Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 26 (25.6.1897)
- Date
- 1897-06-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 530 Dr. Vloch's WochrnlchrM Nr. 26 I o h a n n im eigentlichsten Stinte des Wortes kommt ein Ä tt g e nar?,t Jo er nt att tt vor, über dessen Freiheit von den städtischen Abgaben in Berlin 1498 verhandelt wurde. Beflissene der Angcnhetlknnde, die sonst im Mittelalter, wie im Alterthum eine große Zunft bildeten, werden zu jener Zeit in der Mark überhaupt nicht erwähnt, und so möchte man sich veranlaßt sehen, jenen für identisch mit einem anderen Berliner Augenarzt zu halten, welcher in den großen Judenproccß von 1510 mit verwickelt war. In der Nürnberger Ausgabe der Flugschrift von 1510 über diesen Proccß heißt es nämlich, drei von den angcschuldigten Inden hätten sich taufen lassen, und zwei davon seien hingerichtet, „der dritte, ein Augenarzt, darnach, daß er allein an Kindern schuldig gewest (d. h. daß er sich nur an dem angeblichen Kindermord, nicht an der Hostienschändung betheiligt), ist erpctten, ins grau Kloster gangen". Tiefer Gerettete wird nun zwar von Neueren Moses, ntit seinem Taufnamen Petrus genannt, doch ist dies reine Erfindung, ich weiß nicht, ob von Wilken oder Mila. Andererseits kommt aber unter den im Laufe des Processes genannten Juden, deren Zahl die der 41 ztnn Tode Berurtheilten weit übersteigt, auch keiner vor, welcher den Namen Hermann führte. Und so wird man wohl in der That zwei verschiedene Persönlichkeiten annchmen müssen. Tie Nichtigkeit der Angabe der im Jahre des Processes erschienenen Schrift, welche mit solcher Bestimmtheit gemacht wird, ist kaum anzuzwcifelu, wenn airch der Augenarzt anderweitig nicht nachzuweisctt wäre und wenn auch die unter Benützung der Proceßacten gearbeitete Flugschrift 1511 nur von zwei Bekehrten, init dem Schwert Hingerichteten Juden spricht, den dritten Losgebetenen dagegen gar nicht zu kennen scheint. Tenn ihr Verfasser schildert nichts als die Schicksale der verurtheilten Juden, daß aber wirklich einer der in Untersuchung Gezogenen und für schuldig Befundenen mit dem Leben davon kam, wird durch Johann von Trittenheim bestätigt, der in seinem Chronicon Hirsaugiense den Proccß ausführlich nach einer authentischen, vielleicht vom Kurfürsten selbst herrührendcn Mittheilung bespricht. Dieser jüdische Augenarzt verdient Beachtung deswegen, weil sonst kein Arzt seines Glaubens während des Mittelalters in der Mark vorkommt; inan wollte denn daran erinnern, daß in' des Bernauers Rollenhagcn „ergötzlichem Froschmäuseler" sich auf der Mäuseflotte eiu Streiter befindet, „seiner Geburt jüdischer Art, an Haar und Bart überall schwarz, und der war der Schifflcut Wundarzt" (Frankfurter Ausgabe von 1683, p. 591) — während sich anderswo „die jüdischen Aerzte oder Judenärzte unter den Christen des Mittelalters eines ganz besonderen Vertrauens erfreuten." Das allgemeine kirchliche Gebot, welches z. B. Bischof Heinrich von Brandenburg am 6. Juli 1406 für die Mark wiederholte: daß kein Geistlicher oder Laie mit Juden zusammenwohnc, in Krankheitsfällen einen Juden consultire oder Arznei von ihm empfange, scheint danach in der Mark recht streng, und zwar auch noch später gewohnheitsmäßig befolgt worden zu sein. Lcutingcr nennt zwar beit durch sein schreckliches Ende