Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-06-25 · 26 (25.6.1897) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
26 (25.6.1897)
Date
1897-06-25
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021195--06871-3031172
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 538 Vr. Vloch's Wochrnkchrtfl Nr. 26 Gemeinde in der neuen Aera fort- und nichr rückschreite und wir niemals Veranlassung haben mögen, .eine Parallele.zu ziehen zwischen Einst und Jetzt. Aus Mähren. Verband der Rabbiner Mährens und Schlesiens. Das Bedürfuiß einer Vereinigung wurde von sämmtlichen Rabbinen Mährens längst schon tief empfunden. Und wenn dieser Wunsch bis nun keine concrete Gestalt angenommen, so liegt der Erklärungsgrund dafür in Verhältnissen, die sich jeder öffentlichen Besprechung entziehen. Aber erfahrungsmäßig versetzt ein von Außen gegebener Impuls auch träge Körper in einen Zustand der Bewegung. Diese Naturerscheinung, kann mit Fug und Recht behauptet werden, hat auf die endliche Constituirung eines Rabbinerverbandes für Mähren und Schlesien eingewirkt. Der vor der Eingangsschwelle des laufenden bürgerlichen Jahres in Brünn tagende „Verband der israelitischen Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen" wies unter seinen anwesenden Mitgliedern auch eine stattliche Anzahl mährischer und schlesischer Rabbiner auf. Alle kamen sie, getragen von dem Gedanken, endlich das ins Leben zu rufen, was sie schmerzlich vermissen. Jndeß trat ihnen das der Realisirung des allgemeinen Wunsches in den Weg stehende Hinderniß so recht klar vor Augen. Aber fest entschlossen, auf den Willen die That folgen zu lassen, konnte sie kein Hinderniß mehr in ihrem Vorsatze beirren. In einergesonderten Berathung beschlossen sie, auf das ihnen ersprießlich scheinende Ziel uueingeschüchtert loszusteuern. Auf Grund dieses gefaßten Beschlusses übertrugen sie einem füufgliederigen Ausschüsse, bestehend aus den Rabbinen Dr. Feuchtwang, Nikvlsburg, Dr. Freimann, Holleschau, Dr. Oppenheim, Olmütz, Dr. Tauber, Prerau und Dr. Wolffsohn, Lomnitz, welch Letzterer zum Obmanne gewählt wurde, die Borberathung der Statuten. Nach deren Fertigstellung berief das Actiouscomite die Generalversammlung nach Brünn zum Zwecke endgilriger Festsetzung der Statuten. Die Tendenz des Verbandes hat der interimistische Obmann in seiner Eröffnungsrede in einer knappen historischen Reminiscenz gezeichnet. Nach einer kräftigen, von der ganzen Versammlung stehend angehörten patriotischen Einleitung, die in einem dreimaligen Hoch auf Se. Majestät austönte, in das Alle begeistert einstimmten, wies er im weiteren Verlauf seiner Rede auf das Ziel des Verbandes hin, das in dem geschichtlich denkwürdigen n:-' •’b rn ihm vorgesteckt scheint. Es gibt keine größere Gefahr für Israels Fortbestand, führte der Redner aus, als geistige Stagnation. Von allen Wissensgebieten allmälig verdrängt, muß das alte Lehrhaus in feiner ehemaligen Herrlichkeit und Pracht hergestellt werden; müssen die Träger der Gvtteslehre in Action treten, um den uns aufgenöthigten Kampf des Wortes aufzunehmen. Und wenn wir auch im Kampf mit Stahl nud Eisen wenig Glück hatten, darf uns das nicht entmuthigen. Vergessen wir nicht, daß die Hand Esaus Erkennungszeichen ist, während die Stimme Jacob gehört. Aber Eines darf nicht dabei übersehen werden. Ein äußerst wichtiges Moment der modernen Kriegführung bildet die Verproviantirung des Heeres. Sollen wir erfolgreich in beu Kampf cingreifen, dürfen keine Hungerleider in unseren Reihen zu finden sein. Ueber die hohen Ideale, die wir anstreben, dürfen wir die materiellen Tagesfragen nicht aus den Augen verlieren. Wir wollen und müssen Vorsorge treffen für die Hinterbliebenen derer, die ihren Geist auf dem Felde der Ehre des Judenthums ausgehaucht haben. Es wurde alsdann zur Berathung und Beschlußfassung über die Statuten geschritten. Den vorgelegten Entwurf haben die Theilnehmer an der Generalversammlung mit geringen Modificationen gebilligt. Alsdann erfolgte die Wahl eines provisorischen Vorstandes mit dem Aufträge, die Statuten der hohen k. k. Statthalterei zur Genehmigung zu unterbreiten. In den provisorischen Vorstand wurden gewählt: Dr. Feuchtwang, Präses, Dr. Pollak-Trebitsch, Vicepräses, Dr. Freimann, Cassier, Dr. Wolffsohn, Schriftführer, Dr. Frankl-Grün, Kremsier, stellvertretender Schriftführer. Lomnitz, im Juni 1897. Marienbader Skizzen. Marienbad, 16. Juni. Es ging dieser Tage hier oie nicht sehr erfreuliche Mähr von Mund zu Mund, daß gewisse erste Hoteliers, die durch ihre jüdische Kundschaft reich geworden sind, jetzt in's antisemitische Lager übergegangen seien. Das Publicum nahm dies zur Kenntniß und nicht uur die Juden, auch die fortschrittlich gesinnten