Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 24 (11.6.1897)
- Date
- 1897-06-11
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 24 Vr. Vloch's WochrnschrM Gerte 4SS so weit exportirt wurden, als der Ruhm der Preßburger Jeschibah drang. Die erste Firma in diesen Bachnrim-Käppchen war danrals K o s ch m a n n, dessen Tochter später die Gattin des jüngst verstorbenen Dr. Richter wurde, dein zu Liebe sie erst vor einigen Jahren die Taufe nahm, um ihm bei seiner Candidatur öuf den Wiener Bürgermeisterstuhl nicht hinderlich zu sein, ein Gegenstück zu der Gattentreue der Ahnfrau des jetzigen Wiener Bürgermeisters, die ihren armen Mann aus dem Scheiterhaufen verbrennen ließ, die Taufe nahm und den „ehrsamen" Bürger Lueger heiratete, denr sie wahrscheinlich auch nicht treuer war, als dem Juden Schebeleiu. Doch mit der Procedur des Haarabschneidens war meine Weihe zum Bachur noch nicht vollendet. Es fehlte noch das wichtigste Stück zum Habitus eines solchen — der C y l i n d e rh u t, den der dreizehnjährige Knirps, wenn er der Jeschibah angehörte, ebenso tragen mußte, wie das bemoosteste Haupt. Schon seit einigen Tagen bemerkte ich unter dem Bette des Kämmerleins, welches mein Bruder und ich bewohnten, Etwas, das ich für ein nothwendiges Möbelstück hielt. Ich sah nun, während ich noch auf dem Opferstuhle des Haarabschneidens saß, wie mein Bruder diesen unaussprechlichen Gegenstand hervorholte, ihn dem Bachur gab, der ihn mir, ehe ich mich dessen versah, auf den Kopf stülpte. Die Schultern bildeten ein natürliches Hinderniß, sonst wäre er mir bis zu den Hüften gerutscht. Wie bei verstopften Ohren hörte ich den dumpfen Ton des Bachurs: „Für das feine Köpfel ist er noch etwas zu groß", und ich wurde wieder davon frei gemacht. Jetzt erst erkannte i h in dem Gegenstände einen C y l i n d e r h u t. Nochmals kroch mein Bruder unter's Bett und holte ein schon halb entblättertes Buch hervor. Mit der Andacht einer religiösen Ceremonie riß er noch einige Blätter heraus, falzte sie mehrfach, steckte sie dann unter das Schweißleder des Hutes zu den bereits dort befindlichen Einlagen linb setzte ihn mir nochmals auf. Jetzt saß er mir mittelst der zu Haken gebildeten Ohrmuscheln zwischen den Augenbrauen und dem Genick wie angegossen und bildete im Profil vom Nacken ans die Krempe mit der zum Kinn gedachten Linie einen spitzen Winkel, wie vorschriftsmäßig der Cylinderhut von einem Bachur getragen werden sollte. „Nun bist Du e prächtig Bocherl", sagte mein Bruder lächelnd. Als ich zu Mincha in die „Schiurstuben" kam, reichten sich zwei Bachurim über meinem Kopfe die Hände zu' einem „Scholem-Alechem" und drückten mir dabei meinen Hut platt wie einen Claqne. Es war dies einer jener Späße, denen auch au deutschen Universitäten die jungen Füchse ansgesetzt waren. Bis jetzt wußte ich noch nicht, wie ich mich in meiner Metamorphose ausnahm, denn in einem Bachurim-Quartier gab es keinen Spiegel. Erst als ich Abends nach Hause kam und beinr Scheine des Oellämpchens meine Silhouette an der Wand sah, erschrak ich vor der Carricatur, zu der man mich gemacht hat. Ich fühlte mich, allerdings bei meiner Wandlung größer geworden zn sein, aber nicht in einem Verhältnisse so gegen alle Gesetze der Aesthetik, wonach der Kopf den fünften Theil der ganzen Körperlänge betragen soll, während jetzt der Hals meine Mitte zu sein schien, so hoch war der Hut. Ich weinte die ganze Nacht über die Veränderung, die mit mir vorgegangen, so daß selbst mein Bruder, der sonst in seinen Erziehnngsgrundsätzen unbeugsam tvar, Mitleid mit mir hatte und mir auch noch den nächsten Tag frei gab. Trübselig schleuderte ich über die Schiffbrücke in den Anpark, um mich an dem Anblick der Natur zn erquicken. In einer der Alleen verspürte ich Plötzlich einen heftigen Schlag auf den Kopf und dabei rutschte mir der Hut bis unte'' das Kinn, daß die Betäubung vom Schlage bald der Angst vor dem Ersticken wich. Mit Mühe zog ich den Hut wieder in die Höhe. Der Attentäter lachte mir schon von der Ferne höhnisch zu, und wenn ich auch den Muth gehabt hätte, ihn zn verfolgen wäre es vergebens gewesen. Ich eilte über die Brücke in die Judengasse zurück, innerlich zufrieden, des Martyriums des Huteintreibens schon theilhaftig geworden zu sein, das damals jedem Bachur bevorstand, der sich über die Judengasse hinaustvagte. Bon diesem Augenblicke an fühlte ich mich ganz als Bachur und trug jetzt meinen Hut mit einem gewissen Elan als die phrygische Mütze des Goluth. Schon in diesen zwei Tagen war der Hut stark mitgenommen, aber er ist mir lieb und lheuer geworden, daß ich ihn nicht