Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 27 (2.7.1897)
- Date
- 1897-07-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lr. 27. D|*h BIOCll’S Jahrgang XIV. Centralorgan für die gefammtrn Interelfen des Iudenthums. -— —■%.- Wien. 2. Juli 1897. -»«<.' -- Erscheint jeden Freitag. -f- Brief-Adresse: Wien, L, Hauptpostamt — Fach. Telegrarnm-Adresse: Bloches Wochenschrift Wien. Inhalt. Leitartikel: Karl Marx und das Judenthum. — Das gläserne Haus des Dr. Lueger. — Die neue Erwerbsteuer. — Woylthätigkeit in den Vereinigten Staaten. — V o ur Jahrmarkt des Lebe n s: „Judenstaat" oder „Zionismus". Zur Judencolonisation in Vorderasien. Zur Lage der Juden in Galizien. Germanisch arischer Dank. Earl mit der leeren Tasche. Abscheulichkeiten. „Ungarn und die Juden". Eine chinesische Satyre gegen den Antisemitismus. Ter Erfinder der athmosphärischen Eisenbahn. Uriah Philipps Levy, der Abschaffer der Prügelstrafe in der Marine der Vereinigten Staaten Amerikas. Zur Naturgeschichte des Duells. Das Dorf Bar-Tanura. — Rene Erfahrungen auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Literatur. — Korrespondenzen: Wien, Reichenberg, Lemberg, Krakau, Pecs, Olmütz, Holleschan, RoZnau, Berlin, Frankfurt a. M., London. — Vermischtes: Wien, Budapest, Olmütz, Ezeniowitz, Königinhof, Berlin, Frankfurt a. Ai., Melbourne. — Feuilleton: Die bessere Welt. Gellert über die Juden. — Literatur. — Berichtigung. — Briefkasten. — Eingesendet. — Inserate. 8. ft. Poysparksssen-Amt Clearing vrrkrtzr Nr. 810.976. Drdsrtwn und AdmUristratton: Wir«! 11., Lnlrri 1». Tele phon - Nr. 6535. * - - — * Dkfligsvrrl» für ©sP.?rrrtd): Halbjährig 4 fl. — 8 Ur. Einzelexemvlare 2» kr, Tür'» Ausland. halbjährig »fl. —!0 Kr. ganzjährig Ui „ — 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petit,eile 12 kr. 1Vir ersuchen unsere geschätzten <Abonnenten um rechtzeitige Cinsendung der laufenden Jlbonnementsgebühr, damit die Zusendung des Blattes keine Unterbrechung erleide. Karl Marx und das Iudenthum. ii. Die Meisten, welche Karl Marx einfach als Typus des revolutionär gesinnten Inden behandeln, wissen gar nicht, daß der Begründer der modernen Socialdemokratie niemals auch nur den geringsten Sinn sür Geschichte und Werth des Judenthnms gehabt hat. Marx hat seine Gedanken zur Judenfrage systematisch zuerst in den „Deutsch-französischen Jahrbüchern" entlvickelt, deren erstes und letztes Heft 1844 in Paris erschienen ist. Der Regierungsantritt Friedrich Wilhelm's des Vierten (1840) hatte in ganz Preußen infolge einiger liberalisirender Aeußerungen und Handlungen dieses Monarchen die lebhaftesten Hoffnungen hervorgerufen. Alle Unterdrückten athmeten auf, auch die Juden, welche am 11. März 1812 zu preußischen Staatsbürgern erhoben und in die Militärpflicht einbezogen worden waren, in den Befreiungskriegen nach ausdrücklicher Anerkennung des berühmten Staatskanzters von Hardenberg (1815) sich ausgezeichnet bewährt hatten und nachher in der von Gabriel Rieß er so nachdrücklich gebrandmarkten Weise um die ausdrücklich zugesagte Gleichberechtigung verkürzt worden waren. In der Frühlingsluft eines von oben her angeblich begünstigten Freiheitsdranges entwickelte sich eine philosemitische Literatur; dasselbe Phänomen zeigte sich übrigens damals unter den Nachwirkungen der Julirevolution von 1830 in ganz Europa bis nach Rußland, Ungarn und selbst nach Metternichs Oesterreich hin. (Bergl. Menzinger, „Friede der Judenfrage", S. 166). SUbstverständlich meldete sich auch der alte Haman zum Worte, natürlich in modernstem christlichem und unchristlichem Costüme. Den christlichen Staat betonte kein Schriftsteller aufdringlicher und gehässiger als der getaufte Jude S t a h l, in einem hart vor 1848 erschienenen Buche, welches die Juden als ein im christlichen Staate nicht zulässiges Element darstellte, den christlichen Staat aber als selbstverständlich ewig unveränderlich voraussetzre. Den unchristlichen, kritisch-philosophischen Standpunkt vertrat, der damals um jeden Preis Sensation erregende Kritiker des Urchristenthums, Bruno Bauer in seinem Essay über „die Judenfrage" (1844). Den Kern dieser Schrift gibt Marx (Jahrbücher, S. 183) mit unübertrefflicher Knappheit und Richtigkeit wieder: „Der christliche Staat kann seinem Wesen nach den Juden nicht emancipiren, aber der Jude kann seinem Wesen nach auch nicht emancipirt werden. So lange der Staat christlich und der Jude jüdisch ist, sind Beide ebenso wenig fähig, die Emancipation zu verleihen als zu empfangen." — Als einen seiner Ansicht nach besonders schlagenden Beweis dafür, hatte Bauer die ftanzösische Kammerdebatte über die Sonntagsruhe citirt, wo der Jude Crsmieux freiwillig zugegeben hatte, daß man sich bei der Wahl des officiellen Ruhetages gerne nach der Religion der immensen Majorität richten wolle. Nebenbei bemerkt, war gerade dieser spontane Verzicht auf die strengen logischen Consequenzen der Emancipation, dieses Nichtbestehen auf dem Buchstaben der Gleichberechtigung, der beste Beweis gegen Bauers These. Wenn Bauer nur gemeint hat, daß ein auf das Christenthum alle Rechte gründender Staat die Juden nicht emancipiren könne, so hat er etwas Selbverständliches gesagt. Wenn aber unterhalb seiner Thesen immer das alte Vorurtheil lauert, daß ein in der Majorität christliches, d. h. von Bekenner» einer christlichen Confession bewohntes Staatsgebiet auch in dem vorigen Sinne christlich regiert sein, d. h. alle Andersgläubigen auch beim besten Willen entrechten müsse, so kann gerade der erwähnte Vorfall nur gegen diese Behauptung sprechen. Und wie damals, so haben die Juden immer auf jene logischen Consequenzen ihrer Gleichberechtigung freiwillig verzichtet, welche auch einem billig denkenden Christen als unbillig erscheinen könnten. Sie haben niemals dem Staat und der Bevölkerung muthwillige Schwierigkeiten gemacht, wie etwa die Anderen ihnen beispielsweise in der Schächtfrage. Wie stellt sich nun Marx zu Bauer? Er bestreitet der Judenfrage den religiösen Charakter und sieht in ihr einewirthschaftliche Frage. Damithat er der ganzen Discussion eine völlig neue Richtung gegeben. Marx erklärt sich hierüber folgendermaßen: „Bauer verwandelt also hier die Frage von der Judenemancipation in eine religiöse Frage . . Wenn sie ftei werden