Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 27 (2.7.1897)
- Date
- 1897-07-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 554 Vr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 27 dieselben auch allmälig kennen und abschätzen lernen. Der Unterstützung sollte das Studium der Zahlen, Bedürfnisse, Zustände, Anpassung und Versuchung vorangehen. Vieles kann von Juden für Juden gethan werden, das gerade so wichtig als die Erleichterung der Noth wäre. Diejenigen, die einzuwandern beabsichtigen, können bcrathen, abgehalten oder angeleitet werden. Die Bedingungen des Erfolges in unserem Lande können klargemacht und die unklugen Hoffnungen auf bequemen Wohlstand berichtigt werden. Man kann auf die beste Lebensweise und die geeignetste Gegend des Landes Hinweisen. Die jetzige Ausdehnung Ihres specicllen Problems kann berechnet, die Bewegung des jüdischen Lebens bestimmt werden. Alle diese Dinge sind, ich will nicht sagen besser als Wohlthätigkeit, aber es sind wesentliche Elemente geregelter Wohlthätigkeit und nicht minder wesentlich, weil es eher Dinge der Erforschung und Erziehung, als der directen Abhilfe sind. Aus dieser Erziehung in den neuen Bedingungen des modernen Lebens entsteht die zweite Eigenschaft des wirklichen Armenpflegers der Neuzeit, die ich erwähnen möchte. Es ist die Unterscheidung. Die frühere Wohlthätigkeit kannte nur eine Art der Armuth, die der unglücklichen, aber würdigen. Man konnte mit Sicherheit annehmen, daß Alle, die Hilfe verlangten, ehrliche und harmlose Menschen waren, die sich gern selbst erhalten wollten. Dagegen hat heutzutage die Wohlthätigkeit mit nicht weniger als drei gänzlich verschiedenen Problemen zu thun. Erstens das Problem der zur Arbeit Unfähigen, der Alten, Kranken, die von der Gemeinde jede wohlwollende Fürsorge beanspruchen dürfen. Zweitens das Problem der Arbeitslosen, der vorübergehend Unbeschäftigten, aber Fähigen, für welche Arbeit gefunden werden sollte. Und daun zuletzt das Problem der Arbeitsscheuen, die von Beruf faul sind, die Vagabunden und Bettler, der Abschaum unseres socialen Lebens. Und hier tritt die Nothwendigkeit der Unterscheidung ein. Gleichmäßiges Verfahren bei total verschiedenen Typen ist der besondere Fluch unserer heutigen Wohlthätigkeits-Einrichtungen. Mitten unter Leuten, für welche eine Stadt richtig mrd liebevoll sorgen sollte, nämlich für die Schwachen, vom Unglück Verfolgten, finden wir eine große Anzahl Fälle, die einen wahrhaft verderblichen Eiuffuß haben. Betrachten wir z. B. einige Thatsachen, die vor mehreren Jahren von einer Aufsichtsbehörde berichtet wurden, und das Armenhaus der Stadt Boston betreffen, Thatsachen, die, auf diese Weise aufgeklärt, den Weg zu einer gründlichen Reform in der Verwaltung der Armenanstalten Bostons eröffnet haben. Es ist festgestellt, daß 975 Personen in das Armenhaus i. I. 1891 ausgenommen wurden. (Bericht des Special- Comite's, Juni 1892). Von diesen wurden 183 oder 1—5 als ruhige, anständige Leute beschrieben, während 441 Gewohnheitstrinker, 47 geistig beschränkt waren und 25 der Frauen uneheliche Kinder hatten. Ein Mann im Alter von 34 Jahren, war i. I. 1889 in das Armenhaus eingetreten und i. I. 1890 war er achtmal ausgenommen und wieder entlassen worden; i. I. 1891 fand er, daß das Armenhaus ein besserer ständiger Wohnort war und statt 8 Entlassungen begnügte er sich mit 7 AusMgen nach der Stadt. Er war Gewohnheitstrinker und zu »Oeer Islancke (Besserungsanstalt) verurtheilt worden. Und zu der Zeit, von der das Comitä berichtet, paßte cs ihm immer noch, auf Kosten der Stadt im Armenhaus zu leben und durch seine Anwesenheit und Unterhaltung die Gesellschaft der sogenannten »Loafers^Hall« zu zieren. Von den i. I. 1891 in das Armenhaus aufgenommcncn 255 Frauen waren 191 Gewohnheitstrinkerinneu. Der Lebensgang einer solchen Frau war von 1885—1892 folgender: am 12. September 1885 wird sie im Alter von 32 Jahren in das Armenhaus ausgenommen und