Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 26 (25.6.1897)
- Date
- 1897-06-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 528 Dr. VLoch's Wochenkchrist Nr. 36 verkennen ist, wenn sie auch die ungarische Marke tragen und Mathias Szedlak, der „Honved-Lieutenant", ihr Verschleißer ist, aber in Ungarn ist für dieses Wiener Gewächs keine Nachfrage und die liebevolle Sorge der „Deutschen Zeitung" um das Wohl der Ungarn, um dessen Willen sie für die Broschüre des „Honved-Lieutenant" Mathias Szedlak Reslame macht, wird schier umsonst sein. Vom Jahrmarkt drs Lebens. Spaltungen im Lager der Zionisten. Das Scheitern (?) des Congresses in München. Aus München erhalten wir folgende Zuschrift: München, 21. Juni. Geehrter Herr Redacteur! Der Zionistencongreß, von welchen Sie bereits wiederholt Notiz genommen, ist für uns ein sehr unwillkommenes Ereigniß und wir hätten im wohlverstandenen jüdischen Interesse gewünscht, daß München davon verschont geblieben wäre. Wir, die Juden in München, haben von diesem geplanten Congreß nur durch die Zeitungen und besonders durch die antisemitischen Zeitungen erfahren. Die antisemitischen Parteien aller Schattirungen in ganz Deutschland begrüßen ihn mit Freuden, und sie wünschen nur, daß er eine recht lebhafte Betheiliguug und recht viel Zustimmung finden möge. Das hätte genügt, um jeden ruhig Denkenden von der Gefährlichkeit der zionistischen Politik zu überzeugen. Hier in München hat der Antisemitismus gottlob noch nicht Wurzel gefaßt; die Gerechtigkeit der Regierung, der gesunde Sinn der Bürger wie das wackere Eintreten der Judenschaft erstickten die drohende Gefahr stets im Keime. Alle Versuche von Wien aus, wie die Hetzreden von Lueger, S ch.u e i d e r und Genossen und alle Bemühungen deutscher antisemitischer Agitatoren, hier Zwietracht zu säen, blieben erfolglos. Die antisemitische Partei in München ist fast verschwindend und fristet ein kümmerliches Dasein. Es ist dagegen eine Freude, lvahrzunehmen, welche Eintracht hier unter den Confessionen herrscht, mit welcher Treue die Juden an ihrem Herrscherhause hängen, mit welcher Hingebung sie darin wetteifern, sich dem Wohle des Vaterlandes Zu widmen. Um so schmerzlicher war die hiesige jüdische Gemeinde daher berührt, als sie plötzlich von der Einberufung eines Zionistencongresses in München Kunde erhielt, der zur Tendenz hat, dem Judenthum der Verdacht staatlicher Aspirationen aufzubürden. Unsere etwa 8000 Seelen zählende Gemeinde, in welcher drei verschiedene religiöse Richtungen vertreten sind, zählt, soweit bekannt ist, auch nicht einen Einzigen unter sich, der den Bestrebungen der nationalen Zionisten irgend welche Sympathien zuwenden würde, und die Beunruhigung ist wohl §it verstehen, mit der man dem geplanten Congresse entgegensieht. Hier herrscht nur eine Stimmung: man müsse die zionistis ch e n B e st r e b u n g e n mit a l l e n M i t t e l n bekämpfen. Hoffen wir, daß der Friede, der bisher zwischen den verschiedenen Confessionen gewaltet hat, nicht durch unsere -eigenen Glaubensgenossen gestört werde; es ist traurig, wenn in unserer eigenen Mitte Leute aufstehen, die unsere Vaterlandsliebe, unsere Zugehörigkeit zur deutschen Nationalität antasten wollen. Herr Rabbiner Dr. Werner that im Verein mit der Cultusverwaltung Alles, was unter den obwaltenden Verhältnissen zu thun ist, um die Veranstalter des Congresses zu überzeugen, mit welchen Gefahren der Congreß in München verknüpft ist. Durch eine officielle Kundmachung in den „Münchener Neuesten Nachrichten", dem in Baiern am meisten verbreiteten Blatte, ist auch dafür gesorgt, daß die christliche Bevölkerung in Kenntniß davon gesetzt ist, wie hier in der jüdischen Gemeinde über den Zionismus gedacht wird. Durch das Eingreifen unseres Cultusvorstandes ist es gelungen, Herrn Dr. Herzl zu bewegen, von der Wahl Münchens als Congreßstadt abzusehen. Der Congreß wird also hier nicht stattfinden und man begrüßt in hiesigen Kreisen mit großer Genugthuung das ersprießliche Eingreifen unseres Vorstandes. Dr. M . . . . r. Nachschrift der Redaction. In den Kreisen der Wiener Zionisten verlautet, daß ein Beschluß, in München den Congreß nicht abzuhalten, vorläufig nicht gefaßt wurde, vielmehr die Idee noch vorherrscht, über die Proteste der Münchener Judenschaft zur Tagesordnung überzugehen und ohne Rücksicht auf die Wünsche der allzu ängstlichen Kreise den Congreß dort abzuhalten, allerdings in einem geschlossenen Zirkel auf Grund persönlicher Einladungen, so daß auch behördlicherseits ein Einspruch dagegen nicht zu befürchten ist. Inzwischen hat Herr Willi Bambus in Berlin, einer der ältesten Wortführer des Zionismus in Deutschland, dein auch ein Referat beim Zionistencongreß