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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-07-16 · 29 (16.7.1897) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
29 (16.7.1897)
Date
1897-07-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 29 Vr. Vloch's WochrnkchrM Seite 591 schen Wurfgeschossen. Man hätte ihren Agitationen den Boden, man hätte dem antisemitischen Kaufmanne, Handwerker, Advocaten und Lehrer die jüdische Kunde entziehen sollen. Der kleine Mann hätte es fühlen sollen, wie ganz, wie jämmerlich klein er erst ist, wenn er von seinen arischen Gesinnungsgenossen leben soll. Auf allen Gebieten des socialen Lebens hätten die Juden den ihnen zugeworsenen Fehdehandschuh aufnehmen, sich auf sich selbst zurückziehen und statt antisemitisch gesinnte Christen ihre jüdischen Glaubensbrüder geschäftlich unterstützen sollen. Die Gemeinden und ihr Bund Hütten diesen stillen lautlosen Kampf organisiren und führen sollen. Auf den Schlachtruf „Kaufet nur bei Christen" hätten wir mit dem anderen „Kaufet nur bei Juden" antworten sollen. Die Majorität hätte cs fühlen sollen, daß wir eine Minorität sind, von welcher die materielle Wohlfahrt des ganzen Volkes abhängt. Das anständige Element unter den Christen hätte es mit uns gehalten. Wir dachten aber, daß diese Erscheinung eine flüchtige wäre, wir täuschten uns, indem wir auf den Sieg der liberalen Idee rechneten. Nun gut! Unsere Hoffnungen haben uns getäuscht. Heute wissen wir es, daß es ein Kampf auf Leben und Tod ist, den unsere Gegner gegen uns führen. Warum organisiren wir uns noch immer nicht? Wollen wir, wie jene russischen Gendarmen erst dann eingreifen. wenn der Kampf sich ausgetobt hat und zahllose Leichen das Schlachtfeld bedecken? Das wäre aber spät — zu spät! Erwarten wir vielleicht, daß der Staat uns Hilfe bringe? Es wäre nicht unmöglich, daß der unverbesserliche Idealismus der Juden auch solche Hoffnungen nährt. Der Staat hat aber heute andere Sorgen, als auf einen ausgiebigen Schutz der Juden, an eine Einschränkung der judenfeindlichen Tendenzen zu denken. Ernste Männer, die aus reiflicher, patriotischer Ueberlegung eine Regierungsvorlage ablehnen, heißen vaterlandslose Gesellen. Die Anführer blutrünstiger Horden erhalten die Ehrenkette und werden zur Audienz zugelassen. Einige hundert Beamten sollen die zweite Landessprache erlernen, sie sollen gezwungen sein, in der Sprache zu amtshandeln, irr welcher die stenerzahlende Partei es wünscht' flugs wird die ganze wehrhafte deutsche Nation in die Waffen gerufen, ein Verzweiflungskampf beginnt, durch welchen das Gespenst des Staatsstreiches heraufbeschworen wird. Möglich, daß durch diese Verordnungen das Gesetz verletzt, möglich auch, daß das gute Recht des deutschen Volkes angegriffen wurde. Man müßte sich über das entwickelte Rechtsgefühl dieser Männer erfreut zeigen, wüßte man nicht, daß dieselben Männer eine weit ärgere Entrechtung einer ganzen Kategorie von Staatsbürgern durch zwei Jahrzehnte ruhig zuließen. Nicht unsere Sprache, unser Leben wollte man uns nehmen, man zeigte nicht übel Lust Schußgelder auf uns auszusetzen, und erst jüngst wurde in ebenso sinnvoller wie unzweideutiger Weise auf die Confiscation der Judengüter, allerdings nur als auf eine Möglichkeit hingewiesen. In allen diesen Fällen hat es der Staat nicht für angezeigt erachtet einzngreifen, und doch handelte es sich dabei nicht um einen gnädig zu gewährenden Schutz, sondern um die Wahrung des Staatsrechtes. Sollen wir da auf staatliche Hilfe hoffen? Können wir es, nachdem der Staat in seinen Organen, in seinen Beamten selbst antisemitisch ist, und bei der Anstellung von Beamten selbst nach dem Princip der Judenreinheit vorgeht? Vom Staate haben wir also nichts zu erhoffen. Auch das nicht daß er zur Wahrung seiner eigenen Autorität, auf die strenge Befolgung seiner Grundgesetze bedacht sei. Wird aber ein Theil der Grundgesetze außer Geltung gesetzt, wer bürgt uns dafür, daß früher oder später auch nicht die übrigen abolirt werden? Wer stehet uns dafür ein, daß die „kräftig zum Durchbruche gelangten" privatrechtlichen Theorien bei den Juden halt machen? Und gesetzt den Fall, daß in Spola mit den Juden auch ein paar Christen todtgeschlagen worden wären, wie hätten die Vertreter der Staatsgewalt, die zu spät erschienenen Gendarmen dies verhindern können? Wird also der Staat die offene Verletzung seiner Gesetze noch länger mitansehen? Wird er es — wie wir es erst jüngst in Chydorow und Tarnow erlebt — zugeben, daß Juden gemordet und geplündert werden? Mit der Bestrafung der Schuldigen, und damit daß einige Rädelsführer auf ein paar Jahre eiugesperrt werden, ist uns nicht