Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 23 (4.6.1897)
- Date
- 1897-06-04
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 476 Nr. 33 Vr. Vloch^s Wochenschrift auch nur indirect zum Richter in religiösen Dingen aufzustellrn und ihr die Befugniß zu geben, in das Innere einer Religionsgemeinschaft hineinzugreifen. Durch eine Uebersetzung allein würde das freilich nicht geschehen, wohl aber würden sich an diesen Schritt weitere Consequenzen anschließen. Aehnliche Petitionen haben das preußische Herrenhaus, die 1. und 2. sächsische, die I. und 2. badische Kammer, sowie den Reichstag beschäftigt. Der Erfolg der Petenteu sei in diesen Parlamenten und bei den betreffenden Regierungen ein rein negativer gewesen. Für Württemberg liegen nun keinerlei besondere Verhältnisse vor, die eine andere Haltung nahelegen würden. Es sei von den Petenten in keiner Weise nachgewiefen worden, daß etwa in Württemberg der Schulchan-Aruch mehr verbreitet und dessen Einfluß ein größerer wäre als in anderen deutschen Bundesstaaten. Es sei nicht nachgewiesen, daß irgendwo in Württemberg irgend ein Nachtheil durch den Schulchan-Aruch angerichtet worden wäre. Das einzige, was seitens einzelner Regierungen auf die gegen die jüdischen Gesetzbücher gerichtete Agitation unternommen wurde, ist eine Prüfung der Frage gewesen, ob nicht die in den israelitischen Schulen gebräuchlichen Religionslehrbücher etwas enthielten, was den guten Sitten widerspräche. Die preußische Regierung habe im Jahre 1893 581 in den israelitischen Schulen Preußens gebräuchliche Lehrbücher prüfen lassen. Die Untersuchung hatte das Ergebniß, daß keine der in der Presse erhobenen Anklagen begründet sei. Bei den württembergischen israelitischen Volks-, Gemeinde- und Confessionsschulen beziehungsweise den im israelitischen Religionsunterricht gebräuchlichen Lehrbüchern scheine der Schulchan-Aruch keine Rolle zu spielen. Als Schulbuch wäre er durchaus unbrauchbar schon wegen seines Umfanges. Aus all den vorgetragenen Gründen beantrage die Petitions- Commission Uebergang zur Tagesordnung." Nachdem auch Herr Prälat von Schwarzkopf, der Cultusminister Dr. v. S a r w e y und der Abgeordnete Lang diesen Antrag warm befürwortet, wurde derselbe, wie gesagt, einstimmig angenommen. Paris. Die Jahresconferenzen des Vereins für jüdische Colonisation (Jewish Colonisation Association) haben zu Lebzeiten des Baron Hirsch stets in London stattgefunden; heuer zum erstenmale — einestheils, weil die diesjährige Sitzung, da nun die Geschäfte vom Verwaltungsrathe besorgt werden, von weit größerer Bedeutung ist, dann auch, weil die erste Jahrzeit für den Verstorbenen feierlich begangen wurde — fand die alljährliche Sitzung in Paris, lim Bureau des Vereines, Rue de l'E'lysße 2 (Eigenthum der Baronin Hirsch), statt. Anwesend waren: M. Narcisse Leven, Präsident des Vereines und Vicepräsident der Alliance Jsraelite; derselbe führte den Vorsitz; der Grand Rabbin von Frankreich; M. Leopold Goldschmidt (in Vertretung der Baronin Hirsch); M. Salomon Reinach; Mr. Claude G. Montefiore, Präsident der Anglo Jewish Association; Mr. Alfred L. Cohen; Generaleonsul Phillipson aus Brüssel; Dr. Edmund Lachmann aus Berlin; Julius Plotke aus Frankfurt. Die genannten Herren sind alle Mitglieder des Verwaltungsrathes. Es waren ferner anwesend: Secretär Dr. Schwarzfeld und die Administratoren Dr. Sonnenfeld und M. Adler. Zunächst sprach der Präsident dem Grand Rabbin seine und des ganzen Verwaltungsrathes Anerkennung für die glänzende Predigt aus, die M. Zadoc Kahn an demselben Morgen zur Erinnerung an Baron Hirsch gehalten hatte. Der finanzielle Bericht über das verflossene Jahr wurde vorgelegt. M. Salomon Reinach's Antrag, der Bericht möge beeideten Buchhaltern zur Prüfung vorgelegt werden, wird angenommen. Der Jahresbericht über die Thätigkeit des Vereins im Jahre 1896 wurde ebenfalls nach einigen unbedeutenden Aenderungen genehmigt. Derselbe ist in französischer Sprache erschienen und liegt uns vor. Wir entnehmen ihm die interessantesten Stellen. In der Einleitung wird des Begründers des Vereines, des unvergeßlichen Baron Hirsch, wie auch des Baron James Hirsch gedacht, welchen die Baronin Hirsch nach dem Tode ihres Gemals im Verwaltungsrath vertrat. Der Verwaltungsrath hat sich in erster Reihe mit der Lage der argentinischen Colonien beschäftigt, über welche er sich gründlich informirt hat. Er ist zu dem Schlüsse gekommen, daß es den Colonisten an gutem Willen