Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 28 (9.7.1897)
- Date
- 1897-07-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 574 Vr. Vloch's Wochenschrift Nr. 28 So sehen wir überall und in allen Beziehungen die schädlichen Folgen der Judenverfolgung, nicht blos für diese, sondern auch für die christlichen Einwohner und für den Staat Den Bortheil haben nur einige Ausbeuter, welche, von jüdischer Concurrenz befreit, sich vom Schweiße und Blute des Volkes mästen. Nur ist der russische Kulak noch verhältnißmäßig ehrlich und sagt nicht mit heuchlerischem Augenverdrehen, während er als „Volksvertreter" nur sich bereichert, er wolle das christliche Volk von den jüdischen Ausbeutern befreien. LI. Iud', gib's Geld her! Die Deutschen in Oesterreich befinden sich im Kriegszustände gegen die Regierung, gegen das Slaventhum und gegen die clerical-feudale Reaction. Ein Krieg gegen drei Fronten — das erfordert Mannschaft und Geld, und im deutschnationalen' Hauptquartier ist man trotz allem Pnrs-r teutonicjis doch gerne geneigt, die Hilfscontingente und die Hilfsgelder zu nehmen, wo man sie findet. Nicht nur mit den längst- und bestgehaßten Liberalen hat man sich verbündet, man rechnet auch mit einem Factor, den man vor Erlassung der Sprachenverordnung als den „schlimmsten Schädling des deutschen Volkes" bis aufs Messer bekämpfte — mit den Juden. Das deutsche Volk, die deutsche Sprache, der d e u t s che Antisemitismus ist in Gefahr, und zur Rettung ruft man jene „orientalischen Fremdlinge" herbei, die allerdings seit fünfzig Jahren die eifrigsten Pionniere, die treuesten und sichersten Stützen des Deutschthums in Oesterreich waren. Unsere moderne deutsche Cultur zeigt auch da ihre Ueberlegenheit. Die Heloten Griechenlands, die Sclaven Roms, die Unfreien bei den alten Germanen waren vom Waffendienste ausgeschlossen. Die teutonischen Helden von Heute sind minder stolz: sie erklären die Juden als eine „inferiore Race", sie wollen sie zu Heloten machen, aber im Augenblicke der Noth appelliren sie an ihr Freiheitsgefühl und an ihre Freigebigkeit. Allerdings mit Vorbehalt! Denn was ein echter, unverfälschter Deutscher ist, der muß seinen principiellen Standpunkt wahren. Man öffnet den Juden die Thüre, aber man sagt ihnen dabei gleich, daß sie zur gegebenen Zeit wieder hinausfliegen werden. Der Abgeordnete Hofmann v. Wellenhof hat von einer „S ch o n zei t" gesprochen, nach deren Ablauf wieder unangenehme Zeiten für die jüdischen Hilfstruppen anbrechen würden. Und den gleichen Ton haben die Herren Schönerer und Wolf angeschlagen. „Nur keine Illusionen, meine Herren!" sagte Czar Alexander II., als er einst in Warschau leutselig die x Begrüßung der polnischen Magnaten entgegennahm. „Nur keine Illusionen!" rufen uns auch die Antisemiten in dem Augenblicke zu, wo sie uns die offene Hand Hinhalten, um mit jüdischem Gelbe ihre Kriegscasse zu füllen. Am 5. d. M. hat in Mährisch-Aussee die Hauptversammlung des „Bundes der Deutschen Nordmährens" stattgefunden. Bei derselben hatte die Wiener Bundesgruppe den Antrag eingebracht: „Mitglieder des Bundes können nur deutsche Stammesgenossen werden". Die Grundstimmung der Versammlung war diesem Anträge, welcher den Zweck verfolgte, den Bund „judenreiu" zu machen, zweifellos günstig, denn die christlich-deutschen Jungftauen von Mährisch-Aussee hatten es durchgesetzt, daß den jüdischen Jungftauen die Theilnahme am Bundes festznge ver- 1 wehrt wurde. Trotzdem wurde der Antrag in der Hauptversammlung mit 176 gegen 118 Stimmen abgelehnt. „Höhere Erwägungen" waren dabei maßgebend, Erwägungen, welche die „Ostdeutsche Rundschau" mit dankenswerther Klarheit in folgender Weise charakterisirt: „Der Bund will keinen Idealen nachstreben; er will vor Allem Geld!" lieber diesen schnöben Realismus ist Herr K. H. Wolf im höchsten Maße entrüstet; und auf daß den Juden Nordmährens ob ihrer weiteren Duldung in den Reihen der „deutschen Volksgenossen" nur ja der Kamm nicht schwelle, erklärt er ihnen in seinem Blatte mit „mannhafter" Offenheit: „Die P. T. Juden mögen sich nur keinem Zweifel hingeben : nicht Liebe zu ihnen, nicht Philosemitismus hat ihnen ihren weiteren Einfluß im Vereine noch für ein Jährchen gewahrt, sondern nur die durchgar nichts begründete Furcht der derzeitigen Bundesleitung, daß die Juden an dem Bunde R a ch e n e h m e n und ihre Taschen z nknöpfen könnten, hat es bewirkt, daß die Juden nicht schon gestern verdientermaßen aus dem nationalen