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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-06-11 · 24 (11.6.1897) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
24 (11.6.1897)
Date
1897-06-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24 Vr. Vloch's Wochrnptzrist. Seite 483 Idealen ermöglicht. In Deutschland müßte der jüdische Bauer zwei Tage in der Woche feiern: Sonnabend und Sonntag, was seine Existenz unmöglich machen könnte. In Palästina ist Aehnliches nicht der Fall, der fanatische Türke gestattet dem Juden, am Freitag, dem mohammedanischen Sonntag, zu arbeiten. In Palästina darf sich jede Colonie selbst verwalten, in Europa wäre dies nicht gestattet; erst diese Autonomie ermöglicht aber die Erreichung der gemeinsamen Ziele. Eine jüdische Colonie in Deutschland oder Oesterreich würde leicht einen christlichen Bürgermeister erhalten können, der das Schächten nicht zuließe oder die Feier des Halljahres auf Grund des Socialistengesetzes verböte. Unter türkischer Herrschaft — so lange sie bleibt wie sie ist, sind dagegen in Palästina alle Vorbereitungen für das Leben nach jüdischen Idealen gegeben. Auch das Klima Palästinas ist nicht bedeutungslos. Es ist schließlich doch kein bloßer Zufall, daß dieser Wetterwinkel das Ursprungsland der Weltreligionen geworden ist, während Europa auf religiösem Gebiete nichts producirt hat als die religiöse Mißgeburt: »Cujus regio ejus religio«. Im sonnigen Süden, wo das Leben leichter ist, ist es eher möglich, für Andere etwas übrig zu haben und nicht zu sorgen um den kommenden Tag. Ein solches Ideal darf uns natürlich nicht hindern, unbefangen uns umzusehen und an unserer Umgebung zu lernen. Was uns gut scheint, das nehmen wir ohne jedes Vorurtheil an. Wir haben uns an Schiller und Goethe gebildet. Wir werden nie Bedenken tragen, per Telephon zu sprechen oder mit der Eisenbahn zu fahren. Beide Einrichtungen sind besser als irgend etwas in dieser Art, das man östlich vom mittelländischen Meere gemacht oder erfunden hätte. Aber die europäische Weltanschauung steht nicht auf der Höhe europäischer Technik. In geistiger Beziehung haben wir der Welt noch etwas Besonderes zu sagen — oder wir hätten sonst überhaupt nicht die Berechtigung einer Sonderexistenz — auch nicht als Religionsgemeinschaft. Eine Assimilation, eine Aufgabe der eigenen Weltanschauung, scheint uns daher niemals berechtigt; was uns bei den Deutschen lobenswerth erscheint, das nehmen wir an oder machen wir nach, aber nicht weil es deutsch ist, sondern weil es uns lobenswerth erscheint. Anderenfalls wären wir eben deutschnational. Und unser Gedankengang ließe sich alsdann dahin zusammenfassen: „Das Judenthum ist jeder nationalen Beschränkung abhold. Also seid keine Zionisten, sondern wählt d e u t s ch-fortschrittlich und schimpft auf die Czechen". Berlin. Dr. Cohn. Aus Cincinnati, O. erhalten wir nachstehendes Schreiben: Herr Redacteur! Vielleicht dürfte es Ihre Leser interessiren, über das Thema: „Zionismus oder Assimilation" von einem Manne zu hören, der fern genug von dem Schauplatze lebt, um objectiv zu denken, wenn er auch selbst ein Gegner des jüdischen Nationalismus ist. In der ganzen Frage — und das scheint vielfach übersehen zu werden — handelt es sich nur um ein Ideal, welches selbst für den kühnsten Träumer in weiter Ferne liegt. Das gilt von beiden Seiten. Glaubt man den ewigen Juden von dem Fluche der Existenz zu erlösen, indem man ihm in seinem jüdischen Montenegro oder Armenien eine Ruhestätte bereitet, oder glaubt man, daß die so fatale Unhöflichkeit, deren er sich vor fast zwei Jahrtausenden schuldig gemacht haben soll, einmal vergessen werden wird — keine der beiden Erwartungen wird sich in absehbarer Zukunft erfüllen. Die Weltgeschichte hat ihre kosmopolitischen und ihre nationalen Perioden. In einer der ersteren konnte der Deutsche Reinhard Minister und der Engländer Thomas Paine Deputirter in der französischen Republik sein; in einer der letzteren hat das Volk, dessen Sprachschatz das Wort Galanterie entnommen ist, die Kaiserin Friedrich insultirt. In einer kosmopolitischen Epoche ist Abbe Gregoire's Buch über die Verbesserung der Juden