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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-06-11 · 24 (11.6.1897) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
24 (11.6.1897)
Date
1897-06-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 488 Vr. Vloch's MochenkchrtsL Nr. 24 Zur Geschichte der Juden in Sirilirn. Oberrabbiner Dr. Güdemann hat in seiner 1884 erschienenen vortrefflichen „Geschichte des Erziehungswesens und der Cultur der Juden in Italien" den Juden Siciliens ein besonderes Capitel gewidmet, und das mit Recht. Ziemlich gleichförmig gestaltete sich die Geschichte der Juden im festländischen Italien, nur in dem halb im Meere steckenden Venedig weist auch das jüdische Leben manche eigenthümliche Züge auf; aber ganz eigenartig gestaltete es sich in Sicilien, wie ja auch sonst diese Insel und ihre Einwohner ihren besondern von dem des übrigen Italien stark abweichenden Charakter haben. Aber der Ausführung von Güdemann's guter Idee stellte sich eine große Schwierigkeit entgegen — der Mangel genügenden, verläßlichen, urkundlichen Materials, und das. was er in diesem Capitel geleistet hat, muß umsomehr bewundert werden, wenn man sieht, welche Mühe und welchen Scharffinn er aufwenden mußte, um manche Jrrthümer seiner Vorgänger zu berichtigen. Hat doch einer derselben, Di Giovanni, in seinem „L'ebraismo di Sicilia" aus dem Worte Kethuba (Ehepakte) einen jüdischen Gemeindebeamten „Jdubi" gemacht. Mit derselben Leichtfertigkeit, Unwissenheit und dazu noch mit Parteilichkeit hat Di Giovanni die ganze Geschichte der Juden in Sicilien behandelt, und e r ist bis auf unsere Zeit die Hauptquelle dafür geblieben. Erst seit wenigen Jahren ist uns für diese Geschichte ein überreiches verläßliches Material zu Gebote gestellt worden, und das haben wir zwei gelehrten, unparteiischen und vorurtheilsfreien christlichen Geistlichen, den Brüdern Bartholomäus und Joseph Lagumina, zu verdanken. In zwei Bänden der großen Sammlung der Documenti per sevire alla storia di Sicilia') haben sie beinahe achthundert auf die sicilianischeu Juden bezügliche Urkunden in vollkommen correcten genauen Abdruck publicirt, den größten Theil vollständig, von minder wichtigen, einen Auszug oder Inhaltsangabe gegeben. Ich will es versuchen, hier das Neue oder gegen die bisherigen Darstellungen Richtigere, wie es sich aus dieser Publication ergibt, mitzutheilen, aber nicht in Form einzelner Zusätze sondern in einem Gesammtbild, mich nur bei den bereits anderwärts bekannten Partien mir leichten Strichen begnügend. Die Juden sind wahrscheinlich schon zu Zeiten der Römer nach Sicilien gekommen, obwohl uns Nachrichten über sie aus jenen Zeiten fehlen. Der Apostel Paulus, der sich drei Tage iit Syrakus aufhielt, (Actu Ap. XXYIII12) erwähnt nichts von einer Judengemeinde, und die Märtyreracten Marcians, welche von Juden in Syrakus in der Apostelzeit sprechen, verdienen sehr wenig Glauben. Doch können Juden in anderen Städten Siciliens gewohnt haben. Erst aus den Briefen Papst Gregor des Großen aus dem Ende des sechsten Jahrhunderts erfahren wir etwas Verläßliches über die Juden in Sicilien, und dann finden wir erst wieder nach fünf Jahrhunderten urkundliche Nachrichten über sie. Die Brüder Lagumina bringen aber nur vier Urkunden aus dem elften und zwölften, achtzehn aus dem dreizehnten Jahrhundert. Aus dem vierzehnten können sie aber schon 128, aus dem fünfzehnten 643 Urkunden mittheilen. So beginnt das Quellenmaterial erst nach der sicilianischeu Vesper mit der Thronbesteigung König Peters von Aragon reichlicher zu fließen, und es ist wahrscheinlich, daß mit diesem Fürsten viele Juden aus Spanien nach Sicilien kamen. Ende August 1282 landete König Peter in Trapani, und schon im Jänner 1283 verfügt er zu Gunsten eines jüdischen Arztes, erläßt noch im selben Jahre einen Befehl, die Juden nicht zu sehr mit Steuern zu überbürden. Zweihundert und zehn Jahre lebten die Juden Siciliens unter der aragonesischen Dynastie, und wenn es auch an mannigfacher Bedrückung, Beschimpfung und Ausbeutung nicht gefehlt hat, so sind die Juden im Mittelalter doch von keiner christlichen Dynastie so gnädig behandelt worden wie von den Aragonesen, haben sich nirgends, mit Ausnahme Spaniens, so heimisch gefühlt wie in Sicilien. Und es wäre ihnen noch besser ergangen-, wenn die Geistlichkeit nicht so feindlich gewesen, nicht so oft gegen sie das Volk anfgehetzt hätte. *) Serie I, Diplomatien, vol. VI e XII Codice diplomatico dei Giudei di Sicilia, Palermo 1884—92, XV, 616 und 570 Seiten gr. 8°, Ueber die Zahl der Juden in Sicilien finden wir keine