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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-06-25 · 26 (25.6.1897) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
26 (25.6.1897)
Date
1897-06-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 36 Vr. Vloch's WochrnPtzrM- Seite 537 heimsuchen, nicht einmal eine Furche für ihre Drachensaat ziehen, denn während in Frankreich und auch anderswo die Gleichstellung der Juden nur aus Idealismus erfolgte, erfolgte siehier aus Religion. Der Idealismus kann in Barbarei Umschlägen, die Grundsäule der Religion jedoch wankt nie. Bor einigen Jahren kam ein im weiten Osten regierender Potentat, der unter dem britischen Protectorate steht, besuchsweise nach London. Während feiner Reise und während feines kurzen Aufenthaltes in der englischen Metropole hatte dieser halbwilde Regent vielfach Gelegenheit gehabt, Englands Macht und Größe zu Land und zur See in Augenschein zu nehmen und zu bewundern. Als er eines Tages zur Audienz bei der Königin Victoria war, frug er sie in seiner natürlichen naiven Weise, wodurch sie eigentlich zu dieser staunenswerthen Größe und Weltherrschaft gekommen sei. Und mit einem milden Lächeln und stummer Miene wies darauf die Königin auf ein goldverziertes Buch hin, das auf einem der niedlichen Tischchen in ihrer nächsten Nähe lag. Das Buch war — die Bibel. Und wie seine Königin ist das englische Volk bibelfest, und kann man als Christ mit der Kenntniß der Bibel den Juden hassen? Und noch eins. Der Idealismus verachtet das Praktische, die Religiosität verträgt sich mit ihm. Im frommen England waltet das Praktische vor und man erkennt in dem wirthschaftlichen Leben und Streben der Juden nur das allgemeine Interesse. Während daher auf dem Continent der Jude für die Emancipatiou seine Eigenart opfern mußte, hat er sich hier asfimilirt und konnte ganz Jude bleiben. Dem Engländer ist die Uebung eines alten Gebrauchs kein Gegenstand des Spottes; es ist Gesetz und dem Gesetze beugt sich der Mann, das Gesetz kann nur die Gesammtheit, nicht der Einzelne verändern oder abschaffen. Die Gleichstellung steht in England nicht auf dem Papiere, sie ist Thatsache. Der Bürgermeister Londons, der größten Stadt der Welt, ist schon zum dritten Mal seit sechzig Jahren ein Jude und dieser dritte jüdische Lordmayor von London ist jetzt eine der Hauptpersonen bei der Feier des Jubiläums der Königin, der die ganze Welt mit Deputationen huldigt. Er erhielt heute die B a r o n e t s w ü r d e. Wir englischen Inden haben daher alle Ursache, mit Dankbarkeit auf die bisherige glorreiche Regierung der Königin Victoria zurückzublicken und Gott um den Segen für diese Königin zu bitten, wie es thatsüchlich geschieht. Die beiden größten jüdischen Körperschaften Englands, die Auglo Jewish Association und das Board ot Depnties haben eine Adresse mit dem Ausdruck dieser Gefühle an Ihre Majestät gesendet und in allen Synagogen ist ein Jubiläumsgottesdienst mit einem eigens hiezu verfaßten Gebete abgehalten worden, wiezn Ehren dieses Jubiläums unzähligejüdische Wohlthätigkeitsinstitute gegründet worden sind. Aber bei einer Parallele zwischen den Zuständen der Juden in England und den in den anderen Staaten dürften die Juden der ganzen Welt unsere Gefühle bei diesem Jubiläum theilen, daß Gott eine Zuflucht offen gelassen hat für die vom Antisemitismus Verfolgten. „Ungarn und die Inden". Das Exportgeschäft mit dem Wiener Antisemitismus nach Ungarn muß verteufelt schlecht gehen, das erkennt man an beit schäbigen Agenten und Vertretern, die die Wiener Firma da drunten halten muß, weil kein ordentlicher Mensch sich mit ihrem Artikel abgeben will. So ein lumpiger Budapester Agent des Wiener Antisemitismus, er nennt sich Mathias Szedlak, hat jetzt ein nur wenige Blätter enthaltendes Schristchen: „Enthüllungen aus der Zeit der ungarischen Revolution und Emigration" herausgegeben, worin er neben einigen Verumglimpfungen Kosfuth's hauptsächlich über die Stellung und Haltung der Juden in jener ereigniß- und bedeutungsvollen Zeit in antisemitischem Style spricht. Und die „Deutsche Zeitung", die alle Metamorphosen in politischen Principien durchgemacht, in allen Lagern sich herumgetrieben hat, und es jetzt feurig mit dem Antisemitismus hält, macht unter obiger Überschrift einen Leitartikel aus dieser Broschüre, von der kein ungarisches Blatt Notiz nimmt, als ob am literarischen Himmel ein neuer antisemitischer Stern aufgegangen wäre. Wer ist denn dieser Mathias Szedlak? Er legt sich das Prädicat „Honved-Lieutenaut" bei, „der die ungarische Revolution mitgemacht hat", muß also mindestens schon 75 Jahre alt sein, und was ist er seit dem Revolutionsjahr gewesen? Warum