Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 27 (2.7.1897)
- Date
- 1897-07-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 27 Vr Bloch's WochrnschriN Gerte 553 Der Verband „United Hebrew Charites“ leistet eine große Arbeit er hat nach seinem letzten Jahresbericht 34.294 Fälle erledigt und dafür 110.81868 Dollars aufgewendet; er hat von 6409 Arbeitssuchenden 6318 oder beinahe 99pCL. Arbeit verschafft. Sein gesammtes Ausgabenbudget für das letzte Jahr betrug I46.265-Z7 Dollars. Durch die Stellen-Vermittlung wurde indireet 22.168 P e r s o n e n geholfen, und dies erforderte den nur mäßigen Aufwand von 6.393-14 Dollars, 2044 Arbeitgeber hatten sich gemeldet und hauptsächlich bei diesen wurden die 6318 Arbeiter untergebracht. Der Vortrag des Herrn Prof. Peabody ist nach vielen Richtungen hin interessant: ein christlicher Theologe entwickelt in einer jüdischen Versammlung ein sociales Programm über eine der wichtigsten Fragen, Armenpflege und Wohlthätigkeit, und beweist dadurch, daß christlich-social und jüdisch-social in dem freien Lande, wo Vorurtheil nicht einwirkt, einerlei sind. Prof. Peabody ist an der Harvard University zu Cambridge angestellt, woselbst derselbe den Lehrstuhl für , Christian Science and Morals“ inue hat, d, h Ethik und Alles, was unter dem Ramm Moral verstanden wird, die Triebfedern jeder altruistischen Bewegung. Sein Lehrplan chegreift Volkswirthschaft in sich, soweit dieselbe die Verbesserung der Lage der Massen betrifft, und Wohlthätigkeit. Es ist wohl bekannt, daß die Facultät der Harvard University vom liberalsten Geiste beseelt und daher mit Männern solcher Anschauungen besetzt ist. Prof. Peabody ist eine hohe Autorität auf dem Gebiete der organisirten Wohlthätigkeit und die Beleuchtung dieser Einrichtungen dürfte im Contrast mit der Wirkung der öffentlichen Armenpflege besonderes Interesse erregen. Wir lassen deshalb den Vortrag folgen: „Es ist mir eine besondere Freude, die Gelegenheit zn haben, mit Ihnen zusammenzukommett und die breite und Freigebigkeit des jüdischen Wohlthnns bezeugen zu können. In jeder unserer großen Städte zeichnen sich die jüdischen Bewohner durch den außerordentlichen Gerechtigkeitssinn aus, mit dem sie die schwere Last der bedrängten und verbannten Brüder ihres Glaubens tragen; und in jeder Nation Europa's, selbst im heiligen Lande, gehören die Be w eise der j ii d i s ch e n F ii r s o r g e für d i e I ll d e n zu de n h e r v o r r a g e n d st e n Zügen de r mode r neu W o h lthätigkeit. Diese besondere Fürsorge für die Armen ist bei Ihnen ein Erbstück ans einer großen und edlen Bergangenheit. Im alten Testament sind allerdings in erster Linie hervorzuheben die religiösen Aussprüche des erhabenen Monotheismus und nationaler Rechtlichkeit; aber ich brauche kaum daran zu erinnern, daß die darin enthaltene Verkündigung der Prinzipien der socialen Pflicht uttb Verantwortlichkeit kaum weniger wunderbar ist. Tie Fürsorge für die Armen unter dem auserwählten Volke ist ein Gebot, das durch das ganze alte Testament wiederholt wird, wie sonst nirgends in den Berichten ans der alten Welt. „Wenn Deiner Bruder irgend einer," heißt es im Deut. 15. 