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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-07-02 · 27 (2.7.1897) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
27 (2.7.1897)
Date
1897-07-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 27 - Vlvür's Wochrnkchrlfr. Seite 559 und eine Ehre, die einen Makel hat, kann anch durch Blut nicht reingewaschen werden. Der Baron hat Sie einen Juden genannt. Ist das eine Beleidigung?" i „In dem Sinne, in dem er das Wort gebraucht hat, ja." „Nein, weder in diesem noch in einem anderen Sinne", fuhr der Rabbiner fort. „Sollte der Name Soldat zu einem Schipfwort werden, weil es Soldaten gibt, die ihre Fahne verlassen haben? Diese Juden, die meinen, daß man den Namen Juden als Schimpfwort ans spricht, haben auch ihre Fahne verlassen, es sind keine Juden mehr. Das Jndenthum ist die Ehrfurcht vor Gott, die Liebe zur Freiheit, die Liebe zur Familie, die Menschenliebe — und die jüdische Ehre besteht nicht darin, Blut zu vergießen, sondern recht zu handeln und Gutes zu thnn." .. . Es war Mitternacht, als Rabbi Salomon bei dem anderen Duellanten, dem Baron K., ankam und demselben einen Brief seines Gegners übergab, in dem es hieß: „Sie sind der einzige Sohn, die Hoffnung ihrer Familie, und es würde mir leid thun, wenn ich Sie treffen würde. Sie haben mich mehr als einmal das Herz ans dem Asse schießen sehen. Ich schlage Ihnen vor, daß wir Beide in die Luft scbießen und wir uns gegenseitig das Ehrenwort geben, dieses Uebereinkommen niemals zu verrathen. Broda. Die Antwort des Barons lautete: „Entre nous soit dit — sind wir doch wirklich Juden, das heißt Nachkommen von Ahnen, von denen wir zwei Eigenschaften ererbt haben, die Scheu vor Blutvergießen und das jüdische Herz voll Rachmonns. K r o n e n s e l s. Um 6 Uhr Morgens fand das Rencontre im schönen Eichenwald von Granic statt. Die beiden Gegner hielten Wort und schossen in die Luft. Als die Secnndanten erklärt hatten, daß der Ehre Genüge geschehen sei, trat Plötzlich Rabbi Salomon hervor, und während Kronenfels und Broda sich versöhnt die Hände reichten, hob der Greis segnend die Arme und sprach: „Ai e i n e H e r r e n, S i e s i n d I n d e n." Das Dorf Bar-Tanura ist durch den berühmten Commentator der Misch nah Rabbi O b a d j a h ans B a r- T a n u r a in allen Mischnah lernenden jüdischen Kreisen bekannt geworden. Der anch sonst an lehrreichen Mittheilnngen reiche Bericht der „Alliance Jsraelite" für 1893 enthält über das kleine Dorf folgende interessante Mittheilnng: Das Central-Comite hatte eine interessante Mittheilung aus Constantinopel über die Israeliten von Bar-Tanura, einem Dorfe im Norden von Mossonl, erhalten. Heute früh kam ein armer Jude zu mir; er heißt Joab Jbn Jeschaia und kommt aus einem Dorfe, namens Bar-Tanura, in der Gegend von Mossonl. Er wurde von der kleinen Gemeinde Bar-Tanura nach Constantinopel geschickt, um von der Regierung Hilfe und Schutz zu erbitten, gegen die Ueberfälle der plündernden Curden. Ich frug den Joab nach einigen Einzelheiten über die Gemeinde Bar-Tanura und theile Ihnen dieselben hier getreulich mit. Joab Jbn Jeschaia ist ein Mann von ungefähr 40 Jahren, er ist von dunkler Gesichtsfarbe, hat regelmäßige Züge, schwarze glänzende Augen; auf seinen ehrlichen Gesicht findet man den Wiederschein der Reinheit und des Friedens, eine einfache und unverdorbene Seele. Er trägt einen Turban und weite Gewänder. Das Dorf Bar-Tanura ist 30 Stunden zu Pferde von Mossoul entfernt, zwischen den bedeutenden Dörfern von Amadyah und Liane. Bar-Tanura, welches hundert Häuser zählt, wird ausschließlich von Juden bewohnt; Amadyah und Liane sind von Mohamedanern und Christen bewohnt, die in guten Beziehungen zu den Juden stehen. Etwas nördlich, in den Bergen, ist das Dorf Djoulamerk, ein wahres Nest kurdischer Räuber, eine wahre Plage der ganzen Gegend. In Bar-Tanura befindet sich eine berühmte Grotte, welche die Inden mit dem Namen Meorat Eliahu Hannabi bezeichnen. Tiefe an Wundern reiche Grotte wird nicht nur von den Israeliten, sondern ebenso von den Mohamedanern und Christen verehrt. _ Die von den Israeliten in Bar-Tanura gesprochene Sprache ist ein nensyrischer Jargon, jedoch in ihrer Unwissenheit glauben die guten Leute, das antike Chaldäisch zu sprechen. Mein Berichterstatter sprach