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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-07-09 · 28 (9.7.1897) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
28 (9.7.1897)
Date
1897-07-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 28 Vr. Vloch's WochrnfttzrM Seite 573 Roggen 80 bis 90 Kopeken, in dem judenreinen Rjäsan 120 bis 130, obwohl die Transportkosten zwischen beiden Orten nur 24 Kopeken betragen. Aber es fehlte die jüdische Vermittlung, und die Arier wollten ihre zwanzig Percent verdienen. Dagegen waren im Gouvernement Cherson, wo den Juden der Aufenthalt gestattet ist, die Preise trotz der schlechten Ernte verhältnißmäßig billig. Fürst Sokolski-Druschky, einer der größten Grundbesitzer im Gouvernement Pensa, erzählt im „Wjestnik Evropi" (Europäischen Boten): „Die Lage der Gutsbesitzer ist seit vor ungefähr sieben Jahren, als die ersten jüdischen Händler zu uns kamen, eine viel bessere geworden, indem sie uns von dem Monopol der Getreidehälldler befreiten und bessere Bedingungen gewährten. Die Vorschüsse, welche sie gleich nach der Aussaat für das ungefähr zu erwartende Resultat der Ernte gaben, waren für uns eine große Wohlthat. Die Preise des Getreides richteten sich nicht mehr nach der Willkür der Händler und dem Geldbedürfniß der Producenten, sondern nach den Preisen der großen Märkte in Liebau und Reval. Und endlich mußten sich auch die heimischen Händler dazu bequemen, uns dieselben Vortheile wie die Juden zu gewähren. Dies kam aber nur den Großgrundbesitzern zu Statten, die ihre Geschäfte in der Stadt abschließen können, der Bauer blieb in der Gewalt der orthodoxen Händler, welche keine Concnrrenz zu fürchten haben, da den Juden der Aufenthalt in den Dörfern verboten ist." Selbst die Regierung mußte diesen Consequenzen Rechnung tragen und den Juden wieder den Aufenthalt in manchen ihnen früher verbotenen Orten gestatten, was der Minister des Innern in folgender Weise motivirte: „Diese Verbote haben nicht blos den Juden geschadet, sondern auch den christlichen Kauflenten des Innern; und zahlreiche Klagen sind von diesen beim Handelsministerium über diese Beschränkungen eiugelaufen". Die judenfeindliche Zeitung „Kijewlanin" bemerkte dazu: „Wir haben schon seit lange Mäßigung in den Maßregeln gegen die Inden empfohlen, weil sie, Dank unserer Indolenz oder anderer Fehler, ein unentbehrliches Organ für die ökonomischen Functionen unseres Landes geworden sind. Wir haben es immer gesagt, bevor man daran geht, die Juden hinauszudrängen, müßte für einen Ersatz gesorgt werden. So lange dieser fehlt, sind alle Maßregeln gegen die Juden zweischneidige Waffen. Tie Inden werden bedrückt, aber die Bedrückung wirkt schädigend ans den Wohlstand des ganzen Landes . . . Der echtrussische Händler, der Kulak, den wir oben gegeschildert haben, scheint also dem „Kijewlanin" kein genügender Ersatz für den ehrlichen, emsigen, sich mit geringen! Gewinn begnügenden Juden zu sein. Die Vertreibung der Juden machte sich aber nicht blos im Getreidehandel schwer fühlbar, sie trug nicht blos dazu bei, die Hnngersnoth in's Ungeheure zu steigern, sondern wirkte in allen Branchen schädlich, rief überall beunruhigende Erscheinungen hervor. Und dies wird am deutlichsten sichtbar, wenn man die Zustände der fünfzehn Gouvernements, in denen den Juden der Aufenthalt gestattet ist, mit den der judenreinen vergleicht. Unwillkürlich fallen einem dabei die Worte der heiligen Schrift ein: „Es war eine dichte Finsterniß im ganzen Lande Egypten, aber bei allen Kindern Israels war Licht in ihren Wohnsitzen". Freilich viel Licht und Wohlstand kann in diesem russischen Riesenghetto nicht herrschen; aber wir wollen nicht die ökonomische Lage der Juden, sondern die der Christen in den zwei Regionen mit einander vergleichen. Und auch hier wollen wir vorzüglich den von Schmerkine benützten nichtjüdischen Quellen folgen. So berichtete der „Orlowski Wiestnik", nachdem er seine Freude über die Reinigung Moskaus von den „Ungläubigen" ausgedrückt, über die enorm große Zahl von leerstehenden Wohnungen : „Fast an jedem Hause finden sich Zettel mit Ankündigungen zu vermiethender Wohnungen". Und trotzdem war der Preis des Brennholzes während des Winters sehr gestiegen, bis auf 33 Rubel der Saschen (ungefähr eine Klafter). Am meisten litten dabei die ärmeren Classen, denn beim Verkauf im Detail wurden sie von den „rechtgläubigen" Verkäufern noch beim Maß übervortheilt. Dabei nahm die Zahl der Bankerotte in Moskau immer zu, und im Jahre 1891 befürchtete mau