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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-06-04 · 23 (4.6.1897) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
23 (4.6.1897)
Date
1897-06-04
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 472 Vr. Vwch's WochrnlttzrM Nr. 23 Vermögen gekommen waren, dieses ihres Vermögens beraubt und aus dem Lande gejagt und sie dann später zum zweiten und dritten Male wieder zurückgerufen hat, um sie jedesmal nach kurzer Zeit auf dieselbe Weise wieder wie einen vollgesogenen Schwamm auszudrücken? Habe man sie da nicht mit voller Absichtlichkeit zum Handel und zum Geldgeschäfte gezwungen und erzogen? Ist es da zu verwundern, daß sie sich dessen so leicht nicht wieder entwöhnen können? Und es sei ja gar nicht in Abrede zu stellen, daß sie zu jeder Zeit durch ihre Gewandtheit, ihre kluge Berechnung, ihren Unternehmungsgeist, ihren Fleiß und ihre zähe Ausdauer zur Hebung des Handels und der Gewerbethätigkeit außerordentlich viel beigetragen und noch beitragen. Ihre Fehler haben wir durch die ihnen zugetheilte Behandlung verschuldet. Man sollte, anstatt sie anzuklagen und zu ihrer Verfolgung aufzustacheln, sich lieber ihren Fleiß, ihre Mäßigkeit, ihre Sparsamkeit und ihr musterhaftes Familienleben zum Beispiele und Vorbild nehmen und sich stets gegenwärtig halten, daß sie durch ihre Begabung immer ein wichtiger Factor in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft gewesen und noch sind, dem wir unendlich viel zu verdanken haben. Sie seien es, durch welche eine reine Gotteserkenntniß in die Welt gekommen ist. Das Judenthum habe durch die zwei von ihm ausgegangenen Töchterreligionen, das Christenthum und den Islam, in den Culturstaaten des Alterthums das Heidenthum gestürzt und dem Glauben an einen einzigen unkörperlichen Gott einen weiten Raum in der Menschheit geschaffen. Und wenn dieser Gottesgedanke auch durch das Christenthum, namentlich durch Paulus, eine Aenderung erlitten habe, so liege doch der Lehre desselben die Idee eines einigen und einzigen Gottes zu Grunde. Jesus selbst aber sei noch vollständig im Judenthum gewesen und habe auch nie etwas Anderes sein wollen als Jude. Anerkannt sei es jetzt auch allgemein in der Gelehrtenwelt, wie bedeutend die Leistungen der Juden auf dem Felde der Wissenschaft bereits im Mittelalter gewesen seien, zu einer Zeit, als im übrigen Europa die Pflege der Wissenschaft bei den Christen gar sehr im Argen gelegen habe. Man hätte also durchaus nicht Ursache, die Juden als unnütz in der menschlichen Gesellschaft zu betrachten und ihnen feindlich zu begegnen rc. (Fortsetzung folgt.) „Skizzen aus der jüdischen Geschichte." Der äußere Umfang eines Buches pflegt oft im umgekehrten Verhältniß zu seineul inneren Werthe zu stehen. Man käme wahrhaftig oft in Verlegenheit, wenn mail aus einem dickbändigen Werke so viel Gutes und .Werthvolles excerpiren müßte, daß ein dünnes Büchlein daraus wird. Aber es gibt auch Fälle, allerdings sind sie die viel selteneren, daß man bei Beurtheilung einer kleinen Schrift getrost behaupten könnte, der Autor habe im engen Rahmen so viel Gediegenes und Bedeutendes zusammengefaßt, daß er bequem ein dickes Buch hätte damit füllen können. Dr. Marcus Landau, der unter dem bescheidenen Titel „ Skizzen aus der jüdischen Geschichte" (Druck und Verlag von Jacob B. Brandeis, Prag) veröffentlicht, gehört zu diesen seltenen Autoren. Das Wort „selten" gilt da in zweifacher Bedeutung. Wir haben hier die köstliche Gabe eines Historikers vor uns, der die Tiefe und Gründlichkeit des Forschers mit der angenehmen, geistvollen und lebendigen Darstellungskunst des — Journalisten verbindet. Marcus Landau hat in den vier Skizzen „Römer und Juden", „Eine Proselytenfamilie", „Königin Berenika", „Der letzte Freiheitskampf der Juden zu den Zeiten der Kaiser Trajan und Hadrian", das schwere Problem gelöst, die Geschichte der Vergangenheit so zu schreiben, daß sie uns wie ein Stück lebendiger, packender Wirklichkeit vor die Augen tritt. Der Verfasser gehört allerdings nicht zu jenen Historikern, die kühl bis ans Herz ihrem Stoffe gegenüberstehen, er nimmt Partei, aber er vergißt dabei niemals die höchste Pflicht des Historikers : gerecht zu sein. Wir können seine Methode und seine Darstellungsart am besten erkennen, wenn wir die erste Studie, „Römer und Juden" näher betrachten. Landau tritt mit schneidiger Rücksichtslosigkeit den ehrwürdigsten, eingewurzeltsten Vorurtheilen gegenüber, aber er bleibt nie den Beweis für das, was er behauptet, schuldig. Die Römer rühmen sich gerne ihrer Treue, Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit auch gegen Feinde. Landau erbringt eine erdrückende