Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 26 (25.6.1897)
- Date
- 1897-06-25
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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Seite 546 Vr. Vloch's Wochenschrift Nr 26 „Noch nicht ganz — wir müssen es uns noch erringen!" Und dann werden auch wir der „bessern Welt" theilhaftig werden? O das wird schön sein — dann will ich noch leben, noch lange leben, mein Vater. „Lea, hast Du noch immer keinen Hunger?" rief die Greisin besorgt. Du ißt ja nichts mehr, Kind — und Du wünschest Dir ein langes Leben. Ach, ihr jungen Leute, ich kenn' mich zwischen euch nicht mehr aus". „Laß' nur Großmütterchen — wenn Du wüßtest, wie ich jetzt tanzen möchte und mich so ganz freuen und weinen zugleich — denn ein bisserl Glück muß ja auch in unsere Stube kommeil und den Dalles werden wir schon wegtreiben — hu, aber mit großer Gewalt. Nu wird's mir ein bissel lichter vor Augen, komm' laß' Dich küssen Großmutter! Y „Schmäh Israel" wehrte die Greisin ab — mir will's nicht warm werden bei euren Worten, ich fühl' nur, daß es noch immer Winter ist in der Welt und daß es weiter so gehen wird Allen, die zum Kummer geboren wurden, und was euch erleuchtet, ist nur Wintersonne. Ach, wenn man jung ist, da glaubt man noch an alles Mögliche und wir armen niedern Leut' sind stets wie die Kinder, die nach dem Gold in den Märchen greisen wollen — und ach, es ist nur Trug. Denn wahr, meine Kinder, sind nur die Thränen. Schaut's meine Augen!" „Das verstehst Du nicht, liebe Mutter", begann Aron wieder — „wir leben doch jetzt in einer andern Zeit Y „Wollt' Gott, daß ich mit meinen blinden Augen jetzt nicht besser die Wahrheit sehe, als ihr mit euren Hellen. Euch blendet die Jugend, die ist wie die Sonne des Sommers — der Winter kommt doch hernach.Die Armuth und das Schlechte sind nimmer auszurotten und wem der Himmel das Glück nicht gibt, der wird's nie erhaschen." Vater und Kind aber hörten nicht aus die Worte der Greisin, die sich in ihr Kämmerlein zurückgezogen hatte. Der erste Schnee schlug an die Fensterscheiben, nur hie und da huschte ein müder Sommerstrahl durch die saubere Stube und verschwand — aber die beiden Menschenkinder träumten einen Frühling; sie hatten zwei arme Worte bethört und sie wurden ihnen zum Märchen und das Märchen in ihren armen Köpfen zur Wirklichkeit. An jenem Tage beschloß Aron, in dem armen Hungersdorfe zu bleiben und zu arbeiten. Es war ein anderer Pflug, den er sich erwählt und andere Felder, die er bebauen wollte. Er wollte Licht bringen in die armen Köpfe, er wollte seine Glaubensgenossen, die ringsum die einsamen Dörfer und Flecken bewohnten, für die neue Zeit vorbereiten. Er wurde Lehrer — und fand zuerst Schüler genug, mochte der Lohn noch so kärglich sein. Wenn der Morgen nur graute, machte er sich schon auf den Weg, gerüstet mit seinen Büchern. Er fühlte sich gar stark und hoffnmigsfreudig dabei — aber dann sank sein Muth immer mehr und mehr. Verwirrte und verständnißlose Kinderblicke trafen ihn, daß er seine krausen Vorträge unterlassen mußte. Hoffnungslos kam er nach Hause. „Es ist mein Schicksal, daß all meine Arbeit nutzlos bleibt und unfruchtbar", klagte er, während er den Kopf sinken ließ. „Weil Du Dich nie in der Geduld geübt hast, mein Sohn", tröstete ihn die blinde Mutter. „Vierzig Jahre mußte der heilige Moses unser geliebtes Volk durch die Wüste führen, bis es in das gelobte Land kam und Du willst schon verzagen? Du mußt erst Deine Wüste durchwandern, Aron Y „Werde ich es können?" „Wer so fragt, muß es lassen. Erleuchtung zu bringen. Man muß stark sein und das bist Du nicht. Widme Dich Deinem Kinde. Das ist Deine Aufgabe; auch die ist schwer genug. Schau, ich kann das Mädel jetzt nicht mehr verstehen, mir ist's, als ob sie ganz anders geworden in der letzten Zeit. Weiß Gott, sie macht mir viele Sorgen. Sie ist zuweilen so still und traurig oder sie singt vor sich hin und dann spricht sie allerlei Zeug zusammen. Bei Nacht da hörte ich sie weinen, so still, weißt Du, wie wenn man einen großen Kummer hat oder hoffnungslos ist. Essen thut sie fast gar nicht und sitzt nur müßig da oder geht für Stunden weg — o heiliger Gott im Himmel, was mag ihr nur sein?" Was es sein soll? Gar nichts ist's! Du verstehst eben die Jugend nicht mehr Mütterchen und Du weißt nicht, was Jugend und Sehnsucht und all die Schmerzen sind. Erinnerst Du Dich an Anna, Gott Hab sie