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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-06-18 · 25 (18.6.1897) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
25 (18.6.1897)
Date
1897-06-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 504 Vr. NIoch's Wochenfchrifl Nr. 28 dürftiger ist, und wo hätte jemals Einer, und wäre es gleich ein Christ, der an die Thür eines Israeliten anklopfte um winziges Almosen, die unwilligen, gabeweigernden Worte vernommen: „Hier wohnt kein Christ?" Und heute, Herr Dr. Lueger, haben Sie und Ihresgleichen diese Betätigung der Mildthätigkeit zu einer socialen Notwendigkeit gemacht, die nicht so sehr von jüdischen als von christlichen Schnorrern und Bettlern empfunden wird. Die Hunderte und Tausende, die Dank der verhetzenden Thätigkeit Dr. L u e g e r's und des Schneider declassirt werden, in der Armee des Proletariates untergingen, sie verspürten am Eindringlichsten jene Saat des Haffes, des Sich-Absperrens, des Nichtgebenwollens, welche Sie, Herr Dr. Lueger und Ihresgleichen großgezogen haben. Wenn heute ein Arier vor der Thür seines Stammesgeuossen um eine Gabe bittet, erhält er zur Antwort: „Hier wohnt kein Jud'". Nein, das Schnorren konnten die Arier von den Juden nicht lernen, wohl aber wie man siw anschnorren läßt, wie man gerne gibt und bereitwillig. Das haben unsere Ahnen verstanden, und dieses Verständniß haben auch die Enkel sich treulich bewahrt. Die Dienstbotensrage bei den Inden. Es ist eine alte Beobachtung, daß es verhältnißmäßig wenige jüdische Dienstboten gibt. Ist dies ein Uebelstand? Um diese Frage zu beantworten, muß man wie bei jeder Erscheinung, vor Allem die Ursachen derselben erkannt haben. „Wissen heißt durch Ursachen erkennen", sagt unser großer Spinoza. Die Ursache aber des Dienstbotenmangels liegt klar zu Tage und ist eine an sich sehr löbliche. Der jüdische Vater gibt sein Kind nicht gerne aus dem Hause. Das Mädchen zumal findet im Elternhause den besten Schutz vor Versuchungen und Gefahren, den gesündesten Boden einer natürlichen Entwicklung und die sicherste Basis eines guten Rufes. Darum gibt es fast keine Fabriksarbeiterin jüdischen Ursprunges, darum auch so wenige alte Jungfern. Israel hat niemals Nonnenklöster gebaut. Unsere Anschauung ist es immer gewesen, daß es der Beruf aller Mädchen ist, Frauen zu werden. Der Vater, der sich um die Verehelichung seiner Tochter kein graues Haar wachsen ließe, wie wir dies in arischen Kreisen alle Tage sehen, würde bei uns unter dem vernichtenden Urtheile der öffentlichen Meinung erliegen. Darauf beruht ein großer Theil der wunderbaren Lebenskraft Israels. Daß aber die Dienstboten leicht unverheiratet bleiben, ist eine schon den Publicisten des vorigen Jahrhunderts sehr geläufige Thatsache. Und gerade die braven Dienstmädchen, die alle Achtung verdienen, werden es zugeben, daß die leichtfertigen „Stubenkätzchen" unserer Witzblätter und Lustspiele getreu der Wirklichkeit entnommen sind. Doch in allen Dingen wird das Uebermaß zum Laster. Es gibt Gott sei Dank noch sehr viele Häuser, in denen auch das dienende Mädchen in dem Grade geschätzt wird, als sie selbst etwas auf sich hält. Es gibt Häuser, in denen gedient zu haben, eine Schule und eine Ehre für das ganze Leben ist. Andererseits gibt es für Mädchen, die nun einmal das Elternhaus verlassen müssen oder durch traurige Ereignisse dasselbe für immer verlieren, glänzendere und darum umso gefährlichere Stellungen, als der bescheidene Dienst in einem achtbaren Bürgerhause ist. Es lebt im ganzen jüdischen Volke eine solche Anbetung für Talent, Kunst und Wissenschaft, daß bekanntlich auch die Aermsten unter uns beständig aus der Suche nach dem Talent ihrer Kinder sind und dasselbe leicht überschätzen. Ich brauche nur an das tragische Schicksal der in Bulgarien ermordeten Chansonettensängerin Szimon zu erinnern, um