Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 26 (25.6.1897)
- Date
- 1897-06-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 26 Vr. Vloch's WochrnsttzrM Seite 537 ditionen auch tm neuen Hause treu zu bleiben", trägt eine weithin sichtbare Doppeladresse. Bekanntlich war es die jetzt im Gemeinderathe der L-tadt Wien herrschende Partei, welche die Traditionen des Vereines auf das Leidenschaftlichste bekämpft und kein Mittel unversucht gelassen hat, um die Rettungsgesellschaft ihrer erhabenen Aufgabe zu entfremden und ihren eigenen niedrigen Parteizwecken dienstbar zu machen. Alle die schmutzigen und vergifteten Geschosse der Beschimpfung, Verdächtigung und Verleumdung, mit welchem diese „christliche" Partei ihre Kämpfe zu fuhren pflegt, wurden gegen die Brust jener edlen, opferwilligen Männer gerichtet, die dieses in der ganzen civilisirten Welt gerühmte und bewunderte Musterinstitut anfgerichtet und erhalten haben aus eigenen Mitteln und aus eigener Kraft. Längst schon wäre diese Hochburg der Humanität in Trümmer gelegt, wenn ihre Verteidiger nicht mit so heldenhafter Unbeng'samkeit den offenen und versteckten Angriffen der christlich-socialen Belagerer Trotz geboten hätten. Wenn auch nur einer der ruchlosen Anschläge geglückt wäre; wenn die Leiter der Gesellschaft damals, als mit Hilfe des von den Gegnern gewonnenen Chefarztes das Gift des Racen- und Claffenhasses durch ein Hinterpförtchen einznschmuggeln versucht worden, das Nebel nicht im Keime erstickt hätten, oder wenn sie um den Bettel der Subvention und eines Beitrages zum Baufonds den derzeitigen Machthabern der Gemeinde einen Einfluß auf die Führung des Instituts eingeränmt haben würden, dann bestände heute die Wiener freiwillige Rettungsgesellschaft nur noch dem Namen nach. Die Ermahnung des Monarchen aber, den bisherigen Traditionen treu zu bleiben, war somit nicht allein an die Vertreter der Rettungsgesellschaft gerichtet, sondern auch an Jene, die den frevelhaften Versuch unternommen haben, diese Traditionen zu zerstören, und die bei dem feierlichen Acte der Einweihung des Gesellschaftshauses durch ihr Parteioberhaupt vertreten waren. Hat der Bürgermeister von Wien das verstanden? Fast scheint es so. Denn sein Leiborgan, das über den Ball der Stadt Wien, spaltenlange Schilderungen veröffentlicht und die dem Monarchen fälschlich in den Mund gelegte Ansprache: „Mein lieber Lueger" an mehreren Stellen mit faustdicken Lettern hervorgehoben hat, thnt den Bericht über die Feier in einer kleingedrnckten, zwischen der Mittheilung über einen „Bombenfnnd" und „eine Gedenkfeier der Deutschmeister" versteckten Notiz ab und verschweigt dabei gänzlich die Anwesenheit des — Dr. Lueger. Freilich war auch diese Anwesenheit ganz gegenstandslos, ia mehr als das, sie war beschämend für die Stadt Wien und ihren Bürgermeister. Oder ist es nicht tief beschämend, daß bei einer Feierlichkeit, welche die Stadt in erster Reihe angeht oder doch angehen sollte, der Bürgermeister nur die Stelle eines officiellen Statisten spielen kann und der Monarch nicht in der Lage ist, an den Repräsentanten der Reichshauptstadt auch nur ein Wort zu richten? Hoffentlich wird Doctor Lueger wie die beredten Worte, so auch das beredtsame Schweigen des Kaisers in ihrer vollen Bedeutung erfaßt haben und in Hinkunft nicht mehr ganz jener Traditionen vergessen, die der Monarch so hoch hält, die Traditionen der Menschenliebe. Wien. (Die Excesse in Schodnicaund die„Arbeiter-Zeitung.") Die furchtbaren Judenkrawalle in Schodnica sind noch in frischer Erinnerung. Nachträglich brin t die „Arbeiter-Zeitung" über diese Excesse einen „Eigenbericht", welcher direct aus Schodnica datirt ist und gegenüber den Unbilden, Mißhandlungen und Grausamkeiten, welche gegen die dortige jüdische Bevölkerung verübt wurden, einen merkwürdig kühlen Ton anschlägt. Der „Eigenbericht" sucht die Blut- und Raubgier der masorischen Arbeiter „psychologisch" zu erklären und damit theilweise auch zu entschuldigen. Weil ein Trunkenbold die geschlossene Schänke erbrechen wollte und den Gendarmen thütlichen Widerstand leistete und von diesen erstochen wurde, soll es begreiflich erscheinen, daß sich nun die Menge auf die unschuldigen Juden stürzte. O, die braven Arbeiter — Arbeiter find unter jeder Bedingung, unter allen Umständen brav — und, o die schlechten Juden — denn die Juden sind unter allen Umständen „parasitische Existenzen". Das ist die Logik der „Arbeiter-Zeitung"! In dem Berichte herrscht eine merkwürdige Tendenz, die an