und Fleiß nicht fehlt, daß aber die materiellen Resultate nicht so günstig waren, wie man gewünscht und gehofft, so daß der Verwaltungsrath beschloffen hat, vorläufig keine Colonisten mehr nach Argentinien zu senden, sondern zunächst die bestehenden Colonien zu stärken und zu festigen, was hauptsächlich durch Ausdehnung der Viehzucht geschieht. Sobald die Colonisten in Argentinien im Stande sein werden, sich selbst zu erhalten, werden die Juden aus eigenem Antriebe sich an den Verwaltungsrath wenden, damit er sie dort ansiedle. Die Auswanderung aus eigenem Antriebe wird die sicherste Gewähr für einen Erfolg, für ein Gedeihen der Colonien bilden. Der Verein hat sich nicht nur mit den argentinischen Colonien befaßt; er hat seine Aufmerksamkeit auch den Juden in Rußland zugewendet und die Nothwendigkeit erkannt, dort Colonien für Ackerbau und Gewerbe zu gründen. So schwer es auch ist, in Rußland nach dieser Richtung hin zu wirken, so zeigt sich die Regierung doch dem Streben des Verwaltungsrathes geneigt und man hofft, Ersprießliches leisten zu können. Auch unsere Glaubensgenossen in Amerika, vor Allem die russischen Juden in den großen amerikanischen Städten bedürfen dringend unserer Hilfe; fiir die Kinder müssen Schulen errichtet werden, —die schon bestehenden genügen nicht — um sie für die Arbeit, die sie in Zukunft zu leisten haben werden, vorzubereiten. Der Verwaltungsrath fühlt sich verpflichtet, alle colonisatorischen Bestrebungen zu ermuthigen und zu unterstützen. Die Herren S. Hirsch und D. Cazes stehen an der Spitze der Administration und erfüllen ihre Pflichten mit dem alten Eifer. Das Personal der Direction in Buenos-Ayres ist etwas reducirt worden. Es fehlt einigen Colonien an tüchtigen Administratoren, die der schweren Aufgabe gewachsen sind; der Verwaltungsrath hat aber schon die nöthigen Maßregeln' getroffen, diesem Nebel abzuhelfen. Es sind für diese Stellen von den besten Schülern der Ackerbauschule in Jaffa sieben ausgewählt worden, welche in diesem Augenblicke ihre Studien auf der Ackerbauschule in Paris vollenden. M. L a p i n e, der im letzten Jahre mit der Reorganisation der Colonie Mauricio beauftragt war, hat die Administration aller Colonien von Entre Rios übernommen, und man hofft das Beste von dieser Reform. Die Bevölkerung der Colonien, welche im Jahre 1895 über 1200 Familien zählte, beträgt nun 910. Die Verminderung ist einestheils aus der Zurückweisung einiger absolut zum Ackerbau ungeeigneten Familien, wie auch durch die Vereinigung mehrerer Haushaltungen zu einem einzigen zu erklären, welche im vorigen Bericht noch als einzelne Familien angeführt wurden. Ende December 1896 war der Bewohnerstand der Familien folgender: Moisesville.91 Familien; Mauricio.187 „ Clara und Gruzzen. 588 „ San Antonio.44 „_ Zusammen 910 Familien. Leider war die Arbeit in Folge der furchtbaren Heuschreckenplage nicht von Erfolg gekrönt. Die Directionm Buenos- Ayres belohnte alle Jene, die die Heuschrecken vernichteten, bot überhaupt Alles auf, was in ihrer Macht stand, vergebens. Dreimal kehrten die Heuschrecken wieder und vernichteten Alles. Die Ernteresultate des Jahres 1896 waren so ungünstige, daß kaum die Kosten, die das Dreschen verursachte, gedeckt wurden. Me Colonien haben dasselbe Schicksal getheilt, nur eine einzige, Mauricio, blieb von der Plage verschont. In Mauricio bedürfen die Colonisten auch keiner Unterstützung mehr, dort erhalten sie sich selbst. Einige Colonisten-Familien waren furchtbar entmuthigt und wurden in ihre Heimat zurückgeschickt; doch ist seit dem Monat August Keiner mehr abgereist. Dem Mangel an Lehrern ist es zuzuschreiben, daß der Director in Buenos-Ayres noch nicht in allen Colonien hat Schulen errichten können; doch sind in Mauricio, dank den Bemühungen M. Benchimol's große Erfolge erzielt worden. Gleich dem Director Sabah in der Colonie Clara hat M. Benchimol praktische Gärtnerei eingeführt, der sich die Schüler mit größtem Vergnügen widmen. Unter den Schülern in Clara befinden sich auch viele Nichtjuben. Wohl sind daselbst zwei neue Schulen im letzten Jahre entstanden, doch sind dieselben aus Mangel an Lehrern noch sehr primitiv. So befriedigend auch die Erfolge nach mancher Richtung hin sind, so ist der Unterricht in Hebräisch und Religion — derselbe wird von Lehrern ertheilt, welche die Colonisten selbst wählen — doch nicht systematisch, sondern ähnlich dem Unterricht, wie er in den alten Talmud- Thoraschulen Rußlands ertheilt wird.