Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 24 (11.6.1897)
- Date
- 1897-06-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 482 Br. Vlvch's Wochrnfttzrift Nr. 24 und mit dem Pilgerstab in der Hand, barfüßig und im härenen Gewände hinausziehen in die Hütten des Elends und der Apostel der neuen Hilfslehre sein, die alle socialen Unterschiede aufhebt, alle Thrünen trocknet, die Hungrigen sättigt und die Dürstenden labt. In langem Zuge werden die „weißen Sclaven" der capitalistischen Wirthschaftsordnung zum Wiener Bürgerpalaste wallen und aus den Händen des Dr. Lueger nicht nur eine Anweisung ans die Freuden des Himmels, sondern auch Anweisungen auf Brot und Fleisch entgegennehmen, denn er hat seine Kraft bewiesen bei dem Wiener Tramwaystrike und er ist nicht nur der uneigennützige Freund des christlichen Volkes, sondern auch der Freund der stolzen Fürsten, Grasen und Barone, der Bischöfe und Prälaten, die über die Güter dieser Erde verfügen und gerne auf dieselben verzichten werden, um der socialen Noth auf christlicher Basis zu steuern. Sie alle, alle sollen nur kommen! NationaljudrMhum. Bei dem Streit über Nationaljudenthum und Zionismus unterlaufen mangels genauer Bestimmung dieser Begriffe viele Mißverständnisse. Daher muß jeder Besprechung dieser Fragen zunächst eine Erklärung der Begriffe vorangehen. 1. Das werkthätige Interesse für die jüdischen Colonien Palästinas ist zwar zum Theil eine Folge der zionistischen Bewegung, hat aber mit Zionismus unmittelbar nichts zu thun. Genau so wie die Arbeiterschutzgesetze, ohne socialistisch zu sein, eine Wirkung socialer Ideen sind, haben die zionistischen Ideen der Colonisation Palästinas Vorschub geleistet, die mit der Idee des Zionismus nichts zu thun hat. Bei dem schwierigen Experiment, aus Städtern Bauern zu machen, war der zionistische Enthusiasmus ein werthvolles Hilfsmittel. Dieser hat auch die Gönner der Colonisation beeinflußt, eine Colonie in Palästina sagt ihrem Gefühl ceteris paribus doch mehr als eine Colonie in Argentinien. 2. Ebenso wie die Frage der Colonien, können wir den religiösen Zionismus von der Besprechung ausschließen. Er deckt sich zwar nicht grundsätzlich aber doch sehr häufig mit dem nationalen Gedanken. Unsere frommen Vorfahren haben sich unter Zion nicht nur einen Jveencomplex gedacht, sondern ein wirkliches Jerusalem. Der fromme Glaube erhofft indessen eine bessere Zukunft von göttlicher Hilfe und nicht von menschlichem Thun, und der Glaube steht außerhalb jeder Besprechung. 3. Das Bestreben, einen jüdischen Staat zu - bilden, ist ein Ausfluß des jüdisch-nationalen Gedankens. Diese Richtung pflegt Zionismus genannt zu werden, soweit die Absicht besteht, einen Staat in Palästina zu errichten. Der jüdisch-nationale Gedanke ist daher das treibende Motiv, die Errichtung eines jüdischen Staates das Ziel für die Anhänger der Richtung. Der nationale Gedanke führt aber nicht nothwendig zur Absicht der Staatenbildung. In verschiedenen Ländern, wie der Schweiz, Oesterreich, Amerika, gehören dem Staat verschiedene Nationalitäten an. Und der Zusammenhang zwischen ihnen ist zum Beispiel in der Schweiz stärker als zwischen den Connationalen verschiedener Länder. — Nation und Staat sind nicht identische Begriffe, durch ihre Verwechslung und unterschiedslose Anwendung ist ein großer Theil der Jrrthümer entstanden, welche über Zionismus und Nationaljudenthum verbreitet sind. a) Natioualjudenthum. Wie bemerkt, ist die Nation nicht mit dem Staat identisch. Theile derselben Nation leben zerstreut in verschiedenen Staaten, in den meisten Staaten leben verschiedene Nationen nebeneinander. Vom theoretischen Begriff des Staates aus ist daher jede Nation an sich berechtigt. Praktisch dürfte für Oesterreich die polnische oder eine andere in Oesterreich lebende Nation tausendmal eher unangenehm werden können als eine jüdische. Soviel über unsere Berechtigung, einer jüdischen Nation auzugehören, ohne unsere Pflichten als Staatsbürger zu verletzen. Gibt es eine jüdische Nation? Die Beantwortung der Frage hängt davon ab, was man unter Nation versteht. Lazarus fand das Kriterium der Nation in der Sprache. Mit Unrecht, Engländer und Amerikaner gehören unzweifelhaft nicht derselben Nation an, und wir wissen, daß die germanischen Sachsen der Eroberung Englands durch die germanischen Normannen die Durchsetzung ihrer Sprache mit romanischen