Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 28 (9.7.1897)
- Date
- 1897-07-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 28 Vr. Vloch's WvchrnlchrM Seite 571 Während also Bauer die Juden auf die Zeit vertröstet, in welcher sie nicht mehr jüdisch und ihre Mitbürger nicht mehr christlich sein werden, heißt uns Karl Marx gar das Aufhören des menschlichen Egoismus abwarten, den er, wie man gesehen hat, fälschlich mit Judenthum identificirt; zum Mindesten soll die Judenemancipation erst im Socialstaate möglich sein, für dessen Realisirung einer, der es verstehen muß, nämlich der große Socialphilosoph Rodbertus, an die fünfhnlldert Jährchen veranschlagt. Man sieht, s i e können warten, unsere Rathgeber nämlich. Bauer und Marx; man sieht, sie löschen, was s i e nicht brennt. Uns aber brennt die alte und doch ewig neue Judenschmach bis in die Träume unserer Nächte hinein und, wenn wir denken, daß dies Alles auch Hütte anders kommen können, so will es uns schier das Herz verbrennen. Aber dürfen wir darum unsere Noth in der allgemeinen ertränken? Betäuben wir uns nicht durch Sophismen, wenn wir selbst in einem etwaigen Socialstaate, wo jeder Classengegensatz und jede materiell' Sorge beseitigt und eben deshalb für die anderen Gegensätze und Bestrebungen erst recht Raum geschaffen wäre, Ruhe für das Judenthum zu finden hoffen? Mit anderen Worten: Ist die Lösung der Judenfrage identisch mit derjenigen der socialen Frage, wie Karl Marx dies annimmt? Wenn heute jeder Conservative das Anschwellen der „religions- und "vaterlandslosen" Socialdemokratie mit Bangen sieht, so möge er nicht vergessen, daß ihre Weltanschauung in Karl Marx nur deshalb so intensiv entstehen konnte, weil er in seiner Jugend die ethische Atmosphäre eines Hauses geathmet hat, welches gezwungen war, einen aus weltlichen Gründen erfolgten Glaubenswechsel mit der angeblichen Nichtigkeit der Religion zn motiviren und die Zugehörigkeit zn einer bestimmten Confession als Handelsartikel und als Magenfrage aufzufaffen. Gewissenszwang bereitet den Nährboden für die Reincultur eines pietätslosen Materialismus und einen Nährboden, dem auch die idealste Anlage nicht zu widerstehen vermag. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Karl Marx mit seiner glänzenden Begabung und mit seinem eisernen Fleiße eine ganz andere Existenz hätte führen können als die eines von Armnth gedrückten Geisteskönigs im Exil. Er hat diese Existenz jeder anderen vorgezogen und damit bewiesen, daß der unsterbliche Idealismus der jüdischen Race sich auch auf ihn vererbt hatte. Materielle Motive können auf ihn niemals in großen Dingen bestimmend gewirkt haben. Aber so stark war der Einfluß des materialistischen Milieus, des überzeugungslosen Neophytenthums, daß selbst seine Jdealistennatur sich der Umklammerung des theoretischen Materialismus zum großen Schaden seiner dauernden Bedeutung nicht erwehren konnte. Der opferwilligste und praktisch conseqnenteste Idealist unter allen Nationalökononien unserer Zeit ist so zum Zutreiber des Materialismus geworden und hat auf die ganze Socialdemokratie diesen Widersprnch übertragen. Das Milieu war starker als die Race, wie dies betreffs der Individuen wohl als Regel hingestellt werden kann. X. Die Folgen des Antisemitismus in Rußland. Fürst Bismarck soll einmal gesagt Haben, das beste Mittel, die Schädlichkeit oder Unausführbarkeit der socialistischen Staatsform dem Volke unwiderleglich zu beweisen, wäre, den Socialdemokraten eine Provinz zur Regierung auf einige Jahre zn überlassen, nur wäre das Mittel gar zu kostspielig. Ich will hier nicht untersuchen, inwieweit das Experiment der Voraussagung des Altreichskanzlers entsprechen dürfte und noch weniger kann ich mir anmaßen, ähnliche Voraussagungen zu machen, etwa in welchen Zustand ein nach dem Willen der Antisemiten regierter Staat gerathen würde. Und eine Voraussagung wäre in dieser Beziehung umso weniger nöthig, als das Experiment theilweise schon gemacht wurde. Ich meine damit nicht Wien, wo die in der Stadt herrschende Antisemitenpartei die Vertreibung oder Beraubung der Juden noch immer nicht