Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 26 (25.6.1897)
- Date
- 1897-06-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seile 534 Ar. NLoih's »ochrn,chrtft Nr. 26 Tod, ja läßt sich einer kaum tu der Behaglichkeit und Ruhe seines Lebensgenusses stören. Das gibt dem festen unbedingten Glauben auf allen Gebieten die Ueberlegeuheit über noch so überlegene skeptische Weisheit. Man hört häufig das Wort Zweifelsucht, Zweifellust. Das Wort ist bei keinem ernsten Denker am Platz. Wahrheitslust, Wahrheitssucht, das hat einen Sinn, wir wollen uns retten vor den Zweifeln, die von allen Seiten auf uns einstürmen und die wir als die Räuber betrachten unserer edelsten Güter. Wer wird die Räuber lieben, die nach seinem Besten greifen'. Aber, ob wir sie nun lieben oder hassen das thut ihrer Macht keinen Eintrag; ja das Gleichniß mit den Räubern ist nicht einmal richtig; wenn sie uns noch den Glauben nähmen und tabula ra8L machten, dann hätten wir noch die traurige Gewißheit des Nichts; aber dem Zweifler ist das Los beschieden, gleichsam fort und fort zwischen Mauern hiudurchzuwandeln, die jeden Augenblick dem Einsturz drohen; er glaubt an sein eigenes Leben nicht; wir können Keinen fragen: warum glaubst Du nicht? so frug die Inquisition, deren Mordgesellen sich an den Qualen ihrer Opfer weideten. Jeder Zweifler würde antworten: es verbrennt mir das Herz, daß ich nichts wifien kann; aber ich kann doch nicht dafür, daß ich das Feuer, das wider mich züngelt, nicht auszufchlöfchen vermag; es wäre doch unerhört, wenn du mir meine Qual noch zum Verbrechen anrechneu wolltest. Aber nach diesen Stationen der Skepsis kommt allerdings für Viele eine andere, wo man sich bei dieser Ungewißheit bescheidet, da doch zuletzt Niemand so genau weiß, was krumm odergerade ist, krumm gerade sein läßt und das Gewißeste für das Beste nimmt, nämlich einen heiteren harmlosen Lebensgenuß, der Keinen kränkt und uns wohlthut, der jedem gefährlichen bedrohlichen Streit aus dem Wege geht, der jede Autorität gelten läßt, wenn sie nur dem Denker ein beschauliches Plätzchen für sein vergnügliches Gedankenspiel läßt. Denn natürlich verstehen Leute wie Renan unter Lebensgenuß nicht Essen und Trinken und ins Theater gehen, sondern dem Manne ist es offenbar ein größeres Ergötzen, schöne und gedankenreiche Bücher zu schreiben. . In dem letzten Bande seiner Geschichte Israels findet sich ein wundervolles Capitel über den Prediger Salomonis, über das Buch Koheleth, bei dem Bilde, das er von Koheleth entwirft, hat er offenbar einige Züge seinem eigenen Geistes- und Gemüthsleben entlehnt; andererseits sieht er in Koheleth den Urahn von Heinrich Heine. Renan selbst hätte es uns kaum übel genommen, wenn wir dies Bild nicht ganz getroffen fänden; er war nicht verliebt in seine Bücher und Bilder; er gerade wußte nur zu gut, daß fast alle Geschichtsschreibung Dichtung und Wahrheit ist, daß es besonders bei ihm die subjective Zuthat ist, welche die Suppe fett macht, welche seinen Werken den eigenthümlichen und unnachahmlichen Charme verleiht. Aber soviel wir es vermögen, müssen wir doch der Nachprüfung uns unterziehen, ob denn nicht der Koheleth Renan's gar zu viel von dem modernen Franzosen und zu wenig von dem in der Bibel gezeichneten Urbild hat. Das Buch Koheleth ist von den Bibelerklärcrn durch fast ein ganzes Jahrtausend geschoben worden. Die alten Erklärer halten sich an die Aufschrift und vindiciren das geistvolle Büchlein dem Salomo, dem Sohne David's; einige moderne Kritiker behaupten, der Verfasser habe zur Zeit des Königs Herodes, also kurz vor Entstehung des Christenthums, gelebt. Die verschiedensten Ansichten werden mit der größten Bestimmtheit im Tone unfehlbarer Wissenschaft vorgetragen; ein geistreicher Mann hat um die Bibelkritik, die oft zuversichtlicher redet als sie es verantuwrten kann, zu persifliren, einmal die These aufgestellt, Koheleth hat zu den Zeiten des ersten Napoleon geschrieben und hat dies mit den trefflichsten Gründen belegt. An sich ist die Frage, wann ist ein Buch entstanden, nur wichtig für die Erklärung und das Berständniß, aber für die Dignität des Buches von keiner entscheidenden Bedeutung. Wir verehren den, der uns tiefsinnige Gedanken lehrt, ob er nun vor zweitausend oder dreitausend Jahren gelebt hat. Es braucht auch noch kein Betrug zu sein, wenn ein Spätlebender eine hervorragende geschichtliche Persönlichkeit zum Träger feiner Gedanken macht, besonders wenn dieser berühmte Mann sich durch seine Lebensschicksale und seine Lehren dazu besonders eignet; diese Einkleidung, wenn sie gut durchgeführt ist, wenn der eigentliche Autor nicht überall durchblickt, kann einen hohen künstlerischen Reiz ausüben, den jeder