Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 25 (18.6.1897)
- Date
- 1897-06-18
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 25 Vr. Vloch's WochrnptzrM. Seite 515 gehauen und wider die Natur in den guten Oelbaum gepfropft, wie vielmehr werden die natürlichen eingepfropft in ihrem eigenen Oelbaum (Röm. 11, 6—24)." „Was die äußeren Ceremonien betrifft, haben wir schon gesehen, daß in diesen nichts Wesentliches liegt, daß dieselben auch unter den verschiedenen christlichen Glaubenspartien verschieden sind, ohne daß sie deshalb aufhören, Christen zu sein, und die Erfahrung lehrt, daß die Juden auch in dieser Beziehung immer mehr auf den Weg des Fortschrittes und der zweckmäßigen Verbesserung treten. „Oder wäre es vielleicht eine undankbare und lästige Pflicht, diejenigen aufzusuchen, die vor uns fliehen? Wäre es vielleicht unmöglich, uns mit denjenigen zu vereinigen, die sich vor uns zurückziehen und isoliren? Ach, klagen wir nicht diejenigen an, die sich vor dem bekannten Verfolger retten, verdammen wir lieber unser eigenes bisheriges Verfahren! Denn wie sollte wohl der Leidende Vertrauen hegen gegen seine Quäler? Wie sollte er seine Zuflucht zu seinem Verfolger nehmen? Wie sollte er sich an die gifthauchende Brust werfen, um ob der Unbill und der Kränkungen, die man ihm angethan hat, zu weinen? Einen liebevollen Busen, ein theilnehmendes, weiches Herz sucht der Sohn des Leidens, und wo fände er dasselbe eher, als bei den geliebten Seinigen? Erweisen wir Gutes dem Verfolgten, lindern wir seine Schmerzen mit pflegenden! Sinne, — und er wird sich angezogen fühlen zu uns, mit Vertrauen uns einen Einblick gewähren in sein schmerzerfiilltes Inneres und mit glühenden Worten seinen Dank aussprechen. Oder sollte es vielleicht Widerwillen in dir erregen, mit Menschen umzugehen, die du für ungebildet, in den Regeln der Mode und des Anstandes für unerfahren, ungeschickt hältst? Du verlangst vielleicht, daß sie sich erst ansbildeu sollen, damit sie deines gebildeten Kreises würdig werden? Ach wisse, in der Mode liegt keine Wahrheit, kein Verdienst; die Mode ist täglich Veränderungen unterworfen, und die schnell anwachsende Modekrankheit ruft auch für dich einen Wettlauf hervor, der weder nützlich, noch erwünscht ist. Wisse, daß der Gärtner unverständig ist, der den wilden Strauch aus dem Walde insolange nicht in den Garten übertrügt, bis derselbe sich veredelt hat. Im wilden Walde bleibt das Gewächs wild und rauh, so lange es lebt; übertrage es in deinen Garten, pflege es, beschneide es, pfropfe edle Zweige darauf — es wird aufblühen und dir Freude und herrliche Früchte bringen. Oder hat vielleicht der Neid dich beschlichen und verzehrt dir dein Herz? Vielleicht fürchtest du, daß, indem du deine Nebenmenfchen der bürgerlichen Rechte theilhaftig werden lassest, die Quellen seiner Einkünfte sich mehren, die der deinigen sich mindern werden? Ach, eigennütziger Freund! Bedenke: das die Gewässer aufnehmende Meer, wenn es sich ausbreitet, ist mehr kein tiefes Meer — es tvird ein seichtes, durchwatbares Wasser sein; der mächtige Strom, welcher Schiffe trägt, in kleine Bäche zersplittert, verliert an Kraft und fließt spärlicher. Glaube, daß du doch Christ bist, was Paulus, dein großer Meister, sagt: „So ihr (der Inden Fall) der Welt Reichthum ist und ihr Schade ist der Heiden Reichthum; wie vielmehr, wenn die Zahl voll würde?" (Röm. 11, 12.) Oder vielleicht sind dir deine israelitischen Nebenmenschen darum fremd, weil nach ihrer Meinung der noch nicht gekommen ist, der dir schon erschienen ist, der Messias? Wisse, die Lehre vom Messias, die mesfianische Hoffnung gehört nicht zu den Fundamental - Glaubensartikeln und du hast keinen Grund, dich über ihren Unglauben zu wundern. Was ist natürlicher, als daß der unter der Last seiner Ketten schmachtende Gefangene nicht glaubt, daß der Tag der Freiheit angebrochen ist; der Kranke nicht, daß der Arzt gekommen ist, der ihn geheilt hat. Oder solltest du diejenigen nicht als deine Nebenmenschen betrachten, nicht diejenigen an den Wohlthaten der bürgerlichen Rechte Theil haben lassen, die deinen Heiland nicht dafür halten, wofür ihn die christliche Dogmatik hält? Oder, wenn wir Christen, die wir in Jesum unser Heil gefunden, uns eine schönere Zukunft zu versprechen vermessen, warum sollten wir diejenigen verdammen, die, der bürgerlichen Rechte beraubt, im Dunkeln, in Verachtung und Sclaverei ihr Dasein fristend, erwartend dem Reiche des erlösenden, befreienden Messias entgegensehen? Gerechtigkeit erwarten, auf eine bessere Zukunft hoffen, ist natürlich und erlaubt. Auch wir hoffen, daß der heranbrechende Tag sein Licht wird ausstrahlen lassen über die finsteren Geister; aufthauen lassen die eiskalten Gemüther, daß