erschienen, in einer nationalen hat Drumont's: „Das verjudete Frankreich" das Licht erblickt und in den Schaufenstern einer großen katholischen Buchhandlung in Paris, die in der Nähe des Hauptpostamtes gelegen ist, findet man ein ganzes Schaufenster voll von antisemitischen Pamphleten; Gregoire's Schrift ist nicht zu sehen. Im Jahre 1671 hat der große Curfürst den aus Wien vertriebenen Juden ein Berlin ein Asyl eröffnet, im Jahre 1883 hat man einen armen Schächter ans einem rheinischen Dorfe ausgewiesen, in der gerechten Besorgniß, er könne die preußische Rheinprovinz polonisiren. Diese Tatsachen leugnet auch Niemand. Die einzige Frage ist: welcher Richtung wird der endliche Sieg zufallen Ich meine der universalen, da die Cultur aus dem Stammesleben zum Volke und aus dem Volke zum Staate fortschreitet. Dessenungeachtet fühle ich mich verpflichtet, den Fortschritt des Zionismus zu begreifen, welcher in solchen Kreisen für das Judenthum ein Interesse erweckte, die für die schönste Predigt über die Symbolik von Ethrog und Lulab unzugänglich waren, und welcher einen gemeinsamen Actionsboden für Rabbi Samuel Mohilewer und Max Nordau geschaffen hat, während der orthodoxe Rabbiner Bamberg er in Aschaffenburg dem orthodoxen Rabbiner Dr. Dünner in Amsterdam, mit welchem er über die Wichtigkeit koscheren Käses ganz einer Meinung ist, die Gemeinschaft aufgeküudigt, weil Dünner über die Unfehlbarkeit rabbinischer Philologie etwas liberalere Ansichten hat. Der Zionismus hat darin einen großen Erfolg vollbracht und fein Reussiren muß erklärt werden können. Ich finde die Erklärung in folgenden drei Thatsachen: 1. Man hat sich in den Glauben an die bereits vollzogene Amalgamirung hineingetäuscht. Man versuchte, sich einzubilden, daß der Nicht-Jude unser Judenthum übersehe, wie wir es übersehen wünschten. Der jüdische Advocat ließ große Pauken über die Erhaltung des Deutschthums auf einem Schulvereinstage los und wollte nicht bemerken, was Jeder sich sagte: Der Jud' nimmt den Mund zu voll. Das jüdische Mädchen, welches bei einem Bazar, mit schwarzrothgoldener Schärpe geschmückt, Cigarren feilbot, hatte weder Augen noch Ohren dafür, daß man die Jüdin für sehr überflüssig an diesem Orte hielt. Es war ein Mangel an Selbst' achtung, der sich von der Aristokratie in den Mittelstand verbreitete, gegen welchen der Zionismus eben erfolgreich protestirte. 2. Ein weiterer Uebelstand, welcher die besseren Elemente zu einem Widerspruch herausforderte, war das Vorherrschen der Plutokratie, welche die Ehren genoß, die aus der Repräsentation einer Bevölkerungsclasse fließen, ohne sich die entsprechenden Pflichten aufzuerlegen. Und dabei zeigte diese Plutokratie das Bestreben, durch Berrath an dem Jndenthum sich in die Aristokratie hineinzudrüngen, wodurch sie nicht nur die Stütze, welche Vermögen und Stellung bringen, dem Judenthum entzog, sondern dasselbe auch noch durch ihr Auftreten compromittirte. Alle europäischen Großstädte zeigen uns Beispiele dafür. Madame Furtado-Heine ist kürzlich in Paris als letzte Jüdin der Familie gestorben Sie war die Enkelin von Abraham Furtado, dem Präsidenten der jüdischen Notabelnversammlung von l806 und die Schwiegertochter des großen Philantropen Salomon Heine. Ihr Schwiegersohn ist der Prinz von Monaco, der aus der systematischen Ausbeutung der Spielleidenschaft seine Millionen zieht und sie mit voller Berechtigung den Millionen seiner Frau hinzufügen kann, deren Ursprung auf eine mit der Familie Heine verschwägerte Familie Kohn hinweist, welche im Sclavenhandel den Grundstein zu ihrem Glücke gelegt hat. In Wien selbst braucht man sich nur an die Nachkommen des Landrabbiners Berusch Eschkeles zu erinnern, der zu Anfang des 18. Jahrhunderts, als Plutokratie noch nicht der einzige Adelstitel war, von dem kaiserlichen Hoffactor Samson Wertheimer zum Schwiegersohn erwählt wurde. Gegen diese Anbetung eines Geldadels, der die ihm erwiesene Vergötterung mit Fußtritten beantwortete, hat der Zionismus ebenfalls mit Recht protestirt. 3. Durch unsere religiöse Anschauung geht seit dreißig Jahren eine absichtlich festgehaltene Unklarheit, welche zu

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