zugedacht war, öffentlich das Wort genommen, um sich von dem geplanten Congreß loszusagen. In einem in der „Jüdischen Presse" pnblicirten Artikel schreibt Herr Willi Bambus über die Aussichten des Congresses : „Nicht etwa nur die Feinde Palästinas, die Gegner des jüdischen Nationalgedankens überhaupt, sondern auch ausgesprochene Zionisten, welche schon ein Jahrzehnt, bevor Dr. Herzl in ihre Reihen trat, als solche gegolten und gewirkt haben, lehnen die Congreß-Jdec energisch ab. Von Rußland, wo die politischen Verhältnisse unseren Glaubensgenossen eine öffentliche Meinungsäußerung unmöglich machen, ist abzusehen; aber in allen anderen Ländern hat das geplante Unternehmen, nur in Rumänien, Bulgarien und Galizien, allenfalls noch in einzelnen Theilen des antisemitisch durchseuchten Oesterreichs Anklang gefunden. In Deutschland ist es nur ein kleines Häuflein, das sich dafiir begeistert, und selbst in denjenigen Kreisen, welche bisher als die Träger des Zionismus galten, macht sich Widerspruch bemerkbar. Von den großen Vereinen und Corporationen, welche dem russischen Hilfswerk gewidmet sind, die Untcrstützungs-Comites, der Verein „Esra" :c., ist auch nicht ein einziger für den Congreß zu haben. ' Genau dasselbe gilt von E n gl a n d, wo der große C h o w c w c Zion-Verein, der in seinen Statuten die jüdische Nationalitätsidee betont, nicht nur jede B et h e i l i g n n g a b g e l e h n t, sondern energisch gegen das ganze Beginnen Stellung g e n o m m e n ha t. Das Gleiche ist in F rank r e i ch und in allen anderen in Betracht kommenden Ländern der Fall, nirgends hat sich eine Stimme zu Gunsten des Dr. .Herzl erhoben. In N c w - Z) o r k, wo eine Volksversammlung prineipiell finden Zionismus sich aussprach und ein Rabbiner Kopf st c i n die Beschickung propagirt, sind nacheinander erst die Rabbiner, dann die Deputirten der Gemeinden zusammengctreten, um nachdrücklichst dagegen Front zu machen. Ganz besonders bezeichnend und das untrüglichste Zeugnis; für die nahezu einmüthige Ablehnung des Unternehmens ist die. Thatsache, daß innerhalb der Organe der jüdisch-öffentlichen Meinung, in den jüdischen Blättern, keine e i n z i g e S t i m m e von Gewicht sich für dasselbe erhebt, Wohl aber in seltener Uebereinstimmung dagegen Stellung genommen wird. Alan hätte meinen sollen, daß diese Stellnngnahme der jüdischen Oeffentlichkeit nicht ohne Eindruck bleiben, daß zumal die Mißbilligung derjenigen Männer, deren bisherige Wirksamkeit sic gegen den Verdacht principicller Voreingenommenheit schlitzt und ihnen ein Anrecht gibt, gehört zu werden, ein Änsgeben des Projectes oder zumindest eine Modificirung seiner Tendenz zur Folge haben tvürde. Diese Erwartung hat getäuscht: der Congreß wird stattfinden, wenn nicht, wie neuerdings verlautet, in München, so an einem anderen, außerdeutscheit Orte." Jedenfalls das unerfreulichste Resultat zionistischer Arbeit erscheint diese gegenseitige öffentliche Befehdung der einzelnen kleinen Gruppen. „Wozu brauchen wir jüdische Abgeordnete?" Unter vorstehender Ueberschrift schreibt der Lemberger „Israelit" : „Ein Sturm des Unwillens braust durch die galizische Judenschaft. Der Umstand, daß die von den jüdischen Abgeordneten der Bukowina an den Justizminister ob steter Präterirung der jüdischen Rechtspraktikanten des Lemberger Oberlandesgerichts-Sprengels gerichtete Interpellation von unseren galizischen Reichsrathsabgeordneten nicht mitgefertigt wurde, hat im ganzen Reiche, im In- und Auslande peinliches Aufsehen erregt. Deutsche Fortschrittsmänner, Socialpolitiker, Socialdemokraten haben die Interpellation mitgefertigt — blos unsere mit so viel Mühe von uns gewählten Abgeordneten haben es unterlassen. Warum es so geschah, ist nicht genügend aufgeklärt. Es scheint, daß mari im Polenclub die Interpellation nicht gerne sah. Die jüdischen Abgeordneten aus Galizien sind in jüdischen Wahlbezirken von Juden zur Wahrung insbesonders jüdischer Interessen gewählt. Zwar soll und muß ein Abgeordneter allen Landes- und Reichsinteressen seine Fürsorge widmen, aber vor Allem und insbesondere muß er die Interessen seiner Wähler, seiner Wählerclasse vertreten. Wenn ein Wiener Abgeordneter nicht insbesondere die Interessen Wiens, ein Deutschböhme nicht insbesondere das Interesse der Deutschen in Böhmen, ein clericaler Abgeordneter nicht das Interesse der Kirche, ein antisemitischer Abgeordneter nicht die Zwecke der Antisemiten vertreten würde, so würde ein solcher Mann nicht eine Secunde länger Abgeordneter bleiben, er würde von der Gewalt der öffentlichen Meinung seiner Wähler hinweggeblasen werden. Aber bei uns Juden ist leider Vieles möglich, was in der übrigen Welt nicht denkbar wäre. Man präterirt unsere Kinder, weil