Elementen verdanken. Man braucht die Bedeutung der Sprache nicht zu unterschätzen. besten Falls bleibt sie nur das Handwerkszeug für den Gedanken. Also nicht die Gemeinschaft der Sprache, sondern die Gemeinschaft der Ideen auf Grund der gemeinsamen Geschichte ist neben einer gewissen Gemeinsamkeit der Interessen das Charakteristicum der Nation. In diesem Sinne sind wir Juden eine Nation. Eine Gemeinsamkeit unserer Schicksale dauert unzweifelhaft fort; wenn Löb Jtzig in Rzeszow einem Schlachzizen auf die Füße tritt, wird Jtzig Loeb in Wien sehr wahrscheinlich Unannehmlichkeiten davon haben. Aber auch gemeinsame Ideale werden gehegt, die von deir Idealen unserer Umgebung grundverschieden sind. Unser orientalisches Ideal ist Frieden, das europäische Ideal unserer Mitbürger ist Macht. Unter diesem Wahrzeichen des Friedens stehen fromme Inden neben solchen, welche nicht religiös sind, aber die menschlichen Ideale, die Friedenssehnsucht ihrer bedrückten und verfolgten Vorfahren zu empfinden gelernt haben. In dieser Empfindung steht dem Bagdader Inden, der an böse Geister glaubt, der europäische Jude nahe, der in Bezug auf seine Auffassung von dem Wesen der Gottheit mit dem englischen Unitarier jedenfalls mehr Berührungspunkte hat. Dieses Band ist daher zweifellos kein religiöses, sondern ein nationales. Wie Alles, kann die Nationalität mißbraucht werden. Die leider nur zu häufigen Beispiele solchen Mißbrauches haben die Warnung gezeitigt: „Von der Humanität durch Nationalität zur Bestialität". Wie aber, wenn nicht Macht, sondern Humanität das Ideal einer Nationalität ist? Ebenso wenig wie die Liebe zu den Kindern und zur eigenen Familie Haß gegen andere bedeutet, setzt das Nationalitätsgefühl Abneigung gegen andere Nationen voraus. Wenn die alten Juden im Unterschied und im Gegensatz zu ihrer Umgebung das Ideal der Humanität pflegten, so war zwar ihr letztes Ziel kosmopolitisch, in der damaligen Gegenwart bestand gerade in diesem gemeinsamen Ideal die Berechtigung und die Thatsache ihrer Existenz als besondere Nation. 8) Sollen wir Juden den Wunsch haben, einen besonderen Staat zu bilden/insbesondere in Palästina? ... ' Staaten werden nicht auf dem Papier errichtet, aber auch Doctorfragen, wie man hier Fragen ohne praktische Tragweite zu bezeichnen pflegt, haben für den Forscher Bedeutung. Nur unter dieser reservatio also als Doctorfrage, deren Lösung auf dem Papier für den Forscher Aufklärung schaffen könnte, möchte ich die Frage besprechen, ob uns die Gründung eines Staates als Ideal vorschweben soll. Die Beantwortung hängt augenscheinlich davon ab, ob wir unser nationales Ideal nur vermittelst eines solchen Staates verwirklichen können. Eine regionale Mcissirung der Inden wäre unzweifelhaft vortheilhaft. Einmal, weil es zerstreut lebenden Glaubensgenossen nicht leicht möglich ist, nach jüdischem Ritual zu leben, sodann, weil ein solches Zusammenleben für die Propaganda viel vortheilhaster ist. Auch wer in der Zerstreuung der Juden eine providentielle Unterstützung der Propaganda sieht, wird sich sagen müssen, daß die Zeiten sich eben ändern. Das letzte Ziel der Menschheit bleibt dasselbe, aber die Art der Propaganda ist eine Frage der Zweckmäßigkeit und wechselt daher mit den Berhälttüssen. Im Mittelalter bildeten die Juden eine Corporation, die es ermöglichte, ein corporatives Beispiel zu geben. Im heutigen Europa verschwinden die Juden in ihrer Umgebung, es ist ihnen nahezu unmöglich, als Juden zu leben, von einem Einfluß auf ihre Umgebung zu schweigen. Dagegen haben die jüdischen Colonisten m Palästina ohne Zweifel einen stacken Einfluß auf die Ideen von Juden und Christen ausgeübt. Abgesehen davon, daß in einem Staat nicht alle Connationalen wohnen, daher auch nach der Errichtung eines jüdischen Staates Juden in allen Ländern wohnen würden, gibt es eben heute Zeitungen. Vermittelst dieser Institute beschäftigen und beeinflussen uns die circa 2 Millionen Griechen oder die 6 Millionen Belgier, von denen kaum 100 in Berlin leben, mehr als die 6 bis 7 Millionen Juden, von denen 90.000 in Berlin leben. Ist Wonach ein Zusammenwohnen nützlich, so ist andererseits von der Errichtung eines Staates in Palästina u m s o w e n i g e r e i n B o r t h e i l zu e r w a r t e n, als in der Türkei eine Toleranz herrscht, die in anderen Staaten unerhört ist, und die das Leben nach jüdischem Ritual und jüdischen