arabisch; er hatte diese Sprache in Mossoul gelernt, aber unter Israeliten wird das Syrische gesprochen. Er sagte nur, er wisse durch Ueberlieferung, daß die Israeliten seit der Rückkehr ans der babylonischen Verbannung in jener Ortschaft ansässig wären. Danach lebten sie dort schon 25 bis 26 Jahrhunderte. Die hundert Familien von Bar-Tanura leben im Wohlstand. Bon den hundert Familienhäuptern sind dreißig Weber, sie kansen die Wolle der Ziegen im Naturzustände, die Frauen spinnen und die Männer weben sie, man bringt einen dauerhaften glänzenden Stoff zu Staube, woraus die Frauen verschiedene Kleidungsstücke verfertigen, die in den benachbarten Dörfern verkauft werden. Tie breite Hofe, welche Joab trug, war aus diesem Stoff angesertigt. Zwanzig unter ihnen sind Gerber und Schuhmacher. Die Berge der Umgegend lieiern in Menge die Eichen, woraus sie ihren Gerbstoff ziehen: sie färben die Haute roth und machen Pantoffeln daraus. Die fünfzig anderen betreiben den Kleinhandel; sie gehen nach Mossoul und kaufen dort gestreifte Leinen und Baumwollstoffe. Spezereien und verkaufen sie in den Dörfern. „Und was verdient ihr täglich °? trug ich ihn. Bald mehr, bald weniger, antwortete er, wie die Schuhflicker in der Fabel, wir find nicht reich, aber anch nicht im Elend; da das Leben nicht thener ist, verdienen wir genug, um unsere Frauen und Kinder zu ernähren, und es bleibt uns viel Zeit übrig, um sie dem Studium der Gesetze und des Talmud zu widmen." Alle diese Handwerker sind zu gleicher Zeit Männer des Studiums und wie in talmudischen Zeiten sammeln sie sich, nachdem sie ihren Geschäften obgelegen, zum Studiilin der heiligen Schrift. Die Weber und Schuster verdienen täglich zwischen 50—60 Centimes, die Händler müssen ein klein wenig mehr verdienen, aber das Pfund Brot kostet 6 Centimes, das Fleisch 8 Centimes, die Gemüse und Früchte sehr wenig. Außerdem bebauen einige 20 Familien selbst den Boden, der ihnen genügend Mais und Reis liefert für ihren Verbrauch. So verging ihr Leben in Ruhe und Frieden, da geschah es, daß eines Nachts die kurdischen Bergbewohner der Tribu Pinianesch über ihr friedliches Dorf herfielen; sie drückten die Thüren ein und nahmen alles mit, nachdem sie einen Greis imb einen Jüngling, den Orikel und den Vetter Jvabs, umgebracht, die versucht hatten, ihnen Widerstand zu bieten, und 5 andere Israeliten, von denen zwei später ihren Wunden erlegen, verwundet hatten. Die kopflosen Bewohner zerstreuten sich in die umliegenden Dörfer, die von Mohamedanern und Christen bewohnt sind und fanden gute Aufnahme. Als die erste Angst vorüber war, dachten sie wohl daran in ihr Dorf znrückzukehren, aber die Furcht vor den Kurden hielt sie zurück. Sie führten Klage beim Bali von Mossoul; Joab war es. dem diese Mission gegeben wurde. Ter Bali empfing ihn sehr gut, antwortete ausweichend und in den acht Jahren, da sie darauf warten, ist nichts für die armen Leute geschehen. Das verlassene Dorf verfiel allmälig; die aus Stein und Erde znfaiumengefügten Häuser stürzten zusammen unter der Last des Schnees, und jetzt bleibt nichts als ein Hainen Ruinen und Gestein von Bar-Tanura übrig. Das Dorf wurde aufgegeben, nicht aber die Eliasgrotte; acht Jahre hindurch haben fromme Hände das Lämpchen des Propheten unterhalten. Und so wie die kleine Flamme erhielt sich auch in den Herzender armen Dorfbewohner die Hoffnung an ihren Herd zurückzukel.ren. Nun ließ sich Joab Jbn Jeschaia Briefe geben von den dortigen israelitischen Notablen für den Oberrabbiner zu Constantinopel, auch solche von den Mohamedanern des Ortes, welche die oben erwähnten Thatsachen bestätigten, und er schloß sich einer Karawane au, um nach Constantinopel zu ziehen. Unterwegs berührte er folgende Ortschaften, Sahhon, mit 300 Familien (nach Joab) Tjezirch in Omar, 50; Nsebi, 120: Diarbekir, 100; Sonerek, 50; Orfa, 1000; Binedchick, 10. In Constantinopel angekommen begab er sich zum Oberrabbiner dem er seine Papiere übergab. Der Oberrabbiner wandte sich alsbald an die Regierung und erhielt vom Minister einen Brief für den Bali zu Mossoul mit dem Befehl, die Israeliten von Bar-Tanura zu schützen. Die armen Leute werden also nun in ihr Tori zurückkehren können, ohne zu befürchten, noch ferner beunruhigt zu werden.

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