Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 26 (25.6.1897)
- Date
- 1897-06-25
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 26 Dr. Vloch's WochrnptzrM Seite 541 Alle Abschied genommen mit dem stillen Gelöbniß, auch irr Zukunft die Feste der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" und ihrer Hörer mitzufeiern. I. Dresden, 15. Juni. Ju Bezug aus die Anstellung jüdischer Lehrer an höheren Unterrichtsanstalten dürste es von Interesse sein, auf einen Bescheid aufmerksam zu machen, welchen unter dem 25. Jänner 1869 der damalige preußische Cultusminister v. Mühler au einen Rabbiner gerichtet hat. In diesem Erlaß heißt es: „Wenn neuerdings die Anstellung einiger jüdischer Lehrer an höheren Unterrichtsanstalten der Provinz Posen genehmigt worden ist, so bin ich mir vollständig bewußt gewesen und habe es ausdrücklich ausgesprochen, daß dies lediglich einzelne, nach den Verhältnissen der betreffenden Anstalten für zulässig erachtete Ausnahmen seien. Wenn aber, anstatt dies anzuerkennen, der Anspruch erhoben wird, jüdischen Lehrern den Eintritt in die Lehrer-Collegien höherer confessioneller Unter- 1 richts anstalten als ein verfassungsmäßiges Recht allgemein zugestanden zu sehen, so finde ich mich außer Stande, um des persönlichen Interesses einzelner jüdischer Lehrer willen den christlichen Charakter der preußischen Unterrichtsanstalten, welcher auf innerer Nothwendigkeit beruht und eine durch Jahrhunderte gehende Entwicklung hinter sich hat, preiszugeben." Wüxzburg, 29. Mai. Mit der antisemitischen Moral und C h r i st e n l i e b e ist es reicht weit her. Aus Roßbach wird der „B. Landeszeitung", Organ der Antisemiten, geschrieben: „Der durch Selbstmord geendete M ü Iler hatte bei feinem letzten Hiersein Bekannten gegenüber gedroht, Baron Karl von Thüngen werde ihm noch unter der Hand bleiben. Drei Tage lang Paßte er im Walde auf den meist allein, ohne Hund und Waffen in den Forst gehenden Baron. Als er sein Vorhaben, weil der Baron diesmal stets Begleitung hatte, vereitelt sah, stahl er, vom Hunger getrieben, einem Bauern auf dem Felde den Proviant aus dem an einem Baume aufgehängten Ledersack. Beobachtet und verfolgt, lief er dem Walde zu und bängte sich auf. Als die Bauern hinzukamen, langte er mit einem Arm nach oben und berührte mit den Füßen bett Boden, die Gliedmaßen waren noch beweglich und der Körper w a r m, aber die Bauern meinten, es wäre eine Sünde, einen solchen Spitzbuben abzuschneiden. Am Freitag Mittag wurde er eingescharrt, Niemand gab ihm das Geleite." Daß man einen Menschen, selbst unter solchen Verhältnissen, retten muß, scheint demnach die antisemitische Sittenlehre nicht zu lehren. Sie konnten ja den Geretteten der Polizei übergeben, wo er nach Recht und Gesetz seine Strafe gefunden hätte. Und solche Leute wollen die Sittenlehre der Juden bemängeln. Ziehe zuerst den Balken aus Deinen Augen u. s. w. Algier. Welchen Umfang die antisemitische Agitation hier schon genommen hat, dafür kann der Zwischenfall ein Beispiel sein, der sich kürzlich im hiesigen Aerzteverein ereignet hat. Obwohl der Aerztestand im Allgemeinen liberal ist und viele Juden zählt, ist er in unserer Provinz doch auch schon antisemitisch durchseucht, und so war es möglich, daß bei der letzten Sitzung des Aerztevereines von Algier drei christliche Aerzte ausgenommen wurden, der jüdische dagegen abgelehnt wurde. Freilich erzwang der erzürnte Widerspruch der älteren Bereiusniitglieder eine Annullirung dieser Abstimmung und bei einer zweiten wurden alle 4 Bewerber, also auch der Jude, acceptirt. Trotz dieser nachträglichen Correctur bleibt das Factum immer noch beschämend genug. Der Grund für diese tiefgehende Erregung gegen die Juden ist so vielseitig, daß er sich rächt so leicht zusammenfassen läßt. Neben dem gemeinen Neide rc. ist es auf Seiten der eiugewanderten Franzosen, die sämmtlich der radical-socialistischen Partei angehören, ziemlich viel politischer Haß, da die Juden der ganzen Provinz die Hauptstützen der opportunistischen Regierungsrepublikaner sind. Umsomehr muß es Erstaunen erregen, daß das Gouvernement seine treuesten Anhänger dem Hasse und den Verfolgungen der socialistischeu Franzosen und der Beutelust der ewig unruhigen Orden preisgibt. Athen. Wie es heißt, hätten sich die Juden in Thessalien von den Türken bewegen lassen, eine Petiäon um Wiederanschluß an die Türkei nach Constantinopel zu senden, wie es die Mohammedaner und die Kutzo-Wallachen schon gethan haben. Ob dies die Wahrheit ist, konnten wir nicht ermitteln, aber daß die Juden von den Türken sehr gut behandelt werden, ist Thatsache. Uebrigens haben