Umtauschen wollte, obwohl mein Bruder mir das Geld dazu anbotund mir das Geschäft bezeichnet, wo die Bachurim die Hüte bezogen. Dasselbe befand sich in der Thoreinfahrt des Bericaner'schen Hauses und der Geschäftsinhaber hieß Schmulele L n z z a t o. Es ist mir heute noch ein Räthsel, wie sich dieser einer berühmten italienisch-israelitischen Gelehrtenfamilie angehöreude Stamm nach Preßburg verirrte und zn einem Träger desselben wurde, der eine Ironie auf diese italienisch-israelitische Gelehrten familie war. Schmulele Luzzato iit Preßburg war eine Spottfigur: klein, dick, häßlich, stotternd und einAmhorez, der nicht dawenen konnte. Sein Geschäftsgeist war auch nicht darnach, daß von feiner Descendenz ein Finanzgenie, wie der gegenwärtige Schatzkanzler Italiens, zn erwarten gewesen wäre. Schmulele Luzzato und sein Sohn Dowedel, der noch lächerlicher als sein Vater war, hatten ihre Niederlage unter dem Thore des genannten Hauses. Aitf primitiven Stellagen standen Hunderte von Cylinderhüten in allen Formen der Moden des verflossenen Jahrhunderts, einer ehrwürdiger an Alter als der andere. Sie rührten zumeist von dem Nachlasse verstorbener Geistlicher her, und es darf daher nicht Wunder nehmen, daß so Viele von der Preßburger Jeschibah verdarben. Wenn der Mantel den Propheten machte, warum sollte nicht auch beim Hute das geistige Fluidum von einem Träger auf den anderen übergehen"? Schmulele Luzzato hatte einen einheitlichen und, wie die Herrenhuter, sixen Preis. Jeder Hut kostete vierzig Kreuzer, selbstverständlich der damaligen Scheinwährung, und davon ließ er keinen Pfennig abhandeln. Bald lernte ich auch von Anderen die Vortheile der hohen Hüte keuium. Ter Hut diente dem Bachur als T a s ch e. An den Hosen durften ails Zittlichkeitsrückfichten keine Taschen angebracht fein, und in den Taschen am hinteren Theile der Rockschöße wäre im Gedränge beim Schinr nichts vor dem Spaße, hinansgezogen zu werden, sicher gewesen. Uebrigens hätten alle diese Taschen nicht Raum genug geboten, für das, was der Bachur meistentheils bei sich trug: vor Allem eine Masse beschriebener Blätter mit „Äörtele". die er vom Rabbi gehört oder eigener Mache, denn welchem Preßburger Bachur galt es nicht als höchste Geistesthütigkeit, einen „herben Ranibam zn entwirren". Auch ich habe mit vierzehn Jahren schon mehrere verbrochen. Und das Alles wurde niedergeschrieben, in einer Sprache, die zwischen masenlinviin linu temin>num so wenig Unterschied kannte, wie der fromme Bachur im Leben und wurde verborgen gehalten, wie die ersten Gedichte. Außer diesem Himmelsmanna lag gewöhnlich im Hute noch etwas ganz Substantielles, wenigstens ein schwarzer Brot- Wecken, der bereits als Frühstück eircumeisirt war, und mehrere schwarze Rettige oder einige Bündel weißer oder rother MonatSrettige, die man in ganz Preßburg nicht schöner bekommen konnte als bei „Tab Resel" vor dem Zsi,ptahans. Diese Frau verdiente ein eigenes Eapitel in der Geschichte der Preßburger Jeschibah, wie das „Ichmanßwaberl" in der Geschichte der vormärzlichen Wiener Universität. Tab Resel, obwohl Christin, konnte mit Fug und Recht die „Bachurim-Mntter" genannt werden. Als einzige Kräutlerm der Gasse, waren die Bachurim, die sich nicht auf den grünen Markt wagten, bei ihren Einkäufen von Aevfeln, Erdäpfeln, Rettigen, und Zwiebeln, den Varianten ihrer Menus, auf Tab Resel angewiesen. Trotzdem hat sie ihr Monopol nicht ansgebentet. Man kaufte bei ihr gut und billig, und wen sie kannte, dein gewährte sie auch Credit bis zur Höhe von zwanzig Kreuzern. Zwar eine Zlovakin, sprach sie den elassischesten Jargon der Gasse, und der Bachur brauchte sich gar keinen Zwang anzuthun, mit ihr zn verkehren, nur mußte er etwas laut sprechen, denn unter anderen Schönheitsfehlern besaß sie auch den, ein Bischen schwerhörig zu sein, und es geschah nicht selten, daß sie anstatt, wie man verlangte, um eilten um zwei Kreuzer Rettige in den hingehaltenen nnfüllbaren Hut warf, der Bachur aber chevaleresk dieses Mehr acceptirte, wenn auch der Kopf dann etwas zu überlastet war. Mein Cylinderhut hat mir in dieser Eigenschaft die vortrefflichsten Dienste geleistet, ich hätte ihn nicht um Alles in der Wett mit einem anderen gewechselt. Und als ich ihn nach meinem Austritt ans der Jeschibah ablegte, bin ich ihm treu geblieben, daß ich überhaupt keinen Cylinderhut mehr auf mein Haupt setzte, und ihn, gebeugt und gebrochen, wie er war, als Reliquie in allen meinen Wandlungen bei mir behielt, bis er mir doch einmal auf einer meiner Wanderungen abhanden'kam, mitsammt der Preßburger „Taureh", die ich darin bewahrte.