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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-07-02 · 27 (2.7.1897) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
27 (2.7.1897)
Date
1897-07-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 556 Vr. Vloch's Mochrnkchrtfl Nr. 27 preiszugeben. Das aber und nichts Anderes würde es bedeuten wenn wirklich Millionen Juden nach Palästina gebracht würden. Das hieße der Großherzigkeit des Sultans denn doch zu viel zumuthen. Will man aber nur ein paar Tausend Einwanderer dahin verpflanzen, dann ist dies keine Lösung der russischen Judenfrage und ist nicht der Rede werth. Man vergesse nicht, daß die russische Judenfrage in ihrer Ganzheit gelöst werden muß und daß die Lösung drängt. „Aber gesetzt den Fall, der Padischah gäbe das heilige Land den Juden, wäre dasselbe dann überhaupt annehmbar? Durchaus nicht! „Bor allen Dingen liegt das Land, ganz abgesehen davon, daß es viel zu klein wäre, zu nahe an Rußland. Man kann allerdings die Entwicklung der Ereignisse nicht voraussehen; aber geht die Türkei einmal zu Grunde, dann wird schwerlich ein anderer Staat als Rußland in jenem Lande maßgebend sein. Was aber ist gewonnen, wenn man die Juden abernrals dem Rusienthum aussetzt? Ein paar Jahrzehnte machen da keinen Unterschied. Aber auch noch ein anderer Grund spricht gegen die Palästinacolonisation. In Palästina hat der Heiland der Christenheit gelebt und gewirkt. Der Christenheit ist in Folge dessen das Land mindestens so heilig wie den Juden. Eine jüdische Herrschaft in Palästina würde zu nichts Anderem als zu unausgesetzten Kreuzzügen führen, deren Ende leicht abzusehen wäre. Ich glaube, das Verhältnis des Judentyums zum Christenthum war stets gespannt genug, so daß man gar keine Ursache hat, die Möglichkeit zur Bildung neuen Zündstoffes zu schaffen. Palästina gehört dereinst der Christenheit. Die Juden würden gut thun, die Schwärmerei für dieses Land definitiv aufzugeben. Oder schmeichelt man sich etwa mit der Ueberzeugung, die christlichen Mächte würden, um Streit unter einander zu vermeiden, aus Palästina ein international garantirtes Besitzthnm der Judenheit machen? Selbst wenn diese Aussicht vorläge, dann wäre sie erst recht noch Zukunftsmusik, nach der jetzt zu tanzen thöricht wäre. „So wenig ich die Colonisation Palästinas gutzuheißen vermochte, genau so wenig oder noch weit weniger vermag ich dem kleinasiatischen Project das Wort zu reden. Die Türken können, so lange sie die Herrschaft behalten, Kleinasien nicht zum Tummelplatz von allerlei Versuchen machen lassen; denn zunächst hält jeder Osmane Kleinasien für das Rückzugsland der Türken, wenn einmal ihre Herrschaft in Europa zu Ende gehen sollte. Dann werden die Türken erst recht noch sagen: aprös nous le dSluge, nicht während unserer Zeit! „Sonach warne ich nachdrücklichste vor jeder auf Kleinasien bezüglichen Colonisationsbestrebung." Zur Lage der Juden in Galizien. Niemand kann mehr die Ueberzeugung bekämpfen, daß es nothwendig sei, den von den Juden am dichtesten bevölkerten Gegenden Europas, wie Rußland, Galizien ein Ventile zu öffnen, um den bedrängten Menschen den Weg zu einer unangefochtenen, wenn auch noch so mühseligen Existenz zu ebnen. Ueber das Ob kann nicht mehr, angesichts der täglich sich mehr verdüsternden Verhältnisse, gestritten werden, blos über das Wie und Wohin? Ich muß gestehen, daß es für mich von untergeordneter Bedeutung ist, wo das Asyl errichtet, und unter welcher Form es errichtet würde, wenn es überhaupt nur erstünde, um einem großen Theile der hart bedrängten und schwer gekränkten Juden den Auszug aus dem hochcultivirten Europa, in welchem die Reaction pestilenzalisch grassirt, zu ermöglichen. Und dazu wär's hohe Zeit. Als die ersten Schatten des Antisemitismus sich auf Oesterreich senkten, konnten noch die Herren Apolinarius von Jaworski und Otto Hausner in der österreichischen Delegation mit einiger Berechtigung erklären: „B e i u n s zu Hause kennt man den Antisemitismus m u s nicht". In der That war er damals in den oberen Schichten der Gesellschaft, im Adel, und unten, im Bauernstand noch nicht eingeführt, blos im mindern Beamten- und Bürgerstande begann er zu fermentiren. Aber diese Fermentation gedieh bald in üppigster Weise, verbreitete ihre Bacillen über die gesummte Bevölkerung, verpestete die Intelligenz und den Adel, welche nun vereint auf Mittel sannen die gehaßten Inden zu depoffidiren. Katholische und griechische Geistliche, Großgrundbesitzer, deutsche Renegaten, klügelten heraus, um welche Erwerbe die Juden, namentlich auf dem flachen Lande, zu bringen seien und da man mit vereinten Kräften, ohne Gefahr, den Einzelnen am sichersten schlagen kann, errichteten sie Consortien, die sie -dort etablirten, wo jüdische Kaufleute prosperirten und entzog so denselben ihre besten bisherigen Abnehmer, den Edelmann, den Geistlichen, den Beamten, sogar auch den Bauer, wenn er — baares Geld hatte.