der erwachte Geist des Jahrhunderts die Thore der Gefängnisse erschließen, die leidenden Gefangenen von ihrem elenden Zustande befreien, der menschlichen, bürgerlichen Rechte theilhaftig machen wird; dem flehenden Israel bricht der glänzende Tag heran, die Stunde schlägt, die Zion Freiheit verkündet u. f. w. (B. Chananj. Jahrgang 1865, Nr. 57.)" Aus diesen hier angeführten christlichen Stimmen wird jeder unbefangene, vorurtheilsfteie Leser entnehmen, daß das Streben der Antisemiten, Israel, dieses unbesiegbare Volk, zn verwunden und zu entstellen, ein thörichtes, die Gesetze Gottes und der Natur verletzendes sei und daher auch nicht ungestraft bleiben wird. Alle die Hamane früherer Zeiten, die sich's zur Lebensaufgabe gestellt, Israel, dieses Volk der Geschichte, dem die cultivirten und civilisirten Völker der Erde ihre besseren Begriffe über Gott, Mensch und Welt zu verdanken haben, zu vernichten, hatten ein schmähliches Ende. Und so lange Israel seine Thora, die ihm unverwüstliche Lebenskraft verleiht, Hochhalten wird, wird keine Macht auf Erden im Stande fein, es zn erschüttern und zu besiegen. Schon in der Mechilta zum Abschnitte Jetro wird erzähll: „Als Gott, der sich am Sinai offenbarte und das Weltall durch die Stimme Gottes erschüttert wurde, da geriethen die Fürsten der Erde in Augst. Furcht, Bangen und Grauen bemächtigte sich ihrer und in ihrer verzweifelten Situation eilten sie zitternd zn Bileam, dem heidnischen Propheten, und riefen aus : Wird denn wieder eine Sintfluth Hereinbrechen und das Weltall vernichten? Was fällt Euch ein, entgegnete der Prophet der Heiden, Gott der Herr hat ja längst geschworen, daß nie wieder Flutherr die Welt zu Grunde richten sollen, vielleicht aber werden Feuersgluthen die Welt verzehren? „O, fiirchtet nicht", rief Bileam ihnen tröstend zu, Gott der Herr verleiht blos seinem Volke Israel die Thora, eine Lehre, die Os Sieg genannt wird, die unter allen Umständen, zn allen Zeiten siegen wird, siegen muß, und zwar durch die ewigen Wahrheiten, die sie enthält, wie durch die unvergleichlich schonen, herrlichen, herzerhebenden Vorschriften der Humanität, der Nächstenliebe und Menschenverbrüderung. Und als dieser Bileam später von Balak, dem Könige von Moab, der in Folge der glänzenden Siege, die Israel errungen, in Angst gerieth, berufen wurde, dieses Volk zu verwünschen, es durch die Macht seiner Beredtsamkeit der Verachtung preiszugeben, mit einem Worte den Judenhaß zu wecken und den sogenannten Antisemitismus ins Leben zu rufen — „denn ich weiß, wen Du verherrlichst, der steht groß da, wenn Du aber verwünschet, der ist vernichtet" — rief Bileam begeistert aus: „Wie kann ich verwünschen, wenn Gott nicht Verwünscht? Ein Volk, das für den Glauben der Väter in solch hohem Maße begeistert ist, daß es Alles für den Glauben, nicht aber den Glauben für Alles hingibt, kann nicht durch Verwünschungen, Verleumdungen und Verdächtigungen niedergeschmettert werden. Wenn ich in die Vergangenheit blicke und die Geschichte dieses Volkes studiere, so gewinne ich die Neberzeugung, daß es einzig in feiner Art dasteht und seinesgleichen unter den Heiden nicht zu finden sei. Wer vermag die unverwüstliche Kraft des in den Staub getretenen Volkes Jacob (Afar Jacob) zu messen? O, könnten auch wir uns mit der Krone des Märtyrerthums schmücken tomans nafachi mana jeschorim, wären auch wir fähig, für die erhabene Gottesidee uns bereitwilligst zu opfern, die härtesten Verfolgungen und Bedrückungen geduldig zu ertragen, ohne dem Glauben untreu zu werden naetu achriai komauhu, dann würden auch wir gleich Jenen einer glorreichen Zukunft entgegengesehen, unzerstörbare Macht besitzen und nicht spurlos aus der Geschichte schwinden." Auch R. Jochanau, einer der berühmtesten Lehrer der Talmudzeit, hatte in einem über die Worte des klagenden Jeremias „Doch erwidere ich dies meinem Herzen und Hoffnung kehrt zu ihm (Gott) zurück" (Klaget. 3. 21) gehaltenen Vortrag diese Idee durch folgendes Gleichniß zu illnstriren gesucht. „Einst schloß ein Fürst mit einer würdigen Frau den Bund der Ehe und machte ihr im Ehevertrag sehr bedeutende Verschreibungen. Einige Zeit später unternahm er eine Reise übers Meer und blieb sehr lange vonl Haufe weg, so daß mau feine Rückkunft bezweifelte. Die Freundinnen der Fürstin besuchten sie oft und riefen ihr, nicht ohne Schadenfreude zn: Dein Gatte hat Dich verlassen und kommt nie mehr wieder zurück." Diese Worte verfehlten nicht, einen tiefbetrübenden Eindruck auf die Fürstin zu machen, sie brach in Thränen aus und jammerte sehr. Sie verfügte sich dann in ihre Gemächer, holte ihren Ehevertrag hervor, und als sie die großen Verschreibungen, die ihr der Gatte gemacht, gelesen, war sie beruhigt und befriedigt, denn sie be- /