Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 27 (2.7.1897)
- Date
- 1897-07-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 27 Vr. Vloch's Morhenkchrlfl. Seite 555 und Unterscheidung dazir gekommen sind, die Opferfreudigkeit verschwunden ist. Aber man muß nicht unbedingt folgern, daß ein gelehrter Mensch hartherzig fein muß, oder daß er, um gütig zu sein, unwissend sein müsse. Im Gcgentheil, das Haupthinderniß für unmittelbares freies Wohlthnn ist gewiß der ernste Zweifel mancher Gemüther, ob sie nicht mit allen ihren Absichten mehr Schlimmes als Gutes thun, und ob die Hingebung wohl einerseits durch Erziehung und andererseits durch Unterscheidung geleitet werden solle. Es ist eine sehr außergewöhnliche Erscheinung, daß die augenscheinlich hingebendste Form der Wohlthätigkeit, die in unserer Zeit entstanden ist — die sogenannte Ansiedelungsidee — der Gedanke, sein ganzes Leben in fortgesetzten und nachbarlichen Beziehungen mit den Armen 31t stehen — daß diese vollkommenste Blüte des modernen Geistes gerade aus dem Boden der höheren Erziehung entsprießen und daß ihre Frucht gerade den Namen des „Huiversiry 86rtl6M6ut8" tragen sollte. Und wieder, wenn man hinter diese vermeintliche Unvereinbarkeit zwischen Erziehung und Hingebung, zwischen Lernen und Leben sieht, findet man, daß die Bereinigung der Erziehung mit der Hingebung das wirkliche Wesen des modernen Geistes ist. Nichts könnte oberflächlicher sein, als das Urthcil, daß moderne Wohlthätigkeit kalt, unpersönlich und offieiell sei. Im Gcgentheil, gerade die neue Wohlthätigkeit verlangt in einem noch nicht dagewesenen Grade persönliche Hingebniig, Zeit, Nachdenken und Theiliiahine für den Einzelnen. Für was ist denn all der neue Mechanismus der Wohlthätigkeit erdacht, wenn nicht, um den einzelnen Bestrebungen Spielraum zu lassen '< Was bedeutet das System der Wohlthätigkeitsverbände anderes, als einen durchdachten Plan, durch den die persönliche Theilnahme des Armenpslcgers mit Sicherheit, Vertrauen und Freiheit arbeiten kann? Wozu Aemter, Untersnchnngen nnd Schnhmaßregeln gegen den Betrug, wenn nicht, um dem -Hilfsbereiten zu zeigen, daß er furchtlos helfen kann? Weshalb unterhalten wir University Settlemens? Doch mir, damit sie die direkte Berührung des Lebens der Wohlthätigen mit dem Leben der Bedürftigen vermitteln, ein Contact mit Gesundheit, Glauben und Verfeinerung, der ebenso wirkt, wie andererseits eine zirankheitsanstecknng. Und wie sollten Sie die Lebenskraft Ihrer eigenen Gesellschaft und Ihr Werk von Jahr zu Jahr ermessen? Ter einzig richtige Maßstab ist die Zahl persönlicher Opfer, die sie angeregt hat und darstellt. Laßt uns nie an unsere Wohlthätigkeit denken, ohne schließlich daran in den Ausdrücken des persönlichen Lebens zn denken! Wir wollen derartige Lebensaufgaben nicht mechanisch auffassen. Es ist etwas- Großes um die Erziehung zur Wohlthätigkeit; mehr von den Tharsachen zu erfahren, mit denen wir zu rechnen haben. Es ist etwas Großes, die Unterscheidung bei Wohlthätigkeit zu lernen, das Elassificiren, Verwerthcn, Abwehren und Ausrichten; aber diese beiden Eigenschaften des heutigen Socialpolitikers sind werthvoll, da sie zur Hingebung fuhren. Das ist der Hebel, der unseren Mechanismus in Bewegung setzt. Man sagt manchmal, daß in der Theologie ein „Plan der Erlösung" sei, aber in der Sociologie gibt es keine Erlösung durch Pläne. Ter