Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-06-11 · 24 (11.6.1897) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
24 (11.6.1897)
Date
1897-06-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021193--06816-3031115
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 24 Dr. Vloch's Wvchrnptzrist Seite 485 des Schuldigen eingeleitet werden mußte, übergaben die Firmenchefs die Angelegenheit der Polizeibehörde. Alsbald ergaben die Nachforschungen der Polizeiorgane, daß die Materialverschleppungeil, welche, wie bereits erwähnt, iit großem Maßstabe betrieben worden waren und sich kaum auf die Zeit eines Jahres erstreckten, nur von einem Beamten der Firma K r e m e n e tz k y, Mayer und Comp, im Einvernehmen mit einen! Geschäftsfreunde der Firma zu dessen Gunsten ausgeführt worden sein konnten. Es wurde bei den diesbezüglichen Erhebungen bald als auffallend festgestellt, daß die Bestellnttgen der antisemitischen Firma Karl R. K ö r b e r, Etablissement für Elektrotechnik und Mechanik, HL, Rennweg 18, über Wunsch des Inhabers am frühen Morgen effeetuirt werden mußten, während sonst die Nachmittagsstuuden die übliche Lieferzeit sind. Gleichzeitig wurde erhoben, daß K ö r b e r dem Diener der Firma, welcher mit der Waarensendung erschien, ziemlich splendide Trinkgelder gab und Werth darauf legte, daß die für ihn bestimmten Materialien und Artikel immer von demselben Beanlten der Firma K r e m e n e tz k y verpackt würden. Der betreffende Beamte, der Expeditor Franz Richter, wurde sogleich einem Verhör unterzogen und gestand, daß er seit einem Jahr jedesmal in die für die Firma Korber bestilttlnten Colli um 100 bis 200 fl. mehr Artikel verpackt habe, als bestellt und bezahlt wurden. Selbstverständlich wurden diese billigen „Mehrsendnttgen" auch nicht gebucht. Richter suchte den größten Theil seiner Schuld auf seinen Complicen abzuwälzen, der ihn zu den Diebstählen an seinen Chefs veranlaßt habe und ihm als Gegenleistung für die Betrügereien kleine Beträge von 10 fl. bis 20 fl. znkommen ließ. Ein christlich-socialer Advocat. Bor einiger Zeit fand vor einem Erkenntnißsenat des Wiener Landesgerichtes eine Verhandlung statt, in der ein christlich-socialer Advocat eine traurige Rolle spielte. Angeklagt waren Bernhard Gelles und Anna P a v l i c z e k wegen Verbrechens ves Betruges und der Veruntreuung. Gelles war von Dr. Leopold Spitzer, die Pavliczek von Dr. Alexander Kohn vertheidigt. Der Klage lag folgender Thatbestand zugrunde: Gelles hatte das Gemischtwaarengeichäft der Pavliczek um 40V fl. gekauft. Er erschien zuv Uebernahme dieses Geschäftes mit seinem Vertreter Dr. Hugo Tasch. Gelles hatte aber gar kein Vermögen und tonnte daher das Geld nicht auf einmal bezahlen. Er leistete eine Angabe von 100 fl., die er sich auk die Art verschaffte, daß er den Bediensteten Cautionen abnahm. Aber schon nach einigen Tagen, nachdem er das Geschäft übernommen hatte, verlangten die Bediensteten die Cautioneu wieder zurück. Gelles fürchtete, wegen Veruntreuung angezeigt zu werden, und bewog die Pavliczek, ihm die 100 fl. zurückzugeben. Mit diesem Gelde befriedigte er die, die am energischesten ihr Geld zurückverlangteu. Zwei Tage später, das ist am 1. September 1896, erschien Gelles mit der Pavliczek in der Kanzlei des Dr. Tasch und erklärte, ihr zur Sicherstellung für die schuldigen 400 fl. einen Wechsel auf 1200 fl. ausstellen zu