gibt dort im October einem unehelichen Kind das Leben, für das seitdem ununterbrochen - die Stadt zu sorgen hat. Am 17. November entlassen, kehrte sie in die Stadt zurück. Am nächsten Tag, den 18. November, wird sie ausgenommen und bleibt bis zum 30. April 1886, die Anstalt als Wintercurort benützend. Am 26. Juli wird sie wieder ausgenommen und bleibt diesmal bis zum 12. März 1887 — acht Monate — auf Kosten der Stadt. Nachdem sie die Sommermonate anderswo verbracht hat, meldet sie sich wieder am 7. November zur Wintcrcur und wird wieder entlassen; den 8. März 1888 wird sie wieder ausgenommen, ihr zweites Kind kommt zurzeit und wird mit dem anderen im städtischen Kinder-Armenhaus untcrgebracht. Sie bleibt diesmal über ein Jahr in der Anstalt und wird am 17. April 1889 entlassen, bleibt dann über ein Jahr draußen und wird im September 1890 wieder ausgenommen; ihr drittes Kind wird im Jänner geboren und zu den städtischen Lasten hinzugefügt. Schließlich wird sie nochmals im März 1892 ausgenommen und bleibt bis April. So hat sie also etwa die Hälfte dieser 7 Jahre im städtischen Armenhaus verbracht und zur Rechnung der Stadt 3 Kinder beigetragcu, die alle in dem »L4arcella-8treet Home« mrtergebracht sind und der Stadt bisher für ihren Unterhalt ungefähr 1000 Dollars gekostet haben. Die finanzielle Seite dieser Art Urckerstützung der Bevölkcruugsvcrmehrung ist an mrd für sich genügend, die Aufmerksamkeit zu erregen. Herr T u g d a l e berechnet in seinem Auftatze über die Ankes*), daß in 75 Jahren die Nachkommen von 5 lasterhaften Schwestern im Staate New-Aork sich bis zu 1200 Menschen vermehrten und den Staat für Unterstützung der Bettelei und Unterdrückung des Lasters mehr als 114 Millionen Dollars gekostet haben. Frau L o w e l l beschreibt 1879 unter mehreren ähnlichen Fällen den einer Frau von 27 Jahren in einem Kreisarmenhaus in New-Dort mit 5 unehelichen Kindern, die 4 Schwestern auch alle mit unehelichen Kindern hatte, welche alle mit¬ *) Eine bekannte amerikanische Verbrecherfamilie. einander dem Staate zur Last fallen würden. So sind unsere Armenhäuser mit ähnliche Anstalten nicht mehr nur Zufluchtsorte für die Unglücklichen, die unter dem Sturm des Lebens gelitten haben und einen ruhigen Hafen suchen. In dieselben Häfen treibt jetzt eine Masse derer, die socialen Schiffbruch gelitten haben, gefährliche Ueberblerbsel schlechten Lebenswandels, selbst verdorben und in ihrem Einflüsse demoralisirend. Hier fällt uns auf, daß das Haupthinderniß, das bei der Pflege der Würdigen der Selbsthilfe entgegeustcht, der Gegendruck der Unwürdigen ist. Da ist erstens der wirthschastliche Druck des Wettbewerbs, wo die Familie, die gerade über der Grenze der Selbsthilfe steht, durch die Familie, welcher die Bettelei hilft, herabgezogeu wird. Vorübergehende Arbeit ist der gefährlichste Concurrent des regelmäßigen Erwerbs, aber darüber hinaus kommt der moralische Druck, der empfunden werden muß, wo die Würdigkeit unbeachtet bleibt und diejenigen, die sich nicht selbst geholfen haben, der besondere Gegenstand fremder Hilfe sind. Nichts ist demoralisirender für die kämpfende Armuth, als diese Erfolge der Lasterhaften und Faulen. Der städtische Armenunterstützungswagen, die Weihnachtsgeschenke bringen heruntergekommenen, trägen Menschen Hilfe, und 20 Köpfe sehen aus den benachbarten Wohnungen heraus und denken: „Wenn unsere Männer nur trinken würden, oder wenn nur die Stadt mit unseren verwahrlosten Kindern überlaufen wäre, dann würde doch die Stadt oder eine gute Dame uns das Leben leicht machen." Man denkt mit Schrecken daran, wie solch falsch angewendete Wohlthätigkeit dazu führt, das Heldenthum zu schwächen, das noch in Tausenden geringer Familien herrscht — das Heldenthum, das den Hunger der Bettelei vorzieht und wo Armuth noch neben Unabhängigkeit wohnt, unverdorben durch Bettelsucht und glücklich durch Selbstachtung. Dies ist die Grundlage der neuen Forderung der Unterscheidung. Für