den Juden begangenen Uebelthaten abzuschwächen und die Uebelthäter als höchst edelmüthige Leute hinzustellen. Man muß freilich constatiren, daß in die Läden eingebrochen und geplündert wurde, aber man fügt hinzu, daß nur „einzelne" Gegenstände „genommen" wurden und daß die schlauen Juden ihren Schaden arg übertrieben. In einem Uhrmacherladen richteten sie „Unordnung" an, auch „einige" Uhren „sollen" weggekommen sein; so geht es fort mit Grazie. Nur daß nicht gesagt wird, die Plünderer seien die selbstlosesten Menschenfreunde gewesen. Einige Kleinigkeiten muß aber die „Arbeiter-Zeitung" doch zugestehen, zum Beispiel, daß einer Jüdin mit einem einjährigen Kinde ans d«M Arme an drei Stellen der Schädel eingeschlageu wurde, daß der Schanker Jacob Schulim Wils anch einige Löcher in der Schädeldecke und überdies noch einen Bruch des Handknochens davontrug, daß Frauen und Kinder mißhandelt wurden, daß mau einer Amme das Kind entriß und es derart mißhandelte, daß es in Krämpfe verfiel und schwer krank ist, daß an einer schwangeren Frau zwanzig Unholde hintereinander ihr Gelüste befriedigten u. s. w Trotz alledem werden die Inden ob ihrer Furcht vor einer Erneuerung verhöhnt. Es heißt wörtlich: „Sie fürchten für die Zukunft, oder vielmehr sie geben vor (!), sich zu furchten"; das ist doch ein geradezu widerlicher Zynismus! Man kann dem Parteistandpunkte Manches zugute halten, aber die Tinge derartig auf den Kopf stellen, wie es die „Arbeiter-Zeitung" thnt zeugt von einem nicht geringen Maß von Bvrnirtheit und GemnthSverhärtnng. Baden. Die „Oesterreichische Wochenschrift" war so freundlich, in ihrer letzten Nummer über die erfolgte Cvnstituirung unserer Cultusgemeinde nach dem neuen Statute ausführlich zu berichten und anch der Thatsache zu erwähnen, daß der nette den abgetretenen Vorstand, Herrn Mvriz Lettner, für dessen Verdienste um seine 19jährige Leitung der Cultusgemeinde, zum Ehreiliuitgliede derselben ernannte und mit feinem Bilde den Sitzungssaal zn zieren beschloß. Wie groß aber die Verdienste dieses Mannes um den Bestand und das Gedeihen unserer Cultusgemeinde von ihren ersten unbedeutenden Anfängen an sind, verdient um des allgemeinen Interesses willen, das im guten Beispiele liegt, noch besonders hervorgehoben zu werden. Ans dem gedruckt vorliegenden Rechnungsabschlüsse der israelitischen Cultusgemeinde Baden bei Uebergabe all den nengewählten Cultnsausschuß, schließend pro 1. Juni 1897, ersehen wir, daß Herr Moriz Lettner im Jahre 1879 die Verwaltung der jungen Cultusgemeinde mit einem Passivum von nahezu 50.000 sl. übernommen hat, und dieselbe nun dem neuen Cultusvorstande übergibt mir einem Activstand an reinem Vermögen von 78.250 sl. In diesem Activstande sind nicht inbegriffen werthvolle Cnltusgegenstände, silberne und goldene Tempelgeräthe, Requisiten und Möbel im Sitznngssaale und in der Kanzlei; in diesen Besitzstand ist ferner nicht einbezvgen der Besitz der Chewra-Kadischa, des Frauenvereins und noch mehrerer anderer Humanitätsvereine, die integrirende Bestandtheile unserer Cultusgemeinde sind und ansehnliches Vermögen besitzen. Und dieses Wachsen und Gedeihen des materiellen Zustandes unserer Cultusgemeiude ist nicht etwa durch Einfchränknng in den nöthigen Investitionen, durch nrrwürdige Elktlohnnng der Gemeindebeamten und Gemeindebediensteten oder andererseits durch Anspannung der Cultnssteuerkraft entstanden. Nein, die Gemeinde hat ihre Cultus mittel und -Einrichtungen proportionell und noch schöner und größer als es der Zahl ihrer Mitglieder entspricht, sie bezahlt ihre Beamten besser als andere Gemeinden von gleicher Größe und es sind so nräßige Cultussteuern repartirt, daß jedes Cnltusmitglied sie leicht und gern bezahlt. Das Geheimniß eines solchen Erfolges der Verwaltung unserer Cultusgemeinde liegt in der Persönlichkeit ihres langjährigen Vorstandes. Neunzehn Jahre hat ihr Herr Mvriz L e i t n e r in hingebungsvollster Weise seine Thütigkeit gewidmet, hat sein Amt wirklich als heiliges Amt und die geringste Angelegenheit in seinem Amte als heilige Sache betrachtet. Das hat jeder Einsichtige in der Cultusgemeinde erkannt und die auswärtigen Gäste unserer Badestadt haben seit je über die mustergiltige Gemeindeverwaltung uneingeschränkt ihre Anerkennung ausgesprochen. Wir wünschen, daß der neue Vorstand Herr Anton Schneider, der jahrelang an der Seite des Herrn Lettner im Vorstande saß, das jedenfalls eine Bürgschaft für seine Tüchtigkeit ist, in den Fußtapsen des abgetreteueu Vorstandes wandte, die