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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-06-25 · 26 (25.6.1897) · page 21

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
26 (25.6.1897)
Date
1897-06-25
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Nr. 26 Wr. Vloch's »ochrMchrM es ist heute die Jahresfeier des großen Tages unserer Befreiung; daruni ist es, daß wir so glücklich sind! Meine Herren, wenn solche Gefühle in einer Religion vorherrschen, so sind Diejenigen, welche sie bekennen, würdig, mit ihnen in Gemeinschaft zu treten; entmnthigen Sie sie nicht, reichen Sie ihnen inr Gegentheil eine brüderliche Hand; Sie werden sehen, daß in ihrer Seele ein Widerhall lebt, der für die Ihrige ist. Und sehen Sie, den ersten eingeborenen Advocaten, geboren nach der Eroberung, mit Namen Enos, habe ich vor kurzer Zeit zu dem Advocateneide dem Gerichtshof von Paris vorgestellt. Enos ist Jude: er ist ein junger Israelit ans Algier, und ich bin stolz darauf, dies zu erklären." Ja bis zu seinem letzten Athemzuge war er unausgesetzt bemüht, sich seiner unterdrückten Glaubensbrüder anzunehmen, um ihnen eine würdige Stellung zu erringen. Montefiore hatte seine günstigen Erfolge im Jahre 1840 im Oriente gewiß der Beredtsamkeit Cremieux, der ihn begleitet hatte, zu verdanken. Als Cremieux 1870 in die Regierung der nationalen Bertheidigung als Mitglied eintrat, benützte er vor Allenl die günstige Gelegenheit, um den Inden Algiers mittelst Decretes das französische Bürgerrecht zu verleihen, ohne den Vorwurf, den ihm seine Gegner gemacht, daß er seine Stelle für eonfessionelle Interessen ausbeute, zn scheuen. Seine größte und herrlichste That war unstreitig die Gründung des die Interessen des Judenthums in hohem Grade fordernden, die edelsten und humanitärsten Zwecke verfolgenden Vereines , Alliance universelle Israelitc“ (1860) in Paris, dessen Präsident er bis an sein Lebensende gewesen ist. Die bessere Welt. Novelle von Hermann M e n k e s. (Fortsetzung.) Abends und oft auch bis spät in die Nacht lauschte sie ihrem Vater, während die Alte schon schlief. Er erzählte ihr von fernen Ländern, groß und schön, von Städten voll märchenhafter Pracht, von großen Männern voller Weisheit, von einer Welt, die besser war, als diejenige, die sie umgab. Und da erwachte zuweilen stille, wehmüthige Sehnsucht in ihrer Seele. „Lieber Vater, kommen wir denn nie dorthin — in diese bessere Welt?" klagte sie still. „Nein, dorthin dürfen wir nicht." „Warum mein Vater, o warum?" „Wir sind arm, arm, Kind, und wir niüssen arbeiten. Hart sind unsere Pflichten!" Seit damals fragte sie nicht mehr, aber die Sehnsucht in die so nlärchenhafte Welt lebte in ihr und verließ sie nicht. Und immerzu träumte sie von der „bessern Welt". Aron Löwenthal erging es aber immer schlimmer und schlimmer. Alles ging in die Brüche, Stück um Stück seiner bescheidenen Habe verkaufte er, die Noth setzte sich an seinen Herd. Wladomir Tymowicz, de^ Dorfschreiber, lachte sich iu's Fäustchen und wurde höflicher gegNi Aron; denn dort, wo die Noth stieg, gedieh seine Ernte erst recht. „Ach ja, es sind böse Zeiten, die wir jetzt haben", seufzte er. Wenige Tage daraus brachte er Aron's Häuschen wegen Schulden- und rückständrgxr Steuern unter den Hammer. Da mußten sie denn ihr geliebtes Heim, das ein Stück ihres Lebens geworden, verlassen. Mühsam schleppten sie all' ihre Habseligkeiten zusammen, packten sie aus den schadhaften Leiterwagen, vor dem der alte, magere Gaul stand, der ihnen als letztes Stück ihres früheren Besitzthums verblieb. Und so zogen sie an den geschwärzten, halb eingesunkenen Hütten des Dorfes vorbei, voran Aron, während Lea die blinde Großmutter führte. Sie pochten da und pochten dort an, aber überall herrschte Noth und Elend; die dürftigen Stuben waren überfüllt und unwohnlich. Draußen war es der Spätherbst, der sich zum Abschied rüstete, nachdem er kargen Sonnenschein und kümmerliche Früchte gebracht. Es war trüb und feucht und der Wind blies über die Steppen; suchend flogen die Krähen über die Felder, aber sie fanden nichts; es gab ja heuer keine Wintersaaten, man hatte Alles verzehrt. Und sie schrieen aus, als ahnten sie Hunger und Noth. Zwischen den Dreien herrschte bedrückendes Schweigen, aber als sie fast bis an's Ende des Dorfes kamen, wo nur noch hie und da eine Hütte stand, da sagte Lea leise, fast klagend: „Mein Vater, ziehen wir jetzt in die bessere