gerechte Wohlthätigkeit ist es unbedingt nothwendig, daß die Classen der vorliegenden Fälle gründlicher unterschieden und für sich behandelt werden. Ich habe seit einigen Jahren versucht, die Aufmerksamkeit auf die Art und Weise zu lenken, wie die Unterscheidung von einigen, europäischen Staaten versuchtwird(»Uorurn«, Februar >892, März 1894). Diesen Sommer hatte ich Gelegenheit, die Methode in Holland und Belgien zu beobachten. In Belgien z. B. ist die Armenpflege sehr vereinfacht, da in erster Linie die ganze Classe der Bettler und Vagabunden aus den Städten geschafft wird. Solche Leute werden nach gerichtlicher Aburtheilung nach den berühmten Arbeitercolonieu gebracht — weit weg von der großen Stadt und dort nicht als Verbrecher, sondern als Mündel des Staates behandelt. Sie müssen arbeiten, bekommen aber etwas Lohn. Dort müssen sie bleiben, bis sie anderswo Arbeit finden, und dürfen gehen, wenn sic das erreicht haben. Sie sollen eben einfach nicht ungehindert den Weg von der Bettelei zum Verbrechen beschreiten und brave, unbescholtene Menschen herabziehen. Selbst in der Colonie herrscht die Unterscheidung vor: an einer Stelle sind die Schwachen aber Anständigen versammelt; an vier Anderen die Schwachen und halb Verbrecherischen; in einer anderen die gesunden, kräftigen Vagabunden; in einer anderen die ordentlichen Leute. Es ist ein System, das sowohl unterscheidet als auch erzieht, das die Gefährlichen zurückdrängt und die noch zu Errettenden antreibt, und es ist nicht durch das verfehlte „edle Streben" nach einer einzigen Art der Abhilfe belastet. Ich nenne diese ausländischen Methoden, weil sie eine intelligentesUnterscheidung beweisen. Das Problem einer privaten Wohlthätigkeits-Anstalt, wie die Ihre, kann nicht auf diese Art gelöst werden. Und doch muß der Hauptnutzcn Ihrer Verwaltung in der geschickten Einthcilung der' verschiedenen Armenarten in Classen liegen, indem sie entscheidet, wann sie mitleidig und wann sie streng sein muß, indem sie die Eigenschaften entdeckt, die zum Guten führen und die herabziehenden Triebe hemmt, indem sie die. Neigung überwindet, die der Ruin vieler Anstalten geworden ist, nämlich alle Bittsteller nach einem Schema zu behandeln — eine schablonenmäßige Verwaltung, bei der nach und nach ein Armer seine Persönlichkeit verliert und zum bloßen „Falle" wird, bei der die Vermittlungsstelle so bureaukratisch wird, daß sie mit Recht den Namen eines Armenpflege b u r e a u s verdient. Schließlich bringen mich diese Forderungen der persönlichen Erziehung und Unterscheidung von denen ich sprach, auf eine dritte Eigenschaft des heutigen Armenpflegers, die das Geheinmiß seiner ganzen Wirksamkeit ist. Es ist die persönliche Hingebung, das Herauswachsen über irgend eine vollständige Abhängigkeit von Plänen, Mechanismus und Beamten, welche Menschen vom Herabsinken retten sollen, und die Erlösung der Zeit durch die Berührung des Lebens mit dem Leben. Man kann sagen, daß diese Art Aufopferung eines der allgemeinen Elemente der guten Armenpflege ist, und das ist wahr. Keine Wohlthätigkeit war je durchwegs segensreich, die nicht aus selbstvergessenen, mitleidigen, liebenden Heiden entsprang. Keiner hat je Anderen viel Gutes gethan, der nicht selbst gut war. Ich wünsche hervorzuheben, daß die neue Zeit einen Grad des persönlichen Zusammenhanges und eine Art des persönlichen Charakters verlangt, die keine Vorgänger in den einfachen Bedingungen der früheren Zeit haben. Ich betone diese moralische Forderung, weil viele Leute von der modernen Wohlthätigkeit ganz das Gegentheil denken. Es herrscht allgemein die Ansicht, daß die Armenpflege heutzutage gerade durch die Wissenschaft der Wohlthätigkeit besonders mechanisch, officiell und herzlos geworden sei. Viele vergleichen die natürliche Warmherzigkeit und das spontane Mitleid ftüherer Wohlthätigkeit mit dem wissenschaftlichen, argwöhnischen Kartenabtheilungssystem von heute, und es scheint, daß, weil Erziehung