Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 27 (2.7.1897)
- Date
- 1897-07-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021196--06891-3031193- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 27 Dr. Lwrtz'« Hvortzrnfchrtst. Seite 557 sammte Jndenheit, um ein so menschenfreundliches Werk nicht zu fördern! In Paris lebt eine edle Frau, die gleich ihrem unvergeßlichen Gatten, den Weg zur Unsterblichkeit mit Monumenten der Großmuth bezeichnet. Frau Baronin H ir s ch, die mit vollen Händen Wohlthaten und Millionen ausstreut, dürfte eine ganz fabelhafte Summe dem großen Werke der Judenbefreiung widmen und sich zu einer zweiten Mirjam verewigen. Und wo sind die anderen Großen, die Rothschilds, die Sassoons, die Goldschmidts, die Gutmanns und Bleichröders und wo ist die große Masse unseres Volkes selbst, die sich durch Beiträge aus der moralischen Knechtschaft wird befreien wollen. Auch die Speculation wird sich dieser Action bemächtigen und Capitalien auf Amortisation vorstrecken, welche auf die zu erwerbenden Ländereien sichergeftellt werden können. Es ist unzweifelhaft ein großes, kühnes, aber ausführbares und von der Nothwendigkeit gebotenes Werk. Wie vor mehr als drei Jahrtausenden m Egypten, werden wir jetzt, bei der Morgeuröihe des zwanzigsten Jahrhunderts gegeißelt, gedemüthigt, getreten und bedürfen wie damals rettender Hände um in's Land der Freiheit und der Arbeit zu gelangen, um den offenen und geheimen Verfolgungen zu entgehen, die Niemand mehr für möglich gehalten, als vor fünfzig Jahren die allgemeinen Menschenrechte proklamirt wurden, Spitzer als erstes Opfer des verendenden Absolutismus siel und Adolf Fischhof seine freiheitlichen Bestrebungen im Kerker büßte! Leo H e r z b e r g - F r ä n k e l. T e p l i tz, den 28. Juni. Germanisch-arischer Tank. In C z e r n o w i tz hat sich ein Verein „christlicher Deutscher" gebildet, welcher, wie schon ans dem Titel ersichtlich, seine Spitze gegen die Inden kehrt, die in der Bukowina bekanntlich nicht nur die Intelligenz und Steuerkraft repräsentiren, sondern auch die Träger des Deutschthums sind. Wenn man im Buchenlande den Juden das Deutschtynm abspricht, so hört dies überhaupt zil existiren auf, denn die Zahl der „christlichen" Deutschen steht zu jener der Rumänen und Ruthenen in einem geradezu verschwindenden Verhältnisse. Die erwähnte Vereinsgründung ist wieder einmal eine saftige Probe von der Dankbarkeit und der politischen Reife des arischen Germanenthnms. Sollte die Bewegung größere Dimensionen annehmen, dann werden unsere Glaubensgenossen in der Bukowina wohl oder übel dazu gedrängt werden, sich an die autochthonen Elemente im Lande anznschließen und damit wird den „christlichdeutschen" Hetzern im Lande wohl bald das Handwerk gelegt sein. Dann mag aber auch das Deutschthnm auf seine so emphatisch betonte Cnlturmission im äußersten Osten der Monarchie Verzicht leisten. Was bisher dort an deutscher Cnlturarbeit geleistet wurde, das ist von unseren Glaubensgenossen ausgegangen und durchgeführt worden. Sie werden sich's nun wohl überlegen, aus Pionnieren der deutschen Cultur deren Dünger zu werden. Carl mit der leeren Tasche. Mit welcher Emphase, mit welch hochtrabenden Worten und Redensarten wurden in den letzten Jahren die Wähler harranguirt, den allein seligmachenden Schreiern und Radaulisteu ihre Stimmen znznwenden, mit welch verwerflichen Manövern agitirten der heilige Carl und seine Cnmpaue, um den „Barrierestöcken" zu Mandaten zu verhelfen! Tie Steuern sollten ermäßigt werden, und ein goldenes Zeitalter sollte nun anbrechen. Allein was hörten wir in der letzten Stadtrathssitzung aus dem Munde des „Herrn von Wien"? Es ist kein Geld da! In der 14 Monate währenden Regierungszeit des antisemitischen Regimes, während welcher Zeit das Geld der verarmten, nur mit Mühe zur Zahlung herangezogenen Steuerträger mit vollen Händen zur Subventionirung von antisemitischclerikalen Vereinen verausgabt wurde, konnte der Gemeinderath nichts zu Wege bringen! Von den verheißenen Reformen keine Spur — — aber nun kommt des Pudels Kern: „Es ist kein Geld in der Casse!" In der Debatte über die Stadtregulirung erklärte Bürgermeister Lueger, daß jetzt die ungünstigste Zeit für Häusereinlösung sei! Was heißt das mit anderen Worten? Die wohl offen d e k l a r i r t e, aber vorläufig noch nicht e i n g e st a n d e n e Insolvenz der C o m m inte! So weit haben wir es also schon gebracht! Wohin dieser unhaltbare Zustand führen wird und m u ß, ist doch klar und er