Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 27 (2.7.1897)
- Date
- 1897-07-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021196--06884-3031186- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 560 Nr. 37 Dr. Vloch's Wochenschrifj wollen, so dürfen sich die Juden (nach Bauer S. 70) nicht zum Christenthum bekennen, sondern zum aufgelösten Christenthum, zur aufgelösten Religion überhaupt. . . Dagegen will Marx versuchen, „die theologische Fassung der Frage zu brechen". „Betrachten wir den wirklichen weltlichen Juden, nicht den Sabbatsjuden, wie Bauer es thut, sondern den Alltagsjuden. Suchen wir das Geheimniß des Juden nicht in s e i n e r R e l i g i o n, sondern suchen wir das G eheimniß der Religion im wirkli ch en I u d e n". (S. 209.) Wer diese Zeilen geschrieben hat, beweist damit schon feine völlige Unfähigkeit zur gerechten Würdigung des Judenthums. Dieses ist nur aus seiner Religion heraus zu verstehen. Wer heute nicht vom Judenthum abfällt, bleibt darin lediglich aus Idealismus, aus Gefühl für die Verwerflichkeit religiösen Meineids. Das sind hochethische Motive, die aber Marx nicht verstehen konnte, weil er Religion und Sittlichkeit überhaupt nicht nach ihrem vollem Werthe für die Entwicklung der Menschheit geschätzt hat. Es fehlte ihm eben durch feine im kindlichen Alter erfolgte Taufe die Erziehung im jüdischen Geiste. Er hatte gar kein Verständniß für das Bedürfnis nach religiöser Wahrhaftigkeit. Nur darum konnte der Nachkomme einer durch drei Jahrhunderte, in Armuth dem Studium obliegenden Familie von weltfremden Jenseitsschwärmern, in unglaublicher Verkennung seiner eigenen Familiengeschichte die Worte niederschreiben. „Welches ist der weltliche Grund des Judenthums?" Das practischeBedürfniß,der Eigennutz. „Welches ist der weltliche Cultus des Juden?" Der Schacher. „Welches ist sein weltlicher Gott?" Das Geld. Wer die Gräber seiner Ahnen so schänden konnte, hat vom jüdischen Geiste sicherlich das Beste nicht ausgenommen. Und ein solcher verständnißloser Außenstehender sollte unser Richter fein, sollte Diejenigen richten, die die „Schuld" der Väter stolz auf sich nehmen, weil sie wissen, daß das Großtheil davon elende Lüge und Verleumdung ist? Der Glaube an unsere Väter ist auch eine Religion, ist die Religion des sonst ungläubigen Juden; wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht begreifen, sagt der größte deutsche Dichter; und Marx hat nichts davon gefühlt, was Jude fein heißt. Um die Stellung eines Karl Marx zum Judenthum zu verstehen, muß man sich vor Allem über seine Stellung zur Religion überhaupt klar werden. Er ist ein wüthender, grundstürzender Feind der Religion im Geiste Ludwig Fe u er b ach's, seines Lieblingsphilosophen, jedoch verschärft durch fein Programm der „rücksichtslosen Kritik alles Bestehenden, rücksichtslos sowohl in dem Sinne, daß die Kritik sich nicht vor ihren Resultaten fürchtet und ebenso wenig vor dem Conslicte mit den vorhandenen Mächte n" (Brief an Rüge, Kreutznach, September 1845.) „Ich versichere Sie", schreibt der 25jährige Marx, die Gefühle eines Deutschen in Holland schildernd, an denselben Freund, „wenn man auch nichts weniger als Nativnalstolz fühlt so fühlt man doch N a t i o n a l s ch a m, sogar in Holland. Und wenn eine ganze Nation sich wirklich schämte, so wäre sie der Löwe, der sich zum Sprunge in sich zurückzieht. Ich gebe zu, sogar die Scham ist i n D e u t s ch l a n d noch nicht vorhanden; im Gegentheil, diese Elenden sind noch Patrioten! Der Staat ist ein zu ernstes Ding, um zu einer Harlekinade gemacht zu werden. Man könnte vielleicht ein Schiff voll Narren eine gute Weile vor dem Winde treiben lassen: aber seinem Schicksal trieb es entgegen, eben darum, weil die Narren dies nicht glaubten. Dieses Schicksal ist die Revolution, die uns bevorsteht." (Geschrieben 5 Jahre vor 1848.) Für Marx war eben „Die Kritik der Religion" nur „Die Voraussetzung aller Kritik", „Krieg den deutschen Zuständen!" ruft er in der Abhandlung „Zur Kritik der Hegel'schen Rechtsphilosophie" aus: „Sie stehen unter dem Niveau der Geschichte, sie sind unter aller Kritik!". (S. 73). „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik", heißt es in derselben Abhandlung (S. 71). „Das Fundament der irrreligiösen Kritik ist: Der Mensch m a ch t die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. . . Aber der Mensch, das ist kein abstractes, außer der Welt lebendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Societät. Dieser Staat, diese Societät produciren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, . . . ihre moralische Sanction, ihre feierliche Ergänzung, ihr Trost- und Rechtfertigungsgrund. