Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 26 (25.6.1897)
- Date
- 1897-06-25
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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, Seite 544 Vr Vlortz's Wochenschrift Nr. 36 alten republikanischen Schlachtengesang derart vor, daß die Richter in Thränen ausbrachen, und der Angeklagte war gerettet. Später hat er die Rachel diesen Gesang recitiren gelehrt und sie hat damit nicht minder das Publicum entzückt, als nüt ihren dramatischen Vorstellungen. Sie verdankt überhaupt dem berühmten Advocaten ihren Ruhm und ihre Stellung. Sein Salon war unter der Juli-Monarchie einer der beliebtesten und besonders der Sammelplatz der Künstler und Kunstliebhaber, zu denen auch er gehörte. Eines Tages wurde ihm das etwas vernachlässigte Mädchen vorgestellt. Er erkannte das Talent in der Rachel und ließ sie zu sich kommen. „Sie war", erzählte er, „sehr unwissend. Ich gab ihr Stücke aus „Phädra", „Andromache", „Iphigenie" zu recitiren. Sie declamirte sie mir sehr reizend; aber, sagte ich zu ihr, es scheint, daß Du nicht verstehst, was Du hersagst?" — „Wie, Väterchen", erwiderte sie, „komme ich denn dazu, diese Sachen zu kennen?" Ich gab ihr eine Lectüre über die Fabel der Stücke, über den mythologischen Hintergrund, ging die Verse mit ihr durch, schickte sie in ein Nebenzimmer und sagte: „Jetzt lerne und recitire es mir!" Als sie zurückkam, stand bereits die große Schauspielerin vor mir. Sie declamirte hinreißend. Wir setzten unsere Lectionen fort und bald konnte sie auf der ersten Bühne Frankreichs ihre Nebenbuhlerinnen verdunkeln. Talente anerkennen, sie an's Licht ziehen, war ihm ein förmliches Bedürfniß. Gambetta war sein Gehilfe gewesen, doch liebte der spätere Kammerpräsident die Juristerei nicht. Crämieux ließ ihn bei einem großen Berschwörungsprocesse Mitwirken, aber sie trennten sich bald, um sich erst im Jahre 1870, als Gambetta gegen das Plebiscit im Corps Legilativ sprach, wiederzufindeu. „Als ich ihn da", erzählte Cre'mieux, „jene Beredsamkeit entfalten hörte, die ihm später die Führerrolle vindicirte, traute ich meinen Augen und Ohren nicht. „Ist er es wirklich?" fragte ich mich, und als er die Tribüne verließ, konnte ich nicht umhin, ihn zu umarmen und zu beglückwünschen. Cremieux' Beredtsamkeit war von jener Gambetta's ganz verschieden. Es herrschte bei ihm Eleganz und Leichtigkeit vor- Er handhabte mit gleichem Geschick die Kunst, tief zu rühren, und jene, lächerlich zu machen. Als Legouv6 einmal Mademoiselle Rachel auf Entschädigung klagte, weil sie ein Stück von ihm nicht spielen wollte, las Cremieux Scenen aus dem Stücke derart vor, daß der ganze Saal in Lachen ausbrach. Das Gericht sprach die Rachel frei, Legouve aber konnte dem Advocaten nie verzeihen. Cremieux hielt sich als Advocat verpflichtet, Jedem beizuspringen, der seine Dienste in Anspruch nahm, namentlich wenn er der unterliegenden Partei angehörte. Er hat die Minister Carls X., Louis Napoleons und die der Verschwörung angcklagten Arbeiter vertheidigt. Sein Salon war eine der seltsamsten Sammlungen von Andenken aus allen Ländern und von allen Parteien. Lange Zeit vertrat er die Familie Bvnaparte. Er war für die Candidatur Louis Napoleons gegen Cavaignac, wendete sich aber gegen ihn und wurde am 2. December in Mazas eingesperrt. Von da an weigerte er sich, in die Toulerien zu gehen. Da traf es sich, daß die Juden in Marokko ein Wort an den Kaiser richten wollten. Niemand war dazu mehr berechtigt und hatte mehr Aussicht auf Erfolg, als Cremieux. Er kämpfte lange mit sich und bekämpfte sich. Als er zurückkam, brach der alte Mann in eine Art Paroxismus aus: „Ja", platzte er zu den ihn Erwartenden heraus: „ich habe ihn gesehen", und fuhr sich mit den Händen in das weiße, wollige Haar. „Er hat mir zugesagt" und wiederholt rief er unwillig bie Worte: „Ja, ich habe ihn gesehen'/', als hätte er sich da einer Unthat zu zeihen; aber er sah ihn nimmer wieder, wohl aber lief er oft den Ministern die Thür ein, wenn es sich um verfolgte Juden handelte. Crßmieux war ein Jude in des Wortes reinster Bedeutung, ein Jude, dem das Heil und Wohl seiner Glaubens- und Stammesgenossen am Herzen lag, der sich mit Stolz einen Inden nannte, dessen Zorn entbrannte, so man auf gegnerischer Seite die Fehler und Verbrechen einzelner Juden zu generalisiren versuchte. Im Jahre 1858 fand vor dem Kreisgerichte in Oran (Algerien) ein Proceß statt, in welchem mehrere Juden unter den Angeklagten sich befanden. Cremieux war ihr Vertheidiger. Gegen den Schluß seiner Anklage hatte sich der kaiserliche Commissarius eine überaus heftige Anschuldigung gegen die Juden erlaubt. Cremieux begann sein Plaidoyer mit einer energischen Zurückweisung dieser Diatriebe. In dieser vorzüglichen Rede hieß es unter Anderem: „Meine Herren, bevor ich mich mit der eigentlichen Sache