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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-06-25 · 26 (25.6.1897) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
26 (25.6.1897)
Date
1897-06-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 26 Vr. Bloch'» Ivochrnlchrlfr. Sette 533 Seinen. Er kommt als Händler verkleidet ins russische Lager, erspäht Alles, läßt sich dabei keine Gelegenheit entgehen, Hammel oder Wildpret zu verkaufen, und in der Nacht leitet er den Ueberfall und führt selbst an der Spitze seiner Usdens wie ein Sturmwind über die russischen Reihen'her, denen es gelungen, sich zu ordnen und einen Wall von Bajonetten zu bilden. Auf Stirn und Wangen Mamre's sieht man heute noch eine gewaltige Narbe, die Folge des Säbelhiebes eines kühnen kuban'schen Kosaken, der übrigens in seine Gesangeuschaft gerieth und eine ganze Woche in einer Grube unter seiner Hütte sitzen mußte. Man mußte diese Grube sehen, um eine Vorstellung davon zu erlangen, wie schlimm es hier einem Gefangenen erging: Lehmwände, oben ein Fenster, wenn man ein Loch als Fenster bezeichnen konnte — es strömte ein Regen herein, und wenn es dem Hausherrn oder den wüthendeu Weibern einfiel, die Oessuung mit einem Brett zu verdecken, dann konnte der Gefangene in dem unerträglichen Gestank und der undurchdringlichen Finsterniß ersticken. — Nun, und was geschah nachher? — Er wurde krank, magerte völlig ab, begann allerlei Unsinn zu sprechen. Bald fingt er Lieder, bald weint er — mm, sie erbarmten sich seiner. — Und starb er? — Nein, wir nahmen ihn aus der Grube. Wir ließen ihn heraus und er lebte in der Hütte, nur blieb er gefesselt. Daun verkaufte ich ihn Hadschi Murat . . . fünf Tuman erhielt ich für ihn. Und Alles das wurde in ganz gleichgiltigem Ton erzählt, gleich als ob er einen Büren gefangen, ihn in Ketten gelegt und dann vortheilhaft einem Liebhaber verkauft hätte. — Wozu aber einen Kranken in Kelten legen? — War er etwa ein altes Weib?.Er war ein Manu, und einen Mann erhält man nur in Ketten in der Gefangenschaft. Wenn Du dem Adler nicht die Flügel beschneidest, wird er sich über die Wolken erheben, und ebenso ist ein echter Mann, staunte Mamre-Aga über meinen Mangel an Scharfblick. Ich versuchte ihm klar zu machen, daß man in anderen Ländern Gefangene gegen Ehrenwort freilasse. — „Da habt ihr etwas Rechtes nusgedacht! . . . Das sind nicht Männer, sondern alte Weiber, die aus Versehen eine Papacha aufgesetzt haben. Man sollte ihnen seidene Frauenkleider anziehen und sie einem Mann zum Weibe geben! . . . Sind sie etwa Hennen? Auch im Hühnerstall kann man sich frei bewegen, aber einen Sperber darfst Du dort nicht halten. Nur für die Henne ist im Hühnerstall Raum genug. Oeffne des Sperlings Käfig —' und er fliegt davon in die Freiheit. Mamre-Aga war berühmt durch die Geschicklichkeit, mit der er einen Hinterhalt zu legen verstand. Darin hatte er weit und breit nicht seinesgleichen. Man erzählte mir einige Fälle, wobei ich nicht wußte, worüber ich mich mehr wundern sollte, über die Verwegenheit dieses israelitischen Condottiere oder über seine Tapferkeit. An der Spitze von fünf bis sechs Mann gelang es ihm, sich durch die russische Postenkette an das Lager heranzuschleichen und dort, nachdem er zehn bis zwölf Stunden in Gebüschen oder im Grase verborgen gelegen, einige Opfer zu erwischen. Einst holte er auf solche Art fast aus der Mitte des Lagers einen jungen Officier, der übrigens nicht lange im Gebirge blieb. Es wiederholte sich die Geschichte des „Gefangenen im Kaukasus".*) Der Russe entfloh aus dem Aul, bereitet von einer der Dorfschonen. — Abscheulich war es nur, wenn Eure Leute mit Hunden kamen. Dann ließ sich nichts thun. Die Hunde wittern Alles. — Solch ein Hund wiegt ein ganzes Corps auf, fügte Mahomed-Ogly hinzu. Er hat Herz und Verstand wie ein Mensch, philosophirte er. — Er ist nicht nur im Kampfe nützlich, sondern sucht auch außerdenl die Fährte der Gebirgsbewohner auf, wittert sie auf eine Werst Entfernung. — Und wenn es zum Handgemenge kommt, ist der Hund stets vornan. Er faßt den Feind unmittelbar an die Gurgel. Eure Soldaten hatten sie aber auch lieb! Verwundete Hunde trugen sie vom Kampfplatz fort und heilten sie in ihren Lazarethen. Wenn es kalt war, bedeckten sie sie mit ihren Mänteln. Die Hunde schliefen neben den Soldaten, fraßen mit ihnen aus derselben Schüssel. Einst gelang es mir, bei einem Ueberfall einen Hund lebend zu fangen. Wir brachten