7., „arm ist in irgend einer Stadt, in Deinem Lande, das der Herr, Dein Gott, Dir geben wird, so sollst Tu Dein Herz nicht verhärten, noch Deine Hand'zuhalten gegen Deinen armen Bruder, sondern sollst sie ihm aufthun und ihm leihen, nach dem ermangelt." Und im selben Tone sprechen die Propheten: „Wenn nun Einer fromm ist, der recht und wohl thut, der dem Schuldner sein Pfand wiedergibt, der dem Hungrigen sein Brot mittheilt und den Nackten kleidet, der nicht wuchert, der nicht Uebersatz nimmt, der zwischen den Leuten recht urtheilt, der soll das Leben haben, spricht der Herr." Und in letzter Linie erreicht die Botschaft der socialen Verantwortlichkeit ihren Höhepunkt in der eigentlichen Theorie des Besitzes selbst. Für den alten Hebräer war das Land selbst auf dem er wohnte, nicht sein Eigenthum. „Darum sollt Ihr das Land nicht verkaufen für immer, denn das Land ist mein, und Ihr seid Fremdlinge und Gäste von mir; und in dem Halljahre, da soll Jedermann wieder zu dem Seinen kommen." (Lev. 25.) Das ist die edle Ueberliefenrng, die Sie fortzupflanzen haben. Eine Lehre über Eigenthnm und Pflicht, die, wenn sie nicht in der christlichen Welt so langsam vordränge, dem größten Theile des socialen Elends der Jetztzeit bald ein Ende machen würde. Bei Ihnen sind Wohlthätigkeit und Religion nicht zweierlei, sie sind eins geworden. Sie erinnern sich noch, gleich Ihrer Vorfahren, der Worte der heiligen Schrift: „Und gedenke, daß auch Du Knecht wärest in Egyptenland, und der Herr, Dein Gott, Dich erlöst hat; darum gebiete ich Dir solches heute." (Deut. 15. 15.) Ich komme also zu Ihnen als Denjenigen, denen der Trieb zur Wohlthätigkeit angeboren, und in denen er durch zwei Jahrtausende gefördert worden ist; und ich maße mir nicht an, Ihnen irgend einen nützlichen Rath in Bezug auf die allgemeinen Prinzipien der verständigen Menschenliebe vorzutragen. Und doch müssen wir alle anerkennen, daß die Bedingungen des Zeitalters, in dem wir leben, solche sind, wie sie die Weltgeschichte noch nie gesehen hat. Um uns herum in den heutiger: socialen Verhältnissen' liegt eine neue Welt eine Welt von Verwickelung und Uebermaß. von wandernden Völkerschaften und industriellen Bewegungen, von riesiger Zunahme des Reichthums und erschreckender Anhäufung der Armüth — eine neue Welt mit so ungeahnten Problemen, daß keine Weisheit der Vergangenheit ausreicht, um sie zu ergründen. Woran soll man denken, wenn man so mit Bewußtsein an die Wohlthätigkeits-Arbeit geht und vor dieser großen, verwickelten, tragischen, ungeahnten, unerklärten, neuen Welt steht? Welches sind die neuen Anforderungen, die eine solche Zeit stellt? Vergegenwärtigen wir uns einen solchen Arbeiter, ivie er sich die besonderen Züge des amerikanischen Lebens und vor Allem des Lebens unserer großen Städte ansieht und sich selbst fragt: „Wie kann ich zu dieser Arbeit fähig werden? Was muß ich sein, ehe ich in dieser neuen Welp nützlich sein kann, welches sind die Grundsätze der nützlichen Arbeit ans dem Wohlthätigkeitsgebiet, die ans bcu neuen Verhältnissen dieser abspannenden, dramatischeil Zeit erwachsen?" ES ist die Frage des neuen Menschen gegenüber diesem neuen Zeitalter. Es gibt allerdings Leitsätze für nützliches 'Wirken, die allgemein und wesentlich sind und ebenso klar durch die organisirten Wohlthärigkeits-Gesellschaften, als durch die jüdischen Propheten gelehrt werden. Aber woraus besteht die Ausrüstung für die neue Welt? Was hat der heutige Arbeiter auf diesem Gebiete zu lernen, das die alte Welt nicht zu lehren hatte? Welcher Mensch ist fähig, an dem befreienden Dienste des neuen Zeitalters theilznuehmeil? Nun, vor allen Dingen muß der, der heute an diese Arbeit geht, in noch nicht dagewesenem Maße dafür erzogen werden. In den einfachen und sich gleich bleibenden Bedingungen früherer Eivilisation und auch in den kleinen Gemeinden des früheren amerikanischen Lebens bedurfte die Fürsorge fiiv_ die Armnth keiner besonderen Erziehung. Sie war eine ebenso einfache und natürliche Pflicht, als die Sorge für die eigene Familie. Es war die freundliche Handlung eines