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kamps gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Re l i g o n ist. Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Creatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. S i e i st d a s Opium des Volkes." „Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes, ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand a u f z u g e b e n ist die Forderung einen Zustand aufzuheben, der der Illusionen bedarf." Man sieht es, hier delirirt ein Feuerkopf, der Staat, Gesellschaft und Geschichte auf den Kopf stellen möchte, der Alles von oberst zu unterst kehren will und dem die Religion nur ein Nebenproduct der Geschichte, eine Illusion ist, die man zerstören muß, um die Menschen zur Erkenntniß ihrer trostlosen Lage und zur Revolution zu treiben. In derselben Abhandlung erklärt Marx, alle Hoffnung auf Emancipation von den deutschen Zuständen des Vormärzes beruhe auf der Sphäre, welche kein besonderes Recht in Anspruch nimmt, weil kein besonderes Unrecht an ihr verübt wird, auf der Sphäre des Proletariates. „Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emancipation der Deutschen zu Menschen vollziehen." „Resumiren wir das Resultat: Die einzig praktisch mögliche Befreiung Deutschlands ist die Befreiung auf dem Standpunkte der Theorie, welche den Menschen für das höchste Wesen des Menschen erklärt. . Der Kopf dieser Emancipation i st die Philosophie, ihr Herz das Proletariat." (S. 85.) Ist das nicht doch echter Geist vom Geiste des Judenthums? Ist nicht der Kopf des Judenthums von jeher seine Philosophie, sein ewiges Studium, seine Thora gewesen, war nicht sein Herz immer mit dem Proletariate in der Erinnerung, daß auch wir Sclaven gewesen sind im Lande Egypten und daß auch der Knecht seinen Antheil haben soll an Gott und der Welt, am Ruhetage und am Ruhejahre? Der religiöse Geist des Judenthums und damit aller religiöse Geist überhaupt ist Marx ausgetrieben worden, der sociale Geist ist ihm durch Racenvererbung geblieben. Denn jüdisch-social ist kein Unsinn, jüdisch-social, jüdisch fühlen heißt weltumfassend, weltbefreiend, welterlösend wirken wollen, und in diesem Sinne hat der Geist des Judenthums unverwüstlich in Karl Marx gelebt, wie groß und bedauerlich auch dessen Jrrthümer gewesen sein mögen. Sein Sinn ist immer ans die Erlösung Aller gerichtet gewesen und nur in der Erlösung Aller kann auch das Judenthum seine Erlösung finden. Das gläserne Haus des Dr. Lueger. Herr Tr. Carl L u e g e r, welcher die letzte Zeit hindurch eine Art Toppclticht zur Schau trug, bei helllichtem Tage sich in der Rolle des abgeklärten, des gemäßigten Politikers gefiel, der nur leider von seinen weniger gemäßigten, insubordinirten Parteigenossen majorisirt wird, um dann bei Nacht in tobenden Tramwayversammlungen sich an die alte, halbverklungcnc Hetzmelodie zu erinnern, hat vergangene Woche im Wiener Gemcindcrathe das Ernst Schneider'sche Wörterbuch um einen seiner herrlichsten Artikel geplündert, und er, dem bei seiner Bestätigung zuin Bürgermeister der Stadt Wien von officiösen Hörnern, Flöten und Schalmaien das Lied der Versöhnlichkeit und Objektivität in allen Tonarten vorgcsnngen worden war, hat es mit seiner Stellung vereinbar gefunden, ex cathedra der Confiscation der Judcngüter das Wort zu reden. Ter Herr Bürgermeister ist wahrlich nicht naiv genug, um einen Augenblick zu glauben, daß diese Proclamation eines commnnalen Communismus bei seinen hochmögenden Gönnern besonderen Aniverth finden wird. Ter clcrical-fcudale Jesuitismus, der das antisemitische Sprengmittel freudig beniitzte, um den herrlichen Bau der Bürgersreihcit, den im Jahre 1848 jüdisches Blut gekittet hat, zn zerstören,