Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 29 (16.7.1897)
- Date
- 1897-07-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite B90 Vr. Vloch's Mochrnfchrtfl Nr. 29 Aachen hielt er zwei Borträge über die „Aufgaben des Christenschutzes" gegen die Juden im Tone Ahlwardt's und am Schlüsse der Versammlung brachte er einen überschwänglichen Trinkspruch auf Dr. Lueger aus. Und als nun vor Kurzem die socialistische Organisation der Eisenbahnbediensteten in Oesterreich. aufgelöst wurde und die Christlich- Socialen eine neue Organisation auf antisemitischer Grundlage in Angriff nahmen, da hielt Dr. Max Anton L ö w, der, wie Jacob um Lea, sieben Jahre um die Gunst seiner neuen Freunde gedient hatte, seine Zeit für gekommen. Er drängte sich an die Spitze der neuen Organisation, die ihm der Schemel zu den heiß ersehnten öffentlichen Würden sein sollte. Ja, seine Zeit war gekommen, die Zeit, da ihm der gebührende Lohn werden sollte für seine hündische Kriecherei, für die namenlosen Verbrechen, die er an seinem alten Glauben, an seiner Familie, an dem Judenthum verübt. Die Lueger, Schneider und Gregorig haben ihn mit einem Fußtritte aus ihren Reihen hinausgeschleudert. Die Fanatiker des von Dr. Max Anton L ö w vertheidigten Blutrituales, Schneider und G r e g o r i g, haben den Anfang gemacht. In einer Zuschrift an das „Deutsche Bolksblatt" hatten sie sich dagegen aufgelehnt, daßein getaufter Jude der Führerder „christlich-socialen Eisenbahner-Organisation" werde. Die Eisenbahner selbst wurden stutzig und wandten sich an Dr. Lueger mit der Bitte, in ihrer Versammlung zu erscheinen und die Sache auszugleichen. Dr. Lueger erklärte sich bereit, zu kommen, „aber nur für den Fall, wenn D r. Max Anton L ö w nicht anwesend sein w e r d e." Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen. Man läßt sich die Dienste des Verräthers gefallen, ihn selbst aber verachtet man. Und dem „überzeugungstreuen Katholiken" sendet bei seinem Hinauswurf ein katholischer Priester, der Cooperator D i t t r i ch , in seinem Leibblatte folgenden Geleitbrief nach: „In der Lehre derKirche, daß der Jude durch dieTaufe voll- und ganzwerthiger Katholik werde, ist nicht die Behauptung enthalten, daß er a u ch a u f h ö r t, Angehöriger des „jüdischen Volkes" z u s e i n. Durch die Taufe werden d e m Israeliten d u r ch a u s nicht jene s p ecisi scheu Eigen thümlichkeiten des jüdischen Volkes genommen, welche d en A n t i s e m i t i sm u s begründen!" Wir empfehlen diese Worte all denen zur Beherzigung, die sich zur Assimilationstheorie bekennen. Dr. Max Anton L ö w wehrt sich noch mit Händen und Füßen gegen das Schicksal, nicht nur aus der Gemeinschaft aller anständigen, sondern auch ans jener der unanständigen Menschen ausgeschlossen zu sein. In wildem Zorne hat er erklärt, daß er Schneider und G r e g o r i g mit der Hundspeitsche durchprügeln w ü r d e, wenn er ledig w ä r e (!). Man sieht, der Mutb dieses Menschen kommt seiner Ueberzengungstreue gleich. In einem „Eingesendet" an das „Deutsche Volksblatt" lassen es die so vorsichtig und so bedingungsweise Bedrohten an dem verdienten Hohne nicht fehlen. „Es gereicht uns", sagen sie, „zur ganz besonderen G.'nugthuung, daß der Jude Low durch sein Benehmen bewiesen hat, daß wir Racenantisemiten bezüglich der getauften Juden Recht haben und daß Jedermann, der sich für getaufte Juden gegen uns Racenantisemiten einsetzt, sich einfach unsterblich lächerlich macht und sich als politisch unzurechnungsfähig erweist." Der Streit zwischen Racenantisemiten und „christlichen" Antisemiten interessirt uns nicht. Den mag der Papst mit seinen Bischöfen entscheiden. Aber die Tragödie des Renegaten, das Glück und Ende des Dr. Max Anton Löw interessirt uns desto mehr. Seine imaginäre Hundspeitsche hat den Herren Schneider und Gregorig nicht imponirt. Aber die Zeitgeschichte verfügt über eine wirkliche Hrrndspeitsche. das ist das Urtheil der Menschen. Und wen diese trifft, der ist gezeichnet bis an sein Lebensende und darüber hinaus. Wie tief ist ein Mensch gesunken, dem ein Vergani als Nachruf schreiben darf: „Dr. Löw ist trotz seiner Racheschwüre für abgeth an zu betrachten". Zu spät! In Spola wurden ein paar Juden todtgeschlagen, einige Judenhäuser demolirt und fast alle jüdischen Bewohner des Ortes an den Bettelstab gebracht. Neu sind