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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-06-25 · 26 (25.6.1897) · page 24

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
26 (25.6.1897)
Date
1897-06-25
Page
– (sequence 24)
Language
German
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Seite 548 Vr Vlochh» Wvchensttzrifl jJfr. 36 Es war die Greisin, die in der Nebenstube diesen Psalm mit starker Stimme hersagte. Und währenddessen weinte Lea bebend und ganz erschüttert in den Armen ihres Vaters die glücklichen Thränen der Jugend. Dann blickte sie ihn mit ihren großen feuchten Lütgen lächelnd an — und sie erzählte ihm Alles, nur nicht das, was sie so glücklich machte. „Werde ich gehen dürfen. Du Guter?" „Du freust Dich so sehr darauf? Es thut mir dies fast weh, Kind." „Weswegen? Schmerzt es Dich, wenn Dein Kind auch . 'mal eine kleine Freude haben wird?" „Nein, aber sie werden dann die Thore hinter Dir zuschlagen, grausam, erbarmungslos", sagte er herb. „Die glücklichen Stunden kann uns kein Gott mehr entreißen." „Nun gut, so gehe, gehe. Mich aber laß jetzt beten." Und Aron Löwenthal betete jetzt, wie lange nicht mehr. Eine heiße Thräne rann über sein Gesicht — es war ihm, als ob sein Kind weit von ihm weggegangen wäre durch weniges Sonnenlicht in den Schatten hinein und er stand ganz allein und mußte mit seinen müden Händen einen hoffnungslosen Kamps kämpfen. 4- 4- * Es war ei» herrlicher Sommertag und draußen vor Aron Löwenthal's Behausung war soeben ein Wagen stehen geblieben. In demselben saßen der Pope Olnicki und dessen Frau in Festtoilette und auf dem Bocke die gestrafften Zügel festhaltend, Wladomir. Im Dorfe herrschte Stille. Denn draußen auf Wiese und Feld gab es heiße, schwere Arbeit, daß selbst die Kinder mitthun mußten. Scheltend und drohend ging der einäugige Gutsschreiber Kasimir Jau Wilczynski durch die Reihen der Arbeiter, von deren geschwärzten, abgehärmten Gesichtern der Schweiß herabrann. Hurtiger griffen die Sensen ein, schwerer und schwerer ging der Athem der Müden, bis die Arme erschlafften. Zaghast zuerst holte einer der Feldarbeiter seine Schnapsflasche hervor und sich unbeobachtet glaubend, thaten die Anderen dann mit. „Daß euch der Teufel hole, ihr Bestien!" schrie Wilczynski, indem er mit der Reitpeitsche knallte. „Nichts als Tag und Nacht Schnaps saufen thut ihr, ihr Verfluchten, während wir armen Leute uns abrackern im treuen Dienste unseres Herrn und Wohlthäters — ach, ach'" Und seine rothe Nase leuchtete im Sonnenlichte. Am Rande des Waldes stand der Gutsherr und glättete seine Stute, luftig pfiff er vor sich hin, denn ihn steute das neue Pferd, das er gestern erst für schweres Geld gekauft. Er hatte nach jahrelangen Verlusten endlich einmal im Spiele Glück gehabt. „He, Jüdchen," sprach er Aron an, „der eben mit seinen Büchern des Weges kam, „was macht Dein Talmud?" „O der Talmud ist todt, lange schon, Herr!" „Wer hat ihn erschlagen, der Schacher? Ha, ha!" „Nein Herr, die neue Zeit." „Ach was, zum Teufel mit der neuen Zeit und der ganzen Flunkerei — und wenn Du meinen Bauern damit den Kopf heiß machen wirst, dann werde ich Dich ganz im Geiste der neuen Zeit durchbläuen — hörst Du? Denn ein Jud' soll schachern; ihr seid wie die Fliegen, die sich auf die Pferderücken setzen. Bleibt beim Wuchern, zum Galgen! Verstehst?" „Ich verstehe Alles gut, ich verstehe es nur zu gut, Herr- Gras." „Was hast Du denn übrigens hier für ein gelbes Buch — das ist was rechtes. Zeig her — gleich! Die „Memoiren August des Starken" wirst Du doch nicht lesen — was? Ein deutsches Buch — natürlich — lesen deutsch die Juden und treffen uns armen Polen die besten Bissen weg. Nun so geht auch doch in des Teufels Namen zu den deutschen Bären und Krautfressern!" „Wir verdanken der deutschen Sprache unsere Bildung, unsere —" „Bildung braucht ihr?" — Ja! die Knute, Freundchen, die Knute. Uebrigens, wie heißt denn Dein sauberes Buch? Reden von Ferdinand La — la — ssalle — wer ist das? Kenn' ihn nicht. Auch ein Jud', was? Wie heißt er euer schönes