Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 26 (25.6.1897)
- Date
- 1897-06-25
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021195--06872-3031173- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 26 Vr. Vloch's ZvvchrnsMrM Ente 539 niedrige Tendenz des Stückes anflehnte und mnßte die Vorstellung unter' Gejohle unterbrochen werden. Der Verfasser wurde ausgezischt und ausgepfiffen. Der Präsident der Cultusgemeinde Herr Dr. Leon Horowitz tritt denmächst einen dreimonatlichen Urlaub an und übernimmt für diese Zeit die Leitung der Cultusgemeinde der Vice- Präsideut der Cultusgemeiitde Hirsch Landau Der Staatsanwalt als Tendenzdichter. Aus Krakau wird uns geschrieben: Ein Staatsanwalt, der als ständiger Mitarbeiter eines antisemitischen Hetzblattes und als Verfasser tendenziöser „Volksstücke" figurirt, das ist eine Specialität, deren sich außer unserem lieben österreichischen Vaterland kaum noch ein civilisirter Staat des Erdballes dürfte rühmen können. Dienstag den 15. d. fand iin hiesigen Sommertheater die erste Vorstellung eines „Bolksstückes" mit Gesang irr fünf Aufzügen unter dem Titel ,,Die Versucher des Volkes" statt. Als Verfasser ist Theodor S m o l a r z genannt, ein Pseudonym, hinter welchem sich der Staatsanwalt K a l i t o w s k i verbirgt, der als einer der eifrigsten Mitarbeiter der hiesigen antisemitischen »Glos Narodu« bekannt ist. Das Stück verfolgt die Tendenz, die Socialdemokraten als Spitzbrrben und Volksanswiegler zu kennzeichnen. Der Herr Staatsanwalt versäumt es natürlich nicht, die Juden als die gewissenlossen und verbrecherischen Helfershelfer der Socialdemokraten hinzustelleu. Neben einem svcialistischen Agitator erscheint in dem Stücke ein jüdischer Auswandernngsagent, Moritz, der mit dem jüdischen Inhaber einer Dorfschänke den Plan eines Bauerntransportes nach Amerika bespricht. Der Schankinhaber Berl Schwindelmann und seine Frau Beila kaufen die Grundstücke der Besitzenden zusammen und die Besitzlosen werden zu Diebstählen verleitet, um sich ans solche Weise das nöthige Reisegeld zu verschaffen. Als die Bauern sich znsammenrotten mtt> gegen eine behördliche Commission Gewalt üben, jagt sie die Gendarmerie auseinander. Um der Anklage wegen des Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit zu entgehen, beschleunigen die Bauern die Vorbereitungen zur Abreise nach Amerika. Berl, Moritz und Beila spannen ihre Netze aus, nehmen die Grundstücke halb umsonst weg nub dabei wird gelegentlich eine sinnliche, ihres Mannes überdrüssige Bäuerin von der Jüdin zur heimtückischen Beseitigung ihres Gatten verleitet. Beila verschafft ihr für 300 fl. das Gift. Jetzt erscheint auch der socialistische Agitator und ruft jenen Bauern, die das Reisegeld noch nicht haben, zu: „Holet es, wo es zu haben ist, Andere haben es!" — Bis hieher konnte das Stück mit mancher Unterbrechung gespielt werden. Bei dieser Stelle jedoch brach der Unwille der im Zuschauerranm in großer Menge anwesenden Arbeiter los, es folgte ein ohrenbetäubender Lärm und der Abgeordnete Daszynski protestirte laut gegen die Fortsetzung der Aufführung. Die Vorstellung mnßte denn auch unterbrochen werden. Die Entrüstung über das frevelhafte Hetzstück ist auch in den chrichstlich-bürgerlichen Kreisen eine allgemeine. Derartiges ist noch auf keiner Bühne gewagt worden und die Persönlichkeit des Verfassers, der in seiner amtlichen Eigenschaft über die Befolgung des 8 300 Strafgesetz zu wachen hätte, erhöht noch die Ungeheuerlichkeit dieser dramatischen Leistung. Die Theatercensur wird in Oesterreich von den Landesstellen geübt. Es ist höchst charakteristisch, daß die Krakauer Statthalterei-Exvositur dieses Machwerk ruhig passiren ließ. Wenn Ulan bedenkt, was sonst alles auf österreichischen Bühnen verboten wird, dann gelangt man. angesichts dieses Vorfalles zu ganz eigenartigen Anschauungen darüber, welche Begriffe in maßgebenden Kreisen über das Theater als Bolkserziehungsittstitut herrschen. Krakau, 22. Juni, Abends. Soeben wurde die für heute anberaumte Vorstellung des „Bolksversucher" abgesagt. Die Theaterdirection und ihre officiellen Protektoren haben nachgegeben. Dem Verfasser des Stückes, Ober-Staatsanwalt-Substituten Ritter v. K a l i t o w s k i, sind von zahlreichen antisemitischen Führern und von mehreren antisemitischen Blättern Beglückwünfchnngs- und Zustimmungs-Telegramme zngegangen. Das Krakauer Antisemiten-Blättchen feiert den Bühnendichter als überzeugrlngstreuen Parteigenossen und als gesinnungsverwandten, zu großen Hoffnungen berechtigenden Schriftsteller. Jaroslau, 17. Juni. (Streit um eine S t i ft u n g.) Vor vielen Jahren errichtete die Eigenthünierin der Herrschaft Krakowiec, weiland Fürstin Anna von Lothringen. eine Stiftung mit der Bestinnmlng, daß alls derselben