Angaben und können wir sie auch nicht nach ihrer Steuerleistung berechnen, da sie stärker als nach dem Verhältniß der Seelenzahl zu den Steuern herangezogen wurden. Wenn die Stadt Palermo (a. 1453) verlangt, die Juden sollen ein Viertel der städtischen Steuern zahlen und der König ihren Beitrag auf ein Siebentel reducirt, was den Juden auch noch zu viel ist, so können wir annehmen, daß sie kaum ein Zehntel der städtischen Bevölkerung ausmachten. In anderen Städten zahlen die Juden ein Neuntel, ein Siebentel, in Trapani einmal gar 40 Percent, selbstverständlich von der allgemeinen Steuer, außer der speciellen Judensteuer, der Gezia, die sie auch unter den Arabern gezahlt hatten. Diese scheint anderthalb Tari von jeder Haushaltung betragen zu haben, denn die Gemeinde Castrogiovanni zahlte von 80 Haushaltungen vier Unzen.2) Als sie auf 16 Familien reducirt war, verlangte sie jedoch nur eine Reduction auf zwei Unzen, und der König entschied, daß sie drei Unzen zahlen sollte. Zu einem Zwaugsanlehen im Jahre 1415 zahlte die Judengemeinde von Palermo 120 Unzen, die von Syrakus 110, Girgenti 100, Catania und Trapani je 80, (Messina fehlt im Verzeichniß). Die übrigen Gemeinden kleinere Beiträge, bis hinunter zu der von Taormina, die nur 5 Unzen zahlte. Auf der ganzen Insel gab es ungefähr dreißig Judengemeinden, deren Bedeutung aus obigen Zahlen ersichtlich ist. An der Spitze standen die mit einander rivalisirenden Hauptstädte Palermo und Messina, aber außer den obengenannten scheinen auch Sciacca und Marsala viele jüdische Einwohner gehabt zu haben, und selbst auf Malta und anderen zu Sicilien gehörenden Inseln gab es Judengemeinden. Wenige Jahre vor der Austreibung entstand eine neue Gemeinde in Militello, und der Biceköuig ertheilte ihr die Erlaubniß, eine Muschita zu erbauen. So (Moschee) werden nämlich in den Urkunden mitunter die Synagogen genannt. Einmal kommt dafür auch Chinifta vor, was wohl eine Corruption von ne» oyd) ist. Mit Aljama wird gewöhnlich die Judengemeinde bezeichnet, manchmal aber auch die Synagoge. Die Judengemeinden Siciliens waren in vielen Beziehungen autonomer als es die heutigen Judengemeinden sind, da auch die Gerichtsbarkeit in Processen zwischen Juden, die Anftheilung, Eintreibung und Abfuhr der Steuern an die Regierung zu ihrem Wirkungskreis gehörten. Ebenso hatten sie die, wie es scheint, blos zu Gemeindezweckeu bestimmten Steuern auf Wein und Fleisch einzuheben. Deshalb gab es auch vielerlei Vorsteher und mitunter besoldete Beamte in der Gemeinde, welche die verschiedenartigsten Titel führten : Presbyter, Protoi, Maggiorenti, Sindachi, Notare u. s. w. Die Wahlordnung für diese Beamten war verschiedenartig, mitunter eine indirecte, indem einige Vertrauensmänner gewählt wurden, welche die Proti wählten, wie es zum Beispiel 1397 für Palermo bestimmt wurde. Die Functionsdauer war gewöhnlich ein Jahr in der Theorie, in der Praxis wurde aber davon sowie von dem Wahlmodus oft abgewichen, in Folge Einmischung der Regierung. So sendet König Martin im Jahre 1395 seinen maestro nationale Ubertino de Grua nach Syrakus, um dort im Einvernehmen mit „unseren Getreuen" (Fidelibus nostris), den vornehmsten Juden, die Wahl und Einsetzung der Proti zu leiten. Einige Jahre später ernennt derselbe König den Simeon Muleschot zum lebenslänglichen Proti in Sciacca. Nachdem ihm die dortige Judengemeinde vorstellte, es sei bei ihnen Usus, die Proti nur auf ein Jahr zu wählen, annullirt der König (1399) die lebenslängliche Ernennung, verfügt aber, daß Muleschot noch das ganze nächstfolgende Jahr functioniren soll. Gleichzeitig ernennt er den Juden Raysio zum Adelanterd, was in der Landessprache Forto maiuri (major) heißt, von Syrakus. Vier Jahre später ernennt er wieder den Söffe Aram zum ersten Proto von Sciacca, mit dem Rechte die übrigen Proti zu ernennen. Die von Sciacca remonstriren dagegen, und schon nach wenigen Wochen widerruft der König in sehr gnädigen Ausdrücken, die „aus Versehen" geschehene Ernennung. Im Jahre 1416 gibt cs Streitigkeiten in der Gemeinde von Palermo, und der Vicekönig befiehlt den dortigen Juden, ihren Proti und anderen Beamten zu gehorchen. Zwei Jahre später verfügt Königin Bianca, daß außer den Proti und Majorenti keine anderen Beamten an der Spitze der Gemeinden stehen sollen, „weder Rais noch andere Richter". Ebenso finden ') 30 Tari bilden eine Goldunze, welche ungefähr so viel Gold als 3 Napoleonsdor enthielt; nach den Preisverhältnissen dürfte eine Unze wohl so viel Kaufkraft wie 150 Gulden in unserer Zeit gehabt haben.

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