zu zeigen, wie die allzu hochgespannte Ambition zum Sturze in den Abgrund führen kann. Eltern sollten rechtzeitig darauf bedacht sein, künstlerische Neigungen nicht künstlich hervorzulocken; das große Talent bricht mit elementarer Gewalt hervor, das kleine ist ein Salonluxus für reiche Leute, für ein armes Mädchen geradezu ein Verhängniß. Neben den Gefahren, denen die Künstlerinnen und was Alles unter dieser Flagge segelt, ausgesetzt sind, droht dem Mädchen auch in einer anderen Laufbahn der mit Blumen der Liebe täuschend verdeckte Abgrund. Alle Achtung vor den tüchtigen Mädchen, die als Verkäuferinnen in öffentlichen Geschäften, als Cassierinnen in Kaffeehäusern den auf sie einstürmenden Werbungen gewissenloser Verführung oder gedankenlosen Leichtsinns Widerstand zu leisten und ihren Charakter zu wahren verstehen. Aber gerade diese Wackeren werden am ehesten zugeben, daß sie auf einem sehr gefährlichen Posten stehen, von dem schon manche in den Abgrund hinabgeglitten ist, und ihr Verbrechen war ein guter Wahn! Das Gleiche gilt nur zu oft von Gouvernanten, die man weit weg von sich in die Ferne senden muß. Wenn schon jüdische Eltern gezwungen sind, ihre Töchter aus dem Hause zu geben oder für alle Fälle erwerbsfähig zu machen, sollten sie mehr als bisher ihr Augenmerk dem Dienstbotenwesen zuwenden. Bei der sichtlich wachsenden Ueberfüllung der Berufe, in denen das Mädchen die Dame spielen kann, hat eine gute Köchin schon heute eine zufriedenere Zukunft vor sich als eine literarisch hochgebildete und ökonomisch dürftig ausgestattete Lehrerin; sie wird auch leichter einen Mann finden, weil eine gute Küche auf viel mehr Kenner und Schätzer rechnen kann, als die schöne Literatur. Der Anwerth jüdischer Dienstboten speciell wird gerade durch den modernen Antisemitismus wachsen; endlich wird es ja doch unseren feinen Damen zu dumm werden, an ihrem eigenen Tisch angesichts ihres servirenden Mädchens nervös zu werden, wenn ein harmloser Besucher ein Wort über die immer acute Judenfrage fallen läßt, oder im Vorübergehen gerade noch zu hören, wie draußen die Dienstboten sich eine saftige Stelle aus dem „Deutschen Volksblatt" vorlesen oder absichtlich schreiend über die „Saujuden" ihre Gedanken austauschen. Der Ruf nach jüdischen Dienstboten wird immer dringender werden. Es ist daher eine sehr empfehlenswerthe Idee des Herrn Dr. Adolf Kurrein, daß unter der Aegyde unserer wackeren Frauenvereine Dienstboten- oder Wirthschaftsschulen für jüdische Mädchen errichtet werden mögen. Dr. Kurrein denkt sich die Sache so, daß die Schule etwa auf zwei Jahre berechnet wäre und gesunde, kräftige Mädchen vom Lande gleich nach ihrem Austritte aus der Volksschule ausnehmen würde. Die Besten sollen nach der Absolviruug der Schule für ein Jahr als Lehrerinnen in der Anstalt bleiben, hernach von der Anstalt aus für eine Stelle empfohlen und ihr ganzes Leben lang bei unverschuldeter Stellenlosigkeit untergebracht, sowie nach Art der deutschen Jnvaliditäts- und Altersversorgung durch wöchentliches Einkleben einer Marke für ihre alten Tage versorgt werden; die Marke beträgt, nebenbei bemerkt, in Deutschland in der höchsten Claffe nicht einmal 20 Kreuzer wöchentlich; die Anstalt hätte diese Einzahlungen für Rechnung des Mädchens zu einem Fonds zu sammeln. Jedes Ortsdamencomitä soll bei der ärmeren Bevölkerung taugliche Mädchen anwerben und allenfalls sehr arme Eltern für den jahrelangen Verdienstentgang durch eine kleine Prämie entschädigen. Der Lehrplan schließt sich an die bewährten Pläne tüchtiger Dienstbotenschulen an, mit Ergänzung nach der religiösen Seite hin zu tieferem Verständniß eines rituellen Judenthums bei modern geführtem Hauswesen. Man sieht, der Plan ist seines geist- und verdienstvollen Urhebers würdig, ebenso praktisch wie ethisch hochstehend.

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