selig! — die war auch einst so traurig und still geworden wie ein Vögelchen im Käfig und - dann starb sie uns. Und traurig muß es dem Mädel schon sein. Denn was hat sie da von ihrer Jugend — in dieser Einsamkeit und in unserem Eleud?" „Verheiraten sollst Du sie, Aron, — hörst Du, das wäre das Rechte. Wenn sie erst einen Mann bekommt und Kinder, dann wird sie erst ein richtiger Mensch werden und wird sie wissen wozu sie Hand und Kopf hat. Such ihr einen Mann, das ist Deine Pflicht; mit Deinen sonstigen Reden machst Du sie nur krank, daß sich Gott erbarm'!' „Und die Liebe? Soll ich mein Kind einem rohen, lieblosen Menschen geben, und mein Einziges soll arm bleiben und allein und verlassen für und für, und soll mit ihren Gedanken und Gefühlen allein leben, eine Welt für sich und der Gatte soll nie sie verstehen können und weit von ihr stehen? Mutter, ich mach' mein Kind nicht unglücklich. Es wartet auf Liebe und ich soll hingehen und sie wegführen in eine dunkle Stube, zu einem Manne, der ihr fremd bleibt, und sie soll arbeiten und sich sehnen und verkümmern? Leben wir denn nicht in der neuen Zeit?" „Zum Teufel auch mit eurer neuen Zeit, die nichts mehr haben wird für euch als neues Unglück und Enttäuschung. Die Liebe sagst Du? Weh geschrieen — weißt Du denn nicht, daß man sich die erwerben und sie sich erdieuen muß geduldig, durch Schmerzen. Es ist Anfangs gar herb und, weiß Gott, man verzweifelt mal schier — aber dann komnrt sie und es ist die rechte. Man muß zuerst seine Pflichten erfüllen, wenn man sie verdienen will. Denn die Liebe ist keine Spielerei; man soll nicht lieben in Sünden, denn dann kommt die Ren', sage ich Dir, die Reu' und das ist bitter." „Hat denn das Leben keine Pflichten gegen uns, Mutter?" „Wenn wir seine Pflichten erst erfüllt haben Y „Das ist Alles so grau ..." „Grau — was heißt grau. Schau Dein Leben an, Aron, reut Dich die Pflicht? Nimmst Du nicht Alles freudig auf Dich und mußt Du nicht noch bittere Pflichten erfüllen? Jeder harte Stein wird zu Gold, wenn man ihn mit eigenen Händen aufgehoben hat. Schau, wie war mein Leben? Als ich meinen Schmul selig heiraten mußt', da war es mir auch so schwer um's Herz und ich weinte genug in den Nächten, denn er war nicht lieb und so hart und streng und zornig. Zuerst hatte ich gar trübe Tage und mußte mich abmühen von Früh bis Abend und nie konnte ich's ihm recht machen. Kein freundliches Wort hört' ich von ihm, daß ich schier das Lachen verlernte. Und ich mußte immerzu Kinder gebären und meine Kinder sterben sehen und er gab mir keinen Trost, gar keinen und war weiter schweigsam — bis ich endlich, als ich's nicht mehr ertragen konnte, aufweinen mußte — und da legte er feine schwere Hand auf meinen müden, ergrauten Kopf: „Wein' nicht Sarah, Du bist ein braves Weib, ich kann's nicht ansehen, daß Du weinst." Das sagte er und siehst Du damals wußt' ich, daß er mich lieb hatte und so war's auch. Und das war auch mein einziges Glück in meinen jungen Tagen und die Erinnerung daran ist noch jetzt das bissel Licht, das vor meinen blinden Augen ist und ich werd' es mitnehmen, wenn Du mich einbetten wirst da draußen ..." * ch Lea saß unterdessen in ihrem Kämmerlein. Sie hatte das Gespräch nicht mit angehört. Ungeduldig erwartete sie ihren Vater — es war das erstemal, daß sie eine Bitte an ihn hatte und sie käinpfte mit sich, ob sie sie Vorbringen solle. Wenn er sie ihr abschlagen würde, dann war alles Herrliche aus, der sonnige Traum der letzten Tage zerstört. Es fiel ihr so schwer — mußte sie ihm ja dann Alles sagen, wovon ihr Herz so voll war. Und welche Worte sollte sie wählen. . . Konnte sie es überhaupt sagen, was sie so glücklich machte? Das war ja Alles nichts und es war ein Unrecht, daß sie es ihm verheinllichte, daß sie glücklich war, während ihr Vater kämpfte und sich abmühte, daß er müde und gealtert aussah in den letzten Tagen. Was war nur aus ihr geworden? Aber während ihr Verstand so zu ihr sprach, klang es weiter in ihr wie eine schmerzlich süße Melodie und bald so wonnig, als ob ihre Seele ein Sonnenstrahhl wäre, der leuchtend und sorglos über die Felder huscht. Und sie sah, wie das müde, sorgenvolle Gesicht ihres Vaters immer mehr in ihr verblaßte und ihr neigte sich ein schönes Jünglingsantlitz, das ihr zulächelte, daß sie weinen mußte vor Freude. Draußen war es Sommer und die Rosen blühten. In dem armen Dorfe gab es keine, aber draußen in der „bessern