ihn nach Hause und gedachten ihn an uns zu gewöhnen. Nichts da! Er fraß nicht, heulte nur ununterbrochen, und wenn man sich ihm näherte, fletschte er die Zähne und machte Miene, einem an die Kehle zu springen. Wir erschossen ihn. Was sollten wir sonst mit ihm beginnen? _ Renan, Heine und Roheleth. Niemand ist so leicht der Gefahr ausgesetzt, von der großen Menge verkannt zu werden, als einer, der durch Witz und Humor sich auszeichnet. Vielseitigkeit der geistigen Anlage, der Weltanschauung ist eine seltene Waare, die meisten Menschen müssen sich durch's Leben helfen, ohne daß auch nur eine Seite geistiger Befähigung in einem höheren Grade ausgebildet ist; da möchten sie sich nicht gerne dazu entschließen zu glauben, daß in einzelnen begnadeten Staturen die mannigfachsten Talente aufleuchten und zu weithin strahlendem Lichte sich vereinen. Hat Jemand den Ruf, durch witzige Einfälle, die Menschen in fröhliche Stimmung zu bringen, dann wird er sofort in die Classe der Witzbolde eingereiht; man richtet sich schon auf's Lachen ein, wenn er nur zu reden beginnt und ist eigentlich enttäuscht, wenn er einen ernsten Ton anschlägt; das wollen die Leute gar nicht von ihm hören, das trauen sie ihm gar. nicht zu, es ist einmal das ihm angewiesene Geschäft, Witze zu machen, und will er es versuchen sich in anderer Weise zu zeigen, so wird es ihm übel genommen, als pfuschte er Jemandem ins Handwerk. Ja, die Verkennung geht noch weiter. Der Vorzug, Humor zu besitzen, erzeugt schiefe Urtheile über deu Charakter des Humoristen; Viele aus der Menge meinen, nur der nehme es mit dem Leben ernst, der mit langsam abgemessenem Schritte, mit einer gewissen Feierlichkeit durch die Gassen schreitet; die bedächtige Miene, die Umständlichkeit des Gebahrens, sei ein Zeug- | niß für das bedächtige Wesen. Dagegen gilt einer, der durch humoristische Leuchtkugeln zum Lachen anregt, für leichtlebig, als sei ihm das ganze Leben lächerlich und geringwerthig; die Witz losen nennen solch' einen fröhlichen Gesellen frivol, da er mit dem Heiligsten Spott treibe oder die erhabensten Dinge zu Gegenständen des Scherzes herabwürdige u. dgl. mehr; es ist dies oft die Beschränktheit derer, die keinen Spaß verstehen, die es verkennen, daß ernste Menschen gerade den Witz als die mächtigste und wirksamste Waffe handhaben, um ihre höchst ernsten Bestrebungen zum Siege zu führen. Dabei ist nicht zu leugnen, daß es untergeordnete Menschen gibt, die das Witzemachen wie ein Metier betreiben, die in den vielen Fällen, wo der Humor sie im Stiche läßt, zu ganz schalen Surrogaten desselben ihre Zuflucht nehmen und die darum kein schlichtes und grades Wort aus dem Munde bringen. Das ist eine widerliche Art, wie denn bekanntlich superklug der Superlativ von dumm ist. Aber wie soll sich denn ein wackerer Mann Helsen, der beim heißesten Bestreben, den Grund der Dinge zu erforschen und zu erfahren, doch immer wieder an die Oberfläche zurückgeworfen wird, der zu klar sieht, um die Welt, in der wir leben, so über die Maßen schön zu finden, der von der alten, wie es scheint, trivialen Wahrheit, daß jedes Ding zwei Seiten habe, einen starken Gebrauch macht und skeptische Anwandlungen nicht los wird. Wohl ihm, wenn er den Humor zu Hilfe ru;en kann, der ihn zwar nicht von diesen Schmerzen befreit, aber, wie David dem König Saul, ihm die Schmerzen für eine Zeit lang hinwegspielt. Ja vielleicht ist der Humor nur in einem sehr bescheidenen Maße angegeborene Geistesanlage; im Wesentlichen entsteht er aus der überlegenen Weisheit, die, wenn z. B. das Endurtheil über bedeutende Persönlichkeiten in Frage kommt, zu tief in die Küche des Ruhmes hineingeblickt hat, zu gut weiß, wie der Ruhm hergestellt wird, um sich sogleich lebhaft wie die Menge zu begeistern. Solch ein bedächtiger Mann, dem, selbst wenn er sich begeistert, der Schalk im Nacken steht und über die eigene Begeisterung spottet, ist Ernst Renan; er ist eine edle Persönlichkeit; tvüßte er es ganz bestimmt, daß Wahrheit, Recht, Menschenwohl triumphiren, daß es Objecte sind, die des Schweißes der Edlen werth sind, er könnte für sie zum Märtyrer werden; er hat ein Herz voll Liebe zum Guten und Wahren; aber wenn das Gute und Wahre nun gar keine Wirklichkeit hat! man kann doch zuletzt nicht für Schatten schwärmen und sich ereifern; für ein noch so großes und erhabenes Vielleicht geht Keiner in den *) Dichtung von Lermontow.

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