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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-07-09 · 28 (9.7.1897) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
28 (9.7.1897)
Date
1897-07-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 580 Pr. VLoiVs Mortzenfrtxrttt Nr. 28 für den babylonischen Boden anzunehmen ist. Zn Grunde liegt ihr eine „Receusion" des Mythus, nach der der Drache nicht getödtet, sondern nur gefesselt wurde. Der eschatologisch gewandte Mythus wurde dann politisch gefaßt, das Chaos wird zum Weltreiche der Gegenwart (Egypten u. s. w.). Diese Linie führt nun der zweite Theil über Apok. 12 weiter. Mit Gründen, die völlig überzeugend sind, weist Gunkel auf's Neue nach, daß Apok. 12 kein christliches Stück ist, sondern nur einen leisen christlichen Firniß trägt. Aber Apok. 12 ist auch nicht jüdischen Ursprungs. Denn 1. aus alttestamentlichen Stellen kann man weder den Entwurf des Ganzen ableiten, noch viele charakteristische Einzelzüge wie das Wort von den beiden Flügeln „des" großen Adlers (V. 14). Und aus der schöpferischen Phantasie des Autors ebensowenig. Das Stück ist vielmehr 2. als Codification einer Tradition anzusehen. Der Zusammenhang der Erzählung ist vielfach lückenhaft und gestört. Läge sie in ursprünglicher Form vor, so wäre das unbegreiflich, z. B. wird nicht mehr gesagt, weshalb der Drache dem Kinde nach dem Leben steht. Wir erfahren nicht, weshalb das Weib in die Wüste flieht. Ferner erscheinen manche Züge ganz verwischt und unanschaulich. Das Kind, heißt es V. 5 wurde „entrafft".Wieund durch wen? Daneben zeigen höchst concrete Züge, daß die Tradition im Einzelnen trefflich erhalten ist. Das Weib ist „bekleidet mit der Sonne" u. s. w. Frösche gehen aus dem Rachen des Drachen hervor als die Boten an die Könige der Erde (16, 13). 3. Die ursprüngliche Gestalt dieser auch durch Parallelen bewiesenen Tradition hat mythologisches Gepräge. Ein Drache, der ein göttliches Kind verschlingen will, der mit dem Schwänze ein Drittel der Sterne vom Himmel wirft u. s. w., das sind Vorstellungen, die ihre Heimat ihrer Natur nach in der Mythologie haben. Das heißt aber: „Das Judenthum hat sie nicht erzeugt." Die zweifellos vorhandeilen jüdischen Züge, wie die Nennung des Michael und seiner Engel, lassen sich als Zusätze zum Ursprünglichen erkennen. Wenn das Judenthum sich den Mythus freilich in seiner Art deutete, so ist doch der ganze Stoff in die Deutung sichtlich nicht aufgegangen. Manches ist unverstanden übernommen. Vorschnell wäre es nun, den allerdings irgendwie verwandten griechischen Mythus von Apollo's Geburt zur Erklärung des Stoffes von Apok. 12 zu benützen. Selbst ein hellenistischer Christ hätte einen ihm als heidnisch bekannten Mythus nicht übernommen, noch weniger ein palästinensischer Jude — das Judenthum müßte sonst die Götter Javans nicht so verachtet haben, wie es that. — Apok. 12 ist vielmehr letztlich babylonischen Ursprungs. Die Apok. Joh., nicht minder aber Henoch, Daniel Sacharja, enthalten eine große Fülle eigenthümlich grotesker und phantastischer Vorstellungen. Dieses theils kosmologische, theils eschatologische Material, das ihnen recht eigentlich ihre besondere „Apokolyptische" Farbe gibt, ist aus dein Judenthum überhaupt nicht zu begreifen, schon weil so viel Mythologisches darin steckt. Man scheint nur auf babylonischen oder persischen Ursprung rathen zu können, wenn nicht Beides zugleich in Frage kommt. Dieses weitreichende Problem faßt Gunkel hier natürlich nicht an, wohl aber sucht er seiner These über Apok. 12 einen Unterbau zu schaffen durch den Nachweis, daß im späteren Judenthum allerdings gewisse Stoffe auf Babylon zurückgehen, wie denn auch Gnosticismus, Manichäismus, Biaudaismus u. s. w. eine bis in späte nachchristliche Zeit reichende babylonische Einwirkung auf die vorderasiatische Welt beweisen. Dahin gehören die 7 Geister, die wie die 7 Engel, 7 Feuerfackeln, 7 Sterne nichts anderes als die 7 Planeten sind, die 24 Presbyteroi (gleichsfalls Sterne) u. A. ferner die Estherlegende (Esther- Jftor), die späteren eschatologischen Aussagen über Leviathan und Behemot. der Drachenmythus im Traum des Mordochai und in der Geschichte vom „Drachen zu Babel". Auch Dan. 7 liegt letztlich der Tiamatmythus zu Grunde. Der Verfasser des Cäpitels hat einen Vorgefundenen Stoff freilich allegorisirt beziehungsweise adaptirt, (Vgl. das 11. Horn) aber er hat ihn theilweife deuten können und eben damit bewiesen, daß er ihn nicht selbst gefunden hat. Tie vier Thiere werden als Differenzirung des einen