sämmtliche unbemittelte Personen des Herrschaftsgebietes Krakowiec in Krankheitsfällen unentgeltlich mit ärztlicher Hilfe und Medicamenten versorgt werden sollen, lim ja recht deutlich zu docnmentiren, daß an den Beneficien der Stiftung jeder Arme dieses Gebietes ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung zu participiren habe, fügte die Stifter in in der Stiftsurkunde die Bemerkung ein, das sie diese Stiftung „zuin Heile der leidenden Menschheit" schaffe. Trotzdem verfügte der von Seite der Statthalterei mit der Verwaltung dieser Stiftung betraute Bezirksausschuß von Jaworow, daß an dieser Stiftung nur Christen des Krakowiecer Gntsgebietes participiren dürfen, die jüdischen Einwohner hingegen seieir von dem Mitgenusse an den Beneficien derselben ausgeschlossen. Die Lemberger Statthalterei apprvbirte diese Interpretation. In Folge Beschwerde des Cultusvorstandes der israelitischen Gemeinde Krakowiec entschied jedoch das Ministerinnl des Innern mit Verordnung vom 2. März 1893, Zahl 5152, daß auch die unbemittelten Israeliten von Krakvwiec in Krankheitsfällen unbedingt das Recht haben an: besagter Stiftung ärztliche Hilfe und Medicamente uueirtgelt' .) zu erhalten. Das war dem galizischen Landesansschnffe nicht recht, er erhob daher gegen die Ministerial-Entscheidu-g Beschwerde beim Verwaltungs-Gerichtshöfe in Wien, und Liefer hat mit Urtheil vom 9. Mai 1894, Zahl 1802, die Verordnung des Ministerium des Innern vollinhaltlich bestätigt und endgiltig 51t Recht erkannt, daß diese Stiftung allen unbemittelten Kranken von Krakowiec ohne Unterschied derConfession unentgeltliche ärztliche Hilfe und Medicamente beizustellen habe, Run sollte man meinen, daß die galizische Landesbehörde das Nöthige verfügt habe, damit dem Anstrage des Ministeriums und dem Richtersprnche des Administrations-Tribunals entsprochen und den unbemittelten Israeliten von Krakowiec die Theilnahme an den Beneficien dieser Stiftung zngestanden werde. Das würde wohl in jedem Kronlande unserer Monarchie sich von selbst verstehen, nicht aber in Galizien. Die israelitische Cultusgemeinde von Krakowiec hat nach Herablangen obcitirter Entscheidungen bereits wiederholt Gesuche um Zulassung ihrer unbemittelten Mitglieder zum Mitgenusse an den Wohlthaten dieser Stiftung sowohl an den Bezirksausschuß von Jaworow, als auch an den Landesausschuß in Lemberg und an die Statthalterei überreicht — hat sogar in dieser Angelegenheit eine Petition an den galizischen Landtag gelangen lassen — Alles umsonst. Keine dieser Behörden hat bis heute, also durch mehr als drei Jahre seit der rechtskräftigen Entscheidung dieser Sache auch nur Eine dieser Eingaben beantwortet, alle hüllen sich in hartnäckiges Schweigen. Teplitz. (Ein edles Jubelpaar.) Ueber den gemeinnützigen, religiösen und ethischen Aufgaben, welche die jüdische Publicistik 51t erfüllen hat, verfolgt sie auch den schönen Zweck, einzelne Persönlichkeiten, die durch Verdienste und Tugenden hervorragen, den Lesern vorzuführen, um dadurch einerseits ein nachahmenswerthes, edles Beispiel und Vorbild zu geben, anderseits wieder um dem Verdienstvollen Anerkennung und Aufmunterung zu fernerem gottgefälligen Wirken zu verleihen. Von diesen Gedanken geleitet, erachtet es Schreiber dieses als Ehrenpflicht, in Ihrem geschützten Blatte von einem Feste zu berichten, welches in einer angesehenen Familie in Karbitz dieser Tage gefeiert wird. Herr M a s s i n H a h n mit seiner Gattin Frau Regina Hahn, geborne Schiff, feiert nämlich am 30. Juni das Fest der )'U6erneu Hochzeit. Bei der Hochachtung und Werthschätzung, deren sich das Jubelpaar in weiten Gesellschaftskreisen erbeut, hat dasselbe, um allen Ovationen aus dem Wege zu gehen, Wege getroffen, das Fest nur in den engsten Familienkreisen zu begehen. Bei dieser Gelegenheit dürfte es aber trotz aller Bescheidenheit des verehrten Jubilars gestattet sein, seine Persönlichkeit ein wenig in das Licht der Oeffentlichkeit zu rücken. Herr M a s s i n H a h u mit seiner edlen Gattin gehören auch zu den Auserlesenen, die ein wahrhaft frommes, streng religiöses Haus führen, wo Sabbath und Festtage noch mit der alten jüdischen Weihe und Heiligkeit gefeiert werden, wie dies heutzutage namentlich in dieser Gegend gar selten vorkommt. Zu weit entfernt von seiner Cultusg-meinde (Soborten) wohnhaft, wo es dem Jubilar unmöglich ist, den öffentlichen Gottesdienst allsabbathlich beizuwohnen, versammelt er wie ein Patriarch seine Kinder um sich und liest ihnen den Wochenabschnitt zu deutsch vor und bespricht mit ihnen nach Maßgabe ihrer Auffassung denselben. Seine Wohlthäügkeit, sein Zartgefühl, seine Gutherzikeit, seine edle bescheidene Gesinnung, sein Seelenadel, sie sind hier nämlich bekannt. In allen Kreisen, ob Jud oder Christ, im ganzen