Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 26 (25.6.1897)
- Date
- 1897-06-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 536 Vr Vlortz's rvottrenschrifr. Nr. 26 derbaren Ausspruch? Renan hat ein scharfes Auge dafür, daß viele Juden der Gegenwart eine eminente Begabung für das praktische Leben haben und daß sie bei aller dem jüdischen Stamme nachgesagten Nüchternheit an der Tafel irdischer Genüsse und Freuden tapfer zulangen. Allerdings sieht der kluge Mann trotz alles sonstigen Weitblickes hier nicht über seine Nase hinaus, über den engen Horizont seiner Pariser Erfahrungen. Aber das ist zuzugeben, der Jude, der die Klöster, das Cölibat, das Sichheraussehnen aus dieser Welt nicht kennt, steht bei aller Gläubigkett fest auf der Erde und nimmt den Kampf auf mit den Widrigkeiten des Lebens, statt sich ihnen willenlos zu ergeben. Wir acceptiren mit Freuden den Satz Renan's: „die Mißbräuche und Gewaltthaten empören den Juden, und gerade dadurch wird das jüdische Element in allen Ländern, wo man es nicht gewaltsam unterdrückt, zum größten Förderer des Fortschritts und der Reform. Der Jude ist immer der Meinung, daß man schon hier unten die größtuiöglichste Gerechtigkeit einführen muß." Nur ist es ganz unnöthig, der späteren Judenheit, weil sie so fest in der praktischen Arbeit steht, den transcendentalen Sinn, den Glauben an ein Jenseits und seine Freuden abzusprechen oder auch nur abzuschwächen. Selbst jene Geldleute, die nur zu gut in den Geschäften des Tages sich auswissen, haben nicht selten das flammenstille Gemüth, wie Heine's tiefpoetitcher Ausdruck lautet, in dem sie wie in einem Allerheiligsten ihren Glauben und die alten Traditionen pflegen; und im Mittelalter sind die Geldwechsler, die jeden Groschen wahrnahmen, Märtyrer geworden. Es mag sein, daß, wie Renan sich ausdrückt, in jener steberheißen Epoche, welche die Zeit zwischen den Makkabäern und Bar Kochba umfaßt, in Judäa mehr als ein friedlicher Epikuräer lebte, dessen Eifer für die großen Interessen Israels und der Menschheit äußerst lau blieb. Aber Koheleth gehörte nicht zu den Lauen, er hätte sicherlich ein Märtyrer werden können, aber ist es nicht lächerlich und sündhaft, ohne Noch ein Martyrium auf sich zu nehmen und aus dieser schönen Welt zu scheiden, die nach dem frommen Gleichniß des Talmud doch kein Jammerthal, sondern die Vorhalle zum Jenseits ist? Ist der Opfertod eines Besonnenen und Bedachten nicht etwas ungleich Herrlicheres, als die überspannte That eines von religiöser Raserei Ergriffenen? Die Weltlichkeit jüdischen Strebens, die sich nicht fortleugnen läßt, hat sich oft genug mit echter Frömmigkeit gut vereinigt; das sind noch keine Materialisten, die die materiellen Güter werthschätzen. Es ist so geistreich, wenn Renan sagt: „Welch' merkwürdiges Volk sind doch die Juden! Israel hat der Welt ihren Gott gegeben und glaubt doch selbst kaum daran, es hat die Religion geschaffen und ist selbst das am wenigsten religiöse Volk; die ernsthaftesten Racen glauben Alles, was Israel gepredigt hat und Israel selbst lächelt skeptisch darüber." Aber darin unterscheiden sich vielleicht Renan und Koheleth: Renan lächelt skeptisch, jedoch die Zweifel Koheleth's sind aus tiefster Seele sich losringende Seufzer und Klagen. Für Renan ist Koheleth ein Vetter Arthur Schopenhauer's und den Pessimismus unserer Tage findet er in diesem ganz modernen Buche so fein und zugleich so prägnant ausgedrückt, wie kaum jemals. Das ist ein gewaltiges Lob, zu rühmen, daß Einer vor zwei Jahrtausenden die Stimmungen unseres Zeitalters vorausgeahnt und geschildert hat. Nur den größten Menschen ist solches Vorsehen, solches Vorgefühl gegeben. Aber ist es wirklich richtig, sich mit Renan diesen Dichter wie einen feinen wohlgebildeten Mann von eleganter Aeußerlichkeit zu denken, als den Ahnherrn eines der reichen Pariser Juden des neunzehnten Jahrhunderts? Ob diese reichen Herren sich mit den Räthseln des Lebens plagen und über die Eitelkeit alles Irdischen klagen? Freilich, gegenüber all' diesen Tiraden gegen die Reichen ist immer wieder hervorzuheben, daß Reichthum keine Schande ist, daß auch in einem Bankcomptoir ein Philosoph leben könne, der den Menschen gerade so viel achtet,' als er werth ist. Renan sagt von dem Juden der Gegenwart: er glaubt nur noch an den Reichthum, dieser Sohn der Propheten, der die Welt umgewandelt hat durch seinen Glauben an das Reich Gottes. Aber ist es nicht ein wenig beschränkt, jedem Reichen einzureden, daß er nur noch an den Reichthum glaubt, muß denn jeder Philosoph nothwendig ein Bettler sein. Heinrich Heine wird ihm typisch für das