bekannten Günstling Joachtm's II., den Juden L i p p o l d, dessen consultirendcn Arzt (ineckious consilarius) berichtigt aber stillschweigend in einer späteren Stelle seiner Eommentaricn diese Angabe." Wider den Antisemitismus hat Gabriel Alix, eiu angesehener Professor der Rechte und der politischen Wissenschaften an der freien Universität und Advocat am Appellhose zu Paris, das Wort ergriffen. In einem an die »Libre parole« gerichteten Schreiben führt er aus, warum die Commission für die Vorträge am katholischen Institut auch einmal den Antisemitismus behandelt sehen wollte und warum er hiefiir den bekannten National-Oekonomen Anatole Leroy-Beaulieu vorgeschlagen habe. „Ich will Ihnen, mein Herr, den Gedanken der Commission bekannt geben, aber ich würde Ihnen nur die halbe Wahrheit sagen — was übrigens nicht meine Art ist —, wollte ich Ihnen nicht auch zugleich meine Meinung ausdrücken. Indem ich der Commission einen Mann wie Leroy-Beaulieu vorschlug, leitete mich ein Gefühl der Hochachtung für diesen überzeugungstrcuen, muthigen, hochsinnigen und talentvollen Gelehrten, und indem ich die Frage des Antisemitismus zum Gegenstände eines Vortrages wühlte, wollte ich — ich bekenne es offen — eine Werirrung bekämpfen, welche sich in einigen Staaten Europas begreifen, wenn auch nicht rechtfertigen läßt,-welche aber sicher in Frankreich nicht einen Schatten Existenzberechtigung hat. Ich füge hinzu: unter welchem Gesichtspunkte man auch immer den Antisemitismus auffaßt, er bleibt immer eine Verirrung, welche die schlimmsten Folgen nach sich zöge, wenn sie sich weiter ausbreitete und vlm der katholischen Jugend ernst genommen würde. In der That bezweckt der Antisemitismus entweder die Verfolgung "Derjenigen, welche im Besitz der großen Reichthümer sind, und in diesem Fall hieße es, gemeinsame Sache mit den Collectivisten im Kampfe gegen Kapital und Eigenthum machen, wie dies in Deutschland geschieht, und mit ihnen vereint, zu ihrer großen Genugthuung, die sociale Revolution vorbereiten. Oder der Antisemitismus verfolgt die Juden, nur weil sie Juden sind, und predigt so nichts weniger als einen Religionskrieg. Lassen wir den Gesichtspunkt der Gerechtigkeit bei Seite, trotzdem dieser Gesichtspunkt maßgebend sein sollte, betrachten wir uns das katholische Interesse: Glauben Sie, daß die Katholiken irgend einen Vortheil dabei hätten, sich der Idee der religiösen Verfolgung anzuschließen? Sie haben selbst sehr viel von der Unduldsamkeit der Männer, welche seit 1878 am Ruder sind, zu leiden gehabt, und wenn auch die schlimmste Zeit der religiösen Bekämpfung vorüber ist, so fühlen wir den Einfluß des Geistes der Intoleranz noch immer in Unterrichtsgesetzen, in dem Militärgesctz und in einigen Finanzgefttzen. Das Bestreben der Katholiken muß zunächst darauf gerichtet sein, diese Gesetze vorerst zu ändern und später ganz aufzuheben. Würden wir, frage ich, in diesen Bestrebungen irgend welche Aussicht haben, wenn wir jeden Tag in unseren Zeitschriften und Conferenzen die Ausplünderung und Vertreibung der Juden verlangen, und so, ohne daß wir wirklich wollen, daß man die Juden lebendig verbrennt, die Zeiten der Jnguisition und der Autodafes verherrlichen, wie Sie es in Ihrer Nummer vom letzten Freitag gethan. Zu welcher Zeit ich auch immer gelebt Hütte, ich wäre