Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 26 (25.6.1897)
- Date
- 1897-06-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 26 Vr. Vloch's Vochenfchrisl. Seite 535 ii. dischen verkündet wird; jedem Anderen konnte man entgegenhalten : Dein Leben war eitel, aber verallgemeinere Deine persönliche Erfahrung nicht zu einem Weltgesetz. Nur Salomo durste sich die Schlußfolgerung gestatten: Wenn schon mein Leben am Schluß im Greisenthum versandet und nur an eingebildeten Gütern reich ist, an wirklichen aber trotz aller Macht, allen Glanzes, aller Weisheit, sich als inhaltsleer erweist, um wie viel mehr läßt sich vom Dasein aller anderen Sterblichen behaupten, daß es Schatten und Schemen ist; um wie viel herrlicher ist dies Buch, wenn Salomo nicht sein Autor ist, sondern wenn ein dem Namen itatf) uns unbekannter Dichter und Weiser klug die geschichtliche Persönlichkeit herausgefunden hat, in deren Mund die Klage über die Eitelkeit alles Irdischen den tiefsten Eindruck macht. Wie schön ist das Gleichniß für die Unersättlichkeit des menschlichen Herzens: alle Bäche strömen zum Meer und das Meer wird nicht voll. Wie ergreifend ist im Munde des Weisesten der Erdensöhne das Urtheil: Ich gebe mein Herz hin zu forschen und zu sinnen in Weisheit über Alles, was auf Erden geschieht, das ist ein böses Geschäft, das Gott den Sterblichen auserlegt hat, um sie damit zu quälen. Weisheit und Thorheit lassen sich schon unterscheiden, aber weit weniger läßt sich erkennen, welchen Werth die eine vor der anderen hat, da doch, wer sein Wissen mehrt, sein Weh mehrt. Wie eitel aber ist der Genuß, da selbst Salomo, dem Macht und kluger Sinn die geschäftigen Helfer bei der Herstellung der Genüsse gewesen sind, unbefriedigt blieb. Alles vollzieht sich nach einer unwandelbaren Ordnung, so wäre es das Beste, sich dem Genüsse in die Arme zu werfen, wenn auch nrcht das vorausbestimmt wäre und abhängig wäre von Naturell und Stimmung, die uns beherrschen. _• Wahrhaft rührend ist der Schmerzensschrei des Königs, daß am Orte des Rechtes die Gewaltthat waltet; da er die Thränen der Unterdrückten sieht, die Keiner tröstet, da er die offenbare Gewalt der Dränger sieht, und dennoch ist kein Tröster nahe, so preist er die Todten vor den Lebenden, und glückseliger als Beide ist, wer niemals das böse Treiben unter der Sonne gesehen hat. So wünscht sich auch der große britische Dichter den Tod, da er Verdienst zum Bettler sieht geboren, da goldene Ehren auf unwürdigem Haupte prunken, da die Würdigkeit am wenigsten verziehen wird, da der Geist von alberner Censnr behaftet sei, und schließt: Müd von alledem, wäre der Tod mir lieb, wenn nicht der Freund mir einsam hinterblieb: ein Salomo glaubt nicht an die Allmacht des Königthums, Unrecht verhüten zu können, er weiß, daß das reinste Wollen des Fürsten ihn nicht davor bewahrt, ein Werkzeug der Schlechten zu werden. Aber wenn auch am letzten Ende das Leben werthlos ist, so gibt es doch einige Güter, welche die große Krankheit, die das Leben ist, minder fühlbar machen. Zu diesen zählt Salomo die Geselligkeit, besser zwei denn einer, und ein dreifach verschlungener Faden wird so leicht nicht zerrissen; und wenn auch die Weisheit nicht die Räthsel des Lebens löst, so ist sie doch als Waffe in den irdischen Kümpfen nicht zu verachten, die Weisheit schützt den Weisen mehr als zehn Führer in der Stadt. Wer wie Salomo an die tausend Frauen und Nebenfrauen gehabt hat, mußte natürlich zu dem Schlüsse kommen: Unter tausend Männern habe ich wohl einen Mann, unter tausend Frauen habe ich nicht eine Frau gefunden. Salomo, der Himmelsstürmer findet es doch ganz gut, wenn der Mensch nicht nur was ist, sondern auch was hat, „schön ist Weisheit mit einem Erbgut, ein Vorzug für die, welche die Sonne schauen; im Schatten der Weisheit bist du, wenn du im Schatten des Geldes bist." Aber nicht nur, daß es keine wahrhaften Genüsse gebe, auch eine sittliche Weltordnnng vermißt Koheleth, es gibt Gerechte, die ein Geschick ereilt, wie es die Bösen treffen sollte; es gibt Frevler, die ein Los genießen, wie es den Gerechten zukommt, und scheuchte auch einer den Schlaf von seinen Augen, er kann das Werk Gottes auf Erden nicht ergründen, und glaubte einer, er hätte es erkannt, er hat es doch nicht ergründet. Jndeß der weise Mann, der nicht so obenhin mit den Räthseln des Lebens spielt, der mit seinen Zweifeln gleichsam an den Säulen der Erde rüttelt, ist doch nüchtern genug, um auf die Stimme in unserem Gemüthe zu horchen, das, trotzdem ihm die Nichtigkeit alles Irdischen bewiesen wird, sich an das Leben mit Lausend Fasern klammert, und alle diese haarscharfen Beweise, daß das Leben leer sei, stumpft er ab mit dem schlichten Worte: Süß ist das Licht, und es erfreut das Auge, zur Sonne