ganze Jndenthum der Neuzeit; dagegen würde sich der Dichter, dagegen würde sich das Judenthum wehren, Heine ist uns nicht der Spötter, dem die ganze Welt eigentlich nur etwas werth ist als ein Schauplatz, auf dem er die Leuchtkugeln seines Witzes aufsteigen lassen kann; o nein, der Dichter hat seine Ideale, denen er mit Scherz und Ernst gedient hat, denen er, wir bezweifeln es nicht, auch mit seinem Herzblute gedient hätte; wundern wir uns nicht, daß so Viele an eine ernste Weltanschauung des Dichters nicht glauben können, da ja auch Renan sich so schwer dazu entschließen kann, nüchterne Lebensklugheit und warme Begeisterung in einer Person, in einem Stamm vereinigt zu finden. Aber ihn als die Personification des Judenthums anzusehen, möchten wir uns dennoch bedenken. Renan sagt: es lohnt sich wirklich, die Welt in Flammen zu setzen, allen Jammer, alle Verfolgungen zu ertragen, alle Tyrannen zu beschimpfen, alle Götzenbilder zu stürzen, um als Rückenmarksleidender in einem vor Zugluft sorglich verwahrten Hause des aristokratischen Paris zu enden." Aber wir fragen erstaunt, welchem Zwecke dient diese geschichtliche Phantasie? Heine ist so gestorben, nicht das Judenthum. Heine sagte einmal in seinem Uebermuth, die Juden seien deswegen so reich geworden, weil die Heiden aus ihrem Silber Götzen schufen, während die Juden daraus Münzen prägten. Die Juden haben in der That Irdisches und Seelisches auseinandergehalten und auch, wenn sie nach dem Golde streben, das Gold nicht zu ihrem Götzen gemacht. Heine und Kohelet haben verwandte Züge, aber wer glaubt, daß jenes wüste Leben, das den Dichter zerstört hat, im Geiste des Kobelet gewesen ist, der, so sehr er auch die Frauen schilt und herabsetzt, doch die Ehe in schlichten und keuschen Worten als das Beste preist in dieser Welt der Eitelkeiten. Wäre die Bibel das Buch der Bücher, wenn alle die heiligen Autoren aus einem Geiste sprächen. Kohelet, der auf den Höhen des Lebens die Güter der Erde, des Geistes und des Herzens prüft, eitel nennt und dann sich bescheidet, ist ein gewaltiges Denkmal des heißen Wissensdranges, der den Adel der Menschenseele darstellt. Das geistreiche Spiel des französischen Denkers und Gelehrten, der über die Jahrtausende die Fäden spinnt, verbindet Menschen und Dinge, die nicht zueinander gehören, aber ergötzt durch seine Anmuth und belehrt, indem es zum Widerspruch herausfordert. B. R. Correspondenzen. Wien. (E i n W o r t d e s K a i s e r s.) Seit langer Zeit ist zum erstenmale wieder das Evangelium der Nächstenliebe in Wien vernommen worden, und der es verkündet hat, war der K ü i s e r selbst. Die schlichten, aber tief eindrucksvollen Worte, mit welchen der Monarch das neue Heim der Wiener freiwilligen Rettungsgesellschaft eröffnet und geweiht hat, bedeuten mehr als die verdiente Anerkennung des ebenso hingebungsvollen wie selbstlosen Wirkens der Gesellschaft im Dienste der Menschenliebe; sie bedeuten und sollen zw ifellos auch bedeuten eine Verurtheilung aller jener frevelhaften Parteibestrebungen, die heute in Wien „kraftvoll zum Durchbruch gelangt" sind. Ob den allerchristlichsten Bürgermeister nicht doch ein leises Gefühl der Beschämung beschlichen haben mag in dem Augenblicke, da er in seiner amtlichen Eigenschaft als Repräsentant der Stadt Wien die Schwelle dieses Hauses der Barmherzigkeit überschritt, zu dessen Bau die seinem Commando gehorchende Gemeindevertretung keinen Stein gespendet hat? Er stand da mitten unter den Festgästen und hörte es mit eigenen Ohren, wie der K a i s e r feinem „regen Interesse für dieses der Menschenliebe gewidmete Haus" Ausdruck gab, und dem „hochverdienten Vereine" im huldvollsten Tone seine „volle Anerkennung" ausfprach für „Alles, was er bisher in selbstloser Weise geleistet". Was für die Functionäre und Wohlthäter der Rettungsgesellschaft das schmeichelhafteste Lob, das war für den Bürgermeister der bitterste Tadel. Und dieser Tadel ist nicht wegzuwischen, nicht wegzuleugnen. An der Klarheit und Bestimmtheit der kaiserlichen Worte wird diesmal alle Kunst der Aus- und Unterlegung zu Schanden. Jener jesuitischen Spitzfindigkeit und schamlosen Dreistigkeit, die auch vor der Fälschung kaiserlicher Ansprachen nicht zurückschreckt, ist diesmal das Handwerk gründlich gelegt. Einer Verballhornung des Textes ist durch die officielle Verlautbarung ein Riegel vorgeschoben und eine Entstellung des Sinnes ist durch die jedem Mißverständniß vorbeugende Deutlichkeit der kaiserlichen Schlußworte vollständig ausgeschlossen. Die an die Vertreter der Freiwilligen Rettungsgesellschaft gerichtete Ermahnung des Monarchen, ihren Tra-