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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-06-18 · 25 (18.6.1897) · page 23

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
25 (18.6.1897)
Date
1897-06-18
Page
– (sequence 23)
Language
German
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Nr. 25 Vr. Vwrtz's Wmtzens<tzrM Tymowicz, der Dorfschreiber, wurde von Tag zu Tag vergnügter,! seine Ernte war immer da größer, je stärker die Noth an die Bewohner von Surowice herantrat; man mußte da nur ein bischen zornig und streng sein und die Beschwichtigungsgelder flössen aus den Taschen der armen Bauern „als wie ein Regen". Von wo wird unsere Hilfe kommen? frugen die Leute einander. Auf den Popen bauten sie nicht mehr viel, der verwies sie auf den Himmel, gebot ihnen Gehorsanr und Mäßigung und war der vergnügte Gast des Gutsherrn. Von wo wird unsere Hilfe kommen? Sie waren kraftlos und dumpf geworden; vom Himmel kam Schnee, Schnee, Schnee und Sturm. Manche, die noch ein letztes Kupferstück hatten, tranken; die Anderen schlugen ihre Weiber — „um den Kummer zu vergessen". Man war schon in den ersten Tagen des April, als der Himmel eine Farbe bekam, als ob es Frühling werden wollte. Ein leiser Wind pochte an die Fenster; zarte Sonnenstrahlen drangen in die Stuben und draußen war ein Rinnen und Sickern wie von unterirdischem Gewässer. Aber noch war aller Schnee nicht hingeschmolzen. Aber dann kam der Frühling doch wie ein verspäteter Gast; in manches Haus des einsamen Dorfes brachte er den Tod, und es waren hauptsächlich die jungen Lebewesen, die er hinwegraffte. Sie hatten reichlich genug gehungert und sie konnten Licht und Sonne nicht mehr vertragen. Und während verheißungsvolles Leben erwachte, gingen. Eltern oder Kinder hinter den rauhen Särgen mit starren, verhärmten Gesichtern. Bis eine Botschaft zu ihnen kam, die die Gebeugten wieder aufrichtete und die Thränen stillte. Es war ein armseliges Brieflein aus einer unbekannten Ferne, das ihnen eine „bessere Welt" verhieß. An einem solchen Frühlingstage war es, als Aron Löwenthal durch die Heide ging. Er war gebeugt, müde, und ein schwerer Kummer schien ihn zu bedrücken, daß er aufseufzte. Er hatte kein Auge für die dürftige melancholische Schönheit, die sich vor ihm ausbreitete. Arni war der Bodeu noch an Vegetation, aber er hatte die Schönheit der Einsamkeit. Eine junge Birke, noch blätterlos, stand wie ein Abgeschiedener inmitten der Heide; sie leuchtete silberig, übergossen von Licht. Müde wie er war, setzte sich Aron auf die kleine Anhöhe, auf der der Baum stand. Zuerst vertiefte er sich in das alte Buch, das er in der Hand hielt. Es war das Alte Testament mit der Uebersetzung seines geliebten Moses Mendelssohn. Er kannte jedes Wort auswendig; lag doch darin seine ganze Welt. Er hatte jede Seite durch erlebt in der langen Zeit seines an Freuden so kargen Lebens — jedesmal anders, anders damals als er noch jung, erfahrungsarm und hoffnungsreich gewesen; anders, als ihm das kurze Glück der Liebe an der Seite seines nun schon, lange todten Weibes beschieden war; anders in den Zeiten hoffnungsloser Trauer, wo es für ihn keinen anderen Trost gab, als die Worte dieses alten Buches — und dann noch in anderer Art, als ihm stilles inniges Glück aufging in seinem verwaisten Kinde Lea. Und zu jeder Zeit hatte dies Buch zu ihm gesprochen — ihn trostreich gemacht iu seinem Schmerze, reich in seiner Armuth und stark in seinen schweren Lebenskämpfen; aus ihm quoll Alles, was sein dürftiges Leben benöthigte, um es ertragen zu können, ein köstlicher Reichthum, der seine Armuth vergoldete. So schlug er auch jetzt das Hohelied auf und seine Lippen bewegten sich, als er im deutschen Text las: „Sieh' der Frühling ist gekommen . . ." Dann blickte er wieder auf. Der Frühling? War es schon Frühling jetzt — jene Zeit, die auch dem niedergedrücktesten Herzen Trost bringt? Er hatte es ja ganz vergessen unter all' dem Kummer an dem er litt. Immer, wenn neue Schönheit über die todte Natur kam, hatten die Lieder und der eigene, verschleierte Ton seines Kindes auch bei ihm eine eigene Stimmung geweckt. Aber seine Lea hatte ja noch nicht gesungen, schon so lange nicht, im Gegentheil: sie war immer stiller geworden seine Nachtigall. Konnte es wirklich schon Frühling sein? Dort drüben, ganz fern die weißen Punkte, dort war sein Dorf; in einer jener morschen Hütten weilte seine Tochter, seine greise Mutter und erwartete seine Heimkehr. Was soll er bringen, das ihnen Trost bieten könnte — und wenn es auch nur ein einziges Wort wäre, das sie hätte aufrichten können? Wieder wie an jedem Frühling wird er ihr den Gesang des Salomo vortragen: „Sieh', der Frühling ist gekommen." Aber was hatte Seile 523 sie davon, das arme Geschöpf? In ihren Augen, die nur so traurig blickten, hatte er es ja gelesen, daß ihr die Welt immer trauriger erschien. Worauf sollten sie hoffen in ihrer Armuth — mit ihm ging es ja immer bergab, wie furchtbar er sich auch mühte. Es gab ja immer nur neue Kämpfe. „Ja, Aron Löwenthal, was willst Du Deinem Kinde nur erzählen, damit es sich aufrichte in seiner Entbehrung? Von Deiner Armuth, von Deinen vergeblichen Kämpfen gegen die Finsterlinge?" Und er legte sein geliebtes Buch weg — ihm konnte es Trost bringen, aber nicht seinem Kinde, das nach dem Leben lechzte und nicht liach Worten allein, und wenn sie noch so goldig und verheißungsvoll klingen. Plötzlich horchte er auf. Töne kamen durch die Einsamkeit gezogen, still zuerst, dann immer stärker, Töne, deren Lustigkeit so schlecht stimmte zu Aron Löwenthal's Kummer und zu der Oede der Umgebung. Eine Lerche stieg empor zum Frühlingshimmel und sang und sang. Und dann hörte er ein Lied, das im Chor gesungen wurde, eines jener wundersamen, so unendlich traurigen Lieder der Kleinrussen, in denen dieses schweigsame, bedrückte Volk den Kummer von Jahrhunderten hineingelegt und die gleichsam gesungenen Biographien sind eines harten Lebens, voll Arbeit und Entbehrung. So beredtsam sind immer die Lieder eines Volkes, dessen Kummer keine Worte sonst kennt. „Wie herrlich sie singen!" dachte Aron, „warum singen sie nur?" Er war so in seine kummervollen Gedanken vertieft, daß ihm der Gesang unbegreiflich erschien. Dann kam der Zug immer näher und näher, es waren Hochzeiter. Da saßen sie nun iu dem armseligen Leiterwagen. Die Braut groß und stark, strahlend von Gesundheit und Schönheit, der Bräutigam etwas steif in den neuen Kleidern. Beide lächelten — und doch wußten sie, daß es ein Leben der Entbehrung und Arbeit sein wird, dem sie entgegen gingen, ein Leben, von dem jeder Tag abfällt, wie das welke Blatt des Herbstes, müde und welk, ein Leben, das nicht ihnen gehören wird, sondern dem sterilen Boden, dem sie ihre beste Kraft widmen müssen. Und es lächelten auch die Jünglinge und Mädchen, die als Gäste von der Kirche fuhren, die Greise, deren Haar in der Sonne leuchtete. Hinter den Wagen schritt die Musik, drei Mann stark. Schmul, der „rothe Geiger", wie sie ihn seiner Haarfarbe wegen nannten, ein kleines, armseliges Männchen mit allezeit fröhlichem Gesichtsausdruck, obgleich er so viele Kinder besaß, daß er sie nicht alle beim Namen kannte; Iwan, der Baßgeiger, der einen Arm in einer Schlacht verloren hatte. Dazwischen der Clarinettist, ein Bursche von sechzehn Jahren, das Wunderkind des Dorfes. So zogen sie hin durch die dampfende Ebene, die zu athmen schien, weil auch sie der Frühling geküßt. Aron seufzte auf. Obgleich er nicht neidisch und mißgünstig war, that ihm das ftemde Glück doch jetzt in der Seele weh und Erinnerungen einstigen Glückes tauchten in ihm auf. 4- * * Hunger und Noth waren seine steten Gäste, seit er sich in das einsame, arme Dorf mit seiner alten Mutter und seinem verweisten Kinde zurückgezogen hatte. Er wollte hier arbeiten, wie die Andern auch, wie all' diese Sclaven der Mutter Erde, die im Schweiße ihres Angesichts ihr schwarzes, dürftiges Brod aßen. Landmann wollte er werden, dem Pflug und der Sichel seine Kraft weihen; er wählte dieses Dorf, weil es hier harte Arbeit gab. Außer dem Besitzer des schmutzigen Dorfwirthshauses war er der einzige Jude dieses Ortes und deswegen hatte er es schwer genug. Es waren Haß und Verachtung, die sie ihm und den Seinen entgegenbrachten, denn er hatte es ja Anfangs besser als sie; er hatte sein eigenes Stück Erde, ein Haus und drei magere Kühe. Und dann war er so schweigsam, sanft und zurückhaltend, nie nahm er theil an den Dorfgelagen, er trank nicht und hatte auch keinen Schnaps für seine Arbeiter bei sich zu Hause. Und er arbeitete selbst. Ein Jude, der selbst hinter dem Pflug einher ging, ging das mit rechten Dingen zu? Und wenn er nicht arbeitete, da saß er über seinen Büchern und all dem unnützen Zeug — nein, das war nicht der richtige Mann für sie. Und so suchten sie ihm das Leben schwer zu machen, schwerer, als es schon, war. Denn es glückte ihm nun nichts mehr im Leben, seit sein Weib todt war. All' seine Mühe und Arbeit war eine vergebliche. Auf den Feldern wollte nichts gedeihen, Alles verzimmerte und das Gespenst der Armuth, das in diesem Dorfe hauste, klopfte mit seinen dürren Fingern auch an seine Thüre. Hoffnungslos und traurig kehrte er dann von der Arbeit nach Hause zurück, traurig blickte er sein Kind an und seine erblindete Mutter,

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