zu schauen. Der Satz, über den Geschmack läßt sich nicht streiten, ist abgeschmackt, wenn wir ihn, wie das sooft geschieht, auf Kunst und Dichtung beziehen; aber er ist natürlich durchaus richtig, wenn wir ihn auf das eigenste Gebiet des Geschmackes, den Gaumen, einschränken. Der Gaumen ist souverän gegenüber allen Gründen, und auch der Optimist, der die Welt und das Leben schön findet, ist durch Gründe nicht zu widerlegen. So wird Salomo mit sich selbst nicht fertig; setzt er sich die Weisheitsbrille auf, so findet er, daß Alles eitel sei, und Niemand ist zu diesem Urtheil eher berufen als er; aber soll nun die Consequenz gezogen werden und er legt sich die Frage vor: wäre es mir gleichgiltig, dieser bösen Welt, wo es den Menschen so schlecht geht wie den Fischen im Netz, den Vögeln in der Schlinge, Valet zu sagen, so findet er sofort: das Leben ist doch schön, zumal so viele Tage der Finsterniß nach ihm kommen. Es ist vielleicht möglich, daß einige ganz fromme Sätze, die uns gar nicht in den Zusammenhang passen, hereingekommen sind, damit der gläubige Leser durch den kecken Zweifler, der an den Fundamenten rüttelt, nicht gar so sehr erschreckt werde. Aber sehr viele scheinbare Widersprüche in diesem Buche kommen daher, daß der Autor mit sich selbst disputirt, und wenn er eben unwiderleglich bewiesen hat, daß es in dieser Welt nicht auszuhalten ist, so kommt seine Lebenslust und sagt: was geht das Alles mich an, mir gefällt's, ja selbst dein Beweis, daß die Welt so miserabel ist, macht mir wegen so mancher tiefsinniger und geistreichen Wendung kein geringes Vergnügen. Wie ist das Büchlein, das an den Grundfesten rührt, das zwar allenfalls den Glauben an Gott bestehen läßt, sonst aber alle Grundlehren der Religion antastet, in die heiligen Schriften gekommen? Die würdigste Erklärung wäre die, daß auch der Zweifel etwas Heiliges ist, wenn er aus einem heißen, ungebändigten Wahrheitsdrange, aus einer tiefen Sehnsucht nach Erkenntniß kommt; macht ein Faust, dem es das Herz verbrennt, daß wir nichts wissen können, der Menschheit Schande? Gibt es ein Höheres und Heiligeres, als diese Liebe zur Wahrheit? Selbst in feinen Irrungen, selbst in seinem Auflehnen gegen die überkommenen Glanbensformeln ist der 'Zweifler noch ehrwürwürdiger als einer, der ohne vieles Nachdenken seinen Geist in Fesseln schlägt und in dumpfer Gläubigkeit sein Dasein verträumt. So viele gewaltige Geistes- und Glaubens Helden führt die Schrift uns vor; diese Sammlung wäre unvollständig ohne Koheleth den Zweifler. Oft freilich ist der Zweifel nur die Form, in der zügelloses Verlangen nach Lust ltub Genuß sich ankündigt; dann ist der Zweifel eine Maske, eine Heuchelei; wir thun, als gehe es uns um's Wissen, und es geht uns doch nur um's Genießen; davon kann bei Koheleth nicht die Rede sein; er hat jede Frucht gekostet, er zweifelt, weil er die Wahrheit heiß und innig liebt. Wird nun Renan diesem Buche gerecht? Renan sagt, in in diesem Buche trete uns ein jüdischer Dichter entgegen, der sich offenbar so ruhig, wie nur irg.md ein Mensch in der Welt fühlt; er seufzt nur über sich selbst und schöpft Trost und Traurigkeit nur aus der eigenen Seele. Das ist offenbar falsch, denn wir haben gehört, wie Koheleth zum Tode traurig ist ob der Thränen der Unterdrückten, ob der Gewaltthat, die sie erdulden; sagt doch Renan später selbst: Unser Antor ist ein vorurtheilsloser Gentleman, gut und edel und großmüthig im Grunde der Seele, aber muthlos und verbittert durch die Gemeinheit der Zeit und durch die traurigen Bedingungen des menschlichen Lebens. Renan schildert sich selbst, nicht den Koheleth, wenn er diesen: die drolligen Worte leiht. „Weh' dem Weisen, der nicht wenigstens einmal des Tages sich widersprochen hat." Der ganze Renan ist ein steter Widerspruch, denn er hat sein ganzes Leben lang die Geschichte der religiösen Ideen geschildert, die er selbst nicht glaubt. Aber die Leute, die sich fort und fort widersprechen, sind oft gar nicht so uninteressant; wie es uns an den Frauen wohlgefällt, daß sie nicht so logisch und darum auch nicht so pedantisch sind, als die Männer, so ist Renan ein reizvoller und spannender Schriftsteller, und sein Fehler selbst, daß er in allen Farben, in allen Ueberzeugnngen schillert und meist gerade die Meinung hat, über die sich am schönsten reden läßt, steht ihm nicht übel und manchmal gilt von ihm das Wort, daß es ersprießlicher ist, mit ihm zu irren, als mit Anderen die Wahrheit zu erkennen. Renan versteigt sich zu dein geistreichen Aper?»: Koheleth sei ein moderner Jude und nur eine halbverschlvssene Thür trenne ihn von Heinrich Heine; es ist noch ein Uebriges, daß er die Beiden nicht sogleich in eine Stube sperrt. Wie kommt Renan zu diesem foni i tt.? j -> % ":V —A ' •<' V#«‘ ' ’