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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-06-25 · 26 (25.6.1897) · page 23

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
26 (25.6.1897)
Date
1897-06-25
Page
– (sequence 23)
Language
German
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Nr. 26 Dr Vlvch's WochrnfchrM Welt", dachte Lea, da müßte ja des Blühens kein Ende sein, dort draußen zwischen den weißen Palästen, in beit großen Gärten, wo schöne, glückliche Menschen lustwandelten. Aber sie hatte jene Sehnsucht, die ihre ersten Jugendjahre ausgefüllt, nicht mehr. Oder doch : ein klein wenig noch, aber nicht so herb. Es war ihr, als ob sie vor dem Thore der „bessern Welt" schon stünde — so voll war sie von Erwartungen, die sie früher nicht gekannt. Es war für sie wie Feiertag in der Welt, seit jener Stunde, da sie ihn gesehen. Sie war, wie so oft, am Rande des kleinen Birkenwäldchens gestanden und schaute hinüber zur kleinen, geschwärzten Holzkirche des Dorfes und zu dem säubern Pfarrhause. Und sie schaute zur Landstraße, zur weißen Straße, die sich weit dahinzog und die ihre Sehnsucht oft durchschritten. Der Sonnenschein kam und ging, bald verbarg er sich unter kleinen Wolken und bald zitterte er hin über die Wipfel zarter, silberner Birken. Und all die Hütten grüßte er, wo man ihn über der Arbeit gar nicht sah und wo die Sorgen ihn verscheuchten. Lea dachte daran, wie sie früher diesen Platz gefürchtet und gemieden hatte, seit jenem Tage, als der kleine Sohn des Popen sie mit Schimpfworlen vertrieben hatte, als sie in das Innere des Pfarrhofes lugte. Da blühten die Kirschbäume und die Blumen, im Stalle wieherten lustig die Pferde. Weiße Tauben ließen sich nieder icud eine dicke, freundliche Frau fütterte sie. Da ertönte Helles Lachen und ein großer hellblonder Junge zerrte seinen Vater, den großen hagern und verdrießlichen Popen aus der Stube in den Garten hinein: „Väterchen, jetzt müssen wir spielen, es hilft Dir da nichts, nichts, nichts!" Und vom Stall heraus klang die Stimme der Magd: „Gehe nicht zur Wetschernitza rc.". In ihr ärmliches, geflicktes Kleidchen gehüllt, stand Lea da und all diese Fröhlichkeit that deni Kinde weh. Plötzlich wurde sie aufgeschreckt, der blonde Junge sprang aus sie zu: „Paschol, Du, Du kleines JudenmÜdel — willst leicht was stehlen, was? Husch, husch!" Und er jagte sie davon, daß sie hineilte, sich die Füße verwundend. Athemlos und voll heißer Thrünen kam sie zu ihrem Vater. Unaufhörlich weinte sie. Er druckte sie an sich: „Armes Kind, mein liebes Kind." „Nicht wahr, Väterchen, Du wirst mich — mich rächen?" brachte sie mühsam heraus. Und da mußte er lachen, wie sie es lange von ihrem Vater nicht gehört und das that ihr wohl. Sie lachte mit und beruhigte sich. In das Birkenwäldchen ging sie nicht mehr und den Sohn des Popen mied sie, wenn er zur Ferialzeit nach Hause kam. Das ging ihr Alles durch den Siun, während sie so dastand. Das war schon so lange daran, er mußte weiß Gott schon was sein, ein Doctor schon gar, und sie war ein großes Mädel geworden, voll drückender Sorgen und schmerzlicher Sehnsucht. Sie hatte andere Thrünen schon geweint als die von damals und den Sohn des Popen würde sie nicht mehr fürchten. Plötzlich wurde sie ausgeschreckt. „Muh — mit—1)!" klang es wie von einer Männerstimme und dazu helles, luftiges Kinderlachen. Sie blickte sich um und auch sie mußte auslachen. Da kroch ein junger Mann aus allen Vieren und tollte und jubelte. Er richtete sich langsam empor und verneigte sich vor Lea, die erröthete. Sie erwiderte kurz den Gruß und schickte sich an, zu gehen. „Fräulein Nachbarin", begann er mit freundlichem Lächeln, so sehr fürchten müssen Sie sich schon nicht vor mir — auch nicht wegen der dummen Geschichte von damals. Na, ich gebe es schon zu, ein recht böser Bube war ich schon, aber ich will Buße thun Welche Strafe verhängen Sie über mich? „Ihnen aus dem Wege zu gehen", sagte sie. Sie hatte ihn nun erst erkannt — aber wie hatte er sich verändert. Wie groß und stark er geworden war und wie anders sah er aus als die Männer, die sie bis jetzt gesehen. „Das wäre freilich etwas zu hart — glauben Sie es uicht? Denn nun bin ich doch ein ganz Anderer und nicht mehr so roh wie einst — also eine andere Strafe, ja?" „Das muß ich erst sehen — übrigens, was liegt Ihnen auch an mir, Herr