durchsetzen konnte und auch nicht die eigentliche Regiernngsgewalt besitzt. Aber in Rußland ist man wirklich so vorgegangeu, als ob man experimentiren wollte. Man hat die Inden aus mehreren Gouvernements ausgetrieben und in anderen wie in einem riesigen Ghetto zusammengedrängt. Der antisemitischen Theorie nach Hütte nun in den judenreinen Theilen des Reiches das goldene Zeitalter beginnen, ein allgemeiner Wohlstand herrschen sollen, und ich erwartete, in einem eben erschienenen Buche von Professor Schmerkille über die „Folgen des Antisemitismus in Rußland"*) eine Schilderung dieses paradiesischen Zustandes zu finden. Aber meine Erwartung ward enttäuscht. Mit ausführlichen Daten, mit unerbittlichen Ziffern und mit Citaten aus antisemitischen Zeitungen, denen man in diesem Falle gewiß Glauben schenken kann, weist der Verfasser, man könnte sagen auf Heller und Pfennig, den Schaden nach, der dem russischen Volke und Staate durch diese Austreibung verursacht wurde. Etwas sonderbar scheint es uns, wenn der Autor die Entstehung des Antisemitismus in Rußland den Jntrignen des Fürsten B i s m a r ck znschreibt. Polen ist zu Grunde gegangen, sagt er, tuet! ihm ein zwischen Adel und Bauer stehender fleißiger Bürger- und Kaufmannsstand fehlte, ein solcher Stand hätte dort nur aus dem Judenthum hervorgehen können, dem man diese Stellung nicht gönnte. Eine ähnliche Zwischenstellung begannen nach der Aufhebung der Leibeigenschaft und beit andern Reformen Kaiser Alexander II. bie Juden in Rußland einznnehmen, Handel und Industrie blühten auf, diesen Fortschritterl suchte Bismarck durch Hervorrufung des Antisemitismus in Rußland Einhalt zu thnn. Hätte der Autor die deutschen Verhältnisse besser gekannt, so würde er den Fürsten Bismarck gewiß nicht für den r u s s is ch e n Antisemitismus verantwortlich gemacht haben. Der Antisemitismus war für ihn kein Exportartikel. Aber Herr Schmerkine, der für Franzosen und Ruffen schreibt, hat damit vielleicht eine kleine captatio benevolentiae beabsichtigt, denn über die wahren Ursachen des Antisemitismus, und nicht blos des russischen, zeigt er sich ganz gut unterrichtet. Als dessen Hauptursache nennt er den religiösen Fanatismus und den Brotneid. Insofern aber ersterer vorzüglich von der Geistlichkeit geschürt wurde, ist er auch nur eine Form des Concurrenzkampfes. „Neben den wirklich Frommen, die in der Religion nur ihr ewiges Seelenheil suchen, gibt es in allen Religionen auch Solche, denen sie nur ein Macht- und Herrschmittel ist" sagt er, und dieser mußte ein. ihrer Herrschaft sich entziehender, sein Heil auf ariderem Wege suchender Volkstheil ein Dorn im Auge sein. So hat bemt auch der bekannte Procnrator der russischen Synode, Pobedonoszew, in einem Bericht an den Kaiser über den Einfluß der Juden aus die Religion lebhaft geklagt, und dem int vorigen Jahre in Lyon abgehaltenen katholisch - antisemitischen Congreß, auf dem ein ökonomischer Feldzugsplan gegen die Jrideu entworfen wurde, ist dort bald eine Conferenz zur Bekämpfnng der Protestanten gefolgt. In Rußland ging wieder die Verfolgung der Katholiken Hand in Hand mit der der Juden. Eigentlich ist der Katholicismus der russischen orthodoxen Staatsreligion viel gefährlicher als das an Proselytenmacherei gar nicht denkende Judenthunr. Aber in letzterem bekämpft man auch den Fortschritt und die Freiheit, und das nicht blos in Rußland. Ueberall sind es die reactionären, lichtfeindlichen Elemente, welche dem Antisemitismus die meisten Führer liefern und durch materielle Lockmittel, durch Erregung des Neides gegen die wenigen wohlhabenden Juden, durch allerlei Insinuationen, die sich, wo mau es ungestraft thuu kann, bis zur Empfehlung der Confiscation des Vermögens der Juden steigern. Anhänger zu gewinnen wissen. Da wird von Leuten, die ihren Einfluß auf das Volk bis jetzt nur dazu verwendet haben, sich selbst ein reichliches *) Les consequences de l’Antisemitisme en Russie par N. Schmerkine, professeur ä l’institut Rudy. Pret'ace de M. G. de Molinari, correspondant de l’institut, redacteur en chef du Journal des Economistes. Paris, Guillaumin et Cie. 1897.