Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 28 (9.7.1897)
- Date
- 1897-07-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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sette 578 Vr. Kloch's Zvochenschrrfl. Nr. 28 und zwar solle mau, so heißt es dort, das Thier tödteu und gewisse Theile der Leber unverzüglich dem Gebissenen zn essen geben. Wenn man bedenkt, wie streng die Rabbiner über das Speiseverbot am Bersöhnungsseste gewacht haben, so muß man annehmen, daß sie jene Vorschrift nicht aus bloßer Vermuthung, sondern auf gewichtige Beobachtungen gestützt, ertheilt haben. Dies geht noch ganz besonders aus der bezüglichen Discnssion im Talmud hervor, in der betont wird, daß der Ausbruch der Hundswuth bei dem gebissenen Menschen umso leichter verhütet werden kann, je eher mau bei diesem die erwähnte Maßregel anwendet. Offenbar ist es die Anschauung der Rabbiner gewesen, daß die Leber des kranken Hundes wirksame Antitoxine enthalte und die Gewebe des sie genießenden Menschen giftfest gegen die in den Körper eingedrungenen Toxine mache, wenn ihnen auch die modernen theoretischen Erwägungen fremd waren. Interessant ist auch die auffallend genaue Charakterisirung des „tollen" Hundes im Talmud: „Er hat das Maul geöffnet, der Speichel rinnt herab, die Ohren hängen schlaff, er hält den Schwanz zwischen den Schenkeln, schleicht umher an den Seiten der Straße und bellt mit tonloser Stimme." Die jüdischen Mönche in der vorchristlichen Zeit. Ungefähr zur selben Zeit als das Hasmonäerreich endgültig begründet wurde, machte sich eine der merkwürdigsten Erscheinungen auf dem Gebiete des Judenthums bemerkbar. Es entwickelten sich nämlich in Judäa unter dun Namen Essäer wirkliche klösterliche Einrichtungen, deren Charakter man niemals sorgfältig genug studieren wird. Es waren wirkliche Klöster, die man plötzlich in Israel zn begründen anfing. Der Essäer ist ein Mönch, der seine Klosterregeln und seinen Obern besitzt, kurz alles — mit Ausnahme des Papstthumes — was die heutigen katholischen Mönche ihr eigen nennen. Als Seitenstück zu den Essäern führt uns Philo eine Bereinigung contemplirender Asketen vor, die Therapeuten heißen. Im zweiten Buche seiner Kirchengeschichte berichtet Eusebius, daß der Evangelist und Avostelschüler Markus in Egypten gepredigt und Gemeinden gegründet h abe.Seiner Meinung nach besitzen wir eine Schilderung dieser Gemeinden in der Abhandlung desjüdischenLiteraten Philo : „De vita eoutempiativa". Philo, so meint der gelehrte Bischof, habe in dieser Schrift die damals lebenden apostolischen Männer, die wahrscheinlich hebräischer Abstammung waren, gezeichnet und dabei deut-ich gemacht, daß sie die jetzigen kirchlichen Vorschriften und die Lebensweise christlicher Asketen schon beobachteten: d. h. Eusebius sieht in den von Philo geschilderten Asketen die Vorbilder der christlichen Mönche. Philo's Schilderung dieser wunderlichen Heiligen hat den Gelehrten viel Kopfzerbrechen gemacht. Neuerdings haben jedoch zwei mit umfassender Kenntniß der philonischen Schriften ausgerüstete Gelehrte, der Engländer Conybeare und der Deutsche W e n d l a n d, den, wie es scheint, vollkommen gelungenen Nachweis erbracht, daß zur Annahme einer Fälschung keinerlei, jedenfalls kein genügender Grund vorliegt. Nach Wendland sind die Therapeuten aus Kreisen der Schriftgelehrten hervorgegangen; die Stimmungen und Grundsätze, die nachweislich hier sich finden, erklären die Bildung eines solchen Vereines zur Genüge. Natürlich darf man dabei nicht an palästinensische Juden denken, vielmehr muß man stets im Auge behalten, welche Mannigfaltigkeit von außerjüdischen, insbesondere genuin egyptischen Einflüssen in den Kreisen, von denen die Therapeuten eine Gruppe darstellen, wirksam war; ist doch auch der Name Therapeuten von egyptischen Cultvereiuen entlehnt. lieber den Namen der Therapeuten, die Ziele, die sie verfolgen, ihre Stellung zum äußeren Besitz, ihre Verbreitung gibt Philo folgende allgemeine Ausführungen. „Nachdem ich von den Essäern gesprochen habe — sagt Philo — die das thätige Leben besser als irgend wer verstehen und ausüben, will ich nun von jenen Menschen reden, die sich dem beschaulichen Leben ergeben haben" . . . Man nennt sie Therapeuten, sei's weil ihr Beruf die höhere Medicin ist, die nicht nur die Krankheiten des Leibes, sondern auch die der Seelen heilt, sei's weil sie durch Studien der Natur und der heiligen Gesetze den Dienst des Ewigen erlernt haben. Jedenfalls sind sie die besten und die glücklichsten Wesen von der Welt. Anschauung des Seienden ist das Ziel ihres Strebens, in dem sie