schon, daß Warschau und Lodz die alte Hauptstadt des Reiches überflügeln werden. In der That begannen auch schon vorausblickende Geschäftsleute ihre Etablissements nach Warschau zu verlegen oder dort Filialen zu errichten. Ein anderes Geschäftscentrum für den Handel begann sich in Wittebsk zu bilden. „Das wird zum Theil durch die Entfernung der Juden aus Warschau erklärt", sagte damals das „Journal für Handel und Industrie", das osficielle Organ des Finanzministers. Drei Jahre später (1894) sprach dieses Blatt noch deutlicher: „Im Moskauer Handel ist vollständiger Stillstand eingetreten und die Nachfrage nach dortigen Artikeln nimmt immer mehr ab. Man muß es offen eingestehen, der Mangel an Ehrenhaftigkeit der Moskauer hat die dortigen Waaren auf den ausländischen Märkten discreditirt. Es ist ein Unglück, daß die Kaufleute und Fabrikanten Moskaus stets schlechte Waare um denselben Preis wie gute verkaufen wollen. Man könnte dem Nebel uur durch Schaffung einer Concurrenz im Innern des Reiches abhelfen; man müßte auch die Beschränkungen redueiren, welche gewisse Gruppen der Bevölkerung 'vom dortigen Handel und Verkehr fernhalten". — Und das sagte ein Blatt, welches sonst nur von bem schädlichen Einflüsse der jüdischen Kanfleute zu sprechen pflegte. Aber es war nicht blos der Handel, welcher die Folgen der Vertreibung der Juden stihlte. Wie der „Kijewlanin" angibt, wurden von den Banken und Hypothekarcredit- Jnstituten 5000 verschuldete Güter zur Versteigerung gebracht, wovon nur 950 aus den 15 Provinzen, in denen Juden der Aufenthalt gestattet ist, über 4000 aus den 35 judenreinen Gouvernements. In ersteren betrugen die Steuerrückstünde in den Jahren 1885 bis 1889 durchschnittlich 26 Kopeken, in letzteren 83 per Kopf, und gerade diese Gebiete gehören zu den fruchtbarsten des Reiches. Im Jahre 1887 betrugen die Rückstände der Kopfsteuer, der Grundsteuer und der Loskanfsbeiträge der Bauern in den 15 verjudeten Gouvernements 9 Procent, in den ihnen zunächst gelegenen zwölf 33, in den übrigen 23 judenreinen Gouvernements 59 Procent! („Nordischer Bote" 1892, Nr. 10.) Nach demselben Blatte war die Zahl der Sterbefälle in Folge von Trunksucht in den 15 Gouvernements 12, in den 35 judenreinen 68 auf je 100.000 Eiuwohner. Nach einem Berichte des Zemstwo (Bezirksvertretung) des Districtes von Kischineff vom Jahre 1891 waren dort in Folge des Gesetzes, welches den Juden verbot, näher als 50 Werst von der Grenze zu wohnen, die Weinpreise ungeheuer gefallen. Während die Juden früher den Bauern 50 bis 60 Kopeken ftir den Eimer zahlten, konnte man jetzt kaum 30 bekomnien. In manchen Dörfern wollte der rechtgläubige Leuteschinder, der „Kulak" nur 9 bis 10 Kopeken zahlen, so daß die Bauern ans Aerger den Wein selbst verbrauchten und sich viehisch betranken. Aus einem Dorfe kam eine Deputation von vier Bauern zum Präsidenten des Zemstwo mit der Bitte, er möchte ihnen doch einen jüdischen Weinhändler verschaffen, da sie sonst nicht im Stande wären, die Steuern zu bezahlen. Der Präsident berichtete darüber an den Gouverneur von Bessarabien und dieser antwortete, es sei ein Mißverständniß gewesen, den Juden sei wohl das Wohnen im Grenzgebiet verboten, aber mit Bewilligung der Polizei können sie dort Handel treiben. Die Polizei beeilte sich nun, so viele Bewilligungen auszustellen. als man verlangte, und die Weinpreise stiegen nach und nach bis aus 50 Kopeken per Eimer. So sehen wir, wie die Verdrängung der Juden den christlichen Bauern am meisten schadete und die Regierung zur Aenderung ihrer Verfügungen zwang. Aber diese hätte es nach älteren Vorgängen voraussehen können. Bereits unter Alexander I. sollten im Jahre 1804 bei 60.000 jüdische Familien aus den Dörfern des Westens ausgetrieben werden. Aber die Vorstellungen der Grundbesitzer und Localbehörden veranlaßten die Aufschiebung der Ausführung und endlich 1812 die Widerrufung des betreffenden Ukases. Aehnliches geschah in den Dreißiger-Jahren unter Czar Nikolaus. Aber nur aus den dem Staate gehörenden Dörfern waren die Juden ganz vertrieben worden und wollten, um den wiederholten Quälereien zu entgehen, nicht mehr dahin zurückkehren als man es ihnen gestattete. Und die Folgen davon sind noch jetzt wahrnehmbar: Die Bauern aus Privatgütern, welche seit jeher Beziehungen mit Juden unterhielten und durch jüdische Vermittlung ihre Producte absetzen konnten, befinden sich in einer viel besseren Lage, genießen größeren Wohlstand als die auf den Krongütern.

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