: „Vereinigt Euch in der Erkenntniß zu einem Bunde des Friedens", ist unser uralter Gruß an alle Völker der Erde, und wir beten mitten im Toben der modernen Classengegensätze: Menschen aller Classen, Völker aller Länder, „zu einem Bunde des Friedens vereinigt Euch". X. Die Ausfüllung der Erwerbsteuererklärung.*) Am meisten Kopfzerbrechen dürften diejenigen Nummern machen, welche die Merkmale des Betriebsumfanges enthalten, am meisten Kopfzerbrechen sowohl den Steuerpflichtigen als auch den Commissionen; denn von diesem Merkmalen hängt es ab, ob die mittlere Ertragsfühigkeit des zu besteuernden Betriebes über oder unter dem Durchschnitt der gleichartigen Betriebe eingefchätzt wird. Da ist gleich bei Nummer 14 (Angabe, ob und in welcher Weise der Steuerpflichtige selbst thätig ist) und *) Abonnenten, welche specielle Auskünfte wünschen, erhalten dieselben im „Briefkasten" unserer nächsten Nummer.

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