Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 27 (2.7.1897)
- Date
- 1897-07-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 27 Vr. Vloch's MochrnkchrM» Seite 551 sieht weiter. Gewiß, auch die Herren hätten nichts dagegen, den jüdischen Fleiß und Arbeitseifer über Nacht zu expropriren und seiner mühsam erworbenen Früchte zu berauben. Aber die sind klug genug, um genau zu wissen, daß der entfesselte Luegermob die silbemen Löffel nicht nach jüdischen und nach christlichen Ursprung sondern würden, und daß das Witzwort: I/axxetit vient en maDgeant auch dann seine Geltung behalten würde, wenn längst alle Judengüter eingezogen und eonfiscirt worden wären, und höchstens hochadelige Latisundienbesitzer von zeitlichen Gütern, überguellende Stifte und reiche Klöster zur weiteren Ausgleichung der Eigenthnmsverhältnisse reizen würden. Bewußt hat sich Dr. Lueger diesmal in einen Gegensatz zu seinen Patronen gesetzt und hat jene Töne angestimmt, die besser zur Melodie des Luegermarsches passen, als die verlogene Heuchelei dieser Ausflüchte, mit denen der Bürgerineister erklärt, daß auch ihm, wie seinem Herm und Meister, dem Grafen B a d e n i, seine Majorität über den Kopf gewachsen sei, daß er nicht mehr führe, sondem geführt werde. Dr. Lueger sitzt zwischen zwei Stühlen.... Die Statistiker des Hofdiners, die eifrigen Leser fremder Moiiarchen-Empfange und anderer officieller Anlässe, bei denen nach altem Gebrauch der Bürgerineister von Wien in der: Vordergrund treten sollte, haben ansgerechnet, daß Dr. Lueger seinen! Vorgänger, dem Herrn Strobach gegenüber in ganz auffallender Weise zurückgesetzt wird. Wer sich durch gefälschte Audienz-Communiquäs nicht irre machen läßt, der dürfte es auch ganz gut verstehen, warum man den Schöpfer des famosen Wortes vom „Rothschildmilitär" geflissentlich zur Seite stellt. Aber Dr. Lueger, der von den Juden behauptete, sie säßen in einem gläsernen Haus, sollte diesen.sinnbildlichen Ausdruck lieber auf sich selbst beziehen. Er sitzt in einem Glashaus, das von den Steinwürfen seiner ehemaligen Anhänger bereits ernstlich bedroht wird. Die Geister eines — G r e g o r i g's und eines M i t t e rm a y e r, die Geister, die er selbst gerufen, wird er nicht mehr los, gegen die Popularität dieser Rivalen kommt er kaum mehr auf. Auch die Ankündigung des communalen Communisums, daß er die Confiscation der Judengüter in Aussicht stellt, dürfte ihm wenig nützen. Der Communismus eines Mittermayer ist diesem christlichen Volke viel verständlicher. Einmal halt er sich nicht bei unfruchtbaren Unterscheidungen zwischen Juden- und Christengütern ans, und dann hat der brave Mittermayer statt Ankündigungen zu erlassen, gleich durch die goldene Brieftaschen- und Risconto-Praxis ein leuchtendes Beispiel gegeben! Wir erhalten folgende Zuschrift: Der Bürgermeister von Wien, der Mann, welcher in seiner Antrittsrede erklärte, das Wörtchen „Haß" sei aus seinem Wörterbuche gestrichen, hat wieder einmal — und zwar diesmal von der officiellen Präsidententribüne herab — mit der Confiscation der Judengüter gedroht. Gelegentlich eines Referates über die Beitragsleistung der Gemeinde Wien zu dem Rudolfsheimer Kirchen- und Pfarrhofbaue gab Gemeinderath Lucian Brunner dem Wunsche nach baldiger Constituirung der katholischen Pfarrgemeinde Ausdruck, durch welche die ungesetzliche Inanspruchnahme des Staates und der Gemeinden für katholische Cultuszwecke vermieden würde. Hiebei rectificirte Herr Brunner die vor Kurzem von Dr. Lueger gethane Aeußerung: wenn der Staat die Kirchengüter eonfiscirt habe, so sei es jetzt seine Pflicht, für die Kirche zu sorgen. Herr- Brunner bestritt mit vollem Rechte, daß der Staat Confiscationen vorgenommen habe; er habe nur die Klöster aufgehoben und aus deren Vermögen die Religionsfonds geschaffen. — Darauf nun emibevte der Bürgermeister von seinem curulischen Stuhle herab, „er rathe dem Vorredner, nicht von derartigen Lügen zu