wollen. Dr. Tasch fertigte diesen Wechsel aus und datirte ihn vom 1. Juni und stellte ihn am 1. «September fällig. Durch diese Rückdatirung hat Dr. Tasch zugestanden, daß ihm die ganze Angelegenheit nicht ganz „koscher" vorkam. Noch am 1. September, als dem Fälligkeitstage, klagte Dr. Tasch namens der Pavliczek den Wechsel ein und führte auch Execution. Gelles versuchte, auf das Geschäft größere Bestellungen zu machen, konnte aber im Ganzen blos 200 fl. auftreiben, da man ihm nicht recht traute. Er übergab sodann das Geschäft nun einer Verkäuferin Namens Wimmer als Deckung für die Caution. So kämen die Gläubiger um ihr Geld und erstatteten daher die Strafanzeige. Bei der Verhandlung spielte Dr. Tasch. der als Zeuge einvernommen wurde, eine < sehr eigentümliche Rolle. Er trachtete, alle Schuld auf seinen Sollicitator N e u m a n n zu schieben, mußte aber schließlich zugestehen, daß er Alles selbst gemacht, namentlich daß er den Wechsel selbst ausgefertigt hat. Dr. Tasch ist vielleicht uicht der geistige Urheber des Betruges gewesen, jedenfalls ist es aber seiner Mithilfe zu danken, daß die Gläubiger des Gelles um ihr Geld betrogen wurden. Das Ende der Geschichte war, daß Gelles zu neun Monaten Kerker verurtheilt, die Pavliczek, deren geistige Beschränktheiten sie nicht als Mitschuldige, sondern als Opfer des Gelles erscheinen ließen, freigesprochen und die Angelegenheit des Dr. Tasch dem Disciplinarrath der Advocatenkammer abgetreten wurde. Dr. Tasch wurde dieser Tage von der Advocatenkammer auf 6 Monate suspendirt. Herr Dr. T as ch, der bereits in Langenlois von der Advocatur suspendirt worden war und deshalb nach Wien gezogen ist, ist ein eifriger Anhänger der christlich-socialen Partei, der ostentativ nur Kravattennadeln und Uhranhängsel mit dem Bildniß Lueger's trägt. In Favoriten ist er einer der Führer der Christlich- Socialen, und deshalb trachten auch seine Parteigenossen die ganze Angelegenheit zu vertuschen, damit man nur ja nicht in der Oeffentlichkcit erfahre, daß wieder eine Säule des Christenthums wackelt. Wie nach der Affaire Tuschl das Wort vertuschen durch vertuscheln ersetzt wurde, so wird jetzt in Favoriten das Wort ver-taschen gebraucht. Antisemitischer Christenhatz. Berlin. Im „Modernen Völkergeist" läßt der Dühringiauer P. Knsahl, sonst ehrsamer Buchhändler, seinen Haß gegen das Chriftenthum und das Neue Testament gehörig ans. Die christliche Religion ist in seinen Augen gleichbedeutend mit der Verjudung der ganzen Menschheit, und sie auszumerzen, muß ein Hauptbestreben der Racenantisemiten sein: „Wenn man sich das Neue Testament ansieht, wird man an Christus unverkennbare jüdische Charakterzüge finden. Schon die Feindes- und Nächstenliebe deutet darauf hin; denn derartige Umkehrungen normalen Verhaltens sind den Juden charakteristisch. Nebenbei wollen wir jedoch noch bemerken, daß das Neue Testament sich vom alten gar nicht scharf trennen läßt. Christus verweist auf die Propheten des Alten Testaments und dessen Gott nimmt er in das Neue Testament mit hinüber. Er sagt direct, daß er gekommen sei, nicht um das Gesetz und die Propheten aufzulösen, sondern um sie zu erfüllen. Was das Alte Testament für eine Samnielstelle von Schlechtigkeiten und Gemeinheiten ist, zeigen vvrangegangene Nummern dieser Zeitschrift. Also schon um dieser Zusammengehörigkeit des Alten und Neuen Testaments willen sollte ans das