Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 25 (18.6.1897)
- Date
- 1897-06-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021194--06835-3031135- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Cicero 1× ep/1024888
OCR text
Nr. 25 Vr. Vlvlh » WoüprnfchrM Seite 503 Dichtet Mittermayer-Märsche, raucht aus Mittermayer- Spitzeln uud hängt Mittermayer-Bilder an die Wände Eurer Wohnungen! Ehre, wem Ehre gebührt. Lueger weicht dem verdienstvolleren Freunde, dessen Verdienste Risconti und Brieftaschen bezeichnen. Gegen Mittermayer kommt der schöne Carl nicht auf, denn der Deputirte „Bitte sehr, bitte gleich!" ist eine weit e i n n e h m e n d e r e Persönlichkeit, wie ein Kellner, der einmal mit ihm das Bett theilte, gerichtlich deponirt und der neue Führer in einem eigenhändigen Brief declarirt hat. Wohl uns, daß das Strafgesetz eine Verjährung kennt. Ohne dieses wohlthätige Institut hätten die Tramway- Bediensteten kaum die flammenden Worte Mittermayer's vernommen, denn dick und fest sind die Mauern des grauen Hauses, durch diese gewaltigen Steinquadern dringt auch nicht das sonore Organ dieses g e st ä n d i g e n Abgeordneten. Das Abgeordnetenhaus ist geschlossen. Lueger und die Seinen verzichten auf die abgeschmackte Comödie der Mittermayerschen Verleugnung. „Grüß mich nicht auf dem Franzensring!" Aber in der Nacht sind alle Katzen grau und alle antisemitischen Parteigrößen gleichwerthig. Da knöpft sich Dr. Lueger den Rock fest zu, ganz fest, damit die Brieftasche sicher ist, und Arm in Arm mit Mitten mayer fordert er die Tramway-Gesellschaft in die Schranken. In der Nacht trägt er keine goldene Kette, da ist der Verkehr mit Mittermayer viel ungefährlicher, da kann man, allen Clubbeschlüssen und Partei-Enunciationen zum Trotz, den natürlichen Sympathien die Zügel schießen lassen. Mittermayer steht auf der Tribüne. Er donnert von capitalistischen Gaunereien, von jüdischer Unmoral, von semitischer Gewinnsucht. . . Und zu seinen Füßen drängen sich Tausende von Leuten und johlen ihm Beifall, und keinem fällt es bei, in veralteter sittlicher Entrüstung zu machen und die undankbare These zu vertreten, daß die Wortführer der Gesammtheit zum Mindesten im Sinne des Strafgesetzes zimmerrein sein müßten. Die Barrierestock-Theorie des Dr. Lueger ist längst über Bord geworfen. Nein, wenn es ihm an Candidaten mangelt, braucht er nicht zu Barrierestöcken zu greifen. So lange sich die Zucht- und Strafhäuser nicht leeren, so lange die Bezirksgerichtsarreste nicht aussterben, braucht ihm nicht bange zu sein. Die Autodidakten der Schnorrerei. Herr Dr. Carl Lueger hat sich diese Woche im Wiener Schützenverein als ein „Einrichtungsstück Oesterreichs" vorgestellt. Wollte man auf diese geschmacklose Selbstpersiflage eingehen, dann müßte man vor Allem jenen armen Möbeltandler bedauern, der über kurz oder lang mit diesem Einrichtungsstück einen Ausverkauf um jeden Preis veranstalten wird. Dr. Lueger hat aber nicht allein von sich selbst gesprochen, obgleich dies bei ihm wie bei allen Quacksalbern und Marktschreiern stets in erster Linie steht. Dr. Lueger hat auch den Juden ein Sprüchlein gewidmet. Er sagte, er wurde von den Leuten angeschnorrt, wie ihm dies eben immer und überall passire. Das Schnorren aber hätten die Arier von den geliebtenBrüdern aus dem gelobtenLande gelernt! Mit Verlaub, Herr Dr. Lueger, da müssen die Juden depreciren! Da sind einmal Sie und Ihresgleichen allzu bescheiden. Da ttnrb den Juden eine Mentorrolle aufgenöthigt, die ihnen wahrlich nicht gebührt. Herr Dr. Lueger, trösten Sie sich, Sie sind ein schnorrender Autodidakt; schon damals waren Sie es, als Sie nicht bei Klöstern und Stiften schnorren gingen, sondern als gute, waschechte Juden, der Dr. Mandl und seine Verwandten, die ganz beträchtlichen Kosten Ihrer Wahlen bezahlten! Aber Sie werden sich am Ende einbilden, daß Sie ein Ausnahmsarier sind, Herr Dr. Carl Lueger; vielleicht geben Sie sich der Ueberzeugung hin, daß nur Ihnen, als einem Arier Kat