Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 28 (9.7.1897)
- Date
- 1897-07-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021197--06916-3031219- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 28 Vr. Vloch's WochrnfchriN Seite 561 Scene am Franz-Josefs-Quai am 30. Juni, 11 Uhr Vormittags: Ein ruhig seines Weges wandelnder jüdischer Knabe wird ohne den allermindesten Anlatz von einem ihm ganz fremden christlichen Burschen mit zwei Ohrfeigen regalirt. — Wohlgemerkt! Kein Streit, nichts, nichts ging voraus. — Der christliche Bursche gab hie zwei Ohrseigen im Borübergehen dem „Juden" und verschwand. Mehrere Inden, Zeugen dieser Scene, halten sich darüber auf. Der Inhaber des Seilergeschäftes , Herr B. Petzl tritt heraus und fragt, was es da gäbe? Erwiderung: „Ein christlicher Bursche hat einem vorübergehenden Judenbuben ohne jede Veranlassung zwei Ohrfeigen heruntergehaut." — Antwort des Herrn Petzl: „Da hat er recht gehabt". Mien. (Ex ceß in T a r n o tu.) lieber Ausschreitungen gegen die jüdische Einwohnerschaft in Tarnow wird gemeldet: „Am Freitag kam es in den Nachmittagsstunden zwischen einem Soldaten des 57. Infanterieregiments und dem Sohne einer jüdischen Schnapsschänkerin wegen Nichtbezahlung von Schnaps zu einer Prügelei, wobei der Soldat von seinem Gegner mit seinem eigenen B a j v n n e t, das ihm der Civilist entriß, verwundet wurde. Aus Rache hiefür, so heißt es, sammelten sich S o l d a t e n dieses Regiments Samstag in den Straßen und a t t a q u i r t e n die vorübergehenden Juden. Dasselbe geschah am S o n n t a g, an welchem Tage ein jüdischer Kaufmann erheblich v e r w n n d e t w u r d e. Auch a m M o n t a g, wiederholten sich diese S c e n e n. In Folge dessen wurden ans dem Ringplatze und in den anstoßenden Straßen schon vor 7 Uhr s ä m m t l i ch e G e s ch ä f t e g es ch l o s s e n u it b Alles flüchtete nach Hause. Da ähnliche Ausschreitungen auch fernerhin befürchtet werden, haben die Kleinkrämer auf dem Ringplatze ihre Standplätze geräumt. Bis 6 Uhr Abends war Alles ruhig. Dem „Dziennik Polski" zufolge sollen die jüdischen Bewohner in Tarnow, nachdem von den Soldaten ein Schnapsladen demolirt und der Schankwirth dnrchgeprügclt worden war, zu ihrem Schutze auf Anordnung der Bezirkshauptmannschaft G e n d a r m e r i e - A s s i st e n z erhalten haben. Der Samstag verlief ohne ernste Ruhestörung, erst am Sonntag Abends überfielen I n f a n t e r i st e n die Juden- Häuser, zertrümmerten die F e n st e r s ch e i b e n i n d e n s e l b e n und b e wa r f e n d i e S yn a go ge mit Ziegeln. In dem entstandenen Straßenkampfe wurde ein Jude erschlagen und einem zweiten wurde die Schädeldecke verletzt. Der antisemitische „Glos Narodu" berichtet, der.Streit zwischen dem Schnapsschänker und dem Infanteristen habe damit geendet, daß der Erstere dem Infanteristen mit dessen Bajonnet einen derart starken Stich versetzte, daß derselbe bald darauf verschied. Amtlich wurde bisher über diesen Zusammenstoß nichts verlautbart. Kolin. Als vor nicht ganz drei Wochen, die Nachricht in den Zeitungen erschien, daß ein Theil der Judengasse in Kolin niederbrannte, waren es wieder die ersten Prager czechischen Blätter, welche es nicht verschmähten, selbst bei diesem Anlasse, uns etwas am Zeug flicken zu wollen und in ihren Berichten ihre Gesinnung ins richtige Licht zu stellen. So waren es nament-! lich die „Narodni Lisch", welche ihren Lesern, vom hundertjährigen Schmutz, der in den Judenhäusern zu finden ist und welcher dem Feuer so reichliche Nahrung bot, zu erzählen wußten. Wie dieses noble Blatt zur Aufstellung derartiger geistreicher Behauptung kam? Nicht anders möglich, als daß es aller Wahrscheinlichkeit nach Diejenigen unter ihren Berichterstattern zum Brande abordnete, tvelche gewohnt sind, sich int Schmutz zurechtzufinden, und welche kraft ihrer ungewöhnlich aufgestülpten Nasen das beste Witterungs- und Geruchsvermögen besitzen. Doch ein Umstand läßt sich nicht leicht mit dem Resultat der Beobachtung, welches die Berichterstatter gefunden, vereinbaren, und das ist folgender: Die Bewohner dieser „von Schmutz triefenden Judenhäuser" werden in der Regel 80 bis 90 Jahre alt; hält nian sich nun vor Augen, daß Reinlichkeit eine Grundbedingung zur Erhaltung der Gesundheit ist, so ist man leicht versucht, das-vornehm seinwollende Blatt zu fragen: „Wie räumt sich das zusammen?" Die Chronik unserer