Chaosthiers (-Weltreichs) zu verstehen sein, das vorher ' die Züge der vier Thiere (Löwe, Adler u. s. w.) in sich vereinte. Ganz ähnlich steht es mit Apok. 13 und 17. Beide Capitel stellen mit Apok. 12 drei schon vor unserer Apokalypse auch literarisch gesondert existireude Recensiouen der gleichen Tradition dar. Sucht man in c. 13. und 17. Tradition und zeitgeschichtliche Deutung (das Thier ist Rom) zu unterscheiden, so ergibt sich, daß die letztere zwar Einiges — zu verschiedenen Zeiten — eingetragen, jedoch die Tradition nicht wesentlich alterirt hat. Die 7 Köpfe und 10 Hörner erhalten sich zum Beispiel bei ganz verschiedener Deutung. In Apok. 12 ist nun nicht wenig namentlich ein Hauptpunkt die Geschichte von der Geburt des Drachenbezwingers, ohne nachweisbare babylonische Parallelen. Allein da diese Geschichte im Zusammenhang des Cäpitels ihre gute Stelle hat, so folgt noch nicht, daß sie dem Mythus ursprünglich nicht angehört hat. Gunkel schließt vielmehr auf einen zum Cyklus der babylonischen Schöpfungserzählnng gehörigen Mythus von Marduk's Geburt zurück. Der letzte Sinn des Ganzen wäre: an dem Tage, da der Winter (Tiamat) seine grimme Herrschaft beginnt, wird auch der Frühling schon geboren, der sein Besieger werden soll (Marduk), die Sonne hat sich mit Wintersanfang zum Sternbilde des Frühlings gewandt; es muß doch Frühling werden. Der Mythus von Marduk's Geburt ist die Legende des babylonischen Winterfestes (Weihnachten), wie der von Marduk's Siege über Twmat die Legende des babylonischen Frühlingsfestes. Zwischen beiden liegen die bekannten 3V» Zeiten. Das Judenthum hat aus dem einmal angeeigneten Mythus Trost und Ergebung geschöpft. Eine Kritik des Buches, von dessen reichem Inhalte mein Bericht noch keinen genügenden Begriff gibt, könnte nur auf größerem Raume geboten werden. Zum trefflichsten rechne ich manche der eingelegten kleineren Abhandlungen, wie über den siebenarmigen Leuchter des Sacharja, über die 7 Geister, die 24 Aeltesten, Armagedon, die Zahl 3l/2, die Correspondenz zwischen Urzeit und Endzeit, allch Beobachtungen wie die über nicht mythologischen Traditionen vom Urmeer, über den Gegensatz der Naturbetrachtung in Gen. 1 und Gen. 2 und ebenso sehr viele in den geistvollen Nachweisen von Verdunkelungen und verwischten Zusammenhängen in den biblischen Texten. Gnnkel's kühnes, so kräftig gegen den Strom schwimmendes Buch ist eine bahnbrechende Leistung, mit der sich der Verfasser in die erste Reihe der Bibelforscher gestellt hat. Nicht unerwähnt darf bleiben, daß Gunkel sich der Mitarbeit des Assysiologen Zimmern zu erfreuen hatte. Er hat nicht blos in den „Beilagen" eine Uebersetzung der in Frage komnienden babylonischen Texte und zahlreiche Anmerkungen und Zusätze geliefert, er hat auch an dem ganzen Werke seinen Antheil. Möchten Theologie und Philologie mehr in dieser erfreuenden Weise Hand in Hand gehen! Correspondenzen. Wien, 1. Juli. Sehr geehrter Herr R ed a c t e u r! Ersuche höfl. um Aufnahme nachfolgender Zeilen. Ich war gestern Abends Zeuge einer unerhörten Beschimpfung eines Gastes seitens des Wirthes, der gegenüber dem Communalbade gelegenen Restauration, Herrn Adlwansteiner, sowie dessen Kellnerpersonale. Der betreffende Gast saß mit einigen Freunden an meinem Nachbartisch und hatte sich Bier und Speisen geben lassen, wobei der Kellner ihm das Brot zu bringen vergaß. Trotz des mehrmaligen höflichen Ersuchens des Gastes konnte er das Brot erst nach einer guten halben Stunde erhalten. Dasselbe war aber schmutzig. Er wollte nun das Brot dem Kellner zeigen und ließ es zufällig zu Boden fallen. Da fuhr ihn der Kellner mit den unfläthigsten Schimpfworten an, wobei er S . . jud d . . . . r und viele andere ähnliche Ausdrücke gebrauchte. Gleich darauf kam der Wirth wuthschnaubend angerannt und rief dem Herrn schon von Weitem zu: „Sie, das Brot müssen Sie mir bezahlen und dann schauen Sie, daß Sie zum Teufel kommen." Der Gast replicirte, das Brot wolle er zahlen, aber dem Kellner möge untersagt werden, ohne Veranlassung Gäste, die noch dazu keine Juden seien, wie er zum Beispiel, nicht S . . jud zu tituliren. Da schrie der Wirth blutroth im Gesicht: „Sie S . . jud, wenn's Ihnen der Kellner gesagt hat, dann sind Sie es auch." In diesem Tone ging es weiter, trotzdem ringsherum sehr viele jüdische Gäste saßen. Es wäre zu wünschen, daß unsere Glaubensgenossen dieses Gasthaus meiden, da ja einige Schritte weiter ein zweites Gasthaus ist, dessen Besitzer noch (!) freisinnig denkt. I- H-

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