Fülle von Beweisen für das stricte Gegentheil. Gegen den einen Fall, wo Fabricius dem König Pyrrhus den Arzt auslieferte, der ihn vergiften wollte, ein Ereiguiß, aus dem die Römer wohl schon wegen seiner außerordentlichen Seltenheit so viel Aufhebens machen, sprechen unsäglich viele Fälle, in denen Verrath und Treulosigkeit römischer Größen eine Rolle spielen. „Mucius Cordus (Scaevola) geht mit Zustimmung des Senats, sich als Ueberläufer ausgebend, in das Lager des Porsena, um ihn zu ermorden, und als der Meuchelmord mißlingt und der großmüthige König von Clusium ihm das Leben schenkt, belohnen die Römer den Meuchelmörder und errichten ihm ein Denkmal. Mit der größten Treulosigkeit und Unehrlichkeit hatten sich die Römer im dritten punischen Kriege gegen die Karthager benommen; trotzdem hörten sie nicht auf, ihre eigene Ehrlichkeit und Großmuth zu rühmen und über die „pnnische Unehrlichkeit" zu schimpfen. Das sind aber nur wenige Beispiele von unendlich vielen. Namentlich die Juden, führt Landau aus, hatten oft Gelegenheit, die vielgepriesene römische Ehrlichkeit kennen zu lernen. „Unter Anderem bei der Einnahme von Tarichea, wo Vespasian die Einwohner, nachdem er ihnen freien Abzug bewilligt hatte, überfallen und theils niedermetzeln ließ, theils als Sclaven verkaufte. „Gegen die Juden sei Alles erlaubt und man müsse das Nützlichste dem Anständigen vorziehen, wenn sich beide nicht verbinden lassen", wurde im Rathe des römischen Feldherrn entschieden." Die Geschichte ist die Lehrmeisterin, die uns die Ereignisse der Gegenwart zu erklären vermag, aber auch umgekehrt können uns Vorgänge in unserer Zeit den Schlüssel zum Verständnisse der Vergangenheit bieten. Landau sagt da ganz richtig: „Wie die unehrlichsten und corruptesten der modernen Antisemiten am lautesten über die Ausbeutung durch die Juden lärmen, so machten es auch die altrömischen gegen alle anderen Völker, mochten sie nun Sennten oder Arier sein. Wenn Cicero als Advocat einen Römer anklagte, so bei gnügte er sich, diesen allein so schwarz als möglich zu malen; war aber sein Gegner ein Nichtrömer, so wurde gleich dessen ganzes Volk von dem großen Redner als nichtsnutziges Gesindel dargestellt. Die Sardinier hatten den Prätvr Aemilius Scaurus wegen seiner Bedrückungen und Erpressungen angeklagt, und da ' mußten sie gleich von dessen Vertheidiger Cicero hören: „Diese ganze Nation versteht unter Freiheit nur das Recht, zu lügen .. . Es ist ja allbekannt und historisch erwiesen, daß die Phönizier das lügenhafteste und unehrlichste Volk sind. Die von ihnen abstammenden Karthager haben durch wiederholte Treubrüche bewiesen, daß sie ihre würdigen Nachkommen sind. Die Sardinier aber sind der Answnrf und Abschaum von Karthago und Afrika." Landau hätte auch beit Haß, den die alten Römer gegen frenide Aerzte hegten, bei unseren modernen Antisemiten wieder finden können, die übrigens,' wahre Barbaren, aus ihrer Verachtung der Cultur und Wissenschaft kein Hehl machen. Der berühmte Cato, dessen erhabene elastische Grundsätze ihn nicht hinderten, nebenbei ein Wucherer und grausamer Sclavenhändler zu sein, nennt die griechischen Aerzte — Mörder und es fehlt nicht viel, daß er sie beschuldigt, die Brunnen zu vergiften. Wie es mit der Humanität der Römer beschaffen war, das kann man daraus ersehen, daß Cato, dieser „antike Charakter", seinem Sohne empfahl, die Sclaven zu verkaufen, wenn sie alt oder krank werden, und daß er den für den rühmenswerthesten göttlichen Menschen erklärte, welcher aus seinen Geschäftsbüchern ausweisen kann, daß er sein ererbtes Vermögen ansehnlich vergrößert hat. Der Gegensatz zwischen der römischen und jüdischen Welt- und Lebensanschauung wird ebenso scharf als treffend von unserem Autor in folgender Antithese beleuchtet: Siegen, Herrschen und Genießen war das Ideal des Römers. Das Ideal der antiken Juden ist vielleicht am vollständigsten in dem Gebete des Königs Salomo bei der Einweihung des ersten Tempels enthalten und in diesem kommen die schönen Verse vor: „Wenn auch ein Fremder, der nicht deines Volkes Israel ist, kommt aus fernem Lande um deines Namens willen . . . . und kommt, daß er bete vor diesem Hanse, so wollest du hören im Himmel, im Sitz deiner Wohnung und thue Alles, darum der Fremde dich anruft, auf daß alle Völker aus Erden deinen Namen erkennen, daß sie auch dich fürchten wie dein Volk Israel und daß sie inne werden, wie dies Haus nach deinem Namen genannt sei, das ich gebauet habe." In diesem Gebete wird um Errettung des Volkes aus der Gefangenschaft bei ftemden Völkern gebeten, aber kein Wort von Rache, von Bestrafung dieser Völker kommt hier vor.

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