- Wurde doch das geschäftliche Unternehmen als national dahingestellt, das zu fördern patriotisches Gebot sei, welches aber in Wahrheit dahin zielt, die Juden zu verdrängen, sie brotlos zu machen. An der Spitze marschirte der galizische Laudesausschuß mit einer Erfindung, auf die er sich ein Patent geben lassen könnte. Die Juden beschäftigten sich in den Dörfern und Städtchen mit dem Verkauf des Salzes, bei dem sie keinen, oder einen sehr geringfügigen Nutzen hatten, das ihnen jedoch zum Absatz anderer, lucrativerer Artikel verhalf. Die Leute die Salz zu holen ins Geschäft traten, kauften bei dieser Gelegenheit Rum, Kerzen, Mehl, Nasta, Seife u. s. w. Unter dem Vorwände das Salz den Landleuten zu verwohlfeilern, wurde unter Minister Steinbach der alleinige Verkauf dieses Artikels für Galizien dem Landesausschuß übertragen und so ein Monopol im Monopol geschaffen. Dieser übertrug seinerseits den Einzelverkauf an Grundbesitzer, Gemeinden, christlichen Haudelsconsortien, Filialen der galizischen Landesbank. Das Salz wurde theurer, aber den Juden wurde der Bezug entzogen. So geht, still gemessen, aber sicher unter mächtiger Protection die Erdrosselung jüdischer Existenzen vor sich; vollendet sich bei den politischen und autonomen Behörden langsam die Entrechtung der Juden, denen immer enger der Kreis, immer kürzer der Athen: und immer schwerer der Broterwerb wird. Zu formellen Klagen gibt es keinen greifbaren Grund: Man erhielt die Anstellung nicht, blos weil ein Anderer fähiger befunden wurde — man bekam die nachgesuchte Concession nicht, weil der zweite Bewerber verläßlicher erschien — das Lieferoffert ist nicht berücksichtigt worden, weil der andere Offerent mehr Vertrauen einflöße — man etablirt nebenan ein gleiches Geschäft, weil der Christ auch leben will — man kündigt dem Juden die Pachtung — weil er den Boden schlecht ernährt — man bewilligte dem jüdischen Studenten keine Stipendien, eben nur weil der christliche Mitbewerber berücksichtigenswerther war — man bekämpft jüdische Candidateu, weil sie für das Vaterland nicht jenes patriotische Gefühl haben. können wie wirkliche Polen — man schließt sie aus den gesellschaftlichen Kreisen aus, blos weil die christlichen Damen mit ihren Frauen nicht concurriren können; Beweis dafür, daß sie bei allen öffentlichen Sammlungen mit Vergnügen zugelassen und zu allen Leistungen bereitwilligst herangezogen werden, da „man in Galizien den Antisemitismus nicht kennt". — — — Diesem stillen, bedachten und tiefgehenden Antisemitismus leisten jene Musterjuden Gefolgschaft, welche als Knappen der Polen sie an Bethätigung nationaler Gesinnung noch übertreffen, wie dies die entnationalisirten Deutschen thun, die durch ihren Chauvenismus ihre Abstammung vergessen machen und ihre deutschen Namen entschuldigen wollen. Auch sie stellen in ihren Kanzleien und Geschäften mit Vorliebe christliche Beamte an, die auf sie herabschauen und besorgen ihre Einkäufe in christlichen Handlungen, wo sie theuer zahlen und schlecht bedient werden, blos um darzuthun, daß sie den Juden nicht bevorzugen. Muß es da nicht wundern, wovon diese armen, vielfach bedrängten Juden leben, wenn man diesen ewigen Kampf um ein kümmerliches Dasein leben nennen kann? Täglich mehr fällt ihnen der Boden ab, verengen sich die Kreise und versiegen die Quellen; düster blickt die Zukunft in die trübe Gegenwart und ein ganzes, geängstigtes, bedrohtes, in seinen Rechten bekriegtes und besiegtes Volk schaut nach Hilfe und Erlösung aus. Es wird doch wo auf dem weiten Erdenrund ein kleines Gebiet vorhanden sein, wo die in Europa draNgsalirten Juden unangefochten leben, ihr Brot erarbeiten und es, ohne von menschlichen Hyänen angefallen zu werden, ruhig verzehren können! Wir wollen ja friedlich der unberechtigten Gewalt und der verwerflichen Bedrängung aus dem Wege gehen und unseren Gegnern das Feld räumen, auf dem unsere Wiege stand, unsere Vorfahren ruhen und das wir mit unseren Thränen düngten; wir wollen in einem fremden Welttheil von Neuem anfangen, um uns dort die hier zertrümmerte Existenz neu aufzubauen — wir wollen eine Zufluchtsstätte die zugleich, ein Arbeitsgebiet ist. Das zur Neige gehende Jahrhundert hat so viele humanitäre Institute gegründet, Erziehungs-, Versorgungs-, Kranken-, Toll-, und Gebärhäuser; Vereine vom rothen, weißen und goldenen Kreuze, Waisen- und Greisenanstalten — nur für Millionen verfolgter, ins Elend gejagter Menschen gäb' es keine Hilfe? So engherzig sind die Regierungen nicht, so arm ist nicht die ge-

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