charakterisirt am Besten die Unzulänglichkeit der jetzigen Verwaltung. E. I. Abscheulichkeiten. Tie gewaltthätige Weise, in welcher vor Kurzem ein städischer Buchhaltuugsbeamrer um das Recht der Vorrückung wegen seiner Confession gebracht ivnrde, ist jüngst vom Gemeinderathe Tr. Alfred Stern gebührend gebrandmarkt worden. Auch zwei Conzeptsbeamte des Magistrats, Doctoren der Rechte, sind seither trotz ihrer ausgezeichneten Qualificatiou ans confeffionellen Gründen vräterirt worden. Dem Einen ist dieses Schicksal widerfahren, trotzdem er in vermeintlicher Vorsicht vor etwa Jahresfrist dem jüdischen Glauben Valet gesagt hat und zum Katholizismus übergetreten ist. Tie Metamorphose hat ihm nichts genützt, er hat keine Gnade vor dem Stadtrathe gefunden, der trotz Tr. Porzer, Dr. Kasuar Schwa r z, Dr. Max Anton L ö w k. zwischen gerannen und ungetansten Inden keinen Unterschied macht. In den letzten Tagen wurde einem verdienstvollen städtifcherr Bezirksarzt, einem alten Diener der Gemeinde, wiederholt die Vorrückung verweigert, nur weil er dem jüdischen Glauben angehört, und es wurden ihm viel dienstjüngere Cvllegen vorgezogen. Dieser Vorgang, durch welchen städische Beamte ans confeffionellen Gründen vergewaltigt, gekränkt und materiell geschädigt werden, ist ein ganz abscheulicher, und es ist für das jetzige Regime im Rathhause charakteristisch, daß sich im Stadtrathe nicht Ein rechtlich denkender Mensch findet, der gegen solche Brutalitäten seine Stimme erheben würde. „Ungarn und die Juden." Mit Bezug auf den unter obigem Titel in unserer letzten stummer veröffentlichten Artikel, in welchem die antisemitischen , Enthüllungen" eines Herrn Mathias Szedlak ans dem Revvlutionsjahre 1848 besprochen wurden, erhalten nur von befreundeter Seite einige interefsaute Mittheiluugen. Szedlak hatte bekanntlich von einem Judenkrawall in Budapest erzählt, welchen der „an der Spitze einer Grenadier-Compagnie heranmarschierende" Ministerpräsident Gras Ludwig B a t h y a n y mit den Worten beschworen haben soll, „die Menge möge die im Reichstage zu erfolgende Lösung der Jndenfrage geduldig abwarten". Unser Freund schreibt nun hiezu: Der Artikel der „Deutschen Zeitung" ist von A bis Z eine impertinente Lüge. Es war am zweiten Tage R"sch Haschon» des Jahres 1848, als sich eine ungeheuere Menge, durchwegs Diebs- und Raubgesindel, ans den Vorstädten Jvsesstadt und Franzstadt — nicht wie Szedlak sagt in der Königsgasse — sondern auf der Elisabeth-Promenade «damals Steuer Markt» zusammenrottete, um mit Stöcken und Steinen die Locale der Grvßhandluugshäuser anzugreiien und dieselben zu plündern. Dieses Gesindel, welches a u s schließlich ans e i n g ew a n d e r t e u Deutschen, zumeist Milchmeiern, Gärtnern, Winzern aus Steinbruch, Flößern und Schiffern ans der Franzstadt bestand, warf die Fenster der Juden eiir, wollte die Lüden erbrechen, kurz, es war eine förmliche Plünderung beabsichtigt. Als gegen 6 Uhr Abends die Gerahr dem Festungscommandanten General Lederer, — nicht aber, wie Szedlak schreibt, dem Grafen Battyanyi — gemeldet wurde. beorderte dieser sofort die ganze Festungs-Garnison «Grenadire« nach Pest; die Grenadiere kamen in aller Hast über die damalige Schiffbrücke, mehr gelaufen als gegangen und trieben mit dem Gewehrkolben das Raubgesindel zu Paaren. Um tz Uhr Abends war in Pest wohl die Ruhe wieder hergestellt, die Plünderer waren in ihre Vorstädte geflohen, ein Theil der Grenadiere patrouillirte aber noch die ganze Nacht durch die Straßen Pest's. Nicht minder erlogen ist die Geschichte mir dem „Major Kohn". Erstens war Kohn kein Major, sondern ein Kavvenmacher; er hatte Frau und zahlreiche Kinder — zwei Söhne leben in Wien und find sehr brave Leute. Besagter Kohn hatte ein ebenerdiges Häuschen bei der Calvinischen Kirche in der Hauptstadt; es ging ihm sehr gut, denn zu jener Zeit bezogen die Kappenmacher alle ungarischen Märkte und setzten ihre Waare vortheilhaft ab. So war es auch bei Kohn. Er war jedoch nicht genügsam und wollte aus leichte Art ztt Geld kommen. So wurde er dann Spion, zuerst bei der Armee des Fürsten Windifchgraetz, und dann, als es den Oesterreichern schlecht ging, beim General Görgey, dann wieder beim General Wallmoden als er schließlich wieder den Ungarn seine Dienste verkaufen wollte, trat ihn das Verhängniß, denn er wurde in Komorn gehenkt. 'Also nicht der M a j o r Kohn, sondern der K a v v e n m a ch e r Kohn leistete Spionage-Dienste". Ebenso entstellt und erdichtet sind auch alle übrigen „Enthüllungen" Szedlak's.