Jüdisch? Eisig, Berisch, Baruch? Wie viel Percent verlangt er? Ist er auch von der neuen Zeit? tzeranrgeber u. vercmtw. Redaetem: 9«. Josef G. Bloch. „Lassen Sie es, Herr ..." „Ich lass' schon? Uebrigens ein hübsches Mädel hast Du, Aron — zum Donnerwetter, Race hat's — fft? Blos etwas dicker müßte sie sein. Gibst Du ihr nichts zu essen? Sorg' lieber dafür, daß sie sich amusirt — mit feinen Herren zum Beispiel! Dann wirst Du auch schon auf ein Profitchen kommen ..." Aron maß ihn mit einem verächtlichen Blick. „Besudeln Sie nicht ein reines Kind — das ist zu gut für die Herren, die Sie ihr empfehlen." „Haste Angst fiir Deine koschere Jungfrau? Marsch, Jud'." Aber Aron war längst gegangen. „Die blinde Mutter hat Recht, Aron," sprach er zu sich selbst, „es ist noch kalt und grausig in der Welt — wann wird's besser werden, wann wird's besser werden?" Als er vor seinem Hause anlangte, sah er den Wagen, der, er wußte es, auf seine Lea wartete. Und da sprang sein Mädel aus der Thüre. Er erkannte sie nicht — wie schön sie jetzt war in ihrem neuen bescheidenen Kleidchen und den weißen Schleier, der ihr Köpfchen umhüllte. So hatte er sie noch nie gesehen, so strahlend und verklärt — ein Märchenkind. Halb freudig und halb betrübt schaute Lea ihren Vater an. „Du bist mit deinem uugerathenen Mädel nicht mehr zufrieden? Lass' mich einen Tag nur glücklich sein, ich will dann Dir Alles heimzahlen, Herzensvater." „Gehe, mein Kind, mit Gott, denke aber an meine Worte, damit Du es nicht bereust." Rasch stieg sie in den Wagen, der sich daun in Bewegung setzte. Sie fuhren am Pfarrhause vorüber, ein süßer Duft von Rosen schlug ihr entgegen. Auf dem Dache hatten sich die weißen Tauben niedergelassen und im nahen Walde rief der Kuckuck. Die Sonnenstrahlen spielten mit Leas weißem, glitzerndem Schleier, mit ihren goldblonden Löckchen, die wie ein Diadem ihre weiße Stirne umrahmten. Nicht mehr traurig und fragend blickten ihre Augen, sondern ein Glanz lag in ihnen, als ob ihnen frohe Gewißheit geworden. Wladomir, der lustig mit der Peitsche knallte, wandte sich zu ihr um. „Finden Sie nicht, daß der Tag so schön ist, Lea?" „Ja, und mir ist zu Muthe, als ob ich fliege." „Und ihr Kleid ist so einfach und steht Ihnen so gut. So will ich Sie auch malen." Die Steppe lag jetzt vor ihnen ausgebreitet, groß, still und sonnenbeschienen; sie schien zu schlafen, in dieser Sommerstille. (Fortsetzung folgt.) Literarische Noti;. Es wird viele unserer Leser interessiren, daß die durch den hebräischen Schriftsteller Brainin besorgte vorzügliche hebräische Uebersetzung des „Jeremias" vom Professor Lazarus in der ersten Auflage, innerhalb der ersten sechs Wochen, vollständig vergriffen ist. Es ist doch erfreulich, daß unseren östlichen Glaubensgenossen durch den Achiassaf eine gesunde, geistige Nahrung aus dem Westen dargeboten wird; statt der Aufsätze über Nietzsche und Consorten!! Briefkasten Herrn M. Deutschbrod. Solche häusliche Zwistigkeiten einer Gemeinde sollen nicht in der Oeffentlichkeit ausgetragen werden — es wäre Sache des Rabbiners, hier zu wirken. G. W., Wien. Die Anwesenheit Dr. L u e g e r's bei der Besichtigung des neuen Heims der Rettungssellschaft durch den Kaiser war lediglich die Erfüllung einer repräsentativen Pflicht. Sie mag ihm allerdings schwer genug geworden sein, zumal nach den Worten glänzender Anerkennung, welche der Monarch sprach. In der kaiserlichen Ansprache war auch von den Traditionen der Rettungsgesellschaft rühmend die Rede. Das sind gewiß nicht jene Traditionen, die seinerzeit Dr. V r a g a s s y zum Gaudium der Herren Gregorig und Schneider in die Rettungsgesellschast einbürgern wollte. Ida O. in B. Der Einsendung sehen wir gerne entgegen. Besten Gruß. Ehrwürden Rabbiner V. Zum Wiederabdruck ungeeignet. . I. F. Wenden sie sich an die Königslegerstiftung der Wiener israelitischen Cultusgemeinde. Frau Geheimrath Nahida Ruth Lazarus. Herzlichen Dank für die liebenswürdige Zuschrift. Druck v. L. Beck & Sohn, Wie», VU., Lerchenselderstr. 46.

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