Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 28 (9.7.1897)
- Date
- 1897-07-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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>Jlv. 28 Vr Vwch's WmtzenUhriil Sette 579 „Dichtung und Wahrheit"*) zweifellos ist jene Abhandlung über das beschauliche Leben, das gewesen. Vielleicht, daß unsere Kenntniß der Zeit und ihrer religiösen Zustände noch einmal ungeahnt bereichert wird. Denn, wie Wendland schreibt, wer in einer Ueberschätzung unserer Quellen besangen wäre, der kann hie und da aus einem plötzlich auftanchenden Steine oder Papyrus lernen, daß es im hellenistischen Judenthum viele Dinge gibt, die unsere Büchergelehrsamkeit sich nicht träumen ließ." Die Aehnlichkeit der Therapeuten mit den christlichen Mönchen ist geradezu sprechend. Man hat jedoch kein Recht, daraus Schlüsse über die Identität der Beiden zu ziehen. Nur das Princip bleibt dasselbe. Die Klosterbrüder des Katholieismus haben ungefähr verwirklicht, was Philo an den Usern des Mareotis Sees geträumt hat. Jeder aufmerksame Leser dieses Buches muß einsehen, daß das Christenthum nichts zur Entwicklung gebracht hat, was in dem Judenthum des ersten und zweiten Jahrhunderts vor Christi nicht im Keime schon vorhanden gewesen wäre. Dr. A. Neue Erfahrungen auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Literatur. m. 4) Gunkel H. Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit: „Eine religionsgeschichtliche Untersuchung" über Gen. I und Apo. Joh. 12. Mit Beiträgen von Professor Zimmer u. 1895 (M. 11.80). Gnnkel's Buch hat eine sehr verschiedene Aufnahme gefunden. Ed. Meyer hat es als eine epochemachende Erscheinung gekennzeichnet, E. Maaß, um nur den Gegenpol zu nennen, hat äußerst abfällig genrtheilt. Ungewöhnlich bedelltend ist es nun jedenfalls. Es behandelt ein im Grunde neues und religionsgeschichtlich wichtiges Thema nach einer für die theologische Forschung im Grunde neuen und mit großer Sorgfalt dnrchgebildeten Methode, es zeigt eine Fähigkeit, aus zerstreuten Fragmenten einer Vorstellungswelt eine Geschichte abzulesen, aus einem Chaos eine Schöpfung zu machen, die man wohl ohne Uebertreibung selten nennen darf; es verbindet tiefdringenden Scharfsinn und psychologischen Feinsinn; dazu kommt literarischer Geschmack und umfassende Gelehrsamkeit. Selbst wenn das Buch sachlich einen Fehlgang darstellte, würde man aus ihm noch immer erheblich mehr lernen können, als aus manchem „anerkannt trefflichen" Werke. Ebenso muß von vornherein der Werth der schriftstellerischen Leistung anerkannt werden. Das Buch ist ausgereift. Mag man in ihm Einfälle finden, hinausgeschleudert ist nichts, Alles ist überlegt. Gunkel hat es vorzüglich verstanden, den Reiz, den seine Forschungen für ihn selbst sichtlich gehabt haben, aus den Leser zu übertragen. Die Bezeichnung „Eine religionsgeschichtliche Untersuchung über Gerl. I und Apok. Joh. 12", neben dem prägnanten Haupttitel ist eine Abbreviatur, Gen. I und Apok. 12, stehen nur im Mittelpunkte einer ganzen Reihe von Untersuchungen, in denen Gunkel zu zeigen sucht, wie der Schöpfungs- und Chaosmythns von Babylon, auf die kosmologischen und eschatologischen Vorstellungen der Bibel eingewirkt hat. Der kosmogonische Mythus, um deir es sich handelt — wir kennen ihn durch Damascins und Berossus rvie durch die Keilschrifttexte — erzählt, wie Mardnk (Bel), der Gott der Frühsonne, der Stadtgott von Babel, gegen die Tiümat (= Tehom, Urmeer), den Chaosdrachen und ihre Helfer, an deren Spitze Kingu steht, zum Kampfe auszieht, sie besiegt, den Leichnam der TiLmat spaltet (in „die Wasser oben und unten") imb ans ihm die Welt bildet. Gunkel beginnt mit der These, daß Gen.l, obwohl dem gegenwärtigen Bestände nach jung, doch nicht Erdichtung des Verfassers *) Liest man das Capitel: der Therapeutismus in Friedländer's Buch: „Zur Entstehungsgeschichte des Christenthnms", so gewinnt man die Ueberzeugung, daß de vita coutewpiativa keine D i ch t u n g ist; hier wird nänilich der Therapeutismns aus den übrigen ganz unangefochtenen Schriften Philo's, wie er leibte und lebte, nachgewiesen. (Anm. d. Redact.) von PC. sein könne ftWellhausen). Kosmogvnien ruhen überhaupt stets auf Traditionen; sodann aber: Gen. l enthält eine ganze