gut unterrichteten Nachbars, die Hand des Begüterten, die sich dem unglücklichen Bruder an seiner Seite reichte. Aber heute findet man diese ursprüngliche Einfachheit der Wohlthätigkeit nur noch hie und da in unverdorbenen, abgeschlossenen, altmodischen Städten. Größtentheils haben uns der Strom des Fabrikslebens. die überwältigende Flnth der Einwanderung und das erstaunliche Wachsthum der großen Städte ein ganz neues Problem der Armnth und ihrer Abhilfe geschaffen. Und dieses riesig verwickelte und gänzlich neue Problem verlangt auch eine ganz neue Art der Erziehung. Tie neue Zeit braucht neue Menschen. Noch vor wenig Jahren war die Verwaltung der Wohlthätigkeit ein begnemer Zufluchtsort für würdige Personen, die eine ruhige Beschäftigung in irgend einem Winkel der Welt brauchten. Diese Verwaltung ist jetzt eine Arbeit für erfahrene Sachverständige. Es ist ein neuer Beruf, der sehr große Schwierigkeiten, aber auch außerordentliche Gelegenheiten bietet, ein Beruf, der auf Studium und Forschung beruht. In Frankreich sing diese vorläufige Untersuchungs-Methode vor fünfzig Jahren mit dem Werke des bedeutenden Le Platz an, und seine gründlichen Studien jeden Details des Lebens und der Gebräuche verschiedener socialer Ttzpen haben einen vorher unmöglichen Weg des Unterscheidens in der Woblthätigkeitspflege eröffnet. In England schritten die Forschungen des Charles Boot h's in Bezug auf die Londoner Armen viele Jahre fort mit sehr großen Kosten und ohne den Schein zu erwecken, als ob es hier ans Armenpflege abgesehen wäre. Trotzdem hat dieses große statistische Werk der Wohlthätigkeit m Londou ihre Richtung und Lebenskraft gegeben. Ter »London Spectator« sagt mit Recht davon, daß es ein viel wichtigerer Beitrag zu der Wissenschaft der Armenpflege sei, als das 'Werk irgend eines Menschen oder einer Einrichtung der Neuzeit. In Holland wird die nationale Gesellschaft für Geineinwohl, die das moralische Wohlergehen des Volkes bezweckt, mehr und mehr in die Sphäre der Erziehung hineingezogen und führt durch ihre bewundernswerthen Veröffentlichungen die Wetterführung mit den socialen Problemen ihres eigenen Landes zusammen. Was unser Vaterland anbetrifft, so ist es gewiß das beruhigendste Zeichen der Zeit, daß die Philanthropie der Gegenstand einer besonderen, gründlichen Erziehung geworden ist. Tie Universitäten fangen an, den Gegenstand als einen rechtmäßigen Theil höherer Bildung anznerkennen. Hunderte junger Leute beiden Geschlechtes treten jedes Jahr ans den Anstalten in die Welt mit richtigen Grundsätzen erzogen und nicht nur mit den: Wunsche, etwas für Andere zu thun, sondern auch durch ihre Erziehung angeleitet, ivie sie es auszuführen haben. Tie nationale Wohlthätigkeits-Eonferenz, die jedes Jahr in einer unserer bedeutendsten Städte tagt, zeugt von demselben Geiste. Es ist nicht ein bloßer Austausch freundschaftlicher Gesinnung, es ist eine lehrreiche Zusammenkunft. Tie Sachverständigen, die da berathen, sind sich ganz klar darüber, daß die furchtbar verwickelten Zustände des modernen Lebens eine neue Erziehung verlangen, und die am besten Unterrichteten unter ihnen sind am lernbegierigsten. Ich ersehe ans den Berichten der »United Hebrew Charities«, daß diese neue Forderung der neuen Zeit vollständig gewürdigt wird. Jedes Jahr suchen ihre Beamten hinter dem unmittelbaren Problem der Abhilfe die ernstere Frage der Ursachen. Die specielle, begrenzte Arbeit, die Sie unternehmen, gibt Ihnen eine eigene Gelegenheit für diese wissenschaftlichen Forschungen, und Sie werden sehr viel zum Gemeinwohl beitragen, wenn Sie, indem Sie die abhängigen Armen unterstützen.