Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 24 (11.6.1897)
- Date
- 1897-06-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 484 Vr. Vloch's Wochenschrift *Jix. 24 einem absichtlichen Selbstbetrug führt. Man betont die uni- . versalistische Tendenz des Judenthums, welche die Propheten gelehrt und die Rabbinen mindestens angedeutet haben und doch begleiten das Individuum von der Wiege bis zum Grabe und die Gemeinde vom Anfang bis zum Ende des Jahres die Wünsche um die Wiederherstellung eines nationalen Israel. Der Unveränderlichkeit dieses Ritus werden glänzende Stellungen zum Opfer an geboten und schließlich erfährt man, daß wir nur um die symbolische Schlachtung symbolischer Ochsen durch symbolische Priester in einem symbolischen Tempel, in einem symbolischen Jerusalem, der Hauptstadt eines symbolischen israelitischen Reiches, regiert von einem symbolischen Sprossen David's, der unter seinemsymbolischen Scepter unsere Verbannten von allen Enden der Erde symbolisch regieren wird, gebetet haben. Hat der junge Baron sich so schwer plagen müssen für seine Bar-Mizwah das Tischgebet zu erlernen, damit er dann erfahre, sein Wunsch, daß „der Allerbarmer sein Joch von unserem Nacken zerbrechen und uns aufrechten Ganges in unserLand führen möge", dürfe vom lieben Gott nur symbolisch aufgefaßt werden? So viel kann doch jeder Zionist verstehen, wenn er nur eine Columne in dem Schulgebetbuche zu lesen vermag. An der Schwäche, die Consequenzen der eigenen Theorien zu ziehen, ist der österreichische Liberalismus, wie es scheint, tödtlich erkrankt. Clericalismus und Socialismus schicken sich an, sein Erbe anzutreten. Die Anwendung aus den vorliegenden Fall ist klar. Prof. Dr. G. Deutsch. Vom Jahrmarkt drs Lebens. Zur Lage in Galizien. Das sonderbare Wort eines jüdischen Deputirten Galiziens, welcher die ihm aufgenöthigte Zurückhaltung in jüdischen Angelegenheiten mit dem Dictum zu rechtfertigen suchte: „In Galizien kennt man den Antisemitismus nicht" erhält immer traurigere Illustrationen. Man hat systematisch die niedere Bevölkerung gegen die Juden aufgereizt, um ihre Aufmerksamkeit von den Schlachzizen abzulenken, und diese Politik zeitigt nunmehr ihre Früchte. Aus Drohobycz wird gemeldet: In S ch o d n i c a fanden gestern zwischen 7 und 10 Uhr Abends ernste Excesse statt, welche einen antisemitischen Charakter hatten. Die in den dortigen Erdwachsgruben beschäftigten masurischen Arbeiter geriethen mit Juden in Streit. Die Arbeiter überfielen sodann die jüdischen Häuser, Fensterscheiben wurden zerschmettert und Thüren erbrochen. Sämmtliche Kaufläden und Wohnungen der Juden sind v o l l st ä n d ig demolirt. Schwere Verletzungen haben erlitten: die Eheleute W i l f, die Frauen Schmer und Glatstein; drei unmündige Kinder der Letzteren wurden gleichfalls lebensgefährlich verwundet. Der Arbeiter Stanislaus Kukulski wurde von einem Gendarmen mit dem Bajonnet erstochen, ein zweiter Arbeiter, Namens Balczyk, am Arme verletzt. Bisher wurden vierzig Personen im Alter von 16 bis 20 Jahren verhaftet. Die Verhaftungen dauern noch fort. Unter der jüdischen Bevölkerung in Schodnica herrscht große Panik; die Mehrzahl der Juden flüchtet mit den Familien und Habseligkeiten nach Drohobycz und B v r y s l a w. Eine Untersuchungs-Commission ist aus Drohobycz und Sambor in Schodnica eingetroffen. Advocaten - Versammlung. (L e m b e r g, 8. Juni.) Unter Vorsitz des Samborer Advocaten Dr. Aleksandrowicz hat eine Versammlung jüdischer Advocaten und Advocaturs- Candidaten Ostgaliziens stattgefunden, um gegenüber der systematischen Präterirung jüdischer Gerichtspraktikanten bei der Ernennung zn Auscultanten im Sprengel des Lemberger Ober-Landesgerichtes Stellung zu nehmen. Die Redner verwiesen auf die gegen die Juden erhobenen Vorwürfe, daß sie schnöden Mammons wegen nur einen leichten lucrativen Erwerb zu suchen pflegen, statt sich einem ehrlichen Berufe zu widmen. Was man von diesen Vorwürfen zu halten habe, gehe aus dem Bestreben solcher heuchlerischer Moralprediger hervor, den Juden einen ehrlichen Erwerb überhaupt unmöglich zu machen. In dieser Hinsicht wurden zahlreiche überaus lehrreiche Beispiele angeführt. Die Versammlung protestirte insbesondere gegen die Präterirung jüdischer Rechtspraktikanten bei Besetzung von Gerichtsstellen und beschloß, eine Petition an den Reichsrath zu richten, und wenn diese