einzige Plan zur Erlösung, ist durch Erlöser, und sociale Erlöser sind nichts anderes als Menschen, die erst dazu erzogen, dann unterscheidend sich endlich dem Tienste ihrer Zeit widmen. Manch' ein Plan der Abhilfe, den wir jetzt künstlich ersinnen, wird seine Zeit dauern und dann aufhören zu sein; aber die befreiende Macht der vernünftrgen Hingebung wird für immer das Geheimniß der Wirksamkeit sein. „Ter Herr", sagt der Psalmist, „machte zu Nichte der Völker Rath, aber feines Herzens Gedanken bleiben für und für." Vom Jahrmarkt des Lebens. „Judenstaat" oder „Zionismus"? Der von Herrn Dr. Theodor H e r z l nach M ü n ch e n einberufene Ziomsten-Congreß wird in Folge der ablehnenden Haltung der Judenschaft in der baierischen Hauptstadt nach der Schweiz verlegt und zwar wird der Congreß in Basel stattfinden. Herr Dr. Nathan Birnbaum, ein eifriger Parteigänger und gewandter Wortfiihrer der Parteigruppe Theodor Herzl's, gibt zur Orientirung und Aufklärung über die Ursachen des, im zionistischen Lager ausgebrochenen Conftictes, welcher zur Absentirung eines Großtheils der Zionisten von dem Congresse geführt hat, nachfolgende Darstellung: „Der. Congreß bedeutet nichts mehr und nichts weniger als eitlen Protest gegen die bisherige Methode der Zionisten, als den ersten Schritt auf einer neuen Bahn. „Gegenwärtig wird nämlich die zionistische Bewegung von den „Praktischen" geleitet. Die „Praktischen" hassen das „Geschrei" rrnd lieben das „stille Wirken"; sie können die „Phantasten" nicht brauchen und bedienen sich „ernster Männer"; sie „rechnen mit den Verhältnissen" und „rennen nicht mit dem Kopf durch die Wand". Das ist ihr eigenes Urtheil über sich; man wird mir gestatten, ein anderes über sie zu fällen. Zu diesem Zwecke wird es aber nothwendig sein, sich etwas genauer mit ihnen, sowohl ihrer Methode als ihrem persönlichen Typus, zu beschäftigen. „Tie Losung der „Praktischen" ist: Erwerbung Palästinas durch allmälige Colonisation. Doch würden sie sich wohl hüten, ihr Programm dermaßeu in Worte zu fassen, wie ich es soeben that. Denn sie find Musterdkplomarcn, welche ihren Talleyrand 'studirt haben und wissen, daß die Sprache zum Verbergen der Gedanken da ist. Vor Allem darf natürlich die Türkei nicht merken, daß es eigentlich auf ein Stück des osmanischen Reiches abgesehen ist; sie Verschlüße ja sonst das Land. Tann dürfen auch sehr viele Geldgeber nicht erfahren, daß es sich am letzten Ende um einen Jndenstaar handle; sie Verschlüßen ja sonst ihre Geldbeutel. Ohne Land und Geld kann man doch aber nicht colonisiren. Also „praktisch" fein und „Itill wirken"! Ter Tropfen höhlt den Stein. Allmälig einen Inden nach dem anderen hinschicken, eine Eolonie nach'der anderen gründen! „Jnsiltriren" hat es Herr Tr. Herzl irr seinem Buche genannt. „Das ist, in kurzer Skizze, die Methode der „Praktischen". Diese bringt es mir sich, daß sie sich in Wissende und solche, die in Unwissenheit gelassen werden, theilen. Tie letzten sind im Grunde gar nicht so viele, denn nichrzionistische Geldgeber für die Colonisation sind recht seltene und obendreiu wenig ausgiebige Gimpel. Aber auch die ersteren, die Leute mit den kühnsten Zielen und den zahmsten Thaten, bilden eine sehr kleine Schaar. Und doch gibt es eine Masse der „Praktischen". Das sieht wie ein Narhsel ans, ist aber keines. . Es ist nämlich noch eine dritte, eine Mittelsorte vorhanden. Das