Doctor. So ein „Juden"mädel wie ich beachtet man einfach nicht." „Ach, wie garstig Sie sprechen, liebes Kind — dafür verhänge ich über Sie eine Strafe und Sie werden sie annehmen müssen, gleichviel ob Sie es wollen oder nicht. Nämlich: Sie müssen mir schon folgen, wenn ich Sie jetzt zu meinen Eltern führe. Die erzählten mir schon viel von Ihnen — wollen Sie? Ich bitte Sie herzlichst darum und auch Aninka bittet Sie Seite 547 darum. Schauen Sie nur, wie herzig das Kind Sie anblickt. Es ist die Tochter meiner Cousine." „Komm nur mit da — wir wollen spielen, ich habe eine Puppe, sie ist so groß wie Du und sie ist jetzt krank, der Herr Doctor wird bald zu ihr kommen", sprach das Kind, ein etwa sechsjähriges Mädchen mit blauen Augen und schneeweißem Gesichtchen. „Ja, der Herr Doctor wird kommen und wird Deiner Marusia einen Fuß abschneiden, Du böser Fratz Du, dafür weil Du ihr ein Auge ausgehackt hast." „Nein, nein, nein — laß es nicht, Onkelchen, Aninka wird weinen, weinen." Und sie platzte los. Lea neigte sich zn ihr, hob sie empor und suchte sie zn beschwichtigen. „Na, jetzt hilft Ihnen doch nichts mehr, jetzt müssen Sie doch schon mitkommen, das Kind läßt Sie uicht mehr los." Das Kind in den Armen schritt sie an seiner Seite durch die Birkenallee dem Pfarrhause zu. Sie wußte es nicht, ihr war zu Muthe, als wandelte Sie unter lauter Licht. Es war ihr, als ginge sie den Weg zur besseren Welt und eine feine Hand geleite sie. Sie küßte unablässig das Kind und drückte es an ihr pochendes Herz. Er erzählte ihr von seinen Studien, von dem Leben in der großen Stadt, daß er auch malt zu seinem Vergnügen, daß er Reisen gemacht und viele Bilder copirt habe — darunter ganz herrliche, die er ihr zeigen wolle. Und als sie dann, von seinen Eltern warm begrüßt, vor diesen Bildern stand und ihr eine Schönheit offenbart wurde, die sie nie geahnt, da war es ihr, als weilte sie in jener Welt, die früher nur in ihren Träumen war. Langsam ging sie dann nach Hanse und mit leisen Schritten ging hinter ihr her das Gluck. Seine Eltern hatten sie gebeten, sich ihnen als Gast zu einer Hochzeit anzuschließen, die in den nächsten Tagen im nahegelegenen Städtchen stattfinden werde. Sie soll mit ihm tanzen, bat sie Wladomir, nur einmal. Und sie sagte zn — und tanzen wollte sie mit der ganzen Leidenschaft ihrer Jugend. Bis zu den Thoren der besseren Welt wollte sie dahinfliegen. „Lieben Sie die Märchen?', flüsterte sie ihm zu, während er an ihrer Seite ging. „Ich liebe die Wirklichkeit, die schöne Wirklichkeit, Lea". „Ich habe keine; ich bin ein recht armes Mädel — mir gab das Leben nur den Traum." „Sind Sie dann noch arm zu nennen, Lea?" „Jetzt nicht", entschlüpfte es ihr. „O Lea!" Ein leiser Wind erhob sich und streute Blüthen über die Beiden. Ihr Blick fiel auf die weite Ebene, die wie in Traurigkeit versunken fern von ihnen lag. Ein Hirtenjunge sang mit klagender Stimme und es war wie die Stimme dieser Ebene. „Und noch einen Wunsch mußt Du mir erfüllen, Lea. Du mußt Dich von mir malen lassen, und das soll ein Bild werden, nach dem ich mich schon lange gesehnt: „Das Märchen der Ebene." „Solche traurige Märchen lieben Sie? Und sehen Sie — wie soll ein armes Mädel wie ich als Modell zu einem Märchen taugen, ich mit meinem Elend?" „Wenn Du wüßtest, wie schön Du bist, Lea!" An all' diese Worte dachte sie, während sie ihren Vater erwartete. Sie fürchtete ihn in diesem Momente, denn sie fühlte es heimlich, daß sie in den letzten Tagen eine ganz Andere geworden, stärker und bewußter; fast fremd war ihr nun jene Welt, in der sie bis jetzt gelebt. Tie Jahre ihres bisherigen Lebens entfernten sich von ihr und verschwanden in der Dämmerung ferner Erinnerungen; sie erwachte aus dem alten Leben und sie träumte sich iit ein neues hinein. Eine reifere Jugend kam zu ihr mit glühendeut Athem und duftenden Lippen und küßte sie . .. Als Aron in ihre Stube trat, fiel sie in seine Arme. „Man hat Dir weh gethan, mein Kind?" Er stand gebeugt vor ihr in seinen armseligen Kleidern, mit einem Gesichte voll Gram. Mit der schwieligen Hand, in der die väterliche Zärtlichkeit zitterte, strich er über ° ihr junges Haupt. „Unsere Tage sind wie die Schatten, die vergeben und wie die Träume, die verfliegen, und wenn sie köstlich gewesen, so waren sie nichts als Arbeit und Mühsal."

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