reden, wenn man in einem solchen gläsernen Hause, wie die Stammesgenoffen des Redners sitze. Wie würde man es nennen, wenn die Judengüter eingezogen und zur Bildung eines Fonds verwendet würden?" Zunächst ein Wort über das von Herrn Lueger als „gläsern" bezeichnete Obdach der Juden. Das Haus, in welchem unsere Glaubensgenossen sitzen, ist der auf die Verfassung gegründete K a i s e r st a a t. Wenn der Bürgermeister von Wien andeutet, daß man, um die Judenzu treffen, nach diesem Hause mit Steinen werfen könnte, so mag er das vor dem Eigenthümer und Verwalter des Hauses und vor seinem patentirten Patriotismus verantworten. Der Bürgermeister der Kaiserstadt gibt die Parole zur Confiscation des Privateigenthums aus. Glaubt er wirklich, daß es bei der Beraubung der Juden allein sein Bewenden haben dürfte? Nicht die Bewohner des „gläsernen Hauses" allein, sondern auch die Wände dieses Hauses und seine Fundamente würden Schaden leiden und es wäre vielleicht weder die Auslage des Herrn Gregorig, noch die schöne Villa des Herrn Schuh auf dem Semmering, noch auch jene des Herrn Dr. Lueger selbst in Baden vor der Demolirung sicher. Aber Herr Dr. Lueger läßt sich auch durch die Aehnlichkeit der Wortbildung verleiten, „Kirchengüter" und „Judengüter" in Einen Topf zu werfen, obwohl er wohl weiß, daß den ersteren ein öffentlich rechtlicher Charakter zukommt. Die Confiscation der „Judengüter" wäre einfach ein Diebstahl an Privateigenthum, während bei der Aufhebung der Klöster unter Kaiser Josef kein privater Rechtsanspruch verletzt wurde, da allen Angehörigen der aufgehobenen Ordenshänser lebenslängliche Pensionen ausgesetzt wurden. Er vergißt auch, daß die „Judengüter" einen Theil jenes lebendigen Stromes darstellen, welcher unser gesammtes wirthschaftliches Leben befruchtet, während das Kirchenvermögen nicht ohne Grund die „todte Hand" genannt wird. Sehen wir uns einmal dieses Vermögen etwas näher an! Es besteht in Cisleithanien allein aus Grundstücken im Werthe von 127 Millionen Gulden, aus öffentlichen Obligationen im Werthe von 138 Millionen Gulden, aus Capitalien bei Privaten iir Werthe von 30 Millionen Gulden, aus sonstigem Vermögen im Werthe von 10 Millionen Gulden, zusammen also 294 Millionen Gulden. Hiebei ist zu bemerken, daß der Werth der Grundstücke nur mit höchstens 28 Percent eingestellt ist, daß also noch ca. 70 Millionen Gulden hinzugeschlossen werden müssen. Von diesem ungeheuren Vermögen kommen auf die Stifte und Klöster allein 87 Millionen Gulden, die für die Volkswirthschaft gänzlich verloren sind. Herr Dr. Lueger ist ausgezogen, das Großcapital zu bekämpfen. Da sollte er sich vor Allem des Wortes erinnern, das im Evangelium Matth. Cap. 10, Vers 9 steht: „Ihr sollt nicht Gold, noch Silber, noch Erz in Euren Gürtel haben", und ebenso des Ausspruches in Cap. 6, Vers 19: „Ihr sollt Euch nicht Schätze sammeln auf Erden". Der Bürgermeister von Wien predigt die Beraubung der Juden, aber er hat nichts dagegen, daß die katholische Kirche ein großer Schwamm werde, der den Schweiß und das Blut der Völker in sich aufsauge. Seine Drohung ist ein zweischneidiges Schwert, daß seine Schärfe nicht gegen die Juden allein, sondern auch gegen den Staat und gegen die katholische Kirche richtet. Wenn einmal das Stehlen für eine gottgefällige Handlung gilt, dann wird der hungrige Pöbel gottgefällig sein wollen auch auf Kosten derer, die Gottes Wort verkünden. Herr Dr. Lueger mag sich in Acht nehmen! Das Haus, in welchen er sich heute so behaglich eingerichtet hat, ist weit gebrechlicher als jenes der Juden. Darauf wollen Sie ihn aufmerksam machen. Genehmigen Sie Herr Redacteur die Versicherung u. s. w. _ Dr. A. Die neue Erwerbstruer. Da wir unsere Aufgabe darin erblicken, unsere Glaubensgenossen über ihre realen Interessen aufzuklären, ohne darum das ideale Moment irgendwie zu vernachlässigen, so kehren wir aus Anlaß der in Oesterreich bevorstehenden Erwerbsteuererklä-