Stadt erwähnt des letzten großen Brandes im vorigen Jahrhundert, welcher die Judengasse in Kolin in Schutt und Asche legte. Man zählte das Jahr 1794, als eines Tages, im Herbst des genannten Jahres, durch die fülle Gasse der Ruf „Feuerl" erscholl, und es währte nicht lange, so fielen alle Häuser dieser Gasse, bis auf die Synagoge, welche trotz Holzbedachung unversehrt stehen blieb, dem verheerenden Elemente zum Opfer. Die Häuser wurden balo wieder aufgebant, und es wissen sich die ältesten Leute, weder selbst, noch durch Ueberlieferung daran zu erinnern, daß es in den letzten 100 Jahren in dieser Gasse gebrannt hätte; allerdings wohnten bis vor einigen Jahren ausschließlich nur Juden in derselben; ihre Vorsicht beim Umgehen mit Licht und Feuer war bekannt uttd wurde allgemein gewürdigt. Nach den Ergebnissen der gerichtlichen Untersuchung brach diesmal das Feuer bei einer Grünzeughändlerin Namens Navratil, und zwar durch Unvorsichtigkeit aus, nach einigen Minuten standen sieben Häuser in Flammen, und tiur dem glücklichen Zufalle, daß der Brand während einer Zeit ausbrach wo die Leute noch auf der Gasse waren, ist es zuzuschreiben, daß wir den Verlust an Menschenleben nicht 51t beklagen haben. Denn — hätte das Feuer die Bewohner der Häuser während der Nachtzeit überrascht, so wäre an deren Rettung, trotz der von allen Seiten herbeigeeilten Feuerwehrett, wenttgleich dieselben zielbewußt und heroisch arbeiteten, mit Rücksicht auf die Beschaffenheit der aus Holz zusammengefügten Wohnräume, nicht zu denken gewesen. Man vergegenwärtige sich nur ein solches „Haus" — das Dach, die Zinimerdecke, die leiterartigen Stiegen — Alles aus Holz. Obgleich den armen Leuten all' ihre Habe verbrannte, dürfte dennoch der materielle Schaden, Dank dem glänzenden Wohlthätigkeitssinne unserer Glaubensgenossen, bald vollständig ersetzt sein. Gleich nach Beendigung der Löscharbeiten wurde auch schon eine Hilfsaction eingeleitet. Der Cultnsgemeinderath erklärte sich iik Permanenz; unter Vorsitz seines Vorstehers Herrn Julius K r a n s ging man daran, vor Allem den Obdachlosen die der Cnltnsgemeinde gehörenden Ubicationen zur Verfügung zu stellen; gleich darauf tvurde eine Collecte eingeleitet, an welcher sich alle hiesigett Humanitären Vereine betheiligten und deren Ertrag sofort zur Linderung der nrontentanen Noth unter die Abbrändler, aber nicht nach moderner Wiener Genieinderathsart, sondern auch att die nichtjüdischen, vertheilt wurde. Doch dabei hatte es lange nicht seinen Verbleib — denn kaum erschien in den Tagesblättern die Nachricht vom Brande, langten schon Gaben von Nah und Fern ein, ja — sogar telegraphisch wurden dem Cnltusgemeinderathe größere Geldbeträge zur Bertheilung an arme Abbrändler angewiesen. Wir hatten wieder Gelegenheit, zu sehen, tvie sich das goldene — jüdische Herz bewährt. Dank und Gotteslohn Allen! Heittrich P. Nebst der Collecte in unserer Gemeinde sind an Spenden eittgelaufen: Von den Herren: Seligman Elbogen, Prag 100 fl.; Sigmund Fröhlich, Wien 50 fl.; Adolf Wlaschin, Prag 20 fl.; von der Firma Schnürmann, Brünn, 20 fl.; von den Herren: Philipp Budie, Wien 50 fl.; Sig. Redlich, Pardubitz 5 fl.; I. Petschek, Aussig 100 fl.; Alois Fleischner, Carlsbad 10 fl.; Ignaz Porges, Prag 5 fl.; Dr. Marcus Fischer. Prag 30 sl.; durch Herrn Carl Flammerschein, Prag 48 ft.; von Herrn I. Rudolf, Brünn 15 fl.; von Frau Marie Weißberger, Wien 100 sl.; von ben Herren: Teichner, Leipzig 29 fl.; Dr. N. Robitschek, Prag 50 fl.; Dr. Isidor Petschek, Prag 50 fl.; Dr. Julius Petschek, Prag 50 fl.; Georg Turnatl, Prag 20 fl.; M. B. Teller, Prag 25 fl.; M. Fischel's Sohne, Prag 10 fl.; durch Herrn Carl Flammerschein, Prag 4 fl. Krakau. Euer Wohlgeboren! Sehr geehrter Herr Redacteur! Die in Ihrem geschützten Blatte vom 2. Juli l. I. unter dem Titel „Der Krakauer Proceß" erschienene Correspondenz aus Krakau enthält soviel Unwahrheiten und crasse Entstellungen, speciell was meine Person betrifft, daß ich es nicht unterlassen kann, wettigstens einige derselben richtigzustellen. Es liegt mir daran umso mehr, als ich weiß, welch großes Ansehen Ihr geschätztes Blatt hat und wie stark dasselbe verbreitet ist, und hege ~ ich hiebei die gegründete Hoffnung, daß Ihr Blatt, einzig mtd allein dem Wohle unserer Glaubensgenossen gewidmet, es nicht zulassen wird, daß, wenn es auch ein Jude gegen Juden thut, Verleumdungen durch dasselbe verbreitet werden.