begabte Schriftsteller gern zu Hilfe nimmt. Um an ein allbekanntes Beispiel aus der neueren Literatur zu erinnern, Mendelssohn wollte doch nicht täuschen, als er seinen Diseurs über die Unsterblichkeit Phaedon nannte. So wäre es verfehlt, es als einen Allgriff gegen die Heiligkeit der Bibel, gegen die Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit ihrer Autoren anzusehen, wenn wir eine Schrift, die den Namen Salomos an der Spitze trägt, nur als eine im Geiste Salomo's von einem Später» geschriebene Arbeit auffaßten; es ist dies nur eine andere Erklärung der heiligen Schrift, nichts weiter. Daß frühere Zeiten diese Aufschriften buchstäblich nahmen, die geistvollen und weisen Absichten der Verfasser verkannten, ist unangenehm, aber es kann weder für die Vorzeit ein Vorwurf sein, diesen Fortschritt der Schrifterkläruug noch nicht gemacht zu haben, noch kann es gar für uus ein Vorwurf sein, daß wir nicht unseren Vätern zu liebe, um mit Rückert zll sprechen, die Narren sind, die auf dem Jrrthum verharren. Die Frage hat mit der Religion, mit der Gläubigkeit nichts zu thun, und wir haben gar keine Veranlassung, da es schon trennende Momente genug zwischen den Parteien gibt, die Streitpunkte ohne Noth zu vermehren. Wenn nur das Kleid paßt, wenn nur die Einkleidung correct und geschmackvoll ist, wenn nur einem heiligen Manne keine unheiligen Worte in den Mund gelegt werden. — Ist Salomo das rechte, das würdige Organ für b;e Lebensanschanung des Buches Koheleth? Wer kann alle Genüsse, alle Freuden der Erde eitel nennen? Doch nur der, der sie alle gekostet hat. Wenn ein armseliger Manu, der au der Tafel irdischer Freuden nur die kargen Brosamen aufgelesen hat, die vom Tische fielen, wenn der von der Nichtigkeit alles Irdischen declamirt, macht er nicht den Eindruck, daß er die Trauben zu sauer findet, weil sie für ihn zu hoch hängen? Wenn der Jüngling selbstquälerischen weltschmerzlichen Neigungen sich hingibt und heute verzweifelt und morgen den Kelch der Freuden bis zur Hefe leert, wer nimmt dies Lamentiren über die böse Welt ernst, wer sieht nicht, daß hier nur der Uebermuth mit dem Schmerze spielt. Und vollends wie lächerlich ist aus manchem Munde die Klage, daß alles menschliche Wissen Stückwerk ist. Woher nimmt er denn nur das Recht, über das menschliche Wissen zn reden, und über die Grenzen, die dem menschlichen Geiste gesetzt sind, zu klagen, da er nur ein sehr mäßiges Bestreben bekundet, bis zu diesen Grenzen vorzudringen. Aber es kann Einer im späteren Leben die Höhen der Weisheit, des Ruhmes, des Reichthums ersteigen und doch nicht des Lebens völlig froh werden, weil ihm in einer kargen, kümmerlichen Jugend gleichsam die Flügel gebrochen sind, weil ihm in all der Entbehrung, in all den Kämpfen, in der versengenden Gluth das Gemüth verdorrt ist und für späte Freuden nicht mehr empfänglich ist. Wer hat ein Recht, wenn er Schiffbruch gelitten hat, sogleich zu melden, daß Alle an denselben Klippen scheitern werden. Da war es der feinste Einfall eines genialen Denkers, all die Klagen über die Eitelkeit der Welt in den Mund Salomo's des weisen Königs zu legen und dadurch den Klagen den denkbargrößten Nachdruck zu verleihen. Eine trübe Jugend, der die Sonne der Liebe fehlt, kann über das ganze Leben eine» Schatten werfen, der vor allen späteren Erfolgen nicht weichen will. Wer aber hatte eine glücklichere Jugend als Salomo, der für den Thron Geborene, der Sohn Davids des Sängers und des Helden; alle Kräfte des Geistes und des Herzens wurden geweckt und gebildet; alle Fackeln der Freude, alle Sonnen des Wissens strahlten in diese Jugend; wie sollte ein Mann, dem Geschick und Erziehung einen so lichten Lebensfrühling gespendet hatten, trüb und verbittert ins Lebens schauen! Und Salomo war König; wundersame Wonnen gewährt der Besitz der Macht, die Geschichte kennt nicht Viele, die die Krone als eine Bürde betrachtet und weggegeben haben, die die Verantwortlichkeit gescheut haben, Wohl und Wehe Vieler zu bestimmen. Auch den Edlen, der für den Ehrgeiz unempfänglich ist, lockt der Reiz weithin Gutes zu wirken; von den Höhen des Thrones kann der Mensch nach jeder Frucht, nach jedem Genüsse langen, so viele Pläne verwirklichen, so viele Quellen des Wissens sich erschließen; und wir lernen im Buche Koheleth Salomo als Greis kennen; was weiß die Jugend von dem Werth oder Unwerth der weltlichen Dinge, sie stolpert über einen Strohhalm un überfliegt Berge. Der augenblickliche Eindruck ist ihr unumschränkter Gebieter, aber der Greis, der vielerfahrene, ist am ehesten berufen, zu einem endgiltigen Urtheil über den Werth des Lebens. So war es ein höchst genialer Gedanke, Salomo zum Sprecher zu machen, wenn die Eitelkeit alles Ir-