Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 25 (18.6.1897)
- Date
- 1897-06-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 25 Vr. Vlortz's Vochonkchrip. Seite 513 Schmach anzugreifen und die bestehenden Spuren von der Erbärmlichkeit der Menschen- und Chriftenwelt zu vernichten. Denn wahrlich, es ist für den Menschen, und besonders für den Christen eine unauslöschliche Schmach, eine nicht zu entschuldigende Pflichtvergessenheit, eine einzelne Person, und eine umsogrößere Schmach, eine ganze Nation unbarmherzig der Verachtung preiszugeben. Und sehet geliebte Zuhörer, der in seinem tiefen Kummer, seinem natürlichen Flehen und seinen rechtlichen Forderungen zur Erde gebeugte Jsraelite ist unter uns geboren, unter uns lebend und sterbend — auf seiner Scholle ein Fremdling, — seinen Pflichten eifrig nachkommend, rechtlos, — die gemeinsamen Lasten tragend, keine Erleichterung fühlend, — Wohlthaten spendend, mit Undank belohnt, — als eifriger Patriot für das Gemeinwohl wachend — kein Sohn des Vaterlandes, — als treuer Bürger die Gesetze achtend, kein Bürger, — mit körperlichen und geistigen Fähigkeiten reichlich begabt, — dennoch gehemmt, dieselben fiir das Wohl der Seinigen, der Gesellschaft, des Staates zu verwenden, j Der Ewige riß sie aus ihrem Boden im Grimme und großer Erzürnung, und warf sie in ein anderes Land, wie jetzt geschehen ist. (5 M. 29.28). Und der heimgesuchte Jsraelite durchzieht die Länder und schaut empor und schaut zur Erde, Hilfe bietet sich keine; denn Elend, Finsterniß und Dunkel der Be- J drängniß haben ihn umgeben. (Jesaj. 8.21). In seiner Noth schreit er zum Himmel: „Siehe, Ewiger, und schaue, wie verachtet ich bin! Schaue Ewiger, denn mir ist bange, meine Eingeweide glühen, mein Herz wendet sich um in meinem Innern." (Klagel. 1, 11—20). Ja wohl, der arme Jsraelite wendet sich flehend zu seinen Mitmenschen und spricht: „Geht es Euch nichts an, die ihr des Weges ziehet? Schauet und sehet, ob irgend ein Schmerz sei, wie mein Schmerz, der mir angethan worden! Denn der Herr hat mich in die Hände derer gegeben, wider die ich nicht aufkommen kann, denn fern ist von mir der Tröster, der Erquicker meiner Seele." (Das. 1, 12—16). Gewahrtest Du nicht, was dieses Volk geredet, indem es sprach: Das Geschlecht, welches der Ewige erwählt hat, hat er verworfen, und mein Volk schmähen sie, daß es nicht mehr ein Volk sei vor ihm. (Jer. 33. 24). Darob zerfließen in Thränen meine Augen, glühen meine Eingeweide, ergießt sich zur Erde meine Leber, ob der Wunde der Tochter meines Volkes; auf der Erde sitzen verstummt die Aeltesten der Tochter Zions, bringen Staub auf ihr Haupt, gürten sich Säcke um; es senken zur Erde ihr Haupt die Jungfrauen Jerusalems. (Klagel. 2, 10-11). „O du armes, bestürmtes, jedes Trostes beraubtes Volk" (Jesaj. 54.11). „Euer Land ist eine Wüste, euere Städte mit Feuer verbrannt, euer Boden — vor eueren Augen verzehren Fremde ihn, und eine Wüste ist's, wie eine Umkehrung von Fremden. Und übrig ist noch die Tochter Zions wie eine Hütte im Weinberge, wie eine Rasthütte im Gurkenfelde, wie eine belagerte Stadt! (Das. 1. 7. 8)." „Was für Zeugniß soll ich für Dich aufrnfen, was Dir vergleichen, o Tochter Jerusalems, was Dir gleichstellen, um Dich zu trösten, Jungfrau, Tochter Zions? Denn groß wie das Meer ist Deine Wunde, wer kann Dich heilen? (Klaget. 2, 13)." „Ihr seid gekommen in's Gerede der Zungen und in den üblen Leumund der Leute. (Ezech. 36, 3)." Aber woher dieses Elend? woher diese Bedrückung? in welchem Lande üben Menschen solche Unmenschlichkeit? welche hartherzige Völker solche Unbarmherzigkeit? im Lande der Heiden? menschenfressender Kannibalen? — Nein — indem aufgeklärtesten, gebildetsten, menschlichsten Theile der Erde — und was noch mehr ist — erröthen wir, o Christen! — Auch in einem apostolischen Königreiche thun es Schüler Christi, der Sanftmuth und Liebe gelehrt hat, deren Kennzeichen und königliches Gesetz d i e L i e b e, (Jvh. 13, 35, Jak. 2, 8), bei denen die Summe und Erfüllung des Gesetzes, das Ziel der Gebote nichts Anderes ist, als die aus reinem Herzen, gutem Gewissen, wahrem Glauben stammende Liebe (Mark. 12, 30, 31; Röm. 13, 10, 1; Tim. 1, 5), die erhaben ist über jede Kenntniß und höher steht denn jedwedes Opfer (Mark. 12, 33; Efes. 3, 19)." Und warum? Das Andenken an die für ihren Glauben glühenden Juden aus den ersten christlichen Jahrhunderten hat die das Bergeffen und Vergeben nicht kennende Nachwelt bewahrt; der rachedurstende Geist hat sich eingenistet in die römischen Gesetzbücher, weil auch Christen theilnahmen an den Arbeiten, welche später auch in christlichen Ländern Gesetzkrast erhielten. Das in den