Schutzvereine, in den sie Hineinpassen, wie Pontius ins Credo, vor die Thüre gesetzt wurden. Wie die Deutschnationalen aller Richtungen diese schmähliche Judenfurcht der derzeitigen Leitung beurtheilen und behandeln werden, ist eine innere deutschnatiouale Angelegenheit, die wohl noch ausgetragen werden wird. Aber den Juden, die heute noch aus eingebildeten Zweckmäßigkeitsgründen glauben, dem Bunde der Deutschen Nordmährens augehören zu müssen, ihnen wollen wir als unversöhnliche, aber ehrliche und offene Gegner die Frage vorlegen: Was habt Ihr von einem Vereine zu erwarten, in dem 118 Vertreterstimmen offen die Absicht befinden, E u ch. b e i der n ä ch st e n G elegenheit an die Luft zu setzen, während die übrigen 176 „liberalen" Stimmen nichts weiter sagen, als: „I u d', g i b's Geld her, so lang' es Dich freut; wenn unsere antisemitischen Volksgenossen einmal die Macht in Nordmähren haben — und lang' kann es ja nicht mehr dauern — dann wollen auch w i r ' a n dem H i n a u s w u r f e Eurer „geschätzten" Persönlichkeiten mit Vergnügen m i t h e l f e n und uns o b e n d r e in unserer Pfiffigkeit freuen, Euch dummen Juden noch ein Jahrlänger, als es die Antisemiten wollten, das Geld ans der Tasche gelockt zu haben!" Wie weit die Warnung, die Herr Wolf unseren mährischen Glaubensgenossen erlheilt, durch deren active Theilnahme an beit Bestrebungen des „Bundes der Deutschen Nordmährens" gerechtfertigt ist, wollen wir vorläufig dahingestellt sein lassen. Die Thatsache, daß jüdische Mädchen bereit waren, au dem Bundes-Festzuge theilzunehmen und dann die Schmach einer Abweisung erfahren mußten, zeigt allerdings, wenn sie richtig ist, daß unsere Glaubensgenossen in Mährisch-Aussee noch einem bedenklichen Opportunismus huldigen, von dem sie hoffentlich die erwähnten Vorgänge gründlich heilen werden. Aber interessant sind die Expectorationen der „Ostdeutschen Rundschau" im Hinblick auf die Gesinnungen der „gemäßigten" Deutschen. Herr- Wolf muß Herzen und Nieren seiner „liberalen" Stammesgenosseu kennen, und wenn er von ihnen behauptet, daß sie nur das Geld von den Juden haben und sie dann bei nächster Gelegenheit „hinauswerfen" wollen, so stimmt das so sehr mit der „Schonzeit" des Abgeordneten H o f m a n n v. Welle nh o f, daß man der Zuverlässigkeit dieser Charakteristik wohl vertrauen kann. Auch Herr Schönerer, dessen Judenhaß in letzter Zeit vor dem Czechenhaß und vor dem Grimme gegen Badeni etwas stiller geworden ist, pfeift ja dasselbe Lied, um seine Anhänger nicht kopfscheu zu machen. In der Versammlung des „Bundes deutscher Landwirthe" zu Dürnstein vermoppelte er zunächst gründlich die Christlich-Socialen, weil sie getaufte Juden in ihre Reihen aufnehmen, und fuhr dann fort: „Ich beneide diese Partei nicht um dasjenige, was wir mit Abscheu und Verachtung von uns abgewiesen haben und was dann die Christlich-Socialen ausnehmen und zu Ehren, Würden und Stellungen kommen lassen. Was die Juden anbetrifft, ist unser Standpunkt unverrückbar derselbe: I u d bleibt I u d, ob er sich taufen läßt oder nicht. So wenig, als sich der Löwe auf den Standpunkt der Laus stellen kann, so wenig kann sich ein b e w u ß t e r Deutscher auf den Standpunkt m i n d e r w e r t h i g e r Nationen stellen". Die Väter der jüdischen Jungfrauen in Mährisch-Aussee mögen sich dieses Wort merken und auch anderwärts mögen es unsere Glaubensgenossen beherzigen. Die Haltung der „Neuen Freien Presse", — die von den Antisemiten mit Unrecht als das Judenblatt Kat exochen bezeichnet wird -- in der Sprachenfrage hat unseren Glaubensgenossen den Borwurf zugezogen, daß sie die Gelegenheit benützen wollen, um sich dem „deutschen Volksthum" wieder anzubiedern. Im Namen der überwiegenden Mehrheit der österreichischen Juden weisen wir diesen Vorwurf zurück. Die „Neue Freie Presse" ist nicht das Organ des Judenthums, sondern jenes der deutschliberalen Partei, die an den Juden ohnehin genug gesündigt hat. Die österreichischen Juden sind durch den Gang der Ereigniffe nothgedrungen zur Anerkennung der von Adolf Fischhof schon vor einem Menschenalter vertretenen Ideen und namentlich des Grundsatzes gelangt, daß Nationalismus und Liberalismus einander ausschließende Begriffe sind. Die staatsbürgerlichen Rechte der Juden können aber nur in einem wahrhast liberalen Staatswesen dauernden und sicheren Bestand gewinnen. Die Herren Schönerer und Wolf brauchen sich nicht zu strapaziren. Die eigensten Interessen der Juden gebieten