ihr Glück finden. Und nicht Gewöhnung oder äußere Aufforderung, sondern himmlische Liebe und die durch sie gewirkte Begeisterung führt sie zu diesem Ziele. In der Liebe zu diesen: seligen Leben geben sie ihren Besitz ihren Verwandten und Freunden hin und ziehen sich aus dem Geräusch der großen Städte in die Einsamkeit zurück, um, aller Sorgen ledig, ganz der Beschaulichkeit und Enthaltsamkeit zu leben. Sie verlassen ihre Verwandtschaft, Freundschaft und ihr Vaterland, da das gewöhnliche Leben zum Bösen verführt, sie verschmähen überhaupt den Aufenthalt in Städten, der so viele Unruhe, Sorge und Versuchung mit sich führt, und suchen die Einsamkeit auf, in der sie sich allein vor schädlichen Einflüssen bewahren können. An vielen Orten der Welt gibt es Leute der Art, besonders verbreitet sind sie in Egypten, in allen Gauen und vornehmlich in der Umgebung von Alexandria. Die Besten von ihnen versammeln sich in der Gegend des Mareotis-Sees, als in dem eigentlichen Vaterland der Therapeuten, der durch die Sicherheit seiner Lage und die Güte seines Klimas besonders geeignet erscheint. Der Orden bestand aus Männern jeden Alters und aus Frauen. Eine höhere Werthschätzung der Jungfräulichkeit ist bei den Therapeuten anzuerkennen. Sie leben in einzeln stehenden, von einander nicht zn entfernten, höchst einfachen Wohnungen. Jedes Häuschen birgt ein heiliges Gemach, das sie „Semneion" und „Monasterion"*) neunen und in dem sie ihre religiösen Uebungen halten. Es hat noch einem Raum gegeben, der andern Zwecken, vor Allem zur Aufnahme von Nahrung biente. So einfach wie ihre Wohnung, ist auch ihre Kleidung, im Winter ein nwllenes, im Sommer ein leinenes Gewand. Brod, Salz und Wasser, für die Leckeren ein wenig Isop bilden ihre Speise und Trank, die sie doch erst nach Sonneuuntergaug zu sich nehmen. Manche fasten tagelang, ja, es gibt solche, die sechs Tage ohne Nahrung bleiben. Erwerbsthätigkeit kennen sie nicht. Vielmehr wie sie den Tag mit Gebet beginnen und schließen, so füllen sie ihn ans mit der Betrachtung der heiligen Schriften, Gesetz, Propheten, Psalmen und andere Schriften haben sie in ihrem Oratorium und sind damit beschäftigt, sie allegorisch auszulegen, da die Worte ihnen nur als Sinnbilder einer verborgenen Wahrheit gelten. Als Muster solcher Thätigkeit dienen ihnen die Schriften „alter Männer" die als Stifter der Secte viele Denkmäler der in den Allegorien enthaltenen Lehren hinterlassen haben. Daneben dichten sie religiöse Lieder, Hymnen auf Gott, in verschiedenen Versmaßen und Tonarten, doch wie billig und erhabenen Charakters. So bleiben sie sechs Tage für sich. Am siebenten Tage kommen sie in einem gemeinsamen Heiligthum zusammen, nachdem sie sich mit Oel gesalbt haben. Männer und Weiber — es sind meist bejahrte Jungfrauen — sind durch eine Scheidewand getrennt. Man setzt sich dem Alter nach, die Hände unter dem Gewand, die Rechte zwischen Brust und Kinn, die Linke herabhängend. Der Aelteste erhebt sich und hält einen lehrreichen Bortrag, ohne Pathos und Wortschwall, aber gedankenvoll. Nur durch Bewegung der Augen oderdes Kopfes geben die Hörer ihrenBeifall zu erkennen. Alle 50 Tage feiern sie ein Fest mit einer Vorfeier am 49. Tage. Weißgekleidet kommen alle zusammen. Auf ein gegebenes Zeichen erheben sie die Hände zum Gebet und lagern sich dann, die Männer rechts, die Frauen links, auk Streu mit Polstern von Papyrus. Bedient werden sie von jüngeren Gliedern der Secte, die aber nicht nach Sclavenart sich schürzen. Als Nahrung wird die alltägliche Speise gereicht: Brod, Salz und Mop. Wasser, das für die Aeltesten erwärmt wird, kein Wein. Unter tiefem Schweigen der übrigen erörtert der Vorsitzende eine Schriftstelle oder beantwortet Fragen, die ihm entgegengetragen worden sind, Alles in ruhigem, gemessenem Vortrag. Erst am Schluffe wird lauter Beifall gespendet. Dann singen sie der Reihe nach, aber einzeln ihre Hymnen, den Refrain gemeinschaftlich. Nun erst folgt das Mahl und darnach die heilige Nachtfeier: Männer und Frauen gehen in zwei Chöre auseinander, die nun, theils zusaminen, theils abwechselnd unter Gestimlationen und Tanzen Hyumen singen. Dann mischen sich beide Chöre zu einem Chor, dem Abbild dessen, den einst Moses und Mirjam nach dem Zuge durch's Rothe Meer eingerichtet hatten. Das dauert bis zum frühen Morgen; bei Sonnenaufgang endigt ein Gebet um einen glücklichen Tag, um Wahrheit und Schärfe des Geistes die Feier, und jeder zieht wieder in sein Semneion, um die gewohnten Andachtsübungen fortzusetzen. *) Renan liest mit Recht: Mystcrron, statt des vcrchriftlichten „Monastcrion". Die Red.