ehernen Jahrhunderten des Mittelalters herrschende Lehenssystem schloß sie von seinen Wohlthaten aus. Diese finstere Epoche, welche so tief sank, daß sie im Widerspruche mit denr Geiste der sanften Lehre Christi mit Feuer und Schwert den Heiden den christlichen Glauben ausdrang; — welche Kreuzzüge gegen Diejenigen anordnete, die sich nicht zum Kreuze bekannten, und Andersgläubige aus den Scheiterhaufen brachte, — unterwarf dieselben „zur Ehre Gottes" den qualvollen Werkzeugen der unbarmherzigsten Verfolgungen. Augeerbter Haß, Verachtung, Vorurtheil, von den Vätern in das zarte Gemüth der Nachkommen verpflanzt — verbreitete Verdächtigungen und Verleumdungen, beugte sie unter das Joch, warf sie unbarmherzig nieder. Und dann wird von Gerechtigkeit gesprochen, wenn die vor Jahrhunderten begangenen Sünden der Väter, — wenn diese überhaupt gesündigt haben — an den späteren Söhnen gerächt wird. Man spricht von Aufklärung, wenn tut Geiste finsterer Jahrhunderte Elend verbreitet wird, damit die Irrenden belehrt werden. Wie sollen wir nunmehr über Diejenigen urtheilen, die in dieser Beziehung gesündigt haben? Wenn es wahr ist, was der weise Salomon sagt: „Daß der Pfad der Gerechten dem glänzenden Lichte gleich ist, das sortleuchtet bis zur Tageshöhe (Spr. 4, 18)", wie können wir Diejenigen gerecht nennen, die Finsterniß verbreiten? Und verdienen Diejenigen, die, Job sagt, während die Armen beten und die Seele der Verwundeten aufschreit, daß Gott solche Ungerechtigkeit nicht bleibend werden lasse, auch gegen das Licht ungehorsam sind, dessen Wege lücht erkennen, und auf seinen Pfaden nicht verweilen wollen (Job 24, 12, 13» — verdienen diese den Namen Kinder des Lichtes, den glorreichen Christennamen? Und wenn unsere Religion uns einschärft: „Brüder haltet nicht dafür, daß der Glaube an Jesum Christum Ansehen der Person dulde (Jak. 2, 1), lasset uns nicht lieben mit Worten, noch mit der Zunge, sondern mit der That und in der Wahrheit (Joh. 3, 18)" wie sollen denn die einen wahrhaftigen christlichen Glauben haben, die dieses Gebot nicht achten? Und wenn nach der Lehre des Apostels Paulus in Christo Jesu weder Beschneidung noch Vorhaut etwas gilt, sondern der Glaube, der durch Liebe thätig ist (Gal. 5. 8): wie sollte Belohnung und Heil für Jene hervorsprießen, die die Beschnittenen in Folge ihres Glaubens hassen und dieselben von ihrer Liebe ausschlreßen? „Der unruhige Geist und das gehässige nnchristliche Herz finden aber Ausflüchte, und vernünfteln gegen die bürgerliche Einigung mit den Juden, indem sie verkünden, daß das Bekenntniß dieser Nation dem Geiste der christlichen Religion widerspricht, die Ausbreitung des heiligen Glaubens hemmt, die Hauptprincipien des bürgerlichen Lebens schwächt, die Verfassung in Gefahr bringt. — „Weil Du also sprichst, darum treiben niich meine Gedanken zu Antworter! und darum antworte ich schnell." (Job. 20. 2). Das heilige Buch der Israeliten, das deren Religion enthält, ist das Alte Testament. Dasselbe ist aber auch eine Quelle der christlichen Religion, ja die ursprüngliche Quelle. Darum sagt Jesus Christus: „Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage Euch wahrlich, bis daß Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe, noch ein Titel vom Gesetz, bis das Alles geschehet." (Matth. 5. 17. 18). Unumstößlich wahr bilden also die Lehren des Alten Testaments, die Grundwahrheiten, die Hanptgesetze der Religion der Juden, welche auch Principien und Wahrheiten des christlichen Glaubens und Sittenlehre sind, ltnb würde ein Christ wagen, sich gegen diese Glaubensartikel aufzulehnen? „Der Ewige unser Gott ist ein einziger Gott. Du sollst lieben den Ewigen Deinen Gott mit Deinem ganzen Herzen, mit Deiner ganzen Seele und mit Deinem ganzen Vermögen." (5 M. b. 4. 5). „Der Gerechte wird durch seinen Glauben leben" (Chab. 2. 4). „So weiß ich, mein Annehmer lebt; das spätere Geschlecht, das aus dem Staube ausstehen wird. Und nach meiner Haut, — sie haben schon diese zerstört — und frei von meinem Körper, werde ich Gott schauen, den icy selbst mir schauen werde, und meine Augen sehen, und kein Fremder! Es schmachtet darnach mein Inneres in meinem Busen." (Job 19, 25—27). Wie sollte ein Christ diese Glaubenslehren leugnen, wofern er die erhabene Idee der Gottheit, die wahrhaftige Gottesverehrung, das Verdienst des Glaubens, die Auferstehung und das ewige Leben, welche seinen eigenen Glauben bilden, nicht leugnen wollte? — Welcher Geist erhöbe seine Stimme gegen folgende vollkommene Sittenlehren? Die Summe der Dinge ist: „Fürchte Gott, halte seine Gebote, denn dies ist die Hauptsache des Menschen" (Pred. 12. 15.). Und ihr sollt heilig sein, denn ich, der