die wenigen jüdischen Soldaten, welche im griechischen Heere dienen, sich trotz der allgemeinen Deroute sehr gut benommen, einer von ihnen hat sogar mit solcher Auszeichnung gefochten, daß er auf dem Schlachtfelde befördert wurde. Der Name des Tapferen ist Belleli. Außer diesem sind noch mehrere verwundet, einige getödtet. Schlecht geht es dagegen den armen Juden von Arta, welche von dort nach Corfii geflüchtet sind und hier die bitterste Noth leiden. Ein Comite. aus den angesehensten Mitgliedern der Corfuer Gemeinde gebildet, hat einen Ausruf für diese Armen nach England gesendet, der hoffentlich Erfolg haben wird. Constanline. Unsere Stadt, die von den Excessen der Antisemiten verschont blieb, will doch nicht hinter den Judenhetzern der anderen Städte zurückstehen. Nicht nur, daß der Magistrat und der Gemeinderath die jüdischen Angestellten Knall und Fall entlassen hat, diese Behörden verhandeln fast in jeder Sitzung darüber, „wie der Ueberfüllung der Schulen mit jüdischen Kindern zu steuern sei". Zunächst hat man beschlossen, diese von den Stipendien und Büchervertheilungen auszuschließen, dann geht man auch gegen die Juden überhaupt vor. In Algier geborene Juden werden von der Vertheilung der öffentlichen Almosen ausgeschlossen, jüdische Kranke nicht mehr im städtischen Krankenhaus ausgenommen. Man glaubt in Rumänien zu sein, nicht in Frankreichs größter Colonie. Helsingfors, 11. Juni. Den finnischen Landtag beschäftigte die „Judenfrage" in einer seiner letzten Sitzungen, doch bleibt es in der Stellung der Juden in Finnland auch fernerhin noch beim Alten. Beneidenswerth ist die Stellung der Juden in Finnland gerade nicht, und es sind auch seit 1872 wiederholt im Landtage Versuche gemacht worden, hierin eine Aenderung herbeizuführen. Im Ganzen dürften ungefähr 800 Juden in Finnland leben, sie wohnen meistens in Helsingfors, Abo und Wiborg. Alle sechs Monate müssen sie eine „Aufenthaltskarte" zu je 100 Kronen lösen. Die Erwerbszweige, die sie treiben dürfen, sind ihnen vorgeschrieben. Sie müssen im Orte bleiben, wo sie sich einmal ansässig gemacht haben, und außer Helsingfors dürfen sie durchaus keine Märkte besuchen. Der Sohn, der das elterliche Heim verläßt, muß um besondere Erlaubnis nachsuchen, daß er im Lande bleiben darf. Verheiratet sich ein Jude in Finnland, so hat er das Land zu verlassen. Religionsgemeinschaften dürfen die Juden nicht gründen. Die Stellung der Juden in Finnland ist kurz gesagt elend und sie stehen hier überhaupt auf einerniedrigen Stufe, was nicht zu verwundern ist. denn die Kinder sind vom allgemeinen Schulunterricht ausgeschlossen. Es ist ordentlich zu verwundern, daß es unter solchen Umständen noch überhaupt Juden in Finnland gibt. Das dies der Fall ist. zeugt eben von der Zähigkeit der Juden. Ein im diesjährigen Landtag eingebrachter Vorschlag ging dahin, verschiedene Bestimmungen über die Inden zu ändern; man wollte den jüdischen Männern unter Anderem das Recht geben, im Laude zu bleiben, wenn sie heiraten, ebenso sollten die Juden das Recht erhalten, eine Synagoge zu haben und Rabbiner anzustellen. Alle Versuche, Aenderungen in der Stellung der Juden in Finnland herbeizusühren, scheiterten jedoch an der Haltung des Priester- und des Bauernstandes. Petersburg, 13. Juni. Der Kaukasus scheint ein neuer Ansiedlungsrayon für russische Juden werden zu sollen. Von den Juden, die im europäischen Rußland aus den ihnen verbotenen Gouvernements vertrieben wurden, haben sich nicht wenige nach dem Kaukasus gewandt, der noch in Fülle freies anbaubares Land zu bieten hat, aber bisher von der israelitischen Bevölkerung wenig beachtet wurde. Der Kaukasus hat daher bis jetzt nicht viel angesiedelte Juden auszuweisen. Wie verlautet, wollen auch die aus dem ganzen Sibirien vertriebenen Juden sich den Kaukasus ansehen, ehe sie sich in andere russische Gebiete überzusiedeln entschließen. Viele israelitische Emissäre sind bereits aus Sibirien im Kaukasus zur Erforschung der dortigen Verhältnisse eingetroffen. Den sibirischen Juden sollte nach dem Wunsche des Czaren Zeit zur Aussiedelnng gelassen werden, bis sie neue, geeignete Wohnstätten gesunden haben, aber die sibirischen Administratoren, in ihren weltversteckten Winkeln schon einmal an ihre Willkür gewöhnt, scheinen diese Weisung nicht unbedingt und in jedem Falle berücksichtigen zu wollen. In einigen westsibirischen Flecken fiitb jüdische Familien, denen es noch nicht gelungen war, neue Uebersiedlnngsortschasren zu erkunden, aus ihren Häusern mit Gewalt auf die Straße gesetzt worden. Aus ein paar Orten sind jüdische Handwerker als Häftlinge nach Rußland escortirt worden.