solche Jndenverfolgungen im heiligen russischen Reiche keineswegs und diese armen Juden von Spola verdienen weder mehr noch weniger Mitleid, als ihre Vorgänger und ihre wahrscheinlichen Nachfolger. Die Wunde ist noch frisch, sie blutet und schmerzt noch, aber bald vernarbt auch sie. Nicht die Thatsache dieser Judenverfolgung ist charakteristisch, sondern ihre Begleiterscheinungen. Zum Schutze der am Leben und an ihrem Eigenthume bedrohten Juden wurde die Gendarmerie ausgeboten, eine Maßregel, die bisher bei ähnlichen Anlässen in Rußland unbekannt war. Aber die Gendarmen kamen zu spät! Wir sind von der theilnahmsvollen Fürsorge der russischen Regierung ihren jüdischen Unterthanen gegenüber tief gerührt, aber zum Danke fühlen wir uns nicht verpflichtet. Denn im Grunde ist es uns ganz gleichgiltig, ob unsere Brüder mit oder ohne staatliche Assistenz ermordet werden. Aber das Wort „Zn spät", diese hinterdrein herhumpelnde Autorität, die so thut, als ob sie die Mordgesellen züchtigen wollte, weckt in uns eigenthümliche Gedanken. Dabei denken wir aber keineswegs blos an die russischen Juden, für welche selbst diese zu spät kommende Staatshilfe einen gewaltigen Fortschritt gegen frühere Zeiten bedeutet. Freiheitliche Ideen und Institutionen, die ganz Europa in einigen Tagen erobert haben, stehen nunmehr seit Jahrzehnten an der russischen Grenze und begehren vergeblich Einlaß. Später als überall gehet die Sonne der Menschheit in Rußland auf und spät, vielleicht zu spät wird dieses daran gehen, das Versäumte nachzuholen. Aber auch in den übrigen Cultnrländern Europas, in welchen die Judensrage einen actuellen Charakter angenommen hat, besonders aber bei uns in Oesterreich, wo sie sich anschickt, regierungsfähig zu werden, hat das Wort „Zu spät" eine verhängnißvolle Bedeutung. Wird ein künftiger Geschichtsforscher die Ursachen der judenfeindlichen Strömung unserer Zeit aufdecken wollen, dann wird er eine der Hauptursachen darin erblicken, daß die Abwehr dieser Angriffe zu spät erfolgt ist. Die Confession, der Staat und die Gesellschaft, sie alle haben im Anfang unthätig zugesehen, sie ließen den Schneeballen anwachsen, bis er zur Lawine ward, die sie nunmehr verschütten will. Ja einst, in früheren Tagen, wäre es ein Leichtes gewesen, diese Bewegung einzudämmen, heute ist es schon — wir befürchten es — zu spät. Das Judenthum als Confession hat im Anfang sehr vornehm'gethan. Als ob die ganze antisemitische Bewegung es nicht anginge, als wäre es die Pflicht von Gott weiß wem, sich unserer Sache anzunehmen. In unserem unbegründeten und unbegreiflichen Optimismus dachten wir, daß sich die ganze Bewegung verlaufen werde, ohne einen nennenswerthen Schaden zu stiften. Es war eine Art Vogelstraußpolitik, die wir trieben, und diese Kurzsichtigkeit sollte sich bitter rächen. Auch nicht einen einzigen dauernden und erfolgreichen Versuch haben wir unternommen, inn die Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Und doch hatten wir -die Erfahrung zur Seite, daß der Judenhaß eine ebenso gefährliche als ansteckende Krankheit sei, die mit einer beängstigenden Geschwindigkeit um sich greift. Wir wußten es aus unserer eigenen Geschichte, mit welch furchtbarer Raschheit der Judenhaß sich ausbreitet, wie er ganze Länder ergreift und mordend und plündernd, zerstörend und verheerend wie ein angeschwollener Strom sich fortwälzt. Die Geschichte der Juden aller Länder enthält hiefür lehrreiche Beispiele und wir wollten uns doch nicht belehren lassen. Wir haben unsere Gegenmaßregeln nicht rechtzeitig unternommen und ließen unseren Gegnern Zeit, sich zu einigen. Vielleicht hat sich im Laufe unserer Geschichte der Mangel nicht blos einer einheitlichen Organisation, sondern auch des Einheitsbedürfnisses und des Sich-eins-fühlens nie schädlicher gezeigt, als in unserer vollkommenen Passivität gegen den stets wachsenden Antisemitismus. Es wäre ja sonst nicht nur unmöglich, sondern undenkbar, daß eine Confession ruhia, ohne sich zu rühren, ihren Gegnern Zeit und Gelegenheit gibt, ihre Angriffe zu unternehmen und eine Position um die andere zu gewinnen. Sowohl die einzelnen Gemeinden als auch ein Gemeindebund hätten zu jener Zeit der judenfeindlichen Strömung Einhalt gebieten können. Nicht auf moralischem Gebiete. Man kämpft' gegen eine blut- und bentelustige Menge nicht mit ethi-