wirkungslos bleiben sollte, eine mit statistischen Daten belegte Denkschrift dem Ministerpräsidenten und dem Justizminister zu übermitteln. Ferner wurde beschlossen, ein aus Advocaten und Advocaturs-Candidaten zusammengesetztes Executiv-Comite zu wählen, welches die Beschwerden der jüdischen Rechtspraktikanten zu prüfen und der Beeinträchtigung jüdischer Candidaten entgegenzuwirken hätte. Jeder einzelne Fall wird den jüdischen und auch den übrigen Abgeordneten bekanntgegeben werden, damit dieselben die Sache im Reichsrathe und Landtage zur Sprache bringen. Es wurde schließlich eine Deputation gewählt, in welcher sich auch die Landtagsabgeordneten Dr. L ö w e n st e i n und Dr. G o l d m a n n befinden, welche sich in dieser Angelegenheit an den Ministerpräsidenten und den Justizminister tuenden wird. Christlich-soeiale Börsenjobber. Die Tramwaybediensteten hatten also ihren Pfingststrike. Die christlich-sociale Agitation hat vorläufig gesiegt, sie hats erreicht, daß die arbeitende Bevölkerung Wiens ihres wichtigsten Verkehrsmittels während der Pfinstfeiertage beraubt war. Aus den Geheimnissen jener Kreise, welche den Strike arraugirt haben, dringt mancherlei in die Oefsentlichkeit, welches auf die Ursachen des Strikes ein merkwürdiges Schlaglicht wirft. Ja! nran höre und staune! Es gibt Leute, die im Lager der christlichsocialen Anticorruptionisten stehen oder doch diesem Lager so nahe stehen müssen, daß sie von allen gegen die Tramway-Gesellschaft geplanten Maßnahmen früher als die gesummte übrige Welt unterrichtet waren, und daher dieses prophetische Wissen zu umfassenden C o n t r e m i n e - O p erationen in T r a m w a y - A c t i e n, nutzbringend verwerthen konnten. Es war eine merkwürdige, aber an der Wiener Börse im bisherigen Verlaufe des Tramwaykrieges wiederholt beobachtete und regelmäßig wiederkehrende Erscheinung, daß, so oft am Vormittag für die unsichtbaren und darum unfaßbaren Auftraggeber ein größerer Posten Tramway- Actien „gegeben" worden war, au demselben Abend oder spätestens am nächsten Tage eine jener bedrohlichen Maßnahmen oder Kundgebungen gegen die Tramway-Gesellschaft erfolgte, welche naturnothwendig einen Courssturz der Actien herbeiführen mußten. Daß es keine judenliberalen Börsenjobber waren, die so genauen und nutzbringenden Einblick in die Zukunftsgeheimnisse der Tramway-Bewegung haben konnten und die jetzt mit ihrer reichen Coursbeute sich über das Schicksal der armen Tramwaysclaven kein graues Haar wachsen lassen, liegt klar auf der Hand. Das Eine jedoch wollen sie zur Vermeidung von Mißverständnissen hier ausdrücklich festgestellt wissen, daß der wüthendste aller Strikeagitatoren, der Abgeordnete Mittermayer, mit diesem Operationen, obgleich es Börseoperationen waren, nicht in Verbindung gebracht werden kann. Dieser Ehrenmann äst zu den inländischen Börsen nie im Verhältniß des „Gebens" gestanden und seine Beziehungen zu fremden Börsen sind, wie gerichtsbekannt, bereits seit längerer Zeit verjährt. Ihm muß das Bewußtsein genügen, daß der Tramwaystrike, wenn schon sonst Niemandem, so doch seinen ehrenwerthen Partei- und Gesinnungsgenossen, dem christlich-socialen Jobberthum, geholfen, und zwar sehr reichlich geholfen hat. Verhaftung eines antisemitischen Firmenchefs. Seit einigen Tagen entbehrt ein ziemlich ausgedehntes Geschäftsunternehmen im dritten Bezirke seines Chefs. Das Etablissement wird von den Angestellten geführt und die zahlreichen Kunden, welche in irgend einer Angelegenheit den Eigenthümer persönlich sprechen wollten, erhielten die Mittheilung, dies sei zur Zeit unmöglich, da sich der Herr auf einer wichtigen Geschäftsreise befinde, von der er nicht so bald zurückkehren dürfte. Einzelne Kunden interessirten sich ftir die Angelegenheit und erfuhren alsbald, daß der Chef thatsächlich nicht in der Lage sei, sein Unternehmen selbst zu leiten, denn er befindet sich seit kurzer Zeit in Haft. Bei der bekannten Firma Kremenetzky, Mayer und Com p., Etablissement für elektrotechnische Anlagen im 9. Bezirke, Severingasse, wurde nämlich gelegentlich einer Jnventursaufnahme ein bedeutender Abgang an werthvollem Material entdeckt, das eine größere Summe repräsentirte. Da der Verdacht der Thäterschaft auf keinen der meist langjährigen Bediensteten fallen konnte und anderseits mit Rücksicht auf die Höhe des Schadens — er beträgt etwa 12.000 fl. — eine Verfolgung