sind die, welche zwar wissen, warum es sich handelt, im Grunde ihrer ruhigen Lürgerseele aber sich eigentlich schämen, in so halsbrecherische, weilansgreifende Dinge verwickelt zu sein. Deshalb verlangen sie darnach, daß ihnen die blendende Sonne des Zionismus durch ein „praktisches" Ranchglas zur Lichtstärke einer bescheidenen Schlafzimmer-Ampel gedämpft werde. Tie Wissenden aber, die in heimlicher Unerschrockenheit Wissenden, beeilen sich, ihnen diesen Wunsch zu erfüllen. Tenn man müsse auf die Art und Denkweise des Volkes eingehen, wenn man dem Volke dienen wolle. Mir dieser Begründung enthüllen sie uns aber urplötzlich das We'cn ihres Irrrbnms.der geradezu ein tragischer genannt werden muß. „Ist denn diese ängstliche Mittelsorte, von der eben gesprochen wurde, wirklich das Volktz" Ich antworte: „Nein!" Ter Artikel schließt mir den Worten: „Sprechen wir frei, groß, stolz! Wünschen wir! Gewinnen wir durch die Kühnheit unserer Wünsche das immer wunschmurhige Volk! Schaffen wir uns durch ein mänlichcs, offenes, modernes Auftreten die Snmparhien aller Derer, die die öffentliche Meinung Europas bedeuten! Mit anderen Worten: die offene und freimüthige Propaganda der judenstaatlichen Idee wird von der Gruppe Herzl's als erste, dringliche nnd einzig ersprießliche Aufgabe erachtet, selbst auf die Gefahr hm dem „praktischen" Werke der Colonisation selbst und dein Humanitären Unternehmen, für das jüdische Proletariat in Rußland und Galizien Heimat ltub Erwerb zu schassen, Schwierigkeiten zu bereiten oder gar eine zeitweilige Sistirung zu bringen. Die „Zionisten" hingegen wollen die Colvnisationsarbeit zunächst fördern, sind bereit die judenstaatliche Idee als Zukunftsmusik zurückstellen zu lassen, um in der praktischen Colonisationsarbeit nicht gestört zu werden. Die Pforte hat seiner Zeit die Einwanderung ohne Schwierigkeitell gestattet. Allein als man die „nationale" Idee in den Vordergrund stellte und dies dem Sultan bekannt wurde, wurde er mißtrauisch und erließ das Verbot. Das geschah schon vor D r. H e r z l's Auftreten. Man beruft sich'hierbei ans Herrn E l i e Scheid, Bevollmächtigten des Baron E d m 0 n d R 0 t h s ch i l d in P a r i s. Als Herzl mit seinem „Judenstaat" kam, wurde das fast außer Hebung gekommene Verbot von Neuem eiugeschürft und wird nun streng gehandhabt. Aus dem Congreß in Basel werden lediglich die Vertreter der judenstaatlichen Idee von der Gruppe Herzl vertreten sein. Zur Judeneolomfatiou in Vorderafien. Der als Kenner türkischer Zustände rühmlichst bekannte Arabienreisende Herr Dr. C d u a r d Glaser schreibt über die Palästinasrage: „Ein Wort über die Palästinasrage! Ich gebe gern zu, daß das heilige Land sich zum Ackerbau eigne, und ich will die Streitfrage, ob die Juden Ackerbauer sind oder werden können, ohne Weiteres als bejaht voraussetzen. Ist aber deshalb Palästina schon zur Aufnahme von mehreren Millionen Einwanderern geeignet. Kommt denn weiter nichts in Betracht als der Boden, das Klima des Landes ünd die Arbeitsfähigkeit der Juden °? Man sollte meinen, daß auch noch andere Dinge erwogen werden wollen. Dem zunächst ist Palästina kern herrenloses Land, nach dem man nur zu greisen braucht; außerdem verdient seine geographische Lage und seine Geschichte Beachtung. „Es versteht sich wohl von selbst, daß mau der Türkei nicht zumuthen darf, das Herz ihres derzeitigerr Länderbestandes