exochen, eine gütige Fee das Schnorrtalent in die Wiege legte. Das wäre ein Jrrthum, Herr Dr. Lueger! Vielleicht sind nicht alle Arier so unver—wüstliche Schnorrer, wie Sie, Herr Doctor, der die Angeschnorrten und Angepumpten verhöhnt, verhetzt und beschimpft. Zwar gibt es unter Ihren engsten Freunden zahlreiche arische Musterexemplare, die mit Ihnen in der edlen Schnorrkunst wetteifern können und in ihrer Fertigkeit es mit dem geriebensten Dorfgeher aufnehmen. Geßmann, einstmals glühender Verehrer der Koscherkost und der wackere P s e n n e r, jener Muster- Antisemit, der von dem verblichenen Obercantor S u l z e r zahllose Wohlthaten genossen hat, sind dafür lebende Beweise. Aber auch die misera plebs der Arier war stets ebenso talentirt zum Schnorren, als dem Angeschnorrtwerden feindlich. Das edle Wort des großen Semiten: Seeliger das Geben als das Nehmen, hat in der arischen Heidenwelt wenig Anklang gefunden. Fürchten Sie nicht Ihren Freund G r e g o r i g, Herr Dr. Lueger, der jede Beschäftigung mit gedrucktem Zeug als Judendienerei verdammt, und lesen Sie ein wenig in den classischen Schriftstellern nach, wie das Arierthum der alten Welt über die Seligkeit des Gebens und des Nehmens dachte. Das ist sehr wissenswerth, sehr belehrend: Schon Polyb ius bemerkt: Nie gebe ein Römer einem anderen etwas freiwillig. Virgil schildert einen großen Philosophen mit allen geistigen und moralischen Vorzügen und rühmt seine Herzenshärte, daß er mit einem Nothleidenden nie Erbarmen empfinde (Georg 2, 499). Gab man dem Bettler endlich ein Almosen, so vermied man vorsichtig, ihn zu berühren und Senecca erwähnt es als selbstverständlich daß jeder Römer den Armen mit Ekel von sich stößt. Die Armuth galt als schmachvoll; mit dem Drucke des Elends verband sich die öffentliche Vehme (Juven. Satir. III. 37 Demost. in Midiam. c. 33). Nach Plautus (ll?rin. aet. II ae. II) ist die Unterstützung des Hungernden durch Speise und Trank keine Wohlthat, sondern Grausamkeit, welche ein elendes Leben verlängert. Man findet?war bei E u r i p i d e s und Te nophon mancherlei Andeutungen über den richtigen Gebrauch des Reichthums. Ebenso soll Diogenes gesagt haben: oaß Diejenigen, welche ihr Oigenthum nicht für edle Zwecke, sondern für ihren persönlichen Genuß verwenden, mit Obstbäumen und Weinstöcken zu vergleichen seien, die sich an unzugänglichen Orten befinden, und deren Früchte deshalb nur Raben und ähnlichen Thieren zu Gute kommen. Allein schon Plato will die die Bettler polizeilich verjagt wissen, „damit das Land auf einmal von dieser Thiergattung gereinigt sei." (Legea :c., Buch IX.) Unglückliche, Kranke, Sieche, Aussätzige wollte Plato in seinem ästhetisch schönen Jdealstaate nicht dulden; diese sollten im Tempel Aesculaps dem Verhungern preisgegeben werden. „Wird der Arme krank", meint er, „so mag er sterben, der Arzt soll sich keine Mühe um ihn geben, ihn zu heilen." (Oe rep. HL) Auch Cicero erklärt: Mitleid zu empfinden, sich davon leiten zu lassen, sei eine Thorheit und Frevel, des Mannes unwürdig (pro Muron. c. 29, 30.); er Preist es als Vorzug der Gladiatorenspiele, daß sie abhärten gegen Schmerz und Tod. (Tusc. 11, 17). Da waren die Juden doch andere Leute. Das Schnorren war ihnen fremd; aber das Angeschnorrtwerden und das freudige, bereitwillige Geben war ihnen eine Pflicht der Religion zugleich und der Ethik. Wie herrlich klingt die Lehre der Rabbiner in der Tosefta. „Man soll heidnische Arme gleich jüdischen speisen". In der Art, wie Jemand von seiner Habe gibt, gibt er sich selber. Auch die Rabbinen erklärten „den Geldbeutel" für den untrüglichsten Verräther des innersten Empfindens. „Nach der Fähigkeit des Gebens kannst Du getrost die Grundriffe Dir zeichnen zum Charakterbilde jedes Menschen." Milde gegen Arme und Unglückliche gehört zur Natur des Israeliten; nicht nur Glaubensgenoffen, sondern jeglichem Menschen zeigt er ein weiches Herz und eine offene Hand; selbst der Unbemittelte legt sein Scherflein auf den Altar der Liebe für den, der noch