letztere verzichtet werden; denn das erstere wird ja von sogenannten liberalen Antisemiten bereits preisgegeben. Aber auch das Neue Testament, für sich betrachtet, zeigt jüdisches Gepräge und klar seine Bestimmung als Religiousbuch für die Juden. Als Sittenlehre für höherstehende Völker sind seine Vorschriften und Gebote unbrauchbar." Die Herren Pastoren, die den Antisemitismus protegiren und propagiren, die Stöcker, Engel, Matches, Werner u. s. w., thäten gut, sich mit dieser Dühringschen Richtung zu befassen. Sie erkennen dann, daß _ sie Wind gesäet und Sturm geerntet haben, der ihr ganzes judenfeindliches Chriftenthum wegfegt. Vom Christenhatz der Juden. (H a m b u r g.) Dem Bericht des Krankenhauses der Hamburger Deutsch-Israelitischen Gemeinde (errichtet im Jahre 1841 von Frau Betty Heine) für das Jahr 1896 entnehmen wir folgende Angaben: Es fanden 1066 Kranke mit 30.723 Pflegetagen Verpflegung, so daß zwar die Krankenzahl eine Abnahme von 38, die Verpflegstage aber eine Zunahme von 3358 aufiveisen. Von den Kranken waren nur 22 Percent jüdischer, 78 Percent nichtjüdischer Confessio». Capitan Dreyfus. B r ü s s e l, 8. Juni. Sensation ruft ein aus Paris eingesandter officiöser Artikel der „Jndspendence" hervor, worin die Unschuld des C a p i t ä n s D r e y f u s nachgewiesen und die Revision des Protestes gefordert wird. Man erblickt in diesem Artikel die Vorbereitung der baldigen Wiederausnähme des H o ch v e r r a t h s p r v c e s s e s. Cin jüdischer Mitbürger. Anläßlich des 50 j ä h r i g e u Iubilä u in s der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt- A c t i e n g e s e l l s ch a s t, deren Verdienste in Kundgebungen des Kaisers, der höchsten Reichs- und Staatsbeamten, der Vertreter des Handelsstandes und anderer Berufskreise gebührend gefeiert wurden, hat auch die Thätigkeit des Directors B a l l i u reiche Anerkennung gefunden. So sagte, wie wir einem Berichte der „Hamburger Korrespondenz" entnehmen, Consul A ch e l i s, Vicepräsident des Bremer „Norddeutschen Lloyd", in einem allseitig mit größter Sympathie aufgenommenen Toast etwa Folgendes : „Wenn es für die Staaten eine Grundbedingung der glücklichen Entwicklung ist, unter einander Frieden zu .halten, so trifft das nicht minder für die großen Dampfergeseüfchaften zu. Die bei der transatlantischen Fahrt betheiligten Gesellschaften haben sich bis 1892 heilig bekriegt, dann aber wurde eine Vereinbarung geschlossen, die für alle von größtem Nutzen gewesen ist. Das Verdienst, sie zu Stande gebracht zu haben, gebührt Herrn Director Ballin (lebhafte, anhaltende Zustimmung und Bravorufe), seinem werten Blick und seiner persönlichen Liebenswürdigkeit. (Erneute Bravorufe.) Was er als Organisator leistet und wie er die verschiedensten Gegensätze zu einen weiß, das haben wir Theilnehmer der ersten Orientreise der „Augusta Victoria" 1891 bei zahlreichen Gelegenheiten erfahren. Ich drücke die Hossriung aus, daß das gute heutige Verhältniß zwischen der „Hamburg-Amerika-- linie" und dem „Norddeutschen Lloyd" auch für die Folge bestehen bleiben und immer wachsen wird, und leere mein Glas auf das Wohl des Directors Albert Ballin." Brausendes Hurrah und jubelnde Zurufe an den Gefeierten wogten lange in den beiden Sälen hin und her. Jeder wollte mit Herrn Director Ballin anstoßen und ihm ein Wort der Zustimmung sagen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.