gedient. Nach verübter Unthat ist das Eingreifen des Staates — zu spät! Der bessere Theil der modernen Gesellschaft, jener nämlich, für welchen das Wort von der verbindlichen Noblesse gemünzt wurde, hat sich, nachdem er einige Jahre unthätig zugesehen, endlich aufgerafft. Er hat eine Action unternommen, deren Ergebnis die Abwehrvereine sind. Fragen wir vorerst, warum es so lange gebraucht hat, bis das Gewissen der Gesellschaft sich geregt? Eine streng rechtliche Natur wird sich gegen eine verübte Ungerechtigkeit, sobald sievon ihr Kenntliiß erhält, auflehnen? Aber das ist's eben. Nicht das Gerechtigkeitsgefühl unser Besseren war es, welches gegen die Schmach, die den Juden angethan wurde, aufbrauste. Wäre diese Entrüstung eine spontane Kundgebung des öffentlichen Rechtsbewußtseins gewesen, sie wäre dann wie eine Flamme aufgelodert um weithin zu leuchten und zu strahlen, zu wärmen und zu beleben. Die breiten Volksschichten wären von ihr ergriffen worden, und der Antisemitismus hätte nimmermehr seine Siegeslausbahn antreten können. Aber im Anfang sympathisirten fast alle Kreise der christlichen Bevölkerung mit der judenfeindlichen Strömung. So eine Art stiller Schadenfreude erfüllte das Herz eines jeden Ariers, so es der Helden gedachte, die dem verderblichen und schädlichen semitischen Elemente mnthig die Stirne boten. Und wenn sie auch äußerlich entrüstet thaten, im Innern waren sie darob hocherfreut. Nur als sie dann bemerkten, daß es bei den Juden allein sein Bewenden nicht haben wird, als Junker und Juden in einen Topf geworfen wurden und der in der Erwartung der Judengüter gereizte Appetit der Menge auch ans die adeligen Güter hinüberznschielen begann, erst da erwachte jenes Rechtsgefühl, das allerdings allzusehr nach Selbstwehr riecht. Aber dies Aufflammen war und blieb erfolglos, denn es war — zu spät! Und auch Jene, die der Abwehrbewegnng ans lauteren, edlen, Menschen- und rechtsfreundlichen Motiven sich anschlossen, konnten keinen Erfolg erzielen. Tenn viel zu lange haben unsere Besten um die Gunst der Menge gebuhlt, so lange, bis das Volk vor ihnen die Lichtung verlor. Und dies war fast um jene Zeit, als das Wachsthnm des Antisemitismus die Gründung von Abwehrvereinen nöthig erscheinen ließ. Der Adel der Gesinnung hatte um jene Zeit keinen Einfluß mehr, und darum nun: es auch mit der allzufein organisirten Abwehr — zu spät! Weder die Gesellschaft, noch der Staat kann und wird uns in unseren Kämpfen behilflich sein, wir sind auf uns selbst angewiesen. Wir müssen uns zusammenthun zur kräftigen materiellen llnd socialen Abwehr. Und dies sehr bald. Denn warten wir nur noch eine kurze Zeit, dann ist es — zu spät! M i ß l i tz. Rabbiner Dr. L. Goldschmied. Rands off! Tie Wogen des nationalen Kampfes geben immer hoher und höher. Protestversammlungen, Parteitage und Volkscongresse folgen einander in mannigfaltiger Abwechslung, und nur feinere Ohren vermögen aus dem brausenden Chor der Heilrufe den wohlbekannten Hepp, Hepp-Ton herauszuhören. Tie politische Situation ist verworrener denn je, und auch den jüdischen Glaubensgenossen erwächst die bange Frage der 'Stellungnahme in diesen Parteikämpsen zur brennenden Actualität. Kurzsichtige geben sich dem Jrrthume bin, als könnte die antisemitische Bewegung in ihrer Intensität oder in ihrer Extensität durch das Anschwellen der nationalen Leidenschaften getrennt werden. Wir brauchen nicht die öffentliche Versicherung eines Schönerer, um ihm und seinesgleichen auf's Wort zu glauben, das; die Mordaxt des Judenhasses nicht vergraben, sondern nur in den Winkel gestellt wurde, um bei der ersten besten Gelegenheit wieder hervorgeholt zu werden. Tas nimmt uns keineswegs Wunder. Wir glauben an keine Mysterien, auch nicht daran, daß die teutonischen Racenfanatiker zur Vernunft kommen können. Darum wäre es lächerlich, wenn die Juden sich in der Schlacht gegen die Regierung als Kanonenfutter gebrauchen ließen, gut genug, um todtgeschossen zu werden. Die Uebriggebliebenen werden dann von der Schönererrotte lebendig gebraten. Nein, es wäre unmanierlich und unpolitisch, wollten sich die Juden den Känwfern gegen die Sprachenverordnungen, die die Enge und Begrenztheit ihres Wissens mit Berserkerwuth vertheidigen, anbiedern und ihnen gegen ihren deutlich ausgesprochenen Willen Heeresfolge leisten. Eine Verschärfung der Anforderungen, die beispielsweise an den Beamten gestellt werden, kann nie gegen das Interesse der jüdischen Bewerber sein. Wären diese Anforderungen, die an das Wissen und Können der Candidaten gestellt werden, noch höhere, ja die höchsten, und hörte dafür die Zurücksetzung

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