hat man bis jetzt nichts von ihm gehört? Fängt er in etitem_ Alter erst zu schreiben an, wenn ein anderer Schriftsteller schon aufhört? Nein, Mathias Szedlak ist ganz gewiß nur nirgend ein armer Teufel vom alten Honved, der vielleicht mit einer Drehorgel durch die Straßen Budapests zieht und für einige^ Kreuzer seinen Namen hergegeben hat zu einer Mache nach der Schablone einer Wiener antisenlitischen Lügenfabrik, nur den ungarischen Verhältnissen angepaßt. Die Broschüre des Mathias Szedlak ist von A bis Z Lüge. Hören wir, was er, nach der „Deutschen Zeitung", über die Frage der Emancipation im Jahre 1848 schreibt: „Der Genuß des Gleichheitsrechtes erweckte auch bei der Pester Jlldenschaft ähnliche Wünsche; allein oie Bürgerschaft dieser Stadt wiesen — wie dies schon früher in Preßburg geschah — die Geichstelluug der Juden mit ihnen ebenfalls zurück und es entstand eine Gähruug im Volke. In den Straßen Pest's erschollen die Rufe: „Nieder mit den Juden". Die Volksmenge nahm in der Königsstraße bereits eine drohende Haltung an, als der Ministerpräsident Graf Ludwig Batthyani an der Spitze einer Grenadier-Compagnie heranmaschirte und die Menge zum Auseinandergehen anfforderte, hinzufügend, sie möge die im Reichstage zu erfolgende Lösung der Judenfrage nur geduldig abwarten." Es ist vor Allem eine Lüge, daß im Jahre 1848 irgend eine jüdische Corporation in Ungarn mit Emancipationswünschen in die Oeffentlichkeit trat. Erst beim Szegediner Reichstag erschien eine Deputation aus Juden eines nördlichen Comitats, aber ohne ein Mandat von ihren Genreinden gehabt zu haben, mit einer Bitte um die Emancipation, und was das für Juden waren, die sich hervordrängten, beweist, daß sie sich nach ihrer Rückkehr von Szegedin sich sämmtlich taufen ließen. Die Judenkrawalle in Preßburg und Pest sind auch nicht wegen der Eruancipation und nicht vom ungarischen Volke, sondern von dem deutschen Bürgerthume dieser Städte ausgegangen, denn nur die Deutschen, in Ungarn, wie überall, sind so judenfeindlich, den Juden nicht einmal Licht und zu Luft göirnen. Eiire Lüge ist in diesem Passus ferner, was Graf Batthyani gesagt haben soll, denn derselbe war durch mrd durch ein Judenfreund, wie ja es auch ein Jude war, der diesen unglücklichen Grafen, bei dessen Ueberführung von Pest nach Wien in der Station Jänoshäz aus dem Stadthaus^, wo seine Escorte mit ihm übernachtete, befreien wollte und es mit den Leben büßte. Ganz nach der Schablone der alten Lügen von dem Krakauer Congresse mit Montefiore an der Spitze oder dem Circulär Cremieux', dichtet ferner dieser Mathias Szedlak über den Congreß den der Cultnsminister Eötvös einberufen. Er übt dabei die gewöhnliche Taktik, die Orthodoxen gegen die Reformer auszuspielen, und erzählt die schaurige Mähr: „Tie orthodoxen Rabbiner nahmen die Emancipation nicht mit Freuden an, ja sie haben selbe für die Juden sogar schädlich erklärt. Als die Tebatte über diesen Gegenstand von Zeit zu Zeit lebhafter wurde, hat mancher fanatische orrhodoxe Rabbiner, mit glühenden Augen krampfhaft die Fingernägel dem Gesichte eines neologen Rabbiners hinhaltend, aus voller Kraft geschrieen: „Ihr kennt unseren Stamm, der, in Folge seines habsüchtigen Naturells die Tummheit der christlichen Masse benützend, dieselbe dem Ruin zuführen wird, wovon das Ende sein wird, was schon in anderen Ländern so oft vorgekommen ist, daß wir auch von hier hinausgejagt werden". Dann macht dieser Mathias Szedlak anstatt in „Enthüllungeil" in Ableugnungen. Er leugnet ab, daß sich die Juden an dem Unabhängigkeitskampfe in Ungarn betheiligten, indem er dabei glauben machen will, daß er zur Besatzung der belagerten Festung Komorn gehörte, wo doch so viele jüdische Honveds lagen, daß man einen jüdischen Feldgeistlichen anstellte, und zwar den Dr. Eduard Eichhorn, der dann, vom Exil zurückgekehrt, in der neuen Aera als Eduard Horn Staatssecretär wurde. Er leugnet ab, daß General Guyons, der mit Gefährdung seines Lebens an der Spitze einer Schaar Husaren die Belagerung Komorns durchbrach, eilt Jude war, und noch Mehreres. Wenn aber die ungarischen Juden sich an dem Unabhänigkeitskampfe nicht betheiligten: warum hätte ihnen dann Haynau nach der Niederwerfung des Aufstandes eine Contribution von einer Million Gulden auferlegt? All diese Lügen und Ableugnungen bienen den 33Vatfyiaä Szedlak als Unterlage, den Juden Patriotismus und Muth abzusprecheu und die Emancipation als das größte Unglück des Volkes hinzustellen, die landläufigen antisemitischen Phrasen, wie sie in jeder Nummer der Wiener antisemitischen Blätter zu Dutzenden Vorkommen, so daß ihre Provenienz gar nicht zu

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