beschäftige, muß ich vor Allem auf den Schluß der Rede antworten, welchen das öffentliche Ministerium soeben ausgesprochen. Diese Worte haben mir das Herz durchschnitten. Dieser heftige Angriff gegen die Juden von Seiten des jungen Officiers, der sich des Wortes wie des Degens mit gleicher Auszeichnung bedient, gehört nicht unserer Zeit, nicht unserem Lande an. Ich habe die Ehre, Jude zu sein, meine Herren, und ich habe auch die Pflicht, die ich nie verletzt habe, den Angriff auf meine Glaubensgenossen abzuwehren. Weil einige Individuen dieses Bekenntnisses vor dem Gerichte stehen, schlendern Sie auf Alle eine beschimpfende Anschuldigung! Aber unsere Religion, was ist sie? Diejenige, welche zuerst die Einheit Gottes begriff und. verkündete, Diejenige, welche auf dem Berge Sinai die reinste Sittenlehre in ihren unsterblichen Zehnworten, der Grundlage aller Eurer Gesetze, niederschrieb, Herr kaiserlicher Commissär, was Sie in diesem Augenblicke gegen die algierischen Inden sagen, das sagte man vor fünfzig Jahren gegen die französischen Inden. Ich, mein Herr, wurde in meiner Kindheit von diesen Injurien, die nrich zur Verzweiflung brachten, verfolgt; in meinem reiferen Alter, vor zehn Jahren, war ich an der Spitze der französischen und algierischen Regierung. Diejenigen, welche die Inden anklagen, kennen diese nicht. Wenn nach so vielen Jahrhunderten der Sclaverei und der niedrigen Verfolgung sie die Gebrechen, welche aus der Sclaverei hervorgehen, und welche die entwürdigende Verfolgung der Seele einpflanzt, angenommen hätten, wer könnte ihnen ein Verbrechen daraus machen? Aber im Grunde ihres Herzens hat immer das Andenken an den Schutz und an die Treue der Verheißungen Gottes fortgelebt; ich weiß nicht, welches heilige Feuer sie aufrecht erhält und nur eines Funkens wartet, uni aufzulodern. Sehen Sie, was die Geschichte von 1789 aus ihnen gemacht hat! Ein Vierteljahr- Hundert reichte hin, um sie auf die Höhe Derjenigen zu heben, die ihnen die Emancipation verliehen; ein anderes Vierteljahrhundert ist kaum verflossen, und Ihr habt sie sich in allen CarriLren auszeichnen gesehen. Ich spreche nicht von der Bank, wo der größte Name unserer Zeit, der Name Rothschild, aller Orten durch seine scrnpulöse Redlichkeit, seine Großmuth, seine Familientugenden die größte Achtung genießt, der, wenn er in England die Pforten des Hauses der Gemeinen sprengt, er in Frankreich in Zeiten der finanziellen Unordnungen und Schwankungen gleichbedeutend ist mit dem Begriffe von Ehre, Ordnung und Loyalität. Aber in den Künsten, Wissenschaften, in der Magistratur, im Richteramt, was für mit Recht berühmte und geehrte israelitische Namen! Hat sie die Politik für unwürdig des französischen Namens befunden? In unserer Revolution von 1848 befanden sich zwei Inden unter den Leitern des Wagens, der damals so schwer zu lenken. Der Eine von ihnen war Mitglied der provisorischen Regierung und Minister der Justiz, das will heißen des Heiligsten unter den Menschen; der Andere war Minister der Finanzen, das will heißen der Redlichkeit unter den Menschen. Fraget unsere Mitbürger, sie werden Euch sagen, ob wir unsere unermeßlichen Pflichten würdig und ehrlich erfüllt haben. Hier, meine Herren, ist es ein thatsächliches Unrecht, die Juden anzugreifen; zwischen den Juden und den Arabern ist der intellectuelle Abstand außerordentlich. Benrtheilen Sie blos nach diesem Processe: vor der Feigheit dieses Haufens von furchtsamen Zeugen, die gewissermaßen, um besser lügen zu können, ihren Khalifat, ihren Kadi, ihren Kaid mit den Augen befragen, haben Sie einen von diesen beiden Angeklagten Ihnen antworten gehört: Sie lügen diese arabischen Zeugen, sie zittern vor ihren Häuptern; wir, die wir keine Häupter haben, die uns einschüchtern, wir, die wir nur von der französischen Behörde abhängen, wir haben vor Niemanden! Furcht. Verwenden Sie die Juden, um die Araber Ihnen zuzuführen, dies ist das Band zwischen Ihnen; verwenden Sie meine Herren, diese industrielle, geschickte und treu ergebene Bevölkerung, die weiß, daß sie Frankreich das Ende ihrer verhaßten Knechtschaft verdankt. Die Knechtschaft! Wenn Sie wüßten, wie sie Diejenigen lieben, die sie davon befreit haben! Ihre ganze Religion beruht auf dem Hasse der Knechtschaft, auf der Dankbarkeit für ihren Befreier. Der Gott Israels sagt ihnen auf jeder Seite der Bibel: Ich bin der Herr; Dein Gott, der Dich aus dem Lande Egypten, aus dein Hause der Knechtschaft gezogen. Und noch heute, nach vier Jahrtausenden, bei der Feier unseres Osterfestes, während ringsum die festliche Tafel, die Freude auf allen Gesichtern leuchtet, wendet sich der Sohn an den Familienvater mit der naiven Frage in dem Gebete verzeichnet: Warum diese Freude, dieses Glück heute größer als alle Tage? Und der Vater gibt diese große und rührende Antwort: Mein Sohn, wir waren Sclaven in Egypten;