Welt?" Es war die alte Sehnsucht, die jäh und stark in ihr erwacht war, und Sette 545 mit einer lässigen Geberde und mit feuchten, schmerzüberhauchten Augen blickte sie in die Ferne. „Dahin kommen wir schon einmal, Kind", flüsterte die blinde Greisin fast unhörbar. Aron aber ries verzweiflungsvoll: „Was sollen wir da, wir armen, unfähigen Leute? Wir müssen in unserem Elend bleiben!" Aber dann fanden sie doch Unterkunft. Der wohlhabende Aron Löweuthal hatte überall Feinde und Neider gesunden - jetzt, da er arm und Heimlos mit Kind und Mutter daftand, kamen die Freunde von allen Seiten. Die Stube war klein und niedrig, in die er mit seinem Elend eiuzog, aber die zarten, weißen Mädchenhände seines Kindes wußten sie freundlicher und Heller zu gestalten. „Du sollst beu Dalles nicht mit Gewalt zu vertreiben suchen, Kind", ries ihr oft die blinde Greisin zu, er wächst leicht noch größer aus. Kennst Du das Märchen nicht? Einst lebte ein Mann in großer Armuth mit Weib und Kind; er arbeitete unausgesetzt durch Tag und Nacht, er richtete Heine Gebete zuni Himmel, er befleißigte sich großer Tugend, allein der Dalles saß auf dem Dache seines baufälligen Häuschens und war nicht zn vertreiben. „O süßer Dalles, Hab Erbarmen und zieh iveg von mir," flehte ihn der arme Mann eines Tages an. „Unglückseliger", erwiderte der Dalles mit matter Stimme, siehst Du es nicht, daß ich nackt bin? Soll ich von Dir wegziehen, und den Leuten meine Blöße zeigen? Verschaff' mir erst ein Gewand und ich will Dich dann verlassen!" Der arme Mann ging hin, suchte und suchte zwischen seinen Habseligkeiten, endlich fand er einen Ring, ein ihm theueres Andenken an seine Mutter. Den verkaufte er und schaffte für den Erlös ein Kleid für den Dalles. Freudestrahlend brachte er es diesem - aber o weh! Das Kleid war viel zu eng und zn kurz für den Dalles, der inzwischen großer und breiter geworden war. „Du siehst", begann der Dalles wieder mit heiserem Lachen, ich kann Dein Kleid nicht brauchen, Du mußt mir schon ein anderes verschaffen, wenn Du noch willst, daß ich Dich verlassen soll. Betrübt stieg der arme Mann vom Dache seines Häuschens. Seine Sorge war größer geworden, denn wo sollte er jetzt das Geld hernehmen, um den Dalles ein anderes Kleid anzusertigen? Er arbeitete mit noch größerer Anstrengung, sparte sich und den Seinen die dürftigen Bissen vom Munde ab und nachdem er noch Einiges hinzugeborgt kaufte er ein neues längeres und breiteres Gewand für den bösen Geist, der auf dem Dache seines Hauses sein Heim ausgeschlagen hatte. Wieder ging er freudestrahlend zum Dalles hin. „Hier, du Guter, ist ein neues Kleid für Dich, das wird Dir wohl schon passen!" „Fehlgeschlagen lieber Freund, höhnte das Gespenst wieder, sieh doch zu, Dein Kleid ist immer noch viel zu kurz fiir mich und viel zu schmal!" Denn der Dalles war inzwischen wieder größer geworden. Willst Du mich nimmer verlassen?" schluchzte der arme Mann, nun habe ich kein Geld mehr für ein neues Gewand! . . . Versuch es nicht mehr, mich zn vertreiben, ich kann leicht noch größer und stärker werden," ries der Dalles erbarmungslos. „Siehst Du, Kind, fügte die Greisin hinzu, in dem Märchen liegt ein tiefer Sinn". „Nein, Großnmtter, es ist nur euer Aberglaube, der dieses Märchen ersonnen. Wir dürfen die Arme nicht sinken lassen — nicht wahr? Sonst kommen wir ja nie in die bessere Welt! Denk nur, das wäre ja grausam". „Offen ist die bessere Welt Denjenigen, die duldsam gewesen im schwersten Kummer," sprach die Greisin milde. „Du hast Recht, meine Lea", ergriff Aron das Wort, mau muß sich das Leben und das Glück zu erkämpfen wissen — das Verzichtleisten ist oft Sünde!". Er war soeben aus der Stadt zurückgekehrt, wo er Arbeit suchte. Es war dort Wahltag und da hörte er eine Rede an, die ihm wie eine Offenbarung geklungen. „Das Recht und das Glück für Alle!" hatte jener Redner geschlossen und die Worte umklangen Aron auf seinem Heimwege. Und nichts mehr als diese Worte hatte er seinem Kinde zu bringen — ihm aber dünkten sie ein ganzer Reichthnm. „Das Recht und Glück, Kind, für uns Alle, die wir arbeiten, ist uns verheißen worden, und es gibt Männer mit edler Gesinnung, die es uns erstreiten wollen — begreifst Du es nicht, daß eine neue Zeit anbrechen will?" „Und werden auch wir Juden ein Anrecht daraus haben, Vater? Dürfen wir dies verlangen?" fragte Lea, während ihre Augen glühten.

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