Christen bleiben jenen Localen fern. Darob große Verwunderung und Mißstimmung im feindlichen Lager, schließlich Widerruf, daß man durchaus nicht mit beit Antisemiten pactire. — „Vielleicht jetzt nicht, weil es der Geschäftsvvrtheil verbietet, im Winter sicher" sagte ein bekannter Menschenkenner, der sich vorbehält, einige Wahlprotokolle zu veröffentlichen, nach deren Wortlaut zu schließen, der in allen größeren Zeitungen erschienene Widerruf von sehr zweifelhafter Glaubwürdigkeit ist. Es ist den rothen Marienbader Rosen — sofern sie von Zionsstamme — gar oft der Vorwurf geinacht worden, daß sie durch einen zu auffällig zur Schau getragenen Putz Neid und Scheelsucht erregen und somit dem Antisemitismus Vorschub leisten. Erfreulicherweise ist nach dieser Richtung hin ein Umschwung im Cur- und Modeleben eingetreten. Die jüdischen Damen befleißigen sich Heuer einer stylvoller Einfachheit; man sieht keine kirschkerngroßen Brillant-Boutons, keine grellfarbigen, mit Spitzen besetzten Seidenkleider, keine wallenden Federn auf den Hüten rc. — Man überläßt den auffallenden Putz allen Anderen, die gerne von sich reden machen und als wandelnde Modebilder angestaunt sein wollen. Was man au Putz spart, könnte sehr gut humanitären Einrichtungen zugewendet werden, indeß das jvird gewöhnlich tauben Ohren gepredigt. Hoch oben am Bergesbalde steht das israelitische Curhospital, ein echter Tempel der Humanität; der unermüdlich thätige Verwalter Herr Ph. Lederer läßt es sich angelegen sein, vermögende Curgäste für das Curhospital zu interessiren; die meisten bekunden aber recht wenig finanzielle Liebeswürdigkeit; so sah ich unter den eivtgelaufeneu Spenden eine Zeichnung von — einer Krone und nebenbei den Namen einer Dame, die von ihrem Gatten mehr als eine Million geerbt hat. — Wollten nur all Diejenigen, die da auf der Wandelpromenade sorglos täglich so und so viele Stunden im süßen Nichtsthun vergeuden, zu dem weißen Haus, das oben am Waldessaume steht, hinausteigen und Zwiesprache halten mit den Curgästen, denen edle Menschen hier ein Heim errichtet, sie würden ihr gutes Herz sprechen lassen und mehr beisteuern, als zumeist geschieht. Und wie viele Aufnahmsgesuche müssen abgewiesen werden, weil der Raum viel zu klein und die Mittel zu gering, einen Neubau anzufügen! — Die Pensionäre des Curhospitals stehen in der Behandlung des um die Gründung und Erhaltung dieses Hauses hochverdienten Professor Kisch, der Allen ein gewissenhafter Freund und Berather ist. Der Zufall führte mich gestern gerade zum Bahnhofs als die 20 Pensionäre, die vom 15. Mai bi§ 15. Juni int Hospital Ausnahme gefunden, abreisten. Die meisten hatten sich gut erholt, Alle waren des Dankes voll. Die Leute stachen gar auffällig von all den reichgekleideten, mit eleganten Reisetaschen und metallbeschlagenenRiesenkoffern versehenenPassagieren ab, die soeben mit dem Luxuszuge anlangten. Ein blonder Engländer ließ durch seinem Groom fragen, ob man in Deutschland auch Ferieucolvuien für alte Leute organisire; man sagte ihm, es seien Pensionäre des israelitischen Curhvspitals. Mitleidsvoll betrachtete er die armseligen Koffer, die defecten Taschen der Abreisenden. „Poor devils" sagte er, und seinem guten Herzelt folgend, ließ er Jedem und Jeder einige Gulden verabfolgen, damit sie es sich — wie er sagte — auf der Reise bequem machen. Als ich den blonden Sohn Albions heute früh am Königsbrunnen sah, hörte ich, wie ihm ein Weltpriester Borwürfe machte, daß er so viel für die israelitischen Armen gethan hat. „Goddam," antwortete er unwillig, Mensch ist Mensch! Bei uns kennt man keinen confessionellelt Unterschied! Jeder Bedürftige hat ein Recht auf Unterstützung! Damit lvandte er dem Mann im Priesterkleide den Rücken und murmelte Etlvas von Racenhaß und Classenhaß in seinen Bart, Worte, die gewiß gehört und beherzigt zu werden verdienten. I. Barbe r. Krakau. Bei der letzten Sitzung des hiesigen Gemeinderathes lvar auf der Tagesordnung die Petition der hiesigen Katlfleute wegen Aenderung der Sonntagsruhe, die eine lebhafte Debatte hervorgerufen hat. An derselben betheiligte sich auch der Präsident der hiesigen Akademie der Wissenschaften, Herrenhausniitglied Universitätsprofessor GrafTarnowski, der unter Anderem auf uachahmenswerthe Heiligung des Sabbathes durch die Juden hinwies und dabei die verhetzende Thätigkeit der antisemitischen Presse geißelte. Im diesigen Sommertheater wurde dieser Tage eine inhaltlose Posse aufgeführt. In dem Stücke werden die Juden als Menschenhändler, die Socialisten als Diebe rc. gebrandmarkt. Bei der zweiten Aufführung dieses Machwerkes kam es zu lärmenden Demonstrationen, iitbeut sich das Publicum gegen die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.