Reihe von Zügen, die in und aus dem jetzigen Berichte nicht mehr wirklich verständlich sind, vielmehr als Bruchstücke eines älteren Zusammenhanges als Nachklünge mythologischer Traditionen gelten müssen. Neben dem Chaos, dem Brüten des' Geistes (Vorstellung von Weltei) u. A. gehört dahin z. B. das „Lasset uns Menschen machen", hinter dem Plural steht das Bild einer göttlichen Rathsversammlung, von der der jetzige Text nichts mehr weiß. Nun weist Manches in dieser Tradition unmittelbar daraus hin, daß ihre ursprüngliche Heimat Babylonien, jedenfalls nicht Israel war. Die Anschauung, daß die Well einst Wasser war, konnte nur in einem Stromlande entstehen. ^Anders Gen. 2, 5—6 skanaanäischj, wo das Wasser Wohlthat der Gottheit ist, nicht zu überwindender Feind). Die Untersuchung wendet sich hier einstweilen anderen Stellen zu. Sie lassen eine reiche Geschichte des Schöpiungsnnd Chaosmythus erkennen, die seine ursprüngliche Identität mit dem Mardnk-Tmmat-Mythus außer Zweifel stellt. Es sind alle die bis auf Henoch uird 4 Ezra reichenden Worte, die von Rahab, den Ungerhümen Leviathan und Behemoth, dem Drachen im Meere und der Schlange auf dem Meeresgründe reden. Keine dieser Stellen erzählt den Mythus, aber sie setzen ihn voraus und lassen eine Fülle concreter, den babylonischen Daten paralleler Züge, daneben allerlei Varianten erschließen. Nur zum Theil freilich zeigen sie noch Verständniß für den ursprünglichen Sinn. Das Mythologische ist vielfach verdunkelt und abgeblaßt. Der Mythus depotenzirt sich zur Sage von einem Meerungeheuer oder ans dem personifieirten Urmeere wird ein in der Gegenwart gedachtes Meernnthier u. s. w. Eine ganz eigenartige Classe von Anspielung an den Mythus beziehungsweise Nachklängen bilden die Dichterworte, in denen die mythologischen Vorstellungen von Ungeheuern ganz verschwinden, aber vom Meere gerade ebenso gesprochen wird, wie in jenen anderen Stellen, wo den Aussagen über die Chaoswesen solche über das Meer so oft parallel gehen: „Javeh hat daS Meer in der Urzeit gebändigt, er bändigt es noch, er wird es einst bändigen." Hab. H. Nah. 1, Ps. 18 lassen ans eine alte Gewitter-Theophanie schließen, in der Javeh's Zorn — anders sonstige Gewitter-Theophanieu — gegen das Meer entbräunt war, dieser Zug, hier freilich schon zum traditionellen poetischen Motive geworden, ist nicht leicht begreiflich bei einem Volke, dessen Phantasie durch seinen Wohnort gar nicht auf's Meer gewiesen war. Erst aus Grund dieses Materiales wird die babylonische Herkunft von Gen. l direct behauptet. In Gen. l. ist der Mardukmythus zur Prosa geworden und trotz eines Restes von uralten Zügen im Wesentlichen judaisirt. Die jndaisirende Bearbeitung hat die älteren Recensionen verdrängt, deren Ueberbleibsel uns noch in poetischen Stücken begegnen, die weit jünger sind, als Gen. l. Wann ist der Mythus in Israel eingewandert? Diese Frage bietet dem Verfasser Anlaß, den Proceß des Einströmens babylonischer Elemente in seinen verschiedenen Perioden zu verfolgen. Das Exil kann nicht die Zeit der Uebernahme gewesen sein, schon weil Gen.! als eine directe Aneignung und lieber» setznng eines dem Bearbeiter noch als babylonisch bekannten Stoffes nicht zu begreifen ist. Ebensowenig aber auch daS achte und siebente Jahrhundert; müssen doch auch die gleichfalls von Babylon kommenden Sagen von der Sintfluth, vom Paradiese, von Nimrod nnd vom Thurmbau in vorprophetischer Zeit recipirt worden sein. So bleibt nur die älteste Zeit. Der Fund von Tell-el-Amarna zeigt uns, wie intensiv die babylonische Cultur damals auf Kanaan gewirkt hat. Durch die Besetzung von Kanaan geriethen die Hebräer indireet unter babylonischen Einfluß. Spuren davon sind nachweisbar, auch für die Religion, in cultisch-kosmvlogischen Symbolen. Das eherne Meer im Ternpel Salomo's ist eine ursprünglich babylonische Darstellung des Urmeeres; solche „Meere" stellten babylonische Könige auf. Voraussetzung ist natürlich, daß der Schöpfungsgedanke selbst bereits der ältesten Zeit angehört hat. Dagegen läßt sich aber auch Durchschlagendes nicht sagen. Bereits in diesem Abschnitt über Gen. 1. hat der Verfasser einer eschatologischen Wendung des Mythus gedacht, die von der Zeit des Jesaja (27,1) an bemerkbar wird, aber wohl schon