ein Feind der Politik der Verfolgung und Intoleranz, welche nach meinem Dafürhalten dem Geiste des Evangeliums und der Lehre der Kirche zuwider sind. Ich bin umsomehr dieser Strömung abhold, als ich die feste Ueberzrugnng habe, daß bei irgend welchen ihrer Erfolge keine Confession mehr Schaden erlitte, als die unsrige, und daß die katholische Religion ihr erstes Opfer wäre. Lassen wir demnach die Vergangenheit ruhen, fachen wir die Leidenschafteu nicht an, die wir ja nur gegen uns selbst entzünden. Bleiben wir auf der Höhe der Zeit, wenn wir in Frieden mit ihr leben, und besonders, wenn wir Einfluß ans sie haben wollen. Achten wir die Rechte Anderer, damit man die unseren achtet. Der einzige Schutz der Kirche ist die allgemeine Freiheit. Das, mein Herr, sind die Principien, die ich durch eine autoritative Stimme der Jugend mitgetheilt wünsche, es sind dieselben, die ich selbst, so oft sich mir Gelegenheit dazu bietet, seit einem Vierteljahrhundert ihr laut verkünde, und die ich, so lange ich Einfluß auf sie habe, stets wiederhole." Juden und Protestanten in Frankreich. Die, „M ü n ch. A l l g Z t g." hat wiederholt darauf hingewiesen,, daß in Frankreich die antisemitische Bewegung mit de^ a n t i p r o t e st a n t i s ch e n eng verknüpft ist. Der Parise Correspondent des genanntes Blattes schreibt: „Wie eng Chauvinismus und Antisemitismus zusammen'' hängen, wie leicht es gewissen patriotischen Schreiern wird, die Antipathien gegen das „internationale Judenthum" zu ihren Zwecken auszubeuten, hat der jetzt wieder so lebhaft erörterte Fall Dreyfus außer Zweifel gestellt, und wie ganz dieselben Anschuldigungen und Vorwürfe, mit denen matt die jüdische Minderheit bekämpft, gewissenlosen Agitatoren zur Discreditirung der kleinen protestatttischen Gemeinschaft dieneir müssen, zeigt das hetzerische Treiben des ehemaligen Boulangistenhäuptlings Georges ThiSbaud, der soeben eine Rundreise durch die Provinz angetreten hat, um durch Vorträge über „die französisch-russische Allianz uttd protestantische Frage" nicht nur einem Nachlassen der Nevanchebestrebungen entgegenzuarbeiten, sondern auch die französischen Protestanten als schlechte Patrioten und den Protestaittismus als eine Gefahr für Frankreichs gesammte Entwicklung hinznstellen." In Frankreich lernen eben die Protestanten mit den Juden gemeinsam das Leid kennen, in der Minorität zu sein. Das Jahrzeitlämpchen.*) Von I. E. P o r i tz k y. Das junge Judenweib schaut bleich, Verzweiflungsvoll in die Wiege, Sie fingt ein müdes Schlummerlied Und schaukelt die leere Wiege. Das Jahrzeitlämpchen brennt sie an Und wiegt es auf ihren Händen, Und prcßt's, als wär's ihr todtes Kind, An's Herze, und möcht' so enden. Wehsel'ge Thränen fallen stumm Ter Wahnsinn'gcn aus den Augen — Tic kleine Flaimne sehnsuchtsvoll That sterbend die Thränen saugen. Und nächtig schaurig wird's ringsum . . . Tie Sterne funkeln in's Zimmer, Da steht das bleiche Judenweib Und weinet und singt noch immer. . . . _ (Allg. Ztg. d. Judcnthunls.) *) Im Nachlaß Heinrich Hcine's fand sich unter mancherlei Gedankensplittern, Bildern und Farbenstrichen auch das folgende: „Die ivalmsinnigc Jüdin, die das Jahrzeitlämpchen des Kindes wiegt." Das schauerliche, echt poetische Bild hat einen begabten jungen Dichter zu obigen Versen begeistert. Tie Red.