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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-07-09 · 28 (9.7.1897) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
28 (9.7.1897)
Date
1897-07-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 28 Vr. Nwrtz« MoirrrnsrlpttN. Seite 577 pfinden mag, wenn er Morgenluft zu spüren anfängt. Dieser Wuthausbruch, der freilich ein unauslöschlicher Fleck auf dem bis in die letzten Jahre doch so glanzvollen Wappen der herrlichen, so schönen Stadt Wien bleiben wird, läßt den besseren Psychologen doch bereits ein leises Wehen von Morgenluft ahnen. Es muß mit den segensreichen Erfolgen der neuesten Stadtverwaltung, mit ihren Finanzen, mit dem goldenen Zeitalter, welches für die Lehrer, für die Beamten, für das Kleingewerbe, für das Gedeihen der Unternehmungen, für das Erblühen des Handels, für das Ansehen der Kaiserstadt und für die Entbehrlichkeit des Großcapitals hereingebrochen ist, seit Dr. Carl Lueger Bürgermeister wurde, doch nicht gar so glänzend bestellt sein. Der Krach wird früher oder später hereinbrechen. Das erlöste Volk wird sich endlich doch als ein verrathenes und verkauftes Volk erkennen, es wird der Schmach einer solchen Gewaltherrschaft doch zu viel sein, daun wird es ein großes Verstecken und Wegschleichen all der fürnehmen Gönner und hohen Würdenträger geben, die alle ihren Günstling Dr. Carl Lueger verleugnen werden. So viel aber auch den Juden bis dahin Böses geschehen mag, ein Ruhm für sie wird nicht zu thener bezahlt sein — der Ruhm, daß sie mit Stolz werden sagen können: Wir haben ihn nicht bekommen — unser Bürgermeister war Dr. Carl Lueger nicht! Unsere Interessen hat er nicht gewahrt. Unser Geld hat er genommen, unsere Rechte hat er nicht genommen. Uns hat er geschworen, wie allen Bürgern der Stadt, an uns hat er den Eid gebrochen, Gesetz und Recht, wie es sein Schwur erheischte, an uns nicht geübt. Wir hatten keinen Bürgermeister, an welchen wir gerechte Gesuche und Anforderungen stellen konnten, bei Anstellitugen kannte er uns nicht, für Subventionen existirten wir nicht. Die 100.000 jüdischen Bürger Wiens hatten zu feiner Zeit keinen Bürgermeister, keinen Hüter und Beschützer ihrer Rechte. Das ist eine Thatsache, die er heute ja leicht selbst bestätigen, sicher aber später gerne ableugnen wird. Dr. A. L. Ster n. Dr. Lueger in Preßburg. Preß b u r g, 4. Juli. Die Lneger-Affaire in Preßburg, bei welcher Dr. Lueger, wie nun erwiesen ist, in die Kirche flüchtete, um den Insulten auszuweichen, wird ein gerichtliches Nachspiel haben. Die Polizei hat die Acten, betreffend einiger Veranstalter des Rummels, der Staatsanwaltschaft übergeben, welche die Anklage wegen Aufreizung erheben wird. Interessant ist es, daß der polizeiliche Schutz Lueger's durch einen aus Wien ausgewiesenen Juden Namens Hofbauer requirirt wurde. Ein Jude als Diplomat. Ein Memoirenwerk ganz besonderer Art hat der nimmermüde Professor Dr. Kaufmann an's Tageslicht gezogen und der Oeffentlichkeit übergeben.*) G l ü ck e l H a m e l n, eine einfache jüdische Frau, so heißt die Schreiberin dieser Erinnerungen dachte, als sie, ihre eigenen melancholischen Gedanken zu verscheuchen und zu Nutz und Frommen ihrer Kinder niederschrieb, gewiß nicht, daß sie einmal dem Forscher eine ergiebige Quelle' fiir die Kenntniß der Cultnrgeschichte des XVII. Jahrhunderts werden könnten Merkwürdig war das Lebensgeschick dieser Frau. Trotz des Reichthnms, in dem sie nach dem Tode ihres Mannes geblieben war, wollte sie nicht rasten; sie setzte ihre Ehre darein, das Weltgeschäft, das ihr Mann begründet hatte, weiter zu führen und zu erhalten und besuchte die Messen zu Leipzig, Frankfurt a. M. und Frankfurt a. d. - O. So konnte sie ihre Kinder in angesehene Familien einheiraten lassen und den Kreis der vornehmen Beziehungen erweitern. Diese sonst so kluge und vorsichtige Frau beging aber eine Thorheit, sich, allerdings auf Andrängen ihrer Kinder, im 55. Lebensjahre zum zweiten Male zu verheiraten. Dies war ihr Unglück, denn ihr zweiter Mann, ein angesehener und als reich bekannter Kaufherr in Metz, gerieth durch die Kriegsverhältuisfe in Fallissement und in Armuth. So mußte die an Reichthum und Wohlthun gewöhnte Frau an ihrem Lebensabend das Gnadenbrod bei einem ihrer Kinder genießen. In der Stimmung tiefen Seelenschmerzes sind nun diese Memoiren entstanden, die nicht allein wegen der über ganz Deutschland sich ausbreitenden Familienbeziehungen dieser Frau interessant sind, sondern auch ganz unerwartete Culturbilder vor uns anfrollen. Eine Begebenheit aus dem reichen Leben dieser Frau dürfte für weitere Kreise von Interesse sein. *) Die Memoiren der Glücket von Hammeln. Frankfurt am Main. 1896. I. Kaufmann. Im Jahre 1073 wurde die Hochzeit ihrer ältesten, noch nicht 14 Jahre alten Tochter mit dem Sohne des Elia Gomperz zu Cleve in großer Pracht gefeiert. Elia G o m p e r z war der Hofagent oes K u r f ü r st e n F r i e d r i ch W i l h e l m und stand wegen der vorzüglichen Dienste, die er ihm als Lieferant von Waffen, Geschützen und Pulver geleistet hatte, in so großem Ansehen bei ihm, daß er ihn mit einer diplomatischen Mission nach Holland betraute. Daß aber die Zuneigung des Fürsten zu diesem Manne über das Geschäftliche hinausging. beweist die Gegenwart des P r i n z e it Friedri ch, des nachmaligen Königs Friedrich!., bei der erwähnten Hochzeitsfeier. Das Haus des Elia Gomperz war fürstlich geführt. Eine glänzende Gesellschaft war in den prächtigen Sälen, deren goldverzierte Ledertapeten den Eindruck vornehmer Gediegenheit machten, am Hochzeitstage versammelt. Pünktlich trat Prinz Friedrich (er war damals noch nicht Kurprinz, da fein älterer Bruder, Karl Emil, noch lebte), der sich vorher hatte ansageu lassen, in Begleitung des Statthalters des Herzogthumes Cleve, Fürst Moritz von N a j s a u, nebst Gefolge ein. Nach der Trauung, die in einem der Säle stattfand, wurden die anderen Prunksäle geöffnet, in denen ein Buffet den Güsten die auserlesensten Consituren, Früchte und gute alte Weine bot. Tie Fürsten ließen es sich gut munden, waren sehrfreundlich gegen die Festgeber, besonders gegen die Kinder, mit denen sie auf's Liebenswürdigste scherzten. Auch blieben sie noch bis nach den damals üblichen Vorstellungen, mit denen professionelle Possenreißer die Gäste zu belustigen pflegten. Das Merkwürdigste ist aber, daß die Aufführung eines Todtentanzes i den Schluß der Belustigungen bildete. „Ter junge Prinz fainmt Fürst Moritz und alle Vornehmen sind gar vergnügt hinweggegangen, und kein Jude hat seit hundert Jahren solche Ehre gehabt." Sv schließt der Bericht über diese Hochzeit. Antisemitische Geistliche. Im Mai vorigen Jahres erschien in der „Linzer Tagespost" ein „Eingesendet" folgenden Inhaltes: „Pfarrer Johann Ev. Mittendorfer hat sich gegen vielfache Bestimmungen des Strafgesetzes vergangen, das Sittlichkeitsgefühl seiner Pfarrkinder gröblichst verletzt, eine Ehe gestört und das in ihn gesetzte Vertrauen wiederholt in verbrecherischer Weise mißbraucht; Pfarrer Johann Ev. Mittendorfer ist ein Verbrecher, jeder anständige Mensch soll sich von ihm fernehalten." Dieses „Eingesendet" war von acht angesehenen Ortsbürgern Schwertbergs unterfertigt, die zumeist Mitglieder der Gemeindevertretung sind. Pater Mittendorfer brachte wider sie zuerst die Strafanzeige und dann die Anklageschrift wegen Ebrenbeleidigung ein und dieser Tage sollte hierüber die Verhandlung vor dem Schwurgerichte in Linz stattfinden. Es waren 70 Zeugen vorgeladen. Die Angeklagten erboten sich zum Wahrheitsbeweise und überreichten dem Gerichte bereits gedruckte Beweisanträge umfangreichster Art bezüglich verschiedenster Unsittlichkeitsacte, Vertrauensmißbrauch und Unterschlagungen, welcher der Kläger beschuldigt wurde. Nachdem die Verhandlung bereits einmal auf Ersuchen des Pfarrers vertagt wurde, trat er diesmal von der Klage bedingungslos zurück. Selbstverständlich war dieser Ehrenmann auch enragirter Antisemit und widmete sich als Redacteur des berüchtigten Preßburger Antisemitenorgans der Bekämpfung — jüdischer Unmoral. Es ist wohl das Verdienst dieses Priesters, daß L u e g e r dieser Tage mir Freude constatiren konnte, daß er in Preßburg viele Gesinnungsverwandte gefunden hat. Robert Koch und der Talmud. Durch die jüngsten Forschungen Koch's in Südafrika hat eine medicinifche A ns ch a u u n g des Talmuds, wie Tr. Max Calvary in einem geistvollen Aufsatze in der „Münchener medicinischen Wochenschrift" zeigt, eine interessante Beleuchtung erfahren. Bei seinen Studien über die Rinderpest hat Professor Koch gefunden, daß bei den von dieser Krankheit befallenen Thieren die Galle, das Product der Leber, eine besonders große Menge wirksamer Antitoxine enthalte, und hat die Entdeckung auch alsbald pracrisch nutzbar gemacht. Daß die Leber erkrankter Thiere spec-fische Heilkörper gegen die betreffende Krankheit in gewissen Fällen bilde und aufspeichere, ist auch von den Rabbinern des Talmud mit aller Bestimmtheit ausgesprochen worden. Unter denjenigen Fällen, in welchen es gestattet ist, am Versöhnungsfeste Speise zu sich zu nehmen